Moralische Gefühle, moralische Wirklichkeit, moralischer Fortschritt

Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783518588284
Gebunden, 111 Seiten, 23,00
EUR
Klappentext
Gibt es von uns Menschen und unseren Gefühlen unabhängige moralische Wahrheiten? Können wir sie erkennen? Und gibt es in der Menschheitsgeschichte einen moralischen Fortschritt hin zu diesen Wahrheiten? Das sind die großen Fragen, denen sich der amerikanische Philosoph Thomas Nagel in seinem neuen Buch widmet. Nagel setzt sich mit aktuellen Forschungen der Moralpsychologie, der Kognitionswissenschaft und der Evolutionären Psychologie auseinander, die unseren Zugang zu moralischem Wissen sowie die Rolle, die Gefühle dabei spielen, empirisch untersuchen. Solche subjektivistischen und reduktionistischen Darstellungen der Moral können ihn jedoch nicht überzeugen - eine Alternative bietet der moralische Realismus. Dieser sieht sich allerdings mit dem historischen Wandel der Moral konfrontiert, die nicht die zeitlose Gültigkeit wissenschaftlicher Wahrheiten besitzt. Vielmehr sind moralische Wahrheiten auf ganz spezifische Weise mit historischen Entwicklungen verknüpft, wie Nagel in diesem ebenso konzisen wie tiefschürfenden Buch zeigt.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.08.2025
Sehr interessiert nähert sich Rezensent Uwe Justus Wenzel diesem Buch, dem ein etwas griffigerer Titel womöglich gut gestanden hätte. Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel beschäftigt sich damit unter anderem mit dem Status sogenannter "moralischer Wahrheiten", wie etwa, dass Sklaverei verwerflich ist - eine Wahrheit, die für Nagel zwar überzeitlich gilt, aber dennoch einem historischen Lernprozess unterworfen ist, was sie von naturwissenschaftlichen Wahrheiten unterscheidet. Soll heißen: Menschen hatten vermutlich auch schon früher ein ungutes Gefühl beim Blick auf Sklaverei, aber sie konnten erst entsprechend dieses Gefühls handeln, fasst Wenzel Nagel zusammen, sobald ihnen ein Grund für dieses Handeln "zugänglich" ist. Wenzel führt diesen Gedanken entlang des Buches anhand der Frage nach der Legitimität politischer Ordnung aus und bringt ihn mit der von Nagel vertretenen Schule des "moralischen Realismus" in Verbindung, der auf einem emphatischen Wahrheitsbegriff beruht. Ziemlich abstrakt und komplex ist dieses Argument, findet Wenzel, auf die Unterscheidung die zwischen utilitaristischer und deontologischer Ethik eingeht. Letztendlich ist es diesem Buch wichtiger, schließt der Rezensent, Fragen zu stellen, als sie abschließend zu beantworten. Wenzel lobt zwar die Subtilität dieser Schrift, hätte sich aber doch hier und da etwas wagemutigere Erkenntnisse gewünscht.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 26.04.2025
Die hier rezensierende Literaturwissenschaftlerin Hendrikje Schauer verspricht mit Thomas Nagels Buche eine lohnende, aber auch beunruhigende Lektüre. Darin fragt der fast 90-jährige Philosoph recht grundsätzlich nach den theoretischen Grundlagen für moralisches Handeln und zeichnet dabei auch einen "moralischen Fortschritt" nach, fasst die Kritikerin zusammen. Außerdem plädiere er für ein sogenanntes "Überlegungsgleichgewicht" zur Erhaltung dieses Fortschritts auch in heutigen Zeiten; Schauer meint hier deutlich den "Zungenschlag" von John Rawls, der Nagels Lehrer war, zu vernehmen. Das sei alles schön und gut, und Nagel ruft souverän bekannte "Schauplätze" der Moralphilosophie auf, vermittelt Schauer. Aber leider wird ihr im Laufe der Lektüre zunehmend deutlich, dass die Grundlagen des Buchs Prä-Trump entstanden: Was Nagels Festhalten am moralischen Fortschritt noch mit der gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Situation der USA zu tun hat, bleibt für sie als pochende Frage zurück.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 20.03.2025
Was uns selbstverständlich scheint, ist es nicht mehr, wenn ein Philosoph näher hinguckt. Dass Sklaverei verdammenswert ist, scheint uns evident, aber das ist es nur, wenn dafür moralische Gründe angeführt werden können, lernt die rezensierende Philosophin Paula Keller aus Thomas Nagels Büchlein"Moralische Gefühle", in dem dieser vor allem den Fortschrittsbegriff retten will. Diese Gründe scheinen also nicht universal zu sein: Sklaverei in der Antike war nach Nagel moralisch weniger verwerflich, weil die Gründe, sie zu verdammen - die später erst durch die Aufklärung geliefert wurden - noch nicht vorhanden waren. Keller folgt den Argumenten Nagels mit Interesse, auch wenn sie bei all dem Theoretisieren über "Gründe" ein wenig den "fortschreitenden Menschen" vermisst.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 17.03.2025
Eine normative Theorie der Moral entnimmt Rezensent Guido Kalberer diesem Buch. In seiner schlanken Schrift argumentiert der Philosoph Thomas Nagel, dass es objektiven Fortschritt im Bereich der Moral gibt und dass diesem eine Änderung des Denkens einer Vielzahl von Menschen zugrunde liegt. Als Beispiele nennt Nagel Kalberer zufolge unter anderem die Abschaffung der Sklaverei und die wachsende Bedeutung der Meinungsfreiheit und er verweist darauf, dass Moral sich historisch durchsetzen muss - wobei die bloße Erkenntnis guter Gründe nicht genügt. Nagel plädiert dafür, lesen wir weiter, neben utilitaristischen Motiven, die sich an manifesten Vorteilen für eine Mehrheit der Menschen orientieren, auch intuitive moralische Gefühle in die Analyse miteinzubeziehen. Und wie schaut es mit der Zukunft der Moral aus? Nagel glaubt, fasst der sich selbst einer Wertung enthaltende Kalberer seine Lektüre zusammen, dass sich die Menschheit auch weiterhin ihr moralisches Niveau erhöhen wird und verweist dabei etwa auf die sich derzeit formierende Tierrechtsbewegung.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 01.03.2025
Ein Buch über Moralphilosophie, das durchaus dazu angetan ist, Hoffnung in düsteren Zeiten zu stiften, legt Thomas Nagel hier laut Rezensent Jens Balzer vor. Nagel geht, so Balzer, von der Frage aus, wie Menschen zwischen gut und schlecht unterscheiden können, später unterscheidet er zwischen utilitaristischen, an allgemeinen Folgen moralischen Handelns orientierten und die moralische Autonomie des Individuums betonenden deontologischen Positionen. Er selbst plädiert allerdings, lernen wir von Balzer, dafür, darin keinen Widerspruch zu sehen, sondern vielmehr in der moralischen Reflexion immer wieder zwischen den verschiedenen Perspektiven hin und her zu wechseln und alle moralischen Sicherheiten laufend zu hinterfragen. In Analogie zur Praxis in den Naturwissenschaften ist dadurch auch in moralischen Fragen historischer Fortschritt möglich, lernt Balzer von Nagel. Eben dieses Argument gefällt Balzer, weil es ihn in schwierigen Zeiten wie den unseren darauf hoffen lässt, dass die moralischen Fortschritte der Vergangenheit vielleicht doch nicht dauerhaft verloren sind.