Als Goethe am 19. Oktober 1806 zum Entsetzen der Weimarer Gesellschaft die Mutter seines fast erwachsenen Sohnes heiratete, lag eine krisenhaft zugespitzte Folge traumatischer Ereignisse hinter ihm: Schillers Tod am 9. Mai 1805, Nierenkoliken, die ihm das Leben zur Hölle machten, schließlich am 14. Oktober 1806 der Sieg von Napoleons Truppen bei Jena und Auerstedt: Weimar war freigegeben zur Plünderung, der Tod allgegenwärtig. Nie stand das mögliche Ende Goethe so nah vor Augen, und er wollte, so wird gesagt, Frau und Sohn im Falle seines Todes versorgt wissen. Doch ist das als Erklärung für seine späte Heirat hinreichend? Wolfgang Frühwald zeigt, daß es wirklich Liebe war, die Goethe zu diesem Schritt bewog eine Liebe, die sich nicht mehr um die feinsinnige Trennung von Sexualität und Freundschaft, bürgerlicher Ehe und Triebbefriedigung scherte. Der Nachweis gelingt Frühwald in einer packenden Synopse des Schicksalsjahres 1806 sowie in der Betrachtung von poetischen Texten, in denen Goethe "Barrieren gegen den Tod" errichtete.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 27.11.2007
Angetan berichtet Rezensent Gustav Seibt von Wolfgang Frühwalds "nachdenklichem" Vortrag über Goethes Hochzeit. Der Interpretation dieser späten, von vielen Seiten argwöhnisch betrachteten Eheschließung mit Christiane Vulpius als einem Vorgang "gelingender Lebensbewältigung" kann er sich nur anschließen. Besonders deutlich wird für ihn Goethes für damalige Verhältnisse recht moderne Auffassung der Ehe als einer Beziehung, in der Liebe, Sexualität und Treue im Einklang stehen. Die so verstandene Ehe habe Goethe geholfen, seine Lebenskrise zu überwinden. Für Seibt eine "wundervolle Geschichte", die Frühwald in seinen Augen "klug reflektiert" erzählt.
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