Mittelwärts - Sequenzen ICH NAHM mein Kindheitsflüßchen auf den Rücken mit Gras im Mund mit toten Fischen mein Rücken schmerzte nicht mit Gras kein Ruderschlag kein Nachen, ich nahm's nicht schwer und trug es weit über das Land das Land so flach gespreizte Straßenzüge die Rippen waren kräftig auch die Schultern schmerzten nicht, im Mund die Sprache fremd doch sehr klein blieb das Flüßchen wortlos in einem großen Land mit Gras im Mund es rann und tröpfelte in einer Spur in einem großen Land gespreizter Himmel ich hatte nie gedacht, daß ich es weitertrüge mit Entzücken mit toten Fischen nahm ich mein Kindheitsflüßchen flach und sprachlos jetzt der Mund der Rücken aufrecht gegen die Sonne grüne steile Hänge rundum und trug es weit
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 28.06.2006
Ein bisschen enttäuscht wirkt Nico Bleutge vom jüngsten lyrischen Werk Ursula Krechels. Die Autorin spürt in ihrem Langgedicht "Mittelwärts" dem amerikanischen Vorstadtleben nach, das sie während einer Gastprofessur in St. Louis kennen gelernt hat, und taucht dabei auch in die eigene Erinnerungswelt ab, stellt der Rezensent fest. Krechel weise zwar versteckt auf Walt Whitman mit seinem Glauben an eine Einheit von Ich und Welt hin, mache aber gleichzeitig deutlich, dass die Welterfahrung des lyrischen Ich ihres Gedichts längst nicht mehr ungebrochen ist, so der Rezensent. Nicht gefallen haben ihm die Einschübe mit betont lautmalerischem Charakter und auch das Insistieren auf Gefühle von Fremdheit und Selbstverlust des Ich im fremden Land ist dem Rezensenten zu aufdringlich. Das findet Bleutge deshalb so bedauerlich, weil er ansonsten von Krechels versierten Variationen der Motive sehr eingenommen ist.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 13.06.2006
Ursula Krechels Langgedicht "Mittelwärts" sei aus Anlass einer USA-Reise der Autorin entstanden, verrät uns Rezensent Werner Jung in seiner auf Information bedachten, im Ton aber wohlwollenden Besprechung. Der Ton knüpfe an ihren Band "Kakaoblau" von 1989 an und steht für den Rezensenten in der Tradition der Neuen Subjektivität oder auch Rolf Dieter Brinkmanns "Westwärts 1&2". Ursula Krechels Gedicht suche die unscheinbaren Eigenheiten der fremden Landschaft und Kultur. "Pointilistisch" nennt der Rezensent solcherart Beschreibungen und verweist auf das Wort "Kinderneugier" im Gedicht. Andere Passagen enthielten Gedanken zum Reisen wie beispielsweise zur befremdlichen Zeitwahrnehmung in der Fremde.
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