Ulli Kulke (Hg.), Reinhard Mohr (Hg.)

Wenn das Denken die Richtung ändert

Warum wir nicht mehr links sind
Cover: Wenn das Denken die Richtung ändert
W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2026
ISBN 9783170471702
Gebunden, 260 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Wir ändern uns - auch im Denken. Wolf Biermann hat dafür die knappste Formel gefunden: "Ich bin immer häufiger nicht mehr meiner Meinung." Dieses Staunen über sich selbst ist der Ausgangspunkt dieses Buches. Die Herausgeber Ulli Kulke und Reinhard Mohr versammeln zwölf Autorinnen und Autoren, fast alle geprägt von 68, linken Milieus oder der grünen Bewegung. Sie fragen sich, wie es dazu kam, dass sie heute nicht mehr von der Revolution träumen und nicht mehr an den Sozialismus glauben; dass sie den Staat weder verteufeln noch vergöttern; dass Marktwirtschaft, parlamentarische Demokratie und Rechtsstaat für sie zu den großen Errungenschaften zählen; und dass ihnen die Freiheit so wichtig ist, dass sie auf betreutes Denken und Sprechen gut verzichten können. Erzählt wird anschaulich und persönlich: von Irrtümern und Kurskorrekturen, von Widersprüchen, von komischen und bitteren Momenten. Zu den Autoren gehören Ulrike Ackermann, Henryk M. Broder, Mathias Brodkorb, Monika Gruber, Antonia Grunenberg, Hubert Kleinert, Monika Maron, Harald Martenstein, Dieter Nuhr, Andreas Rebers, Samuel Schirmbeck und Peter Schneider.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.05.2026

Rezensent Philip Eppelsheim kann viel anfangen mit den Bekenntnissen von Ex-Linken, die dieses Buch versammelt. Gut ein Dutzend Autoren, darunter Samuel Schirmbeck, Hendryk M. Broder, Dieter Nuhr und Antonia Grunenberg, schreiben darin, wie sie sich einst als linke Weltverbesserer verstanden, teils bis hin zur Unterstützung gewaltbereiter Extremisten; und wie sie sich später politisch umorientierten. Wendepunkte waren etwa die Flugzeugentführung von Entebbe 1976 oder auch Erfahrungen im Realsozialismus, wie wir lesen. Wobei einige der Autoren darauf bestehen, dass nicht sie ihre Ansichten gewandelt haben, sondern dass sich vielmehr die gesellschaftliche Bewertung dieser Ansichten verändert hat. Viele Passagen erinnern Eppelsheim an die Auseinandersetzungen der Gegenwart um die Haltung der Linken zu Israel, auch andere aktuelle Themen wie Corona und der AfD-Aufstieg kommen zur Sprache. Der Rezensent sympathisiert offensichtlich mit den in diesem Buch behandelten Positionen, die sich für ihn zu einem Plädoyer "gegen jeden Extremismus" fügen.

Buch in der Debatte

9punkt 12.03.2026
Gestern wurde in Berlin das Buch "Wenn das Denken die Richtung ändert" vorgestellt, aus dem der Perlentaucher Ulrike Ackermanns autobiografischen Essay "Einmal Dissident, immer Dissident?" vorabgedruckt hat. Ein weiterer Autor in dem Band (neben dem jüngst verstorbenen Peter Schneider) ist der bekannte und häufig debattenumtoste Kolumnist Harald Martenstein, den Ellen Daniel und Michael Miersch in ihrem Blog befragen. Auf die Frage, ob gegenüber "woken" Positionen eine "wahrer" Begriff des Linksseins verteidigt werden solle, antwortet er: "Für mich ist es wichtig, nicht intolerant zu werden. Ich möchte kein unfreundlicher Mensch werden. Das Problem bei den Linken, insbesondere bei ihrer woken Spielart, ist ja der Drang, alles unter Kontrolle kriegen zu wollen. So etwas ist immer falsch, egal, wo es herkommt. Man soll den Spieß nicht umdrehen und versuchen, linke Positionen autoritär zu unterdrücken. Nehmen Sie die Entscheidung des Kulturstaatsministers, drei linke Buchläden von einer Preisvergabe auszuschließen. Ich kenne diese Buchläden nicht, aber ich denke, er hätte das zumindest begründen müssen." Unser Resümee
9punkt 04.03.2026
Die Freiheitsforscherin Ulrike Ackermann legt in dem Band "Wenn das Denken die Richtung ändert" einen autobiografischen Essay vor, den der Perlentaucher vorabdruckt: "Einmal Dissident, immer Dissident?". Sie erzählt, wie sie sich sehr früh dissidentischen Kreisen in Osteuropa annäherte. 1978 kam sie in Prag für einige Wochen ins Gefängnis. Danach "war für mich nichts mehr wie vorher. Es war ein gewaltsames Ein- und Untertauchen in einer grauenhaften Welt mit völlig anderen Maßstäben, Prozeduren, Verkommenheiten und Abgründen, denen ich mich nicht entziehen konnte - ein Bruch mit meinem bisherigen Leben. Ich brauchte ungefähr ein halbes Jahr, um mich, wieder in Freiheit, zu sortieren. Und kam mir mit dieser Erfahrung in meinen 'westlichen' Freundes- und politisch-intellektuellen Kreisen sehr fremd vor. Es gab dort immer noch genügend Leute, die auch nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 die kommunistischen Regime weichzeichneten." Unser Resümee

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