Ulrich Raulff

Kreis ohne Meister

Stefan Georges Nachleben
Cover: Kreis ohne Meister
C.H. Beck Verlag, München 2009
ISBN 9783406592256
Gebunden, 496 Seiten, 29,90 EUR

Klappentext

Ulrich Raulff legt die postume Biografie Georges frei und erzählt die Geschichte eines einzigartigen Kreises voll illustrer Charaktere, der langsam zerfällt, Allianzen bildet und Feindschaften pflegt, um Deutungshoheit und Treue ringt und dabei vom annus horribilis 1933 bis zum Satyrspiel 1968 beinahe nebenher eine höchst außergewöhnliche Wirkungsgeschichte entfaltet. Eine abgründige Ideengeschichte, eine kaputte Apostelgeschichte und ein Lesevergnügen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.10.2009

Eine Ideengeschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert wird wohl nicht mehr ohne Stefan George auskommen können, prophezeit Soziologe Stefan Breuer anerkennend nach der Lektüre von Ulrich Raulffs "Kreis ohne Meister". Darin sieht er denn auch die größte Wirkung dieser Arbeit über den Georgekreis in der Zeit nach dem Tod des Meisters. Breuer lobt das Buch über weite Strecken. So gefällt ihm Raulffs gelehrter, aber dennoch unterhaltsamer Stil, den er nur manchmal für etwas zu "journalistisch" hält. Kritisch sieht Breuer, dass das Buch auch Nicht-Kreismitglieder behandelt und somit etwas inkonsequent den Weg einer Wirkungsgeschichte einschlägt und seinen eigenen Rahmen überschreitet. Schließlich hätte er der Kreisgeschichte etwas mehr psychologische und soziologische Analyse gewünscht, denn Raulff erzähle vor allem - das aber ausgezeichnet. Betrübt stellt Breuer noch fest, dass dem Georgekreis der Schleier des Rätselhaften auch mit diesem Buch nicht endgültig genommen wurde.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.10.2009

"Ein Paradestück avancierter Kulturwissenschaft": Manfred Koch ist sehr beeindruckt von Ulrich Rauffs "Kreis ohne Meister". Thema ist der Untergang der auf den Dichter Stefan George fixierten Kunstreligion nach dessen Tod - alles andere als ein abseitiger Gegenstand, stellt Koch fest. Das unklare Verhältnis Georges zum Nationalsozialismus führte dazu, dass sich in der Bewertung Georges nach 1945 "rituelle Austreibung" und "zwanghafte Rettung" gegenüberstanden, wie Koch anmerkt. Währenddessen wurde das Werk außerhalb von Fachkreisen zwar zunehmend vergessen. Doch die Netzwerke der ehemaligen Mitglieder des George-Kreises hatten auf die Frühgeschichte der Bundesrepublik starken Einfluss, wie Raulff detailliert darlege. Fast wie ein "Geheimbundroman" liest sich dies, bemerkt der Rezensent beeindruckt. Mit erzählerischen Qualitäten geizt Raulff offenbar nicht: "Die Muse der Geschichtsschreibung muss nicht unbedingt dichten", lautet das Fazit des Rezensenten: "Es genügt, wenn sie eine Prosa diktiert wie diese."

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.10.2009

Gleichermaßen ehrgeizig wie fesselnd findet Rezensent Alexander Cammann das Buch von Ulrich Raulff über die Wirkung Stefan George auf die Nachwelt. Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, untersucht darin, wie es mit den Anhängern des George-Kreises nach dem Tod des "Meisters" 1933 weiterging und welchen Wandlungen ihre Rezeption von Georges Ideen unterlief, erklärt der Rezensent. Zu seiner positiven Überraschung ist ein kulturgeschichtlicher "Thriller", aus dem Zentrum der "deutschen Ideengeschichte" des vergangenen Jahrhunderts dabei herausgekommen. Zudem ist Cammann offensichtlich sehr gefesselt den intellektuellen Konflikten, Intrigen und Affären der Georgejünger gefolgt, die der Autor nach Art des " Denver Clan" wirkungsvoll inszeniere. Sowohl das Ringen von Anhängern des Nationalsozialismus wie Gegnern um George wird in dem Buch nachgezeichnet, lobt der sichtlich inspirierte Rezensent, wie auch die "intellektuelle Frühgeschichte" der Bundesrepublik bis 1968 im Licht des George'schen Nachlebens untersucht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.09.2009

