Der Tag, an dem sie freikamen
Roman

Weidle Verlag, Bonn 2025
ISBN
9783835375970
Gebunden, 229 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer. Die bewegende Geschichte von Frauen, die nach Zwangsarbeit und Todesmarsch ihre Befreiung durch die Alliierten erleben.Westfalen, April 1945. Unweit der holländischen Grenze werden 800 Frauen nach der ein Jahr dauernden Zwangsarbeit unter Todesangst durchs Deutsche Reich getrieben. Ostwärts, in Richtung Bergen-Belsen. Immer nachts, um vor den heranrückenden Alliierten nicht entdeckt zu werden. Nach langem Irrgang auf Landstraßen setzen sich ihre Bewacher aus Furcht vor den Amerikanern ab. Dass sie nun frei sind, ist für die Frauen kaum fassbar. Sie sind ausgehungert, halb erfroren. Als US-Lieutenant Sever erfährt, dass Lulu, eine der Frauen, deutsch und englisch spricht, bittet er sie, zwischen ihm und den gefangen genommenen Deutschen - zahlreiche SS-Männer und -Frauen - zu dolmetschen. Jenen, die ihr und ihren Mithäftlingen so viel Leid zugefügt haben, in dieser Funktion zu begegnen, wird für Lulu bald unerträglich. Die einzigartige Schilderung der ersten 24 Stunden in Freiheit öffnet den Blick ins Innerste dieser Frauen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 06.11.2025
Teréz Rudnóy ist Holocaustüberlebende und hat einen der ersten Romane über diese Erfahrungen geschrieben, weiß Rezensent Jörg Plath, nun ist das Buch auch auf Deutsch verfügbar. Auch wenn der literarische Wert vor dem Erzählten zurücktreten muss, findet Plath das Buch eindrücklich: 800 Zwangsarbeiterinnen aus einem KZ müssen sich in den letzten Kriegstagen auf einen Todesmarsch begeben, etliche von ihnen sterben. Plötzlich werden sie von den alliierten Truppen befreit und stehen vor der Frage, wie sie mit den Nazis verfahren sollen - für Plath eine interessante Reflexion "über Recht und Rache". Da kann er auch darüber hinwegsehen, dass das Buch "stellenweise unbeholfen" wirkt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 11.10.2025
Nach 78 Jahren liegt dieser Roman der ungarischen Holocaust-Überlebenden über die Befreiung von 800 Frauen erstmals auf Deutsch vor, berichtet Rezensent Wilhelm von Sternburg. Auf einem Todesmarsch werden die Frauen von den Erniedrigungen, dem Hunger und Durst, dem sie ausgesetzt wurden, von amerikanischen Panzern befreit. Aus Sicht der Dolmetscherin Lulu, die zwischen den angesichts der Menge der Befreiten überforderten Amerikanern und den überraschten Frauen vermittelt, erzählt Rudnóy von den ersten 24 Stunden dieser neuen, surrealen Freiheit. Dem Kritiker gefällt die literarische Formung der persönlichen Erfahrungen der mit nur 37 Jahren bei einer Bootsüberquerung verunglückten Autorin, die sich trotz jener Erlebnisse gegen eine nahbare Ich-Perspektive und für mehr Distanz entschied. Letztlich gelinge es dem Roman jedoch nicht an die Qualität der Texte von anderen Zeitzeugen wie Imre Kertész heranzureichen, so der Kritiker. Zu unbeholfen ist dafür der Aufbau, zu "kolportagehaft" das Ende, was eventuell auf den frühen Tod der Autorin zurückgeführt werden könnte, die dadurch nicht die Gelegenheit hatte, den Text abschließend zu überarbeiten, vermutet von Sternburg.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2025
Interessant ist er durchaus, dieser 1947 entstandene Roman, meint Rezensentin Christiane Pöhlmann, eine literarische Entdeckung ersten Ranges stellt er jedoch nicht dar. Geschrieben hat ihn Teréz Rudnóy kurz vor ihrem Tod mit 37 Jahren, und er handelt vom Ende des Zweiten Weltkriegs. Aus drei großen Teilen besteht das Werk laut Pöhlmann: Zunächst lesen wir über die Flucht der Deutschen vor den heranrückenden amerikanischen Truppen, dann geht es um einen delirierenden, vom Krieg gezeichneten Franzosen und schließlich um eine Zwangsarbeiterin aus Ungarn, die sich in ein Gefängnis einschleicht, in dem SS-Frauen inhaftiert sind. Was diese disparaten Erzählungen zusammenhält, ist, einerseits die literarische Bearbeitung des Wunsches, Zeugnis von Erlebten abzulegen, und andererseits die Frage, wie mit den deutschen Tätern nun umzugehen ist. Am besten gelungen ist der expressionistische Anfang, findet Pöhlmann, später schleichen sich jedoch immer mehr Ungereimtheiten in die Handlung, insgesamt ist das Buch auf einer menschlichen Ebene berührend, als Sprachkunstwerk aber wenig überzeugend. Vielleicht, überlegt die Rezensentin abschließend, hätte die Autorin statt eines Romans lieber einen Essay oder Ähnliches verfassen sollen.