Tomer Gardi

Liefern

Roman
Cover: Liefern
Tropen Verlag, Stuttgart 2026
ISBN 9783608502633
Gebunden, 320 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Aus dem Hebräischen von und in Zusammenarbeit mit Anne Birkenhauer. Sie sind überall, wir sehen sie jeden Tag. Egal ob in Delhi, Tel Aviv, Buenos Aires, Istanbul oder Berlin, überall schwirren sie durch die Städte: Essenslieferanten.  "Liefern" erzählt von Rassismus und Ausbeutung, von Liebe, Familie und der großen Sehnsucht nach Verbundenheit. Filmon, der aus Eritrea nach Tel Aviv geflüchtet ist, arbeitet als Lieferant. Er will genug Geld sammeln, um seiner Frau und Tochter nach Berlin zu folgen. Sein Job ist immer in Gefahr, er hat keine Arbeitserlaubnis und fährt unter falschem Namen. Seine Frau und Tochter lernen Deutsch bei Nina im Bildungszentrum, die zu einem Austauschsemester nach Delhi reist, wo sie sich in den Argentinier Ramón verliebt. Der Erzähler fährt nach Istanbul, um nach einer Gaunerei bei einem Literaturpreis das Preisgeld zu verprassen. Und in Buenos Aires muss Ramóns Mutter mit der Abwesenheit ihres Sohnes fertig werden. 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 09.04.2026

Die meisten Fahrrad-Lieferanten rattern identitätslos durch die Städte, jetzt gibt Tomer Gardi ihnen in seinem neuen Roman eine Stimme, wie sich Rezensent Carsten Hueck freut. Respektvoll, sanft, mit Humor schreibt Gardi über einen ziemlichen Zirkus und seine Kurier-Artisten, die an ganz unterschiedlichen Orten der Welt durch die Gegend radeln, so zum Beispiel Filmon aus Eritrea, der seit vielen Jahren illegaler Arbeiter in Tel Aviv ist und hofft, Frau und Tochter nach Deutschland zu folgen, wie Hueck erklärt. Der Job ist prekär, das gilt auch für die anderen Protagonisten in Buenos Aires oder Berlin, aber alle haben den Biss, für ein besseres Leben zu kämpfen, erfahren wir, Gardi erzählt davon "mit großem Gespür für Sprachwitz", hat aber immer auch die Ernsthaftigkeit der Situation im Blick, lobt Hueck. Und wie Gardi die tragischen Lebensläufe mit verrückten Erzählungen um Haartransplantationen oder Clownereien verknüpft, berührt ihn ebenfalls.  

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.04.2026

Einen "wilden Sozialreportageroman" über "das Prekariat einer globalisierten Dienstleistungsgesellschaft" hat der israelische Autor Tomer Gardi für Rezensentin Katharina Teutsch geschrieben. Im Zentrum steht der eritreische Rider Filmon, der sich mit seiner Frau Daniat und der Tochter Izzi auf den Weg nach Deutschland macht, erstmal allerdings in Israel landet, wo er von einem windigen Geschäftsmann als Fahrradkurier ausgebeutet wird. Ein zweiter Handlungsstrang dreht sich um die Germanistikstudentin Nina, die Deutschkurse gibt, und irgendwann auch Filmon unterrichten wird, wie wir lesen. Von Kapitel zu Kapitel springt Gardi über Kontinente: von Neu Delhi über Buenos Aires, in kenianische Blumenfarmen und nach Istanbul, wo sich der Autor selbst mit "Narrenkappe" in die Handlung schmuggelt, freut sich die Kritikerin. Während das gebrochene Deutsch von Gardis letzten Roman die Kritik spaltete, schreibt er hier grammatikalisch tadellos, ein Kapitel wurde von Anne Birkenhauer aus dem Hebräischen übersetzt, lesen wir. Teutsch hält sich mit expliziten Wertungen zurück, scheint diesen "tragikomischen" Roman, der mit einigen kritischen Gedanken zum Kapitalismus aufwartet, aber gern gelesen zu haben. 

