Aus dem Spanischen von Peter Schultze-Kraft, Gert Loschütz, Peter Stamm und anderen. Kurz vor Erscheinen seines Debütromans Am Anfang war das Meer (1983) zog der kolumbianische Schriftsteller Tomás González mit seiner Frau und seinem Sohn aus ökonomischen Gründen von Bogotá in die USA und lebte zunächst drei Jahre in Miami und dann 16 Jahre in New York. 2002 kehrte er nach Kolumbien zurück. In unserer Auswahl von 13 Erzählungen wird dieser Lebensweg in gewissem Sinn literarisch nachgezeichnet. Die ersten sechs Texte spielen in den USA, die letzten sechs in Kolumbien, dazwischen das Bindeglied einer befreienden Rückkehr. Das Spektrum von González' Themen und literarischen Mitteln ist breit. Eine nebensächliche Zeitungsmeldung in New Orleans verwandelt der Autor in die unsterbliche Story von Carola Dicksons verrückter Ausfahrt zur Rettung der Welt. In der Geschichte des demenzkranken Don Rafael und dessen Frau Jesusita beschert er uns eine spannende Variation - die Umkehrung - des Orpheus-und-Eurydike-Motivs.
Im Perlentaucher:
Das Aufflackern des Lichts
Über seinen Geschichten hängt die Melancholie so schwer wie der Dunst über den Kordilleren. Menschen gehen fort und verlieren sich, kommen nicht an oder können nicht zurückkehren. Doch bei González sind es nicht politische Motive, die die Menschen ins Exil treiben, sie fliehen vor sich selbst, ihrer unrühmlichen Vergangenheit oder einer tristen Zukunft.
Thekla Dannenberg in "Wo wir nicht sind"
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2021
Rezensent Jakob Hessing freut sich sichtlich über diese Auswahl mit Erzählungen von Tomas Gonzalez, dessen Romane er bereits zu schätzen gelernt hat. Die Kunst des Autors liegt für ihn in der sinnlichen Figurendarstellung, in der starken Bildhaftigkeit und im epischen Atem auch der kürzeren Texte. Dass sich der Autor nicht unbedingt für das große Drama interessiert, sondern im Zweifelsfall für die Effekte bestimmter Ereignisse auf die einzelne Existenz, scheint Hessing auch zu goutieren. Gonzalez' Auseinandersetzung mit dem magischen Realismus in der Literatur seines Landes scheint Hessing von Ernsthaftigkeit geprägt, auch wenn Kolumbiens Mythen dem Autor schon etwas fremd sind, wie Hessing meint.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 28.05.2021
Seinen Geheimtipp-Status dürfte Tomás González mit dem Erscheinen dieses Erzählbandes verlieren, vermutet Rezensentin Manuela Reichart. Und das ist auch gut so, lesen wir, denn diesem kolumbianischen Autor gebührt große Aufmerksamkeit. Nüchtern, düster und "von innen her leuchtend" nennt Peter Stamm, der an der Übersetzung mitgearbeitet hat, die Atmosphäre von González' Geschichten - und die Rezensentin schließt sich dem an: Das was da leuchtet sei die unangreifbare Würde jener Menschen, lesen wir, von denen der Autor erzähle: Ein demenzkranker Mann und seine ihn immer noch liebende Frau, die jedes Jahr mit ihren Kindern eine gemeinsame Reise zum Meer für ihn inszeniert; ein Künstler, der zum trinksüchtigen Stadtstreicher verkommt; eine schöne Frau, die plötzlich hilflos in der Klinik liegt. Sie fallen tief - González' Figuren, doch ihre Würde bleibt unangetastet,erkennt die berührte Rezensentin, die diese dreizehn besonderen Lebensgeschichten unbedingt empfiehlt.
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