Thomas Meinecke

Odenwald

Roman
Cover: Odenwald
Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783518431917
Gebunden, 440 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Amorbach im hinteren Odenwald, vor dem Hotel zur Post, in dem Theodor W. Adorno die Sommerfrische zu verbringen pflegte: Hier findet sich der Romancier Thomas Meinecke mit seinen Romanfiguren zu Forschungszwecken ein. Amorbach, so wird schnell klar, ist auch Adornobach, des exilierten Philosophen Traumort (an den hin er sich selbst von der Küste des Pazifiks häufig träumte). Der Odenwald bleibt nicht ohne Einfluss auf die Recherchen der Romanfiguren, er ist ein Oden- und ein Märchenwald, ein dunkler deutscher Forst, in dem neben Märchenfiguren auch als Räuber umherschweifende, vom regierenden Fürsten enteignete Waldbauern auftreten. Einige von ihnen wurden schon im 19. Jahrhundert nach Texas verfrachtet, so dass der Wilde Westen auch Thomas Meineckes neuem Roman seine Motive einschreibt.In Odenwald flechten der Schriftsteller-Darsteller Meinecke und seine Hauptfiguren die roten Fäden einer ausgedehnten Recherche zum dekonstruktivistisch-feministischen Diskurszopf: Paul Preciados Rede vor Psychoanalytikern in Paris geht mit gendersprachlich aufregenden mittelalterlichen Texten eine Verbindung ein. Die viel diskutierte Rückkehr der Körper, des Materiellen, des Materialismus wird verhandelt - auch im Privatleben der handelnden Personen. Und über allem liegt die Konzertmusik des 20. Jahrhunderts - das ist dieser Roman Adorno schuldig.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.04.2025

Ziemlich ungnädig bespricht Rezensent Kai Sina Thomas Meineckes neuen Roman. Wobei, Roman: Tatsächlich ist das hier, erfahren wir, eher eine Collage, die Dialoge von Figuren - es geht um einige Leute, die sich nach Amorbach im Odenwald zurückgezogen haben um zu forschen, mehr teilt und Sina über die Handlung nicht mit - und kurze erzählerische Textpassagen mit allerlei Zitaten aus Presse, Internet und Literaturwissenschaft verknüpft. Um Adorno geht es gelegentlich, verrät Sina, auf diesen verweist schon der Handlungsort, denn eben in Amorbach machte der berühmte Soziologe einst gern Sommerurlaub. Daneben geht's viel um Judith Butler - und um Thomas Meinecke, denn der Autor lässt auch wissenschaftliche Beschreibungen seiner eigenen Texte in das neue Buch einfließen. Ziemlich eitel findet Sina das, der bemerkt, dass dadurch Meineckes Anspruch, sich selbst als Autor nicht so wichtig zu nehmen, konterkariert wird. Ein wenig fühlt sich Sina in die 1990er zurückversetzt, auf dieses Jahrzehnt verweisen viele intellektuelle Diskurse, die Meinecke aufgreift, und dann geht es auch noch ständig um ein wiederaufgelegtes Helmut-Lang-Parfüm aus eben jener Zeit. In den Neunzigern war die Art von Schreiben, die Meinecke zelebriert, möglicherweise radikal und aufregend, heutzutage setzt sie jedoch einfach nur fort, was durch die Aufmerksamkeitsdiffusion im Internet ohnehin allgegenwärtig ist, stöhnt der Kritiker. Die Art von Gegenwartsprosa, an der sich Meinecke hier versucht, braucht jedenfalls weniger eine Wiederauflage als eine Rundumerneuerung, schließt er.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.12.2024

Rezensent Stefan Michalzik stellt fest, dass der Diskursroman in die Jahre gekommen ist. Thomas Meineckes neuer Vorstoß in diese Richtung nervt ihn mitunter mit Figuren, die wenig Psychologie aber umso mehr Theorien mit sich herumtragen. Meineckes Spurensuche im Odenwald und anderen Orten und Wirkungsstätten Adornos findet der Rezensent dennoch respektabel, schon wegen des enormen Rechercheaufwands. Bemerkenswert scheint ihm Meineckes Versuch einer Querverbindung zwischen Kritischer Theorie und Genderfluidität über die Figur des Musikers Julius Eastman und andere historische und popkulturelle Momente. Insgesamt gelingt Meinecke trotz immenser Materialfülle ein kurzweiliger Text, staunt Michalzik.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.11.2024