Als "Implosion" bezeichnet Thomas Meyer die von Ulrich Raulff in diesem Band nachgezeichnete postume Wirkungsgeschichte Stefan Georges. Laut Meyer ist Raulff ein guter Maulwurf und Führer in den Tiefen des deutschen Seelenlebens. Die Lektüre macht dem Rezensenten Personenkonstellationen, Allianzen, Kontinuitäten und Exegesen-Kämpfe verständlich und schickt ihm durchaus Schauer über den Rücken mit diesem ganz anderen Bild der deutschen Geschichte von 1933 bis 1968. Dankbar konstatiert Meyer die Anwendbarkeit des Buches als Referenzwerk. Sowie Raulffs Professionalität und Sachverstand, die sich für Meyer in der Entdeckung und kontextualisierenden Rekonstruktion verschiedener, mitunter überraschender Lebens- und Schicksalswege in der Folge Georges niederschlagen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.09.2009

Lorenz Jäger ist ganz aus dem Rezensenten-Häuschen. Ist es möglich, dass der George-Kreis doch mehr als ein esoterischer Kostümverein, nämlich eine Art magnetisches Zentrum deutscher Geschichte und Geschicke war? Nach der Lektüre von Ulrich Raulffs Buch über die postume Wirkungsgeschichte Stefan Georges ist Jäger sicher: Ja, so so war es. Das Buch aber scheint Jäger schon von seinem Ansatz her eine kleine Sensation, ein echtes Wagnis zu sein. Eins mit jeder Menge Glücksverheißungen für den Leser, wie Jäger uns versichert, nicht zuletzt, weil der Stoff sich dazu eignet. Georges Nachwirkung nämlich empfindet der Rezensent als "Nachbeben", voller Deutungskämpfe bis in die höchste Politik hinein. Wenn Raulff den Leser darüber hinaus auch mit Anekdotischem versorgt und sich mit "urbaner Ironie" in den George-Kreis und seine Gepflogenheiten eingroovt, staunt der Rezensent über die gelungene Mischung aus kulturwissenschaftlicher Studie allererster Güte und anspruchsvoller Unterhaltung.
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Buch in der Debatte

9punkt 04.12.2024
Schon vor einigen Tagen berichtete Reinhard Bingener in der FAZ über die Studie "Pädophilie im Fokus", die der Historiker Uwe Kaminsky im Auftrag der Evangelischen Kirche angefertigt hat. Sie kommt auf ein Netzwerk zurück, das das intellektuelle Klima der Bundesrepublik nachhaltig prägte - Ralf Dahrendorf hatte es als "protestantische Mafia" bezeichnet. Es geht um des sexuellen Missbrauchs überführte Täter wie Gerold Becker und Helmut Kentler, aber auch um den Pädagogen Hartmut von Hentig und ihren Einfluss auf die Odenwaldschule und auf Medien wie die Zeit. Auch beim Kirchentag der Evangelischen Kirche war diese Gruppe sehr prägend. Erste Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung gingen im Jahr 1999 noch unter, so Bingener: "Kaminsky nennt auch den Verdacht, dass dies mit den Kontakten Gerold Beckers und Hartmut von Hentigs zu Marion Gräfin Dönhoff, der damaligen Herausgeberin der Zeit, zu tun hatte, in deren Redaktionsstuben der Kirchentagsadel stets bestens vernetzt war. 2010 kamen die Vorwürfe dann abermals auf den Tisch und dieses Mal mit Wucht. Der Kirchentag reagierte aber auch dieses Mal nicht, stattdessen verwies man das Thema Missbrauch in die katholische Ecke." Hingewiesen sei noch mal auf die fulminanten Bücher von Ulrich Raulff (hier) und Thomas Karlauf (hier) über den George-Kreis, die diese Themen vor einigen Jahren mit ins Bewusstsein brachten. Unser Resümee

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