Steffen Martus

Erzählte Welt

Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute
Cover: Erzählte Welt
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783737100052
Gebunden, 704 Seiten, 38,00 EUR

Klappentext

Literatur ist Gesellschaft im Kleinen. Sie spiegelt nicht nur die fundamentalen Umbrüche, die immer schneller aufeinander folgen, sie durchlebt selbst die Krisen, die unsere Gegenwart ausmachen - sozial, politisch, ökonomisch und auch ästhetisch. 1989 wurden Autoren noch einmal auf die große Bühne gerufen: Von Christa Wolf erwarteten die Demonstranten auf dem Berliner Alexanderplatz Orientierung. Im "deutsch-deutschen Literaturstreit" und in den Skandalen um Strauß, Grass, Handke oder Walser veränderte sich die Öffentlichkeit von Grund auf. Die "Popliteratur" erklärte Autoren nur noch zu Marken unter anderen. Im Hintergrund erprobte Amazon am Beispiel des Buchs erstmals die Möglichkeiten des digitalen Kapitalismus. Literatur war in einer neuen Zeit angekommen, aber anders als einst erhofft. Steffen Martus zeichnet ein Panorama der deutschen Literatur und ihrer Gesellschaft von 1989 bis zu den jüngsten Debatten um Migration, Identität oder Klassismus. Er öffnet die Augen für die Vielfalt der Literatur und zeigt, was sie über die Gegenwart verrät und für die Selbstverständigung unserer Gesellschaft bedeutet.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 06.02.2026

Rezensentin Wiebke Porombka stellt fest, dass Steffen Martus mit seiner Literaturgeschichte seit 1989 zwar nach der Schlüsselfunktion der Literatur in Bezug auf gesellschaftspolitische Entwicklungen und Mentalitätsverschiebungen fahndet, dabei aber das utopische Potenzial der Literatur nicht gänzlich unter den Teppich kehrt. Trotzdem: Ein Nachschlagewerk ist das Buch für Porombka nicht. Vielmehr erkennt sie darin den anschaulich verfassten, unterhaltsamen Versuch, Literaturgeschichte als Gesllschaftsgeschichte zu erzählen. Ereignisse wie 1989 oder 9/11 geben laut Porombka den Takt vor, in dem der Autor die Literaturrezeption und den Literaturbetrieb, seine Strömungen und ökonomischen Logiken oder auch Autoren wie Kehlmann oder Zeh und ihre Werke untersucht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.01.2026

Zunächst ist Kritikerin Marie Schmidt noch voller Bewunderung für Steffen Martus' eigenwillige Literaturgeschichte, die unsere Gegenwart im weiteren Sinne (ab 1989) durch die Literatur hindurch in den Blick nimmt - und zwar, und das ist für Schmidt das große Verdienst von Martus' Ansatz: gerade durch die Populärliteratur hindurch, Abstand nehmend von feuilletonistischer und akademischer Kritik. Die Differenzierungen und Einsichten, mit denen der Literaturwissenschaftler dabei aufwarte, findet die Kritikerin äußerst produktiv: etwa eine Auslegung von Genremustern und -typen als Orientierungs- und Entscheidungshilfe in einer undurchsichtigen Realität, oder die Differenzierung zwischen solchen klar strukturierten, vorhersehbaren Schemata und einer mit Alltagserwartungen brechenden, darum aber nicht weniger aussagekräftiger Literatur, staunt Schmidt. Ein wenig kippt, es wenn Martus diese konkreten Ausformungen von Literatur und insbesondere die "ästhetische Seite" aus den Augen verliert zugunsten ausführlicher Betrachtungen von Massenphänomenen und Vermarktungsprozessen. Ein klein wenig mehr Vertrauen in die alten Instanzen wie Kritik und Literaturwissenschaft hätte Schmidt sich hier dann doch gewünscht.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 22.11.2025

Rezensent Dirk Knipphals empfindet die Literaturgeschichte von Steffen Martus als Ansporn, die Reflexionsleistungen der Literatur weiterzuführen. Was Martus hier versammelt, erinnert Knipphals an Verdrängtes ("Feuchtgebiete"), Gefeiertes (etwa von Rainald Goetz) und allerhand Debatten um Serbien (Handke) oder den Walser und seine Friedenspreisrede. Zeitzeugen können sich erinnern, Nachgeborene staunen, was Literatur einst vermochte, meint Knipphals. Für den Rezensenten ist das Buch aber mehr als ein Rück- oder Überblick. Wie sich Schreibweisen und Haltungen von Autoren im Zusammenspiel mit Gesellschaftsgeschichte entwickelt haben, erklärt Martus auch, freut sich Knipphals. Dass der Band keine zentrale These anbietet, sondern in seinen Einzelanalysen Motive (wie heroisch/postheroisch) verfolgt, findet der Rezensent erkenntnisfördernd, auch beim eher "tastenden" Verstehen der Digitalisierung und ihrer Folgen für die Literatur.

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