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.03.2026

Weitgehend großartig findet Rezensent Joachim Hentschel Tomer Gardis neuen Roman. Der spielt in sechs Städten und erzählt fragmentarisch vom Alltag von Fahrradkurieren. Auf die schlechten Arbeitsbedingungen in diesem Beruf geht der Autor dabei durchaus ein, aber zum Sozialkitsch wird das Buch nie - weil Gardi seine Figuren als Subjekte ernst nimmt, atmet der Kritiker auf. "Poetische Gerechtigkeit" nennt Hentschel das und freut sich, wie geschickt etwa in einer in Tel Aviv spielenden Episode von einem Boten erzählt wird, der versucht, ein Deutschland-Visum zu erhalten. Man lernt in diesem Buch, Städte - andere Episoden spielen, zum Beispiel, in Delhi und Istanbul - mit anderen Augen, eben mit jenen der Fahrradboten, zu sehen, so Hentschel. Ein bisschen schade findet er, dass Gardi die deutsche Sprache diesmal nicht gar so experimentierfreudig benutzt wie in älteren Texten. Gleichwohl ist dieses locker erzählte Buch eine Wohltat in der gegenwärtigen Literaturlandschaft, freut sich Hentschel.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 26.02.2026

Rezensentin Eva Menasse findet Tomer Gardis Roman "Liefern" stark, weil er über mehrere Kontinente hinweg die Lebenswelt von Essenslieferanten klug, rasant und ohne billige Betroffenheit zeige. Sie betont, dass Gardi keinen "Elendsporno" zeichnet, sondern eine kunstvoll verflochtene, oft komische, zugleich schmerzhafte Darstellung eines globalisierten Unterdrückungssystems gelingt, das Migranten und politisch Unliebsame ausbeutet. Menasse hebt Gardis sorgfältige Recherche, seine zurückhaltende, pointierte Erzählweise und den genauen Blick auf Fahrer ebenso wie auf wohlstandsgelangweilte Kunden hervor. Vielleicht inspiriert der Roman seine Leser, mehr Trinkgeld und Empathie für die Essenslieferanten aufzubringen, hofft sie.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 21.02.2026

Ist Tomer Gardis neuer Roman wirklich ein Roman oder doch vielmehr eine Art Serie in Buchform, fragt sich Rezensentin Katharina Granzin: Sechs Erzähl-Teile hat das Buch, sie sind alle unterschiedlich und doch zum Beispiel über ihre Figuren miteinander verbunden. Ein Eritreer liefert in Tel Aviv Essen aus, Kind und Frau sind schon in Berlin, deren Deutschlehrerin Nina lernt man in der Geschichte eines Mannes in Istanbul kennen, der sich dort einer Haartransplantation unterzieht, schildert Granzin. Studiert hat Nina in Delhi, wo die Familie einer Managerin auf Burger wartet, die der Essenslieferant nicht bringt, in Kenia muss sich Akiny prostituieren, weil Rosenpflücken ein Saisonjob ist, lesen wir weiter. Granzin lobt nicht nur die Übersetzung der auf Hebräisch verfassten Teile von Anne Birkenhauer in glattes "Standarddeutsch", sondern auch das gut konsumierbare Format des Buches, auch wenn es sich bisweilen "verplaudert" liest. Ihr zufolge passt das Buch in dieser Form gut zum Dienstleistungscharakter dieser Gegenwart.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 07.02.2026

Einen "Meister des beispielhaften Erzählens" nennt Rezensent Mladen Gladic den in Israel geborenen Autor Tomer Gardi. Denn Gardis Erzählungen erscheinen dem Kritiker wie Beispiele im eigentlichen Wortsinn: Sie zeigen das Konkrete, was sonst neben oder hinter dem Allgemeinen unbemerkt bliebe bzw. sie erzählen von jenen, die die Normalität am Laufen halten, indem sie "Liefern", was diese Normalität zum Funktionieren braucht. Damit gelingt Gardi etwas, was viele vor ihm versucht haben, lobt Gladic. Er bringt uns die oft brutalen Verhältnisse zu Bewusstsein, unter denen eine neue Klasse zu arbeiten gezwungen ist und entblößt so das brüchige Fundament, auf dem unsere Normalität fußt. Oder wie Gladic es ausdrückt: Hier schreibt ein Autor, der wissen will, wie die Dinge funktionieren, warum sie so funktionieren, und was droht, wenn "etwas dazwischen kommt". Wie die Sprache dazwischen kommen kann, damit hat sich Gardi 2016 in "Broken German" beschäftigt, nun sind es die Schicksale der Lieferantinnen und Lieferanten aus Eritrea, Venezuela oder Indien, von denen er mit viel Empathie und Humor erzählt, so der beeindruckte Rezensent.

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