Szene aus "Lucia die Lammermoor" an der Opéra Comique in Paris. Foto: Herwig Prammer/Herwig PRAMMER Angetan ist Welt-Kritiker Manuel Brug von Evgeny Titovs Inszenierung der französischen Fassung von Gaetano Donizettis Oper "Lucia di Lammermoor" in der Opéra-Comique in Paris. Für die Aufführungen an Pariser Opern galten zu Donizettis Lebzeiten ganz eigene Regeln, lernt der Kritiker, weshalb sich diese Version in manch dramaturgischer Entscheidung von Original unterscheidet, es gibt zum Beispiel weniger Figuren. Außerdem geht es in dieser Fassung "deutlich blutiggrimmiger" zu, wie er staunt: "Die Regie stellt ihre Figuren aus, aber nimmt sie ernst: die wahnsinnige Lucia, die dem an die Wand gespießten Arturo das Herz entnommen hat und jetzt als Fetisch in höchster Vokalexzellenz koloraturbegräbt - bevor sie in Henris Schoß ihren letzten Ton haucht; den nur noch passiven Bruder; schließlich den im wunderfeiner Ariensingnot sich selbstmordenden Edgard. Ein Opfer auch er. So ist diese durchaus andere 'Lucie de Lammermoor' musterhaft gelungen."
Weitere Artikel: Jan Wiele resümiert für die FAZ die Highlights des "43. Heidelberger Stückemarkt". Hubert Spiegel berichtet ebenfalls für die FAZ vom Eröffnungsabend der Ruhrfestspiele am Wochenende. Christine Dössel porträtiert in der SZ den dreifach ausgezeichneten Schauspieler Thomas Schmauser. Besprochen wird Markus Bothes Inszenierung von Monteverdis "L'Orfeo" im Schlosstheater von Schwetzingen (FR).
Leider gar nicht gruselig, sondern "falsch traurig" findet Simon Strauß in der FAZPhilippe Quesnes "Spooky Paradise" an der Berliner Volksbühne, denn die Inszenierung kann sich nicht dazu entschließen, entweder etwas zu erzählen oder sich zumindest ganz dem Wahnsinn hinzugeben, alles ist Optik ohne Tiefgang: "Kein Vorgang, der eine irgendwie geartete Handlung voranbringt, alles ist Zeichen, nichts ist Ziel. Das wirkt schnell ermüdend und langweilig, auch wenn die vielen Requisiten und Kostüme (Tabea Braun) das Auge immer wieder kurz erfreuen. Aber der Zuschauer lebt eben nicht vom visuellen Brot allein, er möchte hin und wieder schon auch etwas ernsthaft Sinnliches zu beißen bekommen. Und wenn ihm das so nachdrücklich verwehrt wird wie hier, dann überkommt ihn mitunter der Hungerzorn."
Jakob Hayner hat sich für die Welt den Auftakt des Berliner Theatertreffens angeschaut, bei dem der Intendant Matthias Pees mit seiner angenehm unaufgeregten Rede für ihn "den richtigen Ton" trifft: "Kulturaktivistischer Übermut tut selten gut, warnt er und fragt zugleich, wo eigentlich heute die konservative Kulturpolitik sei, wenn man sie dringend braucht. Dem versammelten Theaterbetrieb empfiehlt Pees ein paar Lektionen in Antihybris oder Sophrosyne, wie es in der Antike hieß. Also Besonnenheit, Mäßigung, Selbstbeherrschung, gesunder Menschenverstand. 'Geben Sie Gelassenheit!', ruft Pees. Feiern die 'stoischen Gangarten', wie das neueste Buch von Helmut Lethen heißt, in Zeiten erhöhter Erregbarkeit ein großes Comeback? Es ist zumindest ein kluger Rat, sich trotz allem erst einmal nicht kirre machen zu lassen."
Weiteres: Das Radikal-Jung-Festival in München kann Ella Rendtorff in der taz nicht begeistern. Marco Goecke darf sich am Theater Basel reumütig rehabilitieren, berichtet Martina Wohlthat für die NZZ.
