Die kalten Nächte der Kindheit
Roman

Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783518432600
Gebunden, 112 Seiten, 23,00
EUR
Klappentext
Aus dem Türkischen und Nachwort von Deniz Utlu. 1949. In einer Provinzstadt in Anatolien mit 4000 Einwohnern lerne ich die Welt sehen. Bin 6 Jahre alt. … Ich empfinde die maßlose Größe der Welt und weiß, dass ich fort und weit weg gehen werde." So schreibt Tezer Özlü 1981 an den Deutschen Akademischen Austauschdienst über das prägende Gefühl ihrer Kindheit. Erwachsen geworden, wird sie nach Berlin, Paris und Zürich reisen, fort und weit weg von der Türkei und den "Menschen in Uniform", dem lauernden Wahnsinn. Sie tauscht die heimischen Obstgärten und Klassenzimmer der Nonnenschule ein gegen die Straßen und Cafés europäischer Hauptstädte - und gegen das Schreiben. Um eine Welt zu erfinden, die ihr entspricht. Indes wird sie über Jahre in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Doch selbst das kann ihren Willen nicht brechen.
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Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 08.01.2026
Mit nur 42 Jahren ist Tezer Özlü 1986 in Zürich gestorben, jetzt kann ihr Werk dank einer gelungenen Übersetzung von Deniz Utlu wiederentdeckt werden, freut sich Rezensent Lothar Müller. Er liest hier von der Wichtigkeit der Literatur für ihr Leben, einem Leben zwischen Psychiatrieaufenthalten, Elektroschocks, politischer Unruhe, Übersetzertätigkeiten und Reisen durch ganz Europa. Viel geht es auch um Sex und Rausch, fährt der Kritiker fort, nur Halt findet Özlü nie. Ein Buch, das in seiner Fragmentiertheit wie in seinen Themen radikal ist, modern, kosmopolitisch, dabei nie naiv zu sein - und das gerade deshalb zur rechten Zeit wiederentdeckt wird, resümiert Müller.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 20.12.2025
Nach vierzig Jahren kann Kritikerin Shirin Sojitrawalla die Neuübersetzung von Tezer Özlüs Roman, kenntnisreich angefertigt von Deniz Utlu, lesen und darin auf nur 100 Seiten ein ganzes Leben erfahren. In einem "knappen elegischen Tonfall" geht es um das Patriarchat, Psychiatrieaufenthalte, das Begehren der Erzählerin, dicht, mit ständig neu eingezogenen Zeit- und Ortsebenen - Sojitrawalla fühlt sich in der Dringlichkeit, mit der Özlü schreibt, an Sylvia Plath und Ingeborg Bachmann erinnert. Die psychischen Zusammenbrüche strukturieren auch die Handlung und in dieser Ernsthaftigkeit und Erfahrbarkeit der Entrückung ist dieses Buch für die Kritikerin "eine kleine Sensation".
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 11.12.2025
Der ehemalige Hanser-Verleger Michael Krüger bespricht Tezer Özlüs nun von Deniz Utlu neu übersetzten Roman im Rahmen seiner Erinnerungen mit eindrücklichen Begegnungen mit der Autorin, die er Anfang der 1980er-Jahre in Istanbul kennenlernte. Gemeinsam mit Peter Rühmkorf und Curt Meyer-Clason lernt er Özlü und ihre Schwester Sezer Duru kennen, kurz nach dem Putsch der Generäle. Dass Tezer in diesen Jahren bereits Erfahrungen in psychiatrischen Kliniken gesammelt hatte, von denen sie unter anderem in diesem Buch erzählt, ahnte der Kritiker damals nicht. Nun liest er davon in diesem Roman, den er als "trauriges, schillerndes, autobiografisches Prosawerk" preist.Mehr noch: Krüger möchte das Buch in den "Kanon der europäischen Literatur der Nachkriegszeit" aufgenommen wissen, auch weil es die Erfahrungen der sogenannten "verlorenen Generation" so eindrücklich wiedergibt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 21.11.2025
Rezensent Nico Bleutge liest mit "Die kalten Nächte der Kindheit" das Debüt der 1986 verstorbenen Autorin Tezer Özlü und zeigt sich davon zutiefst berührt und verstört. In einer klaren Sprache, die Deniz Utlu in ein ebenso schlichtes, plastisches Deutsch übertragen hat, erzählt Özlü hier von ihrer Kindheit, der Trostlosigkeit der Ehe ihrer Eltern, von ihren ersten Schreiberfahrung in Istanbul, den politischen Verhältnissen in der Türkei damals, von ihren zwei unglücklichen Ehen und auch von ihren Klinik-Aufenthalten. Dabei sind es vor allem die Schilderungen des Alltags und der Methoden in der Psychiatrie, die Bleutge nachhaltig verstören. Umso beeindruckender findet der Rezensent, dass Özlü auch nach diesen Erfahrungen immer weiter sucht, nach einer "'Heilung' des Augenblicks", nach dem Glück in der Gegenwart. Die größte Stärke des Buches ist jedoch seine Form: immer wieder springt die Autorin zwischen Zeiten und Orten, zwischen verschiedenen Erfahrungen, nicht willkürlich, sondern um diese miteinander zu verschneiden, in Bezug zu setzen. Diese Schnitte lassen sich auf verschiedene Weise interpretieren, etwa als formale Entsprechung der Psyche der Erzählerin, oder als Spiegel der gesellschaftlichen Situation damals. Ein beeindruckendes, in all seinen Facetten "dunkel schimmerndes" Buch, so der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.11.2025
In den höchsten Tönen preist Rezensent Jan Wilm den zweiten neu aufgelegten und von Deniz Utlu neu übersetzten Roman der türkischen Autorin Tezer Özlü, die erst knapp vierzig Jahre nach ihrem Tod wiederentdeckt wird. Der Kritiker sieht Özlü in einer Reihe mit Ingeborg Bachmann und Sylvia Plath. Mehr noch: Wenn die Autorin in ihrem autobiografisch geprägten Roman von Unterdrückung und vom Suizidversuch in der Kindheit, später von Elektroschocktherapien und sexueller Gewalt in psychiatrischen Kliniken erzählt, kann Wilm nur staunen, wie Özlü dennoch immer wieder flüchtige Momente von Schönheit, Liebe und Trost schillern lässt. Brillant findet er zudem, wie die Autorin die Erfahrungen des "Elektroschockkomas" in eine an "modernistische Lyrik" erinnernde Form gießt. Özlus große Gabe ist es, den "Augenblick zu heiligen", schließt der hingerissene Kritiker.