Theodora Becker

Dialektik der Hure

Von der Prostitution zur Sex-Arbeit
Cover: Dialektik der Hure
Matthes und Seitz, Berlin 2023
ISBN 9783751820097
Gebunden, 591 Seiten, 34,00 EUR

Klappentext

Was eigentlich verkauft die Hure dem Freier? Was ist dieser "Sex", den sie feilbietet, und woran bemisst sich sein Wert? Der Unmöglichkeit einer einfachen Antwort auf diese Fragen liegt die Ambivalenz zugrunde, mit der die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft auf die Prostituierte und ihr Gewerbe blickt. Die Hure ist in den Worten Walter Benjamins "Verkäuferin und Ware in einem", sie verdinglicht sich zum käuflichen Objekt und bleibt doch unverfügbares Subjekt. Bis in die Debatten der aufgeklärten Gegenwart erscheint sie zugleich als preisgegebenes Opfer und arbeitsscheue Betrügerin, die Prostitution als unverzichtbare Einrichtung und zu bekämpfendes Übel. Wie sehr das auch mit dem bürgerlichen Blick auf Frauen und ihre Körper zu tun hat, der zu jeder Zeit Kontrolle und Voyeurismus, Distanz und Neugier gleichermaßen ist, untersucht Theodora Becker in ihrer Dialektik der Hure und fragt nach der Ambivalenz der sexuellen Ware, die diesen Zuschreibungen und Umgangsweisen zugrunde liegt. Dabei verfolgt sie anhand der Prostitution den Zusammenhang von Subjektivität, Sexualität, Warenform und Arbeit in der bürgerlichen Gesellschaft sowie seine Wandlungen seit dem 19. Jahrhundert und spielt mit der Sehnsucht des Lesers, hinter den Vorhang zu blicken, um einen verstohlenen Blick auf die dort arbeitenden Huren zu erhaschen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.02.2024

In ihrem Buch stellt Theodora Becker kenntnisreich die "aporetische Dynamik" der Prostitution Ende des neunzehnten, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts dar, schreibt Rezensentin Marianna Lieder. Becker stelle fest, dass Prostituierte zu Beginn des kapitalistischen Zeitalters zu einer Ware geworden seien, woraus, erfahren wir, zwei bestimmende Strömungen entstanden: einmal "Puritanerpuffphantasien", die Prostitution in einen geordneten Ablauf zwingen wollten. Auf der anderen Seite standen Schriftsteller wie Karl Kraus, die in dem Gewerbe eher die "bürgerliche Doppelmoral" erkannten, resümiert Lieder. Die Kritikerin lobt, dass Becker hierbei fair mit den zeitgenössischen Texten umgeht, moniert aber, dass die Autorin später versucht die Begriffe "Prostituierte" und "Hure" dialektisch voneinander zu trennen. Auch die heutige Zeit reiße Becker an und führe aus, dass sich die Prostitution durch die "neoliberale Psychohygiene" und den Zwang zu sexueller Selbstoptimierung bis heute gut in den kapitalistischen Alltag integrieren lasse. Ein Buch mit großem "intellektuellem Überschuss", schließt Lieder.
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