Verzeihen heißt dem Wort nach: Verzicht auf Vergeltung. Wer verzeiht, bezichtigt nicht länger andere für das eigene Leid, sinnt nicht auf Rache oder juristische Genugtuung, sondern lässt es gut sein. Aber wie ist ein derartiges Loslassen möglich, das weder gerecht noch ökonomisch noch logisch ist? Lässt sich das Böse verzeihen? Führt das Verzeihen zu Heilung, gar Versöhnung - oder ereignet es sich jenseits allen Zwecks? Ausgehend von eigenen Erfahrungen ergründet die Philosophin Svenja Flaßpöhler, unter welchen Bedingungen ein Schuldenschnitt im moralischen Sinne gelingen kann. Sie spricht mit Menschen, denen sich angesichts schwerster Schuld die Frage des Verzeihens in aller Dringlichkeit stellt, und sucht nach Antworten in der Philosophie.
In ihrem Buch "Verzeihen" hat sich Svenja Flaßpöhler ausdrücklich vorgenommen, das "Verzeihen zu verstehen und auszuloten bis an seine Grenzen", zitiert Caroline Rehner. Für die Rezensentin hat Flaßpöhler diese Grenze jedoch etwas zu eng gezogen, dort wo es schwierig und interessant wird, nicht dort, wo sich nichts mehr sagen ließe. Nichtsdestotrotz hat Rehner der umsichtige Umgang der Autorin mit den Personen beeindruckt, die sie für ihre Fallbeispiele interviewt hat, darunter die Mutter eines Opfers von Winnenden und zwei ehemalige, jüdische KZ-Insassen. Angesichts des breiten philosophischen Aufgebots stellt sich für die Rezensentin am Ende einmal mehr die Frage nach dem Verhältnis von Philosophie und Lebenspraxis: ob eine Anwendung der einen auf die andere wirklich funktioniert, so Rehner.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.05.2016
Petra Gehrin emphiehlt ein Werk des Philosophen Klaus-Michael Kodalle zum Thema Verzeihen, anstelle der vorliegenden Arbeit von Svenja Flaßpöhler. Die Autorin kommt ihr zu sehr ins Pendeln zwischen subjektivem Bericht und Belehrung. Ungewollt komisch scheinen der Rezensentin Flaßpöhlers philosophischen Bekenntnisse, Ratschläge und Kurzschlüsse. Auch mit Trivialisierungen verschont die Autorin den Leser nicht, und die vielen Zitate von Nietzsche bis Kant müssen ohne roten Faden auskommen, meint Gehrin. Am besten gefallen ihr noch Flaßpöhlers Berichte von Gesprächen mit Strafgefangenen und Holocaust-Überlebenden. Das Verzeihen als philosophisches Thema kommt ihr dabei jedoch viel zu kurz.
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