Mason & Dixon
Roman

Rowohlt Verlag, Reinbek 1999
ISBN
9783498052928
Gebunden, 1023 Seiten, 29,65
EUR
Klappentext
Im Auftrag der Royal Society reisen zwei britische Wissenschaftler 1763 nach Amerika, um eine schnurgerade Grenze zwischen Pennsylvania und Maryland zu ziehen. Diese Grenze wurde später zur Trennungslinie zwischen den amerikanischen Nord- und Südstaaten. Es ist eine Aufbruchszeit. Die bürgerliche Gesellschaft beginnt, Himmel und Erde zu vermessen, um sie nutzbar zu machen für die Diktatur eines weltumfassenden Profitsystems. Erst wird vermessen, dann kommen die Zäune.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 13.10.1999
Das klingt verlockend! Thomas Pynchons neustes Werk sei ein "vielfüßiges, literarisches Monstrum", meint Peter Körte. Auf achthundert Seiten (in der deutschen Übersetzung auf mehr als tausend) betreibt Pynchon, so Körte, "Mimikry an den Erzählkonventionen des 18. Jahrhunderts". Die Übersetzung von Nikolaus Stingl, die dies vorsichtig, ohne zu übertreiben, aufnehme, hält Körte für ein kleines Wunder: Unbedingt preiswürdig. In der Geschichte über die beiden Landvermesser Mason und Dixon, die Mitte des 18. Jahrhunderts die Grenzlinie zwischen Pennsylvania und Maryland, zwischen dem Norden und dem Süden der USA, gezogen haben, sieht Körte eine "säkulare Schöpfungsgeschichte", zugleich aber auch die Reminiszenz an "old weird America": Landvermessung und Astronomie auf der einen Seite, magisches Wissen und kryptische Systeme auf der anderen. Dabei sei Pynchon kein Romantiker, er verachte die Romantik aber auch nicht, meint Körte, und genau dies sei die Spannung, die die Protagonisten und das Buch in Bewegung hielten: "Wenn sie sich einen kurzen Urlaub von der Vernunft gönnen, lockt die Wildnis, doch auch die Wildnis ist wieder nur Anlass zur Ordnung."
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.1999
Hans-Ulrich Gumbrecht feiert Thomas Pynchons Roman "Mason & Dixon" in einer ganzseitigen Besprechung des FAZ-Buchmessenbeilage als einen Erneuerer des historischen Romans. Als Hintergrund, vor dem Pynchon zu verstehen ist, schildert er die Avantgarden der Literatur im 20. Jahrhundert, die jedes "satte" Erzählen und jeden Begriff der Nachahmung von Wirklichkeit und Identifikation mit den Helden in Frage gestellt und zu "kaum lesbaren Texten" geführt habe. Große Erzähler des 20. Jahrhunderts mussten sich dazu verhalten. Gumbrecht nennt Gabriel Garcia Marquez, der sich mit dem Mittel der Parodie beholfen habe. Pynchos Technik erklärt Gumbrecht als "stets prekäre Balance" zwischen Frustration und Faszination. Die Ziehung der Grenzlinie zwischen Nord- und Südstaaten der USA durch Charles Mason und Jeremiah Dixon in den 1760er Jahren wird für Gumbrecht auch zur symbolischen Trennlinie zwischen klassischem Erzählen und modernistischen Formen, wobei Gumbrecht das Gefühl nicht los wird, dass die unablässigen Unterbrechungen des linearen Erzählflusses auch ein wenig aus schlechten Gewissen gegenüber den Dogmen der Avantgarde eingebaut werden. Trotzdem erkennt der Rezensent in den "Grenzverwischungen" eine Fähigkeit zur Selbst-Ironie, die er auch den Europäern bei der Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte anrät.
Lesen Sie die Rezension bei
buecher.de
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 12.10.1999
Mit großem Respekt und Anerkennung äußert sich Angela Schader über Pynchons neues Buch, das sie sehr detailliert bespricht. Das Anlegen der Mason-Dixon-Linie gerate bei ihm "phantasievoll zum Grenzgang zwischen Ordnungssinn und Wahn": Da werden Schneisen sogar durch Wohnzimmer geschlagen und Bäume lieber gefällt als umgangen. In elf bei einer Kalenderreform übersprungenen Tagen tummeln sich diejenigen, die niemand vermisst oder deren Zeit wertlos ist. In Pynchons typischer Komplexität paare sich Zivilisationskritik mit Komik. Kritisch äußert sich Schader allerdings zur Übersetzung. Der enorme sprachliche Aufwand, den Pynchon betreibe (Orientierung der Sprache an dem Stil des 18. Jahrhunderts, Farbe, Struktur, Dialekte, Brechungen), werde in der Übersetzung zu sehr geglättet - auch wenn man dies beim Lesen der deutschsprachigen Ausgabe kaum vermuten würde.