Bücher der Saison

Reisereportagen

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
05.11.2018. Nach Istanbul, über Gewürzgrenzen, durch die Poebene, an den Donbass, nach Thrakien und über die Baikal-Amur-Magistrale.

Cover: IstanbulFasziniert haben die Kritiker auch Bettany Hughes Geschichte "Istanbul" gelesen Die britische Historikerin reist durch die Jahrtausende einer Stadt, die nie an Magie einbüßte, egal welches Reich in ihr sein Zentrum hatte und egal welchen Name es ihr gab: Byzanz, Konstantinopel oder Istanbul. In der FAZ betont Maurus Reinkowski besonders, dass Hughes hier keine Verfallsgeschichte erzählt und auch nicht den Gegensatz von Europa und Asien zu Tode reitet. In höchsten Tönen lobt Justin Marozzi im Guardian diese vor Lebendigkeit vibrierende Stadtgeschichte, denn Hughes führt ihm sehr anschauliche vor Augen, was das wirklich ist, eine kosmopolitische Stadt.

Cover: Atlas der MittelmeerinselnIm Mittelmeer gibt es mehr 4.300 Inseln. Der italienische Schriftsteller Simone Perotti hat mit seinem Segelschiff 42 von ihnen angesteuert und in literarischen Miniaturen in diesem "Atlas der Mittelmeerinseln" festgehalten In der taz ist Tim Caspar Boehme hingerissen von diesem Werk, denn Perotti eröffnet damit eine mögliche Neuvermessung des Mittelmeers: Wie wäre es denn, fragt Boehme nach der Lektüre, mit einer Aufteilung in "Inseln des Wortes", "Inseln der Tragödie" und "Inseln des Schweigens"? Und würden Gewürzgrenzen nicht vielleicht eine Landkarte ergeben, die eher das Verbindende als das Trennende stark macht? Für die Zeit hat Judith Innerhofer den Seefahrer auf der Mediterranea begleitet.

Cover: Die Seele des FlussesCover: Die seltsamsten Orte der AntikePaolo Rumiz' Reisereportage "Die Seele des Flusses" ist bereits im Frühjahr erschienen, aber vielleicht ein wenig untergegangen. Der italienische Reporter der Repubblica reist darin den Po entlang und erzählt von Mythen und Kultur, Reisanbau und Brückenwesen, Schweinezucht und industrieller Verschmutzung. SZ und FAZ waren begeistert. Die NZZ folgte dem Althistoriker Martin Zimmermann voller Abenteuerlust zu den "Seltsamsten Orten der Antike", etwa zur gemonischen Treppe in Rom oder zu einem Hundesfriedhof in Mesopotamien

Cover: GrauzoneIn ihrem Buch "Grauzone" berichten die Journalistin Jutta Sommerbauer und der Fotograf Florian Rainer von ihrer Reise in den Donbass, also in jenes Gebiet im Osten der Ukraine das nurmehr Kriegsgebiet ist, seit Russland es aus der Ukraine herausgeschlagen ist. taz-Kritiker Daniel Schulz liest in diesem Buch der beiden österreichischen Reporter von einem surrealen Alltag, von Ausweglosigkeit und Tristesse, aber auch von Galgenhumor und einer unfassbaren Lebensfreude. Das alte Thrakien im Grenzgebiet von Bulgarien, Griechenland und der Türkei mag am Rande Europas liegen, aber für die bulgarisch-britische Schriftstellerin Kapka Kassabova irgendwie auch in der Mitte der Welt. In ihren Reportagen "Die letzte Grenze" erkundet sie diese Region mit ihren Schmugglern, Wilderern und verlassenen Dörfern. Hier eine Leseprobe in unserem Vorgeblättert. Die SZ lernt von Kassabova, dass der Sinn einer Grenze in ihrem Überqueren liegt.

Olivier Rolin ist ein in Frankreich sehr bekannte Romancier, der in vielen seiner Bücher seine eigene, einst totalitäre Ideologie reflektiert - er gehörte zu den französischen Maoisten. Für "Baikal-Amur" reist er gewissermaßen über ein 4.000 Kilometer langes Grab. "Die Baikal-Amur-Magistrale verläuft nördlich der Transsibirischen Eisenbahn zwischen Taischet und dem Pazifischen Ozean. Geplant zur Erschließung Sibiriens, wurde sie in den 1920er-Jahren zu einem Monument des stalinistischen Terrors, für das Hunderttausende von Zwangsarbeitern ihr Leben ließen", informiert der Klappentext. Bewegt berichtet Alex Rühle in der SZ über diese literarische Suche nach den schütteren Überresten des Terrors in einer verlorenen und zugleich oft überwältigend schönen Landschaft.

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