Verkin
Roman

Rowohlt Verlag, Hamburg 2024
ISBN
9783498002244
Gebunden, 400 Seiten, 26,00
EUR
Klappentext
Verkin ist um die siebzig, Türkin und Armenierin, Kosmopolitin, Unternehmerin, Politikerin. David ist Mitte vierzig, ein Schriftsteller aus Berlin, aufgewachsen am Rhein. Die beiden spazieren durch Istanbul, reisen quer durch Anatolien, an die lykische Küste, zum Vansee nahe der iranischen Grenze. Verkin erzählt von ihrer Kindheit am Bosporus, von ihren Großmüttern, die 1915 den Genozid überlebten. Vom Vater, der den größten Elektrokonzern der Türkei aufbaute. Von Schweizer Internatsjahren, Paris 1968 und lukrativen DDR-Geschäften im geteilten Berlin. Von berühmten New Yorker Künstlerkreisen in den siebziger Jahren, von ihren Ehemännern, darunter ein Deutscher. Von einem Unfall, der sie auf eine zehn Jahre dauernde Odyssee schickte. Von ihrem Kampf für die armenische Sache und ihrer politischen Arbeit in der AKP. Von einem Land, von einem Leben voller Widersprüche. "Verkin" ist eine Spurensuche zwischen Orient und Okzident, eine Erzählung über das Erzählen und ein Roman über eine große, ungewöhnliche Freundschaft.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 11.09.2024
Als Portrait einer "starken Frau" hat Wolfgang Schneider David Wagners neues Buch gerne gelesen, als Roman ist nicht ganz davon überzeugt. Der Ich-Erzähler Wagner bricht darin nach Istanbul auf, um über türkische Shoppingmalls zu schreiben; der Text gerät allerdings zu einer biographischen Darstellung von Verkin, einer türkischen Ameniern, die er bei einem Berliner Sommerfest kennengelernt hat. Erzählt wird von der selbstbewussten, in verschiedenen Karrieren - als Industrielle, Behindertenbeauftrage und Betreiberin eines Bio-Hofs - reüssiert habenden Verkin, einer beeindruckenden, selbständigen Feministin und ihrer auch von der armenischen Vergangenheit und türkischer Repression geprägten Familiengeschichte. Angetan ist Schneider besonders von Wagners Beschreibungen Istanbuls; als Roman fehle dem Text, der eher einer Sammlung spannender Interviews gleiche, ein überzeugender Plot. Den an Eindrücken und Überlegungen reichen, die Protagonistin komplex darstellenden Text kann er dennoch empfehlen.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 29.08.2024
Rezensent Adam Soboczynski möchte gar nicht mehr aufhören, über das Leben der armenischen Unternehmerstochter Verkin zu lesen, der David Wagner hier ein Denkmal setzt. Wobei der Roman laut Soboczynski auf Gesprächen basiert, die der Autor mit einer Frau führte, die das Vorbild für seine Titelheldin ist. Verkin spricht mit dem Erzähler über das Leben ihres Vaters, der den türkischen Völkermord an den Armeniern überlebte und danach in der Türkei Karriere machte, unter anderem, weil er die hohe Kunst des Bestechens ausgezeichnet beherrschte. Sie erzählt aber auch über ihr eigenes glamouröses Leben, das sie unter anderem mit Angela Davis und Faye Dunaway, aber auch mit Robert Gernhardt und Chlodwig Poth, sowie der türkischen Regierungspartei AKP in Berührung brachte. Man darf dieser Frau nicht alles glauben, stellt Soboczynski klar, was wahr ist und was nicht, bleibe in der Schwebe. Wagners Buch erhält dadurch einen für den Autoren bislang uncharakteristischen Schlag ins Fiktive, so der Kritiker, dem das durchaus behagt. Insgesamt legt Wagner hier sein bisher stärkstes Buch vor, lobt Soboczynski, eines, aus dem man einiges lernen könne über politisch kluges Taktieren und auch über Selbstverstellung.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.08.2024
Rezensent Andreas Platthaus zeigt sich hellauf begeistert von David Wagners neuem Roman, der, wie ein Großteil seiner Bücher, auch wieder autobiografische Anleihen macht: So heißt der Erzähler ebenfalls David Wagner und ist Schriftsteller. Während einer Reise durch die Türkei schreibt er das Leben von Verkin auf. Verkin ist eine armenische Türkin, die aus einer reichen Unternehmerfamilie stammt, in Istanbul lebt und die uns nicht nur ihre eigene, aufregende, immer wieder ambivalente Lebensgeschichte vermittelt, sondern auch die der Türkei, erfahren wir. Verkin selbst erscheint Platthaus vollkommen lebensecht, obwohl sie natürlich eine fiktive Figur ist. Und einige Nebenfiguren gehören für den Kritiker "zum Schönsten", was er in letzter Zeit gelesen hat. Das Buch ist als Dialogroman angelegt, eine Form, die Wagner Platthaus zufolge besonders gut beherrscht. Ein "großer Wurf", versichert der begeisterte Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 17.08.2024
Begeistert zeigt sich Kritiker Dirk Knipphals von David Wagners "Versuch über das Staunen": Der Erzähler, der viel mit dem Autor gemeinsam hat, besucht Verkin, die Heldin des Romans, in ihrem Istanbuler Anwesen, sie berichtet von ihrem fast filmhaften Leben zwischen Tahirplatz, Schweizer Internat und Paris im Mai 68. Gleichzeitig kann Knipphals aber auch nachlesen, wie die Geschichte der Türkei, Deutschlands und Armeniens in diesem Leben verwoben sind, was sich rasant anhört, in dem Buch aber "ruhig entfaltet" wird, wie er versichert. Ein Roman, der auch mit seinen Spielarten der Autofiktionalität zeigt, was Literatur heute kann - den Dingen nachspüren und literarische Momente des Lebens zeigen, schließt der überzeugte Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 17.08.2024
Eigentlich wollte David Wagners Erzähler, ein Schriftsteller, der ebenfalls David Wagner heißt, über türkische Einkaufszentren schreiben, erklärt Rezensent Thomas Palzer, doch dann ist ihm Verkin über den Weg gelaufen, armenische Türkin, deren Großmütter den Genozid überlebt haben und deren Vater ein reicher Unternehmer war. Verkins bewegtes, spannendes Leben bildet das Netz, das dieses Buch aufspannt, es reicht von der Istanbuler Haute Volée bis hin zu den Studentenunruhen in Paris, von einem Dutzend Ehemänner zur AKP und zur gleichzeitigen Unterstützung der Armenier, erklärt Palzer. Für ihn eine beeindruckende Verarbeitung eines noch beeindruckenderen Lebens. Was fiktional ist und was nicht, erscheint ihm da nicht mehr so wichtig, wenn Wagner einfach überzeugend und mitreißend "vom Dasein des Menschen" erzählt.