Rezensentin Erika Thomalla, selbst Professorin für Buchwissenschaft, hat viel Sympathie für den dekonstruktiven Erzählansatz von Thomas Meinecke. Allerdings kommen bei ihr nach der Lektüre seines neuen Romans doch Zweifel auf, ob seine Poetik, die in ihrer Entstehungszeit in jedem Fall revolutionär war, mittlerweile noch zeitgemäß ist. Auch die neue Geschichte, in der ein gewisser Thomas, zusammen mit anderen Figuren, einen Roman über den Odenwald schreiben will, gleiche eher "einer Materialsammlung". Die Themen kreisen assoziativ um alles Mögliche, Adorno, Gender, Jazz und den Mars, aber vor allem auch immer mehr um die vergangenen Romane Meineckes und deren Rezeption in der Öffentlichkeit. Das wirkt, trotz des löblichen Ansatzes, meint Thomalla, nach einer Weile ein wenig "selbstbezogen", obwohl die ursprünglich Idee ja die Dekonstruktion eines festen Autor-Ichs ist. Von Meineckes "Forschergeist" wird die Rezensentin immer noch mitgerissen - sie würde sich aber freuen, wenn das nächste Werk ohne eine Thomas-Figur auskäme.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.10.2024

Angeregt bespricht der Literaturprofessor Moritz Baßler den neuen Roman des Popliteraten Thomas Meinecke, der nach bewährten Mustern funktioniert: Die Zitatmontage zwischen Hélène Cixous und Rainald Goetz macht auch vor eigenen Texten des Autors nicht halt und besichtigt einige der bekannten Themen von Gender, Sex und postmoderner Theorie noch einmal. Den Rezensenten erinnert das alles vermengende Schreibverfahren an Ursula K. Le Guins "Tragetaschentheorie des Erzählens", bei der einfach alles, was so von Bedeutung für einen Text sein könnte, in einer Art literarischem Jutebeutel gesammelt wird und dann am Ende einen Roman ergibt. Wenn der Autor von Adorno schreibt oder von der Frage, ob trans sein die binäre Geschlechterordnung doch nur weiter zementiert, ist das zwar angenehm offen, so Baßler, aber dadurch stellt sich natürlich auch die Frage, "was man damit jetzt eigentlich anfangen soll" - so muss sich das Lesepublikum selbst entscheiden, ob es mit dieser Offenheit umgehen kann, ist dem Schluss der Besprechung zu entnehmen.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 12.10.2024

Rezensent Jakob Hayner begibt sich mit Thomas Meineckes neuem Roman auf eine Reise ins burgenländische Amorbach, wo auch Theodor W. Adorno gern Urlaub machte. Obs ihm gefallen hat, mag er nicht sagen. Doch die "gute alte Zitierwut", die er dem Autor bescheinigt, die Selbstreferenzialität, die er wahrnimmt, die "ausufernden" Collagen, sprechen eher für ein gebremstes Amüsement. Es geht, klar, um Adorno, die Fürsten des Burgenlandes, Amerika und Zweigeschlechtlichkeit. Ob das Ergebnis ein Zettelkasten oder ein großer Roman ist, mag Hayner nicht beurteilen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.10.2024

Ist das ein Roman? Rezensent David Hugendick ist sich nicht sicher. Eigentlich möchte er das Wort "Diskurs" gar nicht mehr verwenden, so überstrapaziert wurde es schon, aber irgendwie kann er Thomas Meineckes neues Werk auch nicht anders beschreiben als eine "literarische Bearbeitung von Wissens - und Körperdiskursen": Es geht dieses Mal um eine "eher skurrile" Gruppe von Forschern, die sich im Odenwald trifft, um über die unterschiedlichsten Themen zu diskutieren, von Gender über Nazis bis hin zu Adorno, der darüber hinaus sehr häufig zitiert wird, so der Rezensent. Diese "wuchernde Poetologie" betreibt Meinecke seit Jahren, so Hugendick, hier erfülle er seine eigenen Formkriterien wieder einmal aufs Strengste. Dem Rezensenten fehlt in dieser "kraftraubenden Übung" allerdings der literarische Mehrwert.

Beliebte Bücher

Julian Barnes. Abschied(e). Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln, 2026.Julian Barnes: Abschied(e)
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte…
Elias Hirschl. Schleifen - Roman. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2026.Elias Hirschl: Schleifen
Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In…
Dorothee Elmiger. Die Holländerinnen - Roman. Carl Hanser Verlag, München, 2025.Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen
Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter…
Leila Slimani. Trag das Feuer weiter - Roman . Luchterhand Literaturverlag, München, 2026.Leila Slimani: Trag das Feuer weiter
Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…