Stephan Lohse

Johanns Bruder

Roman
Cover: Johanns Bruder
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020
ISBN 9783518429594
Gebunden, 343 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Paul wird in einem Dorf nördlich von Celle von der Polizei aufgegriffen. Er hat siebzehn Hühnern den Kopf abgeschlagen. Weil er zu dem Vorfall beharrlich schweigt, wird er in eine psychiatrische Klinik gebracht. Von dort soll ihn sein jüngerer Bruder Johann abholen - die beiden haben sich seit über zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Als Paul seinen Bruder schließlich bittet, ihn auf eine Reise zu begleiten, willigt Johann ein. Ihre erste Station ist jenes Dorf bei Celle: Altensalzkoth. Dort versteckte sich zwischen 1946 und 1950 Adolf Eichmann, dessen Weg Paul minuziös verfolgt und aufgezeichnet hat. Johann erkennt bald, was es mit den Hühnern auf sich hat und warum Paul und er in Richtung niederländische Nordseeküste weiterreisen, immer entlang des 52. Breitengrades.
Stephan Lohse nimmt uns in seinem neuen Roman mit auf eine Reise in die Geschichte: in eine Familiengeschichte voller Gewalt und in das dunkelste Kapitel deutscher Vergangenheit. Empfindsam und eindringlich erzählt er von einem ungleichen Brüderpaar und zugleich vom Holocaust in Europa - von einer überraschend wiederaufgetauchten Liebe sowie einer ungeheuren Wut, die einen verstummen lassen, aber auch zum Handeln zwingen kann.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.12.2020

Rezensentin Miryam Schellbach wird ein komisches Gefühl nicht los beim Lesen von Stephan Lohses zweitem Roman. Gelungen findet sie die Brudergeschichte im Text, in der Lohse von zwei lange getrennten, aus Anlass psychischer Probleme des einen wiedervereinten ungleichen Brüdern erzählt, die erinnernd in ihre Kindheit zurückkehren. Hier geht es laut Schellbach um familiäre Verluste und Verzeihen. Schwierigkeiten hat die Rezensentin mit der anderen Textebene, einem "Schoa-Roman" um einen Nazifunktionär und seine Karriere nach dem Krieg, der mit der Brudergeschichte eher vage verbunden ist, wie Schellbach erklärt. Für die Rezensentin eine "größenwahnsinnige Engführung", zudem scheint ihr Lohse keinen originären "Zugriff auf die Schoa" zu finden.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 24.10.2020

Johanns Bruder heißt Paul. Und er hat die Eigenschaft, nicht zu sprechen, sondern nur schriftlich zu kommunizieren. Und er hat noch eine Eigenschaft: Er interessiert sich obsessiv, aus nicht ganz erklärlichen Gründen, für die Untaten Adolf Eichmanns. Sehr angeregt bespricht Katrin Bettina Müller diesen Roman über eine Wiederbegegnung zweier Brüder, ihre Reise durch die deutsche Provinz, das Motiv des Autismus , und die rätselhaft präsente deutsche Vergangenheit. Für Müller ist die fragmentarische, durchaus auch leise witzige Art der Erzählung Lohses, auch ein besonderes Mittel, um deutsche Vergangenheit literarisch neu zu vermessen.
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