Neues von den Unerwünschten
Erzählungen

Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2025
ISBN
9783462006551
Gebunden, 240 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Aus dem Französischen von Uli Wittmann. In seinem neuen Buch erzählt J. M. G. Le Clézio von denjenigen, die zwar den westlichen Wohlstand mit erzeugen, denen man aber keine Teilhabe daran zugesteht. Acht Erzählungen, die geografisch den halben Erdball umspannen, Mauritius, Peru, das Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko, den Libanon, Frankreich, und in denen der Literaturnobelpreisträger denjenigen eine Stimme gibt, über deren Leben die Geschichte normalerweise hinweggeht, die die Welt nur erfahren und kaum gestalten können. So wie Maureez, die es trotz schwierigster Kindheit schafft, andere mit ihrer Stimme zu bezaubern. Oder eine Handvoll Jugendlicher - Grenzgänger zwischen Mexiko und den USA. Die beiden jungen Brüder Marwan und Mehdi, die nach der Zerstörung ihres Dorfes durch den Libanon irren. Oder ein tunesischer Arbeiter, der sich in seiner französischen Unterkuft nach seiner Familie sehnt. Sie alle verdienen es, gesehen zu werden, und J.M.G. Le Clézio erzählt ihre Geschichten.
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.02.2026
Das Herz am rechten Fleck hat dieses Buch schon, stellt Rezensent Niklas Bender klar, ansonsten jedoch bleibt das Leseerlebnis zwiespältig. J. M. G. Le Clézios hier zusammengestellte, teils bereits in den 1990ern erschienene Geschichten handeln von Waisenkindern, Migranten und anderen Ausgestoßenen, sie spielen in Frankreich, aber auch in fernen, oft von Armut und Krieg betroffenen Weltregionen. Ein paar gelungene Texte gibt es durchaus, Bender hebt "Avers" hervor, die Geschichte eines Mädchens, das auf der Insel Rodrigues nach einem veritablen Leidensweg Erfolge als Sängerin feiert. Auch eine zweite Geschichte namens "Der Teniers-Fluss", in dem es um Sklaverei in Mauritius geht, ist stark. Vieles ertrinkt allerdings in einer Art Armutspornographie und Sentimentalität, ärgert sich Bender, dem besonders einige in Frankreich angesiedelte Erzählungen in dieser Hinsicht sauer aufstoßen. Ein bisschen mehr Qualitätskontrolle bei der Auswahl der Beiträge wäre schon angebracht gewesen, findet er.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 21.10.2025
Dieser Erzählband, der acht ältere Geschichten des französisch-mauritischer Literaturnobelpreisträgers versammelt, testet die Empathiefähigkeit der Rezensentin Kristina Maidt-Zinke. Sie respektiert zwar den humanistischen Impetus, den der sich für marginalisierte, indigene Stimmen einsetzende Autor in seinem "Emotionskino en miniature" walten lässt, vermisst dabei aber literarische Qualitäten. Trotz des reichlich emotionalen Stoffes, wenn etwa von den Fluchtversuchen von Waisen in Kriegsgebieten erzählt wird, bleibe die sprachliche Umsetzung immer "glatt und monochrom", was wiederum die Plastizität des Erzählten erheblich einschränke. Was sie motivisch jedoch erreicht, sind die kurzen Momente der Freundlichkeit und Solidarität, die bei Le Clézio jedoch stets vorübergehend sind. Andere Erzählungen überschreiten in ihrer Überbetonung des erhofften Mitleids leider die Kitschgrenze, wodurch die Kritikerin an den andernorts vorgebrachten Vorwurf der "NGO-Literatur" denken muss. Nur die eindrucksvollen, auf den persönlichen Erfahrungen des Autors beruhenden Geschichten können sie von diesem Kritikpunkt ablenken.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 02.09.2025
Der Gestus eines "stillen und doch beharrlichen Widerstands" ist allen Geschichten des französischen Schriftstellers Jean-Marie Gustave Le Clézio gemein, stellt Rezensentin Claudia Kramatschek bei der Lektüre des neu erschienenen Erzählbands fest, in dem neue und ältere Geschichten versammelt sind. Ob es um die junge Maureez geht, Tochter eines Fischers auf Mauritius, die ihrem gewalttätigen Stiefvater entkommen muss, um zwei Brüder, die sich in der Zeit der israelischen Besatzung durch den Libanon schlagen, oder um eine Gruppe mexikanischer Jugendlicher, die in die USA fliehen wollen - immer verleiht der Autor den Schwachen und Marginalisierten eine Stimme. Literarisch überzeugen die Kritikerin nicht alle Geschichten gleich, vor allem gefallen ihr jene, die Le Clézios eigenen Erfahrungshorizont streifen, wie die Erzählung von einer Reise nach Panama. Kramatschek ist allerdings durchgängig beeindruckt von der "Würde", die der Autor, der bis heute ein "Solitär" der französischen Literatur geblieben ist, seinen Figuren verleiht.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 16.08.2025
Ein bisschen kitschig findet Uli Hufen die Geschichten, die J.M.G. Le Clézio über mexikanische Straßenkinder oder Kinder im Südlibanon schreibt, schon, aber er erkennt darin auch die idealistische Haltung eines Autors, der daran festhält, dass Kunst noch etwas bewirken kann. In seinem neuen Erzählungsband sind die Protagonisten überwiegend vom Schicksal nicht unbedingt bevorzugte Kinder, die durch Abwasserrohre flüchten, denen die Polizei auf den Hals gehetzt wird, die aber von Klauen bis Mord auch einiges auf dem Kerbholz haben, erfahren wir. Dass die Kinder dabei manchmal recht sentimental anmutend Gospels singen oder sich in feierlicher Stimmung umarmen, kann man Hufen zufolge kitschig findet, er ist aber der Meinung, dass Le Clézio das kunstvoll gemacht hat.