Herausgegeben von Stephan Schmitz. Willy Peter Reese ist erst zwanzig Jahre alt und will Schriftsteller werden, als er zur Wehrmacht eingezogen und an die Ostfront geschickt wird. Von 1941 bis 1944 schreibt er auf, was er erlebt - unbarmherzig gegen sich selbst und mit unverstelltem Blick. In den Pausen zwischen den Gefechten und im Schützengraben entstehen so Bekenntnisse und Berichte von bedrückender Intensität. Stefan Schmitz präsentiert diesen ungewöhnlichen Fund und ordnet ihn biografisch und historisch ein: Ein Dokument des Grauens über den Prozess einer ungeheuren Entmenschlichung. Und eine Anklage gegen den Krieg, die weit über den Kontext ihres Entstehens hinausreicht.
Lesenswert, ja geradezu "aufregend" findet Heribert Hoven diese Erinnerungen des 23-jährigen Wehrmachtssoldaten Willy Peter Reese vor allem wegen des Vorworts des Herausgebers und Stern-Journalisten Stefan Schmitz. Ohne dieses Vorwort, das etwa ein Drittel des Buches ausmache, hätte das Buch "niemals erscheinen dürfen", findet Hoven. Reese, der 1944 bei Witebsk gefallen ist, begegne dem Leser als Täter und Opfer zugleich. "Irritierend doppelgesichtig" empfindet Hoven diesen jungen Mann, der seine Aufzeichnungen als Vorarbeit zu einem großen künstlerischen Werk über den Krieg geplant hatte. Ein Gegner der Nazi-Ideologie sei er gewesen, doch zugleich habe er in vollem Bewusstsein der Schändlichkeit seines Tuns an der Ermordung von Juden mitgewirkt. Kein Mitleid hat Hoven mit dem Gefallenen, weil sich dessen "Eingeständnis der Barbarei als Schicksalsergebenheit drapiert". Und genau deshalb ist Hoven wohl froh, dass das Vorwort alles ins rechte Licht rückt und die Aufzeichnungen Reeses eine "Mahnung an die Nachgeborenen" nennt.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 25.09.2003
Wolfram Wette legt allen eine widersprüchliche, einzigartige, "faszinierende" und "erschreckende" Lektüre ans Herz: Die Aufzeichnungen des 1944 verschollenen Wehrmachtssoldaten Willy Peter Reese, "halb Kriegstagebuch (...) halb literarische Verarbeitung des Erlebten". Faszinierend deshalb, weil der Verfasser, ein gebildeter junger Mann, nicht nur das Kriegsgeschehen um ihn herum, sondern auch die seelischen Veränderungen in seinem Innern präzise zu beschreiben vermochte. Und erschreckend, weil Reese die schaurige Selbstentfremdung dokumentierte, die das Leben an der Front in ihm bewirkte, bis er, eigentlich ein Pazifist, irgendwann nicht mehr zurückfand ins zivile Leben und sich immer wieder freiwillig zurück an die Front meldete - nur der Stress des Kampfes versprach Rettung vor der "inneren Leere". Erschreckend aber auch deshalb, weil "der junge deutsche Bildungsbürger Willy Reese bei allen literarischen Fähigkeiten in politischen Angelegenheiten gänzlich blind war. (...) Das Töten und Sterben um ihn herum deutete er metaphysisch". Ein Dokument der Schrecken des Krieges, umso eindringlicher auf Grund des Talents des Verfassers; ergänzt durch "kundige zeitgeschichtliche und biografische Kommentare" des Herausgebers.
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