Die Schwestern
Roman

Rowohlt Verlag, Hamburg 2025
ISBN
9783498004972
Gebunden, 736 Seiten, 26,00
EUR
Klappentext
Aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein. Für Jonas ändert sich alles, als Ina, Evelyn und Anastasia in seine Nachbarschaft ziehen. Ihre Mutter kommt aus Tunesien, wer ihr Vater ist, weiß niemand. Die ernsthafte Ina, die verträumte Evelyn und die chaotische Anastasia faszinieren den Erzähler, nichts will er mehr, als in ihrer Nähe zu sein. Ihm wird klar, dass die Schwestern mit seiner Familie und der Vergangenheit seines Vaters eng verflochten sind. Über dreißig Jahre kreuzen sich ihre Leben immer wieder, in Tunesien, Schweden, den USA, sie erleben Liebesgeschichten und Lebenskrisen. Vor allem aber verbindet sie ein Fluch: dass man alles, was man liebt, verlieren wird.Ein weltenumspannender Roman über drei Schwestern und einen Mann, dessen Leben mit ihrem eng verflochten ist - und über den Fluch der Zeit.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 30.12.2025
Einen meisterlichen Roman und möglicherweise einen weiteren literarischen Weltbestseller hat Jonas Hassen Khemiri hier verfasst, glaubt Rezensent Stefan Michalzik. Erzählerisch ist das Buch komplex gestaltet, es gliedert sich in sieben Bücher, die zunehmend kürzer werden und zunehmend kürzere Zeispannen umfassen: die Geschichte beginnt mit einer 12 Monate umfassenden Passage, die direkt nach der jüngsten Jahrtausendwende spielt und endet mit einer Minute in der Zukunft, im Jahr 2035. Es geht um die drei Schwestern des Erzählers, der immer wieder Parallelen zum Autor aufweist. Wie einst bei Tschechow haben alle sehr unterschiedliche Charaktere. Eine übernimmt früh quasi die Mutterrolle, die jüngste sucht immer wieder neu ihren Platz im Leben. Die Hauptfiguren entstammen einer schwedisch-tunesischen Familie, Herkunft und auch Rassismus spielen eine Rolle - Khemiri sei ein Meister darin, komplexe Beziehungsstrukturen mit universellen Fragen zu verbinden. Sein Stil ist dabei "glasklar" und außer exzellent übersetzt von Ursel Allenstein. Der Rezensent ist jedenfalls begeistert und stellt sich am Ende die Frage, ob es sich hier um postmigrantische Literatur handelt. Letztlich, findet Michalzik, sind solche Labels nicht allzu wichtig für einen derart großartigen Roman.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.09.2025
Dieser neue Roman von Jonas Hassen Khemiri ist für den Rezensenten Stephan Opitz Grund, sich um die Zukunft der europäischen Literatur erst einmal keine Sorgen zu machen: Er erzählt in vielen Verästelungen die Geschichte zweier Familien, die der titelgebenden Schwestern, die einen finnischen Vater und eine tunesische Mutter haben, und die des Ich-Erzählers Jonas und seiner Geschwister, deren Vater ebenfalls Tunesier ist. Sie lernen sich in Stockholm kennen, wo sie Nachbarn sind, davon wird in verschiedenen Zeitabschnitten erzählt, die bis ins Jahr 2035 reichen, später stellt sich heraus, dass die beiden Familien durch ein Verhältnis der tunesischen Elternteile miteinander verbunden sind, berichtet Opitz. Ihm gefällt, mit wieviel Erzählfreude und schriftstellerisch "gediegendem Handwerk" Khemiri hier vom Leben zwischen Tunesien, Schweden und auch den USA erzählt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 31.07.2025
Rezensent Alex Rühle scheut die großen Namen nicht bei der Besprechung dieses Romans des schwedisch-tunesischen Schriftstellers Jonas Hassen Khemiri: T.C Boyle kommt dem Kritiker in den Sinn, wenn es um die Verschachtelung der Handlungsstränge geht, Jonathan Franzen, wenn es um die Gegenwartsfülle geht. Aus der Perspektive von Khemiris fiktionalisiertem Alter Ego Jonas wird die Geschichte der drei Schwestern Ina, Evelyn und Anastasia erzählt, die bei ihrer tunesischen alleinerziehenden Mutter in den Neunzigern in der schwedischen Drakenbergsiedlung aufwachsen. Jonas, selbst Sohn eines Tunesiers, wächst ebenfalls dort auf, fühlt sich schnell zu den Schwestern hingezogen - fortan sind die Lebensgeschichten der vier bis ins Jahr 2035 verflochten. Es ist kaum möglich, alle Themen dieses prallen und laut Rühle "furiosen" Romans wiederzugeben: Auf der privaten Ebene der HeldInnen geht es um Herkunft, Identität und Zuschreibungen, allerdings nie im Sinne von "autofiktionalem Ringelpiez und angestaubter Identitätsgaukelei", wie der Kritiker versichert. Darüber hinaus ist der Roman auch eine "Everything novel" a la Salman Rushdie: Skin-Gewalt, Gangsta-Rap und kurdische Hochzeiten spielen hier ebenso eine Rolle wie die Corona-Pandemie oder eine Edward-Said-Vorlesung, staunt der Rezensent. Ein postmodernes Meisterwerk, das den Rezensenten mit Spannung, allerhand Cliffhangern und zunehmend rasanter durch die Zeit jagt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 19.07.2025
Für den Rezensenten Dirk Fuhrig ist der Roman des schwedisch-tunesischen Schriftstellers Jonas Hassen Khemiri ein "berauschendes Leseerlebnis": Ein Erzähler, der den gleichen Namen trägt wie der Autor, beobachtet über mehr als 30 Jahre, bis in die Zukunft hinein, das Leben der drei Schwestern Ina, Evelyn und Anastasia, die ebenfalls ein Elternteil aus Tunesien haben, was aber nur en passant vorkommt. Eigentlich kennen sich die drei und der Protagonist auch gar nicht so gut, erfahren wir, aber er beobachtet im "bitter-süßen Blues", wie die Schwestern durchs Leben gehen, melancholisch, im "herrlich unterkühlten Erzählton", der das ganz normale Familienleben ebenso beinhaltet wie Krisenerfahrungen wie Corona oder Me too. Stilistisch weiß das Werk Fuhrig auch in der Übersetzung von Ursel Allenstein zu überzeugen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 18.07.2025
Rezensent Paul Jandl möchte den neuen Roman des tunesisch-schwedischen Autors Jonas Hassen Khemiri gar nicht mit Jonathan Franzen vergleichen, wie es die New York Times getan hat. Das wuchtige, von Ursel Allenstein "fabelhaft" übersetzte Buch glänzt aus sich selbst, findet er. Verflucht gut scheint ihm der Roman, der den Lebensgeschichten dreier Schwestern zwischen Stockholm, Tunis, Berlin und New York über einen langen Zeitraum von 2000 bis in die Zukunft im Jahr 2035 folgt, weil der Autor ein so genauer Beobachter ist und die Fäden der teils erfundenen, teils autobiografischen Handlung mit Liebe und Leichtigkeit zusammenhält. Bei Khemiri erscheint der Mensch ganz selbstverständlich als sich wandelndes Wesen, staunt Jandl, und der Leser folgt den Verwandlungen mit Freude. Migrationsgeschichte oder Herkunftsepos ist das Buch nicht, große Literatur schon, meint Jandl, dem auch die magischen Elemente im Roman gefallen.