Besprochen werden: Jette Steckels "Mephisto", das das Ensemble der Münchner Kammerspiele auf dem Berliner Theatertreffen aufführt (Nachtkritik), Christoph Marthaler inszeniert Monteverdis Oper "L'incoronazione di Poppea" am Königlichen Theater Kopenhagen (FAZ), Tiago Rodrigues inszeniert Wagners "Tristan und Isolde" bei den Wiesbadener Maifestspielen (FR).
Thomas Schmauser als Mephisto an den Münchner Kammerspielen. Foto: Armin Smailovic Der Schauspieler Thomas Schmauser hat letztes Jahr die drei bedeutendsten deutschen Theaterpreise gewonnen. Seine "flackernd feinnervige Schauspielkunst" kann man demnächst auch beim Theatertreffen in Berlin bewundern, wo er als "Mephisto" in Jette Steckels Inszenierung für die Münchner Kammerspiele auftritt, erzählt Christine Dössel (SZ) in ihrem Porträt des Schauspieler: "Der 53-Jährige verkörpert die Figur völlig vor- und werturteilsfrei. Als Theater-Maniac, der er auch selbst ist, stürzt er sich radikal - mit schlaffem Leib und wunder Seele - in den Absolutismus dieses Charakters, der die Kunst über alles setzt und glaubt, als Schauspieler der Politik entkommen zu können. Höfgens Credo: 'Es gibt kein Außerhalb von Theater.' Sein Körper weiß es besser und reagiert auf seine eigene Weise. Knickt ein, schlottert vor Angst, wabbelt, zappelt. Schmausers Höfgen hat epileptische Panikattacken, wie auch Gründgens sie hatte, und er liebt heimlich Männer, so wie jener. Die Bandbreite, mit der Schmauser das spielt, von steifer Verdruckstheit bis hin zu explosiven An- und Ausfällen, ist enorm und hat etwas schmerzhaft Pathologisches."
Szene aus "Serotonin" mit Guido Lambrecht. Foto: Thomas M. Jauk Ebenfalls zum Theatertreffen eingeladen ist Sebastian Hartmann - und zwar gleich zwei Mal: mit seiner Inszenierung des "Hauptmanns von Köpenick" am Staatstheater Cottbus und der Adaption von Michel Houellebecqs Roman "Serotonin" am Hans Otto Theater in Potsdam. Jakob Hayner hat ihn für die Welt getroffen und ist beeindruckt von Hartmanns Kunstverständnis: "Hartmann wird nachgesagt, einer der letzten Romantiker des Theaters zu sein. Einer, der noch an die Kunst glaubt. Man versteht jedenfalls, was gemeint ist, wenn er von der Metaphysik des Theaters spricht. 'Die Kunst hat einen schöneren Klang, wenn sie mit der Seele in Kontakt tritt, nicht mit einem Diskurs', sagt Hartmann. 'Der Rest ist Realpolitik. Die bringt uns nur als Konsumenten zusammen, aber nicht als Menschen, die in ihrem Wesen immer mehr zurückgedrängt werden.'"
Im Interview mit der taz sprechen Hartmann und der Schauspieler Guido Lambrecht über Houellebecqs "Serotonin", aus dem sie ein fünfstündiges Solo für Lambrecht destilliert haben - was nicht nur wie ein Marathon klingt, sondern wohl auch einer ist: "Nach zwei Stunden kann Guido nicht mehr, das ist zu beobachten", sagt Hartmann. "Dann hört der Transport des Spielers auf. Dann beginnt der Spieler einsam zu sein, kommt in den Gedankenfluss. Für mich hat der Abend einen meditativen Charakter. Wenn man begreift, dass nichts anderes passiert, beginnt etwas Merkwürdiges. Man löst sich von seiner Erwartungshaltung. Halte ich das fünf Stunden aus? Das ist irgendwann egal. Es beginnt so etwas wie eine gedankliche Autolyse. Man fängt an, in sich selber zurückzufallen."
Weiteres: Volker Zander besucht für die taz den Sänger Josef Protschka, der vor 70 Jahren als Zwölfjähriger bei der Uraufführung von Karlheinz Stockhausens "Gesang der Jünglinge" die Vokalstimme beigetragen hatte. Besprochen werden Philippe Quesnes "Spooky Paradise" an der Berliner Volksbühne (nachtkritik, Tsp), Sasha Schewelews Inszenierung von Caren Jeß' "Heartship" am Stadttheater Gießen (nachtkritik), Alize Zandwijks Inszenierung des "Hamlet" am Theater Bremen (nachtkritik), die Uraufführung von Robert Seethalers "Vernissage" in der Inszenierung von Jana Vetten am Theater Bamberg (nachtkritik), Jakob Arnolds Inszenierung von Schnitzlers "Ruf des Lebens" im Schlosstheater Moers (nachtkritik), Anna-Elisabeth Fricks "Anatomy of Failing" am Theater Kiel (nachtkritik), die Uraufführung einer performativen Klassenfahrt: "Speed - Auf den letzten Metern" von Sarah Viktoria Frick, Martin Vischer und dem Ensemble am Landestheater Niederösterreich (nachtkritik), Yannic Han Biao Federers "Asiawochen" in Heidelberg (FR), die Ballett-Trilogie "Van Manen / Kylián / Goecke" am Theater Basel (NZZ) und Donizettis "Lucia di Lammermoor", "musterhaft gelungen" als "Lucie de Lammermoor" aufgeführt an der Opéra Comique in Paris (Welt).
Szene aus Hundeherz. Foto: Thomas Aurin Welt-Kritiker Jakob Hayner schwirrt der Kopf, nachdem ihn Regisseurin Claudia Bauer am Schauspielhaus Hamburg mit Armin Petras' Adaption von Bulgakows Novelle "Hundeherz" eine "Tour de Force durch die Abgründe des Post- und Transhumanismus" absolvieren hat lassen. Petras versetzt Bulgakows Satire auf den Sowjetmenschen, in der einem Hund Hirnanhangdrüse und Hoden eines Alkoholikers implantiert werden, ins Silicon Valley und lässt den Hundemenschen auf der Bühne pöbeln und onanieren. Subtil ist das Ganze nicht: "Da ist vom 'finanziell-elektronischen-militärischen Komplex' die Rede oder von einem Wahrheitsministerium für die algorithmische Steuerung öffentlicher Diskussionen, euphemistisch als 'Optimierung der Meinungsmelodie' bezeichnet. Wer abweicht, riskiert mehrjährige Haftstrafen im Demokratieförderlager."
taz-Kritiker Jens Fischer bewundert zwar Schauspieler Oscar Olivio, der die Puppe so zum Leben animiert, dass er fast selbst zum Hund wird. Was die Regisseurin uns mit diesem "blutleeren Tohuwabohu" sagen will, bleibt ihm allerdings ein Rätsel: "Wer ist dieses Menschtier? Erst mit der Angst vor Katzen ausgestattet, mutiert es nach den Implantaten der Männlichkeit zum Katzenkiller. Ein Opfer wird Täter, der alle Andersartigen hasst, denn 'die suchen doch nur, was sie klauen können'. Ein xenophoberAfD-Wähler? Jedenfalls einer, der sich benachteiligt fühlt und sagt: 'In diesem Land dürfen nur die Intellektuellen schimpfen.'"
Auch Welt-Kritiker Manuel Brug ist von der Leipziger "Regina" ziemlich angetan: "Der versierte Bernd Mottl betont gekonnt die Aktualität dieses Dreiakters. Seine Inszenierung spielt mit einem altdeutschen, an die Krupp-Villa Hügel gemahnenden, staatstragenden Waffenfabrikanten-Ambiente, einem Keller für die mit (K.-o.-Tropfen-)Bier als Opium fürs Volk eingeschläferte Arbeiterschaft und dem Bombenlager einer Deutschlandfahnen schwenkenden, