Wolfgang Engler

Brüche

Ein ostdeutsches Leben
Cover: Brüche
Aufbau Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783351042455
Gebunden, 347 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Mit Blick auf die gegenwärtigen Erosionen der deutschen Gesellschaft und nach einer eigenen tiefen inneren Krise schreibt der Soziologe Wolfgang Engler sein persönlichstes Buch. Er legt Zeugnis ab, wie es kaum jemand seiner Generation und Herkunft bislang in Deutschland getan hat. Orientierung sind dabei vor allem die Bücher französischer Autoren der letzten Jahre. Édouard Louis, Didier Eribon und Annie Ernaux - ihre Schilderungen über Klassen- und Lagerwechsel, soziale Verwerfungen und politische Einschnitte sind Engler Wegmarken, anhand derer er seinen eigenen Lebensweg und den der Gesellschaft, aus der er kam und in die er ging, erzählt. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2025

Rezensent Moritz Rudolph findet Wolfgang Englers Autobiografie spannend und in der Reihe der Aufstiegsgeschichten besonders. Die Ostsozialisation als Arbeiterkind, der Aufstieg zum Unidozenten, dann die bruchlose Fortsetzung der Karriere im Westen. Einerseits ungewöhnlich, andererseits durchaus die Norm, wie der Autor zeigen kann, denn in der DDR war der Aufstieg "normal", pflegten Arbeiter und Akademiker denselben Habitus. Dass sich das Buch "wie eine Wiedergutmachung an den Ossis" liest, über die Engler als Soziologe nach dem Mauerfall medienwirksam schrieb und urteilte, birgt für Rudolph die Gefahr der Weichzeichnung. Eindrucksvoll in den Schilderungen der Atmosphäre in der DDR und pointenreich findet er das Buch dennoch.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.05.2025

Rezensent Peter Richter empfiehlt diese "Gelehrtenbiografie" von Wolfgang Engler zur "dringenden" Lektüre: Dass er stilistisch "herausragend" ist, hat Engler schon mit seinen früheren Büchern bewiesen, die ebenfalls die ostdeutsche Identität in den Blick nahmen. Nun geht es um Englers eigenen Geschichte: Mit fünf Jahren kommt er von Dresden nach Ostberlin, ein kleiner Kulturschock für den Jungen, der fortan nicht aufhören kann sich selbst "von außen" zu betrachten. Engler liest mit Begeisterung die "Klassiker des Kommunismus" und macht sich ironischerweise schon allein dadurch in seinem Umfeld zum Außenseiter, erklärt der Kritiker, später studiert er marxistische Philosophie und steigt zum "Hausphilosophen" am Institut für Schauspiel auf, wo er soziologische Studien weiterverfolgen konnte. Engler bleibt im Osten, fühlt sich dem Westen aber näher und kann nach dem Mauerfall ohne Probleme an westdeutschen Unis lehren - was bleibt ist jedoch ein nicht abzustreifendes Schuldgefühl seinen Landsleuten gegenüber, so der Kritiker. Das drückt sich im "fast schon katholischen Beichtdrucks und Bekenntniswillen" aus, der für Richter aus diesen Zeilen spricht. Der Zwiespalt zwischen dem Stolz über den eigenen Erfolg und der "sozialen Scham" hat außerdem viele Parallelen zu marxistischen, französischen AutorInnen, wie Didier Éribon und Annie Ernaux, auf die Engler auch referiert. Der Rezensent ist jedenfalls restlos überzeugt.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 11.04.2025

Mit "Die Ostdeutschen - Kunde von einem verlorenen Land" und "Die Ostdeutschen als Avantgarde" hat der Soziologe Wolfgang Engler einiges dazu beigetragen, die Mentalitäten der DDR-Gesellschaft zu erklären, erinnert sich Rezensent Marcus Heumann. Mit seiner ungewöhnlichen autobiografischen Erzählung "Brüche" prüft er frühere Thesen nun an den eigenen Erfahrungen, so Heumann. Ungewöhnlich und erfrischend an Englers Ansatz sind sowohl die Erzählweise als auch der Fokus, stellt der Rezensent fest. Schuld und Scham etwa treiben ihn durch die eigene Biografie, aus der er einzelne Entscheidungen, Phasen und Erfahrungen herausgreift und kritisch untersucht, dabei aber die eigenen Überzeugungen immer wieder anhand von Denkmodellen anderer Geisteswissenschaftler in Frage stellt. Auch seine ambivalenten Positionen zu gegenwärtigen Diskursen und Konflikten sind durchaus interessant, da er sie stets in einen historischen Kontext also in Beziehung setzt zu seiner DDR-Sozialisierung, lesen wir. Angesichts dessen kann der Rezensent über so einige "inhaltliche Disproportionen" sowie über das teilweise mangelhafte Lektorat hinwegsehen. 

Beliebte Bücher

Julian Barnes. Abschied(e). Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln, 2026.Julian Barnes: Abschied(e)
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte…
Elias Hirschl. Schleifen - Roman. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2026.Elias Hirschl: Schleifen
Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In…
Dorothee Elmiger. Die Holländerinnen - Roman. Carl Hanser Verlag, München, 2025.Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen
Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter…
Leila Slimani. Trag das Feuer weiter - Roman . Luchterhand Literaturverlag, München, 2026.Leila Slimani: Trag das Feuer weiter
Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…