Ungleich vereint
Warum der Osten anders bleibt

Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783518029893
Kartoniert, 168 Seiten, 18,00
EUR
Klappentext
"Wer in der Ost-West-Debatte mit Schuldbegriffen operiert, ist schon auf dem Holzweg." Die Diskussion über Ostdeutschland und das Verhältnis zwischen Ost und West flammt immer wieder auf. Sei es anlässlich runder Jubiläen, sei es nach Protesten. Und dennoch gibt es in dieser Debatte keine Verständnisfortschritte. Sie dreht sich im Kreis, auf Vorwürfe folgen Gegenvorwürfe: "Ihr seid diktatursozialisiert!" - "Ihr habt uns ökonomisch und symbolisch kleingemacht!"Im November jährt sich der Mauerfall zum 35. Mal. Bereits zuvor könnte die AfD aus drei Landtagswahlen als stärkste Partei hervorgehen. In dieser Lage meldet sich Steffen Mau mit einer differenzierten Intervention zu Wort. Mau setzt sich mit prominenten Beiträgen auseinander und widerspricht der Angleichungsthese, laut der Ostdeutschland im Lauf der Zeit so sein werde wie der Westen. Aufgrund der Erfahrungen in der DDR und in den Wendejahren wird der Osten anders bleiben - ökonomisch, politisch, aber auch, was Mentalität und Identität betrifft. Angesichts der schwachen Verwurzelung der Parteien plädiert Steffen Mau dafür, alternative Formen der Demokratie zu erproben und die Menschen etwa über Bürgerräte stärker zu beteiligen.
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Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 14.09.2024
Steffen Mau liefert in seinem Buch ungewöhnliche Ansätze, mit den auch 35 Jahre nach dem Mauerfall noch bestehenden Unterschieden zwischen Ost und West umzugehen: Statt davon auszugehen, der Osten habe sich an den fortschrittlicheren Westen anzugleichen, dreht er den Spieß um, erklärt Rezensent Franz Paul Helms. Mau geht davon aus, dass etwa der zunehmende Rechtsruck eine Entwicklung ist, die auch im Westen zu folgen droht und schlägt deswegen vor, den Osten als "Labor für Experimente neuer demokratischer Partizipationsformen" zu verstehen, etwa in Form von Bürgerräten. Helms nimmt aus der Lektüre viele wichtige Anregungen mit.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.07.2024
Laut der hier rezensierende Historikerin Christina Morina bietet das neue Buch des Soziologen Steffen Mau eine Menge bedenkenswerte Ideen zur Demokratie und Impulse für eine sachliche Debatte darüber. Schon darum wünscht Morina dem Band viele Leser. Wenn Mau ausgerüstet mit der neueren politikwissenschaftlichen Demokratieforschung sozialen Ungleichheiten zwischen Deutschland Ost und West nachgeht, hat Morina allerdings auch Einwände, etwa gegen die von Mau für den Zustand der ostdeutschen Gesellschaft eingeführte Metapher der "Ossifikation", die sie zu statisch findet. Gut belegen kann ihr der Autor aber, wie nachhaltig die Geschichte in den ehemaligen Gebieten der DDR nachwirkt in Strukturen und Identitäten. Maus Vorschläge für eine "bürgernahe" Demokratiepraxis scheinen Morina allerdings wieder zu wenig durchdacht bzw. ausgeführt.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 28.06.2024
Rezensent Marc Reichwein referiert die Gedanken des Soziologen Steffen Mau und verleiht seiner Begeisterung für Maus "fachübergreifende Neugier" und seine vielfältige Perspektive auf das Phänomen Ostdeutschland Ausdruck. Maus Buch bietet den wissenschaftlichen, aber auch alltagsorientierten Hintergrund für das politische Geschehen im Land ab, findet Reichwein. Laut Rezensent geht Mau gewohnt klar und differenziert vor, wenn er der Sozialstruktur und dem "kulturellen Eigensinn" des Ostens nachspürt, wenn er feststellt, dass die Ostidentität mitnichten verschwunden ist, und dafür den bildhaft schillernden Begriff der "Ossifikation" einführt. Maus richtungsweisender Vorschlag gefällt Reichwein gut: eine Belebung der politischen Kultur im Osten etwa durch Bürgerräte.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 14.06.2024
Rezensent Cornelius Pollmer sieht im neuen Buch des Soziologen Steffen Mau eine Arbeit zur rechten Zeit im richtigen, nämlich "leichtfüßigen" Ton. Konstruktiv ist Maus Buch auch, verspricht Pollmer, da es die Unterschiede zwischen Ost und West in diesem Land nicht nur benennt, sondern auch fragt, wie es mit der AfD weitergehen oder wie Partizipation aussehen könnte. Auch wenn der Autor bisweilen bloß Fakten collagiert, verschlingt Pollmer die Seiten regelrecht. Was er über Parteienbildung, Aufarbeitungsprozesse und Fehler hüben wie drüben liest, ist nun mal ein heißes Thema.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.06.2024
Mut macht Rezensent Tobias Rüther die Lektüre dieses Buchs des Soziologen Steffen Mau. Und das, obwohl es um ein Thema geht, bei dem sich ansonsten alle in die Haare bekommen, nämlich das Verhältnis von Ost- und Westdeutschland. Mau plädiert laut Rezensent dafür, wie schon der Titel nahelegt, die Unterschiede gelten zu lassen und nicht gleich einebnen zu wollen. Stattdessen geht er auf Distanz zu den drängenden tagesaktuellen Diskursen und legt den Lesern nahe, dies ebenfalls zu tun, so Rüther. Unter anderem geht es bei Mau um die Art und Weise, wie in der Literatur inzwischen ein innerostdeutscher Dialog über den Blick auf die DDR entstanden ist, wobei der Westen als mitgedachtes Publikum stets präsent ist. Als Hauptproblem macht Mau dem Kritiker zufolge den erstarkenden Rechtspopulismus aus, der die Schwäche der ostdeutschen Zivilgesellschaft ausnutzt. Eben die gilt es zu stärken, so die abschließende Forderung im Buch, zum Beispiel durch die Einrichtung von Bürgerräten. Wenn die dann eines Tages auch in Westdeutschland eingeführt werden, dann hat der Osten auch die gesamtdeutsche Einheit vorangebracht, fasst der Kritiker Maus Anliegen zusammen.