Aus dem Norwegischen von Matthias Friedrich. Der ärmliche Laborant Svein Jarvoll, zugleich Autor und Protagonist dieses Traktats, ist ins Victorian Writers' Centre nach Melbourne eingeladen, um vor einem spärlichen Publikum über sein Lieblingsthema, die Labyrinthologie, zu sprechen. Als Weithergereister aus einer erdachten Antike, in der Disziplinen wie die Mathematik, die Archäologie, die Philologie oder die Thanatologie als Stoffreservoirs dienen, führen Jarvoll seine Darlegungen nicht nur in die harschen nordnorwegischen Schneelandschaften und in die flimmernde Wüstenlandschaft Australiens oder auf die Spuren des Dichters Konstantinos Kavafis, sondern auch durch seinen persönlichen Irrgarten, der sich als das älteste Labyrinth der Welt entpuppt. Oft reicht ihm ein einziges Wort aus, um auf weitverästelten etymologische Spekulationen literaturtheoretische Erwägungen über das Wesen seiner eigenen Machwerke oder seiner Reisen anzustellen.Bei seinem Zickzacklauf durch die verschlungenen Gänge der literarischen Gattungen entwirft Svein Jarvoll eine Systemdichtung, wie sie die skandinavische Literatur seit Inger Christensens alphabet nicht mehr gesehen hat.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 01.10.2021
Rezensent Wolfgang Hottner empfiehlt feste Schuhe beim Folgen der Fährten des Norwegers Svein Jarvoll. Dessen labyrinthische Denk- und Schreibweise fordert dem Leser einiges ab, warnt er. Dass der Text weder Poetikvorlesung noch Reisebericht ist, sondern eher eine Lektion im Abschweifen, gefällt Hottner allerdings gut. Etwa, wenn der Autor sich erinnert, wie er als Hilfarbeiter in einer Schokoldadenfabrik griechische Grammatik paukte und wie das zu einer lebenslangen Verbindung von Homer und Zartbitterschokolade führte. Umwege sind hier nicht nur Thema, sondern auch Programm, meint Hottner. Hat sich der Leser darauf erst einmal eingestellt, so Hottner, wirkt der Text in Matthias Friedrichs "frischer" Übertragung geradezu schön.
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