Die Reparatur der Lebenden
Zwei Frauen in Bosnien-Herzegowina auf der Suche nach den Ermordeten des Krieges

Paul Zsolnay Verlag, Wien 2025
ISBN
9783552075450
Gebunden, 208 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. Über die Suche nach Kriegsvermissten und des Massakers von Srebrenica in Bosnien-Herzegowina Eine Anthropologin und eine Ermittlerin: zwei Frauen auf der Suche nach der Wahrheit in einem vom Krieg traumatisierten Land. Senem ist für die Identifizierung menschlicher Knochen zuständig, die in den Massengräbern in Bosnien und Herzegowina gefunden werden. Darija besucht Familien, um deren Aussagen zu vermissten Personen zu hören und DNA-Proben zu nehmen. Die eine arbeitet mit den Toten, die andere mit den Lebenden.Als Taina Tervonen die beiden Frauen kennenlernt, hat sie keine Ahnung, wie umfangreich die Arbeit an den Vermissten ist. Mit großer Empathie begleitet sie die Suche nach der Wahrheit, die für die Geschichte des Landes und für die Familien, die nie um ihre Angehörigen trauern konnten, von entscheidender Bedeutung ist.
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.09.2025
Ein insgesamt starkes, eindringliches Buch über die Aufarbeitung des Jugoslawienkriegs hat Tania Tervonen geschrieben, meint Rezensent Luca Vazgec, der allerdings auch einige Kritikpunkte anführt. Tervonen heftet sich nach Vazgecs Beschreibung an die Fersen zweier Frauen, die sich mit der Identifizierung von Opfern jener Massaker beschäftigen, im Zuge derer bosnische Serben 1995 viele Tausend Bosniaken töteten - immer noch werden viele vermisst. Senem, eine dieser beiden Frauen, lernt Vazgec von Tervonen, beschäftigt sich in Kühlhäusern mit den Skeletten von Opfern, Darija, die andere, besucht Hinterbliebenenfamilien und nimmt DNA-Proben. Gut gefällt Vazgec der reportageartige Stil dieses Buches, Tervonen versteht sich darauf, gleichzeitig sachlich und empathisch und außerdem anschaulich von der Arbeit dieser ihre Arbeit routiniert verrichtenden Frauen zu berichten. Dem politischen und historischen Kontext allerdings widme sich die Autorin nicht immer hinreichend, manches, etwa in der Bezeichnung der Ethnien, sei ungenau, außerdem neige das Buch zur moralischen Schwarzweißmalerei. Die Übersetzerin Patricia Klobusiczkys wiederum hat lautVazgec zwar insgesamt erstklassige Arbeit geleistet, aber auch ihr unterliefen gelegentlich Fehler in Detailfragen. Insgesamt freilich fällt das Fazit positiv aus.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 10.07.2025
Rezensentin Sonja Ernst staunt, wie Taina Tervonen die Morde an muslimischen Männern im Bosnienkrieg thematisiert: Die Autorin begleitet Senem und Darija, eine Anthropologin und eine Ermittlerin, die es sich zur Aufgabe gemacht haben die oft totgeschwiegenen Massaker serbischer Truppen unter anderem in Srebrenica aufzuarbeiten, Leichen ausfindig zu machen und den Angehörigen das Abschiednehmen zu ermöglichen. Aber nicht nur das berüchtigte Srebrenica-Massaker kommt im Buch vor, stellt Ernst klar, sondern auch andere Tatorte, außerdem erfahren wir interessante technische Details zur Leichenidentifikation. Auch erzählerisch ist dieses, zudem von Patricia Klobusiczky gut übersetzte Buch stark, meint die Kritikerin. Ein Makel ist höchstens, dass nicht genug Hintergrundinformationen zum Bosnienkrieg mitgeliefert werden. Dennoch: Ein eindrucksvolles und wichtiges Buch, insbesondere in Zeiten, in denen nationalistische Stimmen wieder lauter werden, schließt die Rezensentin.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 05.07.2025
30 Jahre ist das Massaker in Srebrenica her, die Welt hat es vergessen, nicht aber die finnisch-französische Journalistin Taina Tervonen, hält Rezensentin Doris Akrap fest: Tervonen hat ein Buch über zwei der Frauen geschrieben, die nach 30 000 immer noch vermissten Personen aus dem Bosnienkrieg suchen. Darija, erfahren wir, nimmt DNA-Proben lebender Verwandter, um Identifizierungen zu ermöglichen mit den Spuren, die Senem, eine forensische Anthropologin, mit ihrem Team sichert. Es gehe in ihren Jobs darum, das "Leben zu reparieren", wie Tervonen erzählt, immer wieder würden neue Massengräber, neue Leichenteile auftauchen, oft seien die Spuren nicht klar, zudem gebe es zu wenig finanzielle Unterstützung, um beispielsweise die Hallen zu kühlen, in denen die Überreste liegen. Die Schilderungen aus diesem sehr außergewöhnlichen Arbeitsalltag überzeugen Akrap durch ihre Präzision, ihre Menschlichkeit und dadurch, dass sie zeigen, wie wichtig es ist, die Suche nach den Toten fortzusetzen, auch um sich gegen Genozidleugner zur Wehr setzen zu können.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 28.04.2025
Nicht so schnell aus dem Kopf gehen wird Rezensentin Ilma Rakusa das Buch Taina Tervonens über die Versuche zweier Frauen, anonyme Tote des Bosnien-Krieges der 1990er zu identifizieren. Konkret porträtiert Tervonen laut Rakusa Senem Škuj, die exhumierte menschliche Überreste aus Massengräbern dokumentiert und zuordnet, und Darija Vujinović, die Blutproben von Angehörigen sammelt, um eine Datenbank anzulegen, die bei diesem Projekt hilft. Das ist viel Arbeit, stellt Rakusa mit Tervonen klar, wobei die Versuche in der Gegenwart, die Geschehnisse des Krieges zu ignorieren, ebenfalls extrem aufwändig sind, da die Verbrechen letztlich überall präsent sind. Keine leichte Lektüre ist das alles, beschreibt die Rezensentin, beginnend mit dem Leichengestank, mit dem die Frauen zu tun haben und auch der Trauer der Angehörigen. Es geht in dieser sorgfältigen, keinesweg lautsprecherischen Reportage darum, die schwere Arbeit von Škuj, Vujinović und anderen Frauen wie ihnen zu würdigen, schließt Rakusa ihre durchweg positive Besprechung.