Zitronen
Roman

Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783518431726
Gebunden, 186 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
August Drach wächst in einem Haus am Dorfrand auf, das Hölle und Paradies zugleich ist. Der Vater, von sich und dem Leben enttäuscht, misshandelt seinen Sohn, Zärtlichkeit hat er nur für die Hunde übrig. Trost findet August bei seiner Mutter, die ihn liebevoll umsorgt. Doch als der Vater die Familie verlässt, verwandelt sich die Zuwendung der Mutter: Sie mischt August heimlich Medikamente ins Essen, schwächt das Kind, macht es krank; von seiner Pflege verspricht sie sich Aufmerksamkeit und Bewunderung. Erst Jahre später gelingt es August, sich aus den Fängen der Mutter zu befreien, ein unabhängiges Leben zu führen, erste Liebe zu erfahren. Doch wie lernt ein erwachsener Mensch, das Rätsel einer Kindheit zu lösen, in der Grausamkeit und Liebe untrennbar zusammengehören? Wie durchbricht er den Kreislauf von Lügen und Betrügen? Und was passiert, wenn sich dieser Mensch, Jahre später, an den Ursprung des Schmerzes zurückwagt?
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 10.06.2024
Viel Freude hat Rezensentin Judith von Sternburg an Valerie Fritschs Roman. Und das, obwohl es darin für die Hauptfigur August wenig zu lachen gibt. Der Junge leidet, erfahren wir, unter seiner ihn absichtlich quälenden Mutter, früher litt er auch unter seinem brutalen Vater, aber der ist nun fort. Erzählt ist das Buch, so Sternburg, aus einer allwissenden Perspektive, die Partei nimmt für August, aber gleichzeitig soweit wie eben möglich um Objektivität bemüht ist. Den Figuren, zu denen sich schließlich noch ein Arzt gesellt, der sich in die Mutter verliebt und August zumindest ein bisschen versteht, eignet laut Rezensentin eine gewisse Passivität und Langsamkeit im Verstehen und Handeln. Die Erzählung, in die später auch noch ein Zeitsprung einbricht, hat selbst da, wo sie ausnahmsweise von Glück handelt, etwas Träges, erläutert Sternburg - die freilich eben diese Trägheit, in Verbindung mit den geschliffenen, aber nie neunmalklugen Sätzen der Autorin, sehr schätzt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 10.06.2024
Eine faszinierende Idee, die mangelhaft umgesetzt wurde: So beschreibt Rezensentin Nadine A. Brügger Valerie Fritschs Roman. Es geht, erfahren wir, um einen Fall des Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms: Mutter Lilly kann ihren Sohn August nur lieben, wenn es diesem schlecht geht. Und ist es zunächst der gewalttätige Vater, der die Wunden verursacht, die Lilly heilen kann, muss sie die Krankheit des Sohnes nach dem Verschwinden ihres Mannes später selbst erzeugen. Das zieht sie durch, erfahren wir, bis er im Rollstuhl sitzt. Sprachlich ist das fast durchweg fein und klug reduziert gearbeitet, in einem sezierenden, quasiwissenschaftlichen Stil, meint Brügger. Freilich gewinnt die Erzählwelt für die Rezensentin nie genug Tiefe, wirkt wie ein bloßes Modell, in dem Figuren hin und her geschoben werden. Eher eine Skizze als ein lebendiger Roman ist das, schließt die recht enttäuschte Rezensentin.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.03.2024
Einen typischen Roman von ihrem "Schreibtisch aus dem Grand Hotel Abgrund" hat Valerie Fritsch hier vorgelegt, meint Rezensent Klaus Nüchtern: alles in dieser erzählten Welt ist verkommen und düster. Die Hauptfigur August Drach hat von Kindesbeinen an ein schweres Schicksal, vom gewälttätigen Vater kommt er zu Mutter mit Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Aber auch alles andere an diesem Schauplatz ist von einer "exquisiten Patina des Ruinösen" überzogen, so der Kritiker, die Dorfbewohner sind suizidär und desillusioniert, Wärme und Empathie gibt es nicht. Gewalt besetzt jeden Winkel dieses Romans, so der Rezensent. Allerdings sieht er auch die Sprache selbst von ihr bedroht: die "metaphorische Massenkarambolage", die Fritsch hier veranstaltet, scheint Nüchtern eher auf die Nerven zu gehen - unter anderem bedient sich die Autorin bei ihren Vergleichen inflationär in der Begriffswelt der Mode ("Mantel des Schweigens"), seufzt der Kritiker. All das zeugt von einem Maß an "zynischem Kalkül", wie es der Rezensent noch selten gesehen hat.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 06.03.2024
Valerie Fritsch schildert in ihrem neuen Roman einen "Echoraum der Gewalt", schreibt Rezensent Christoph Schröder. Der Roman ist dabei in zwei Teile unterteilt. In dem einen lebt der junge August Drach in einer dysfunktionalen Familie: Der Vater schlägt ihn und verschwindet später spurlos, die Mutter sehnt sich nach einem glamourösen Leben und macht ihren Sohn nach dem Verschwinden des Vaters krank, resümiert Schröder. Im anderen Teil wird er von einem Arzt von seiner Mutter getrennt und lebt fortan mit den Schäden, die ihn seine Familie bereitet hat, welcher er allerdings nicht versteht, lesen wir. Gut recherchiert wirkt dieses "originelle Sujet" allemal, bemerkt Schröder. Die Autorin vermag es, die Empfindungen ihrer Figuren zu beschreiben, ohne ihnen die Geheimnisse zu nehmen, lobt der Kritiker. Ein eindrucksvoller Roman von einer "großen Erzählerin", schließt Schröder.