Im Zuge der Ausdifferenzierung von globalen Märkten, von digitalen Kommunikationsformen und transnationalen Verflechtungsdynamiken scheint die territoriale Ordnung von Staaten mehr und mehr an Bedeutung zu verlieren. Gehört das Zeitalter territorialer Herrschaft der Vergangenheit an? Werden wir irgendwann in einem Europa ohne Grenzen leben? Ohne Zweifel gewinnen supranationale Organisationen wie die Europäische Union an Einfluss auf politische, ökonomische, soziale und kulturelle Prozesse. Beim gegenwärtigen Wandel von Souveränitätsansprüchen, Staatlichkeitstheorien und räumlichen Ordnungskonzepten setzen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Fachdisziplinen an. Sie nehmen einen Europäisierungsprozess in den Blick, durch den sich nicht nur individuelle Rechtsansprüche und Zugangsbedingungen zu Märkten und wohlfahrtsstaatlichen Leistungen verändern, sondern durch den sich neue Formen territorialer Herrschaft ausbilden.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.08.2015
Den Wandlungsprozess von Staatlichkeitsformen versteht Wilfried Loth mit dem von Ulrike Jureit und Nikola Tietze herausgegebenen Sammelband ein bisschen besser. Was das ist, postsouveräne Territorialität, und wie vielfältig die Versuche waren und sind, Souveränität zu gestalten, lernt er hier. Vor allem aber schätzt der Rezensent die durch die Lektüre gewonnene Einsicht in die Dynamik der Entwicklungen in Europa. Ein Blick auf vormoderne Vorstellungen von Europa in einem Beitrag etwa zeigt ihm, dass Geopolitik nicht immer das ausschlaggebende Kriterium war. Als Aufruf zum Erhalt von Heterogenität versteht Loth den Band auch.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.04.2015
Schade, schade, scheint Hedwig Richter zu sagen. Der von Ulrike Jureit und Nikola Tietze herausgegebene Band verpasst viele Chancen, meint sie, die spannende Auflösung, Neuordnung und Überlagerung von Räumen und Herrschaftsansprüchen in Europa sozial und geisteswissenschaftlich zu analysieren. Zu viele akademische Leerformeln stehen laut Richter im Weg, und der Gestus der Entlarvung (der EU und ihrer Machtspiele), findet sie, trübt den Erkenntnisgewinn vieler Beiträge. Immer wenn die Autoren Grundlegendes zur Entwicklung des europäischen Territoriums zu sagen haben (wie die Soziologen Petra Deger und Sebastian Büttner, so Richter), horcht die Rezensentin hingegen auf. Das gilt besonders auch für den Text der Historikerin Steffi Marung, die Richter wertvolle Hintergrundinformationen zu den Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer liefert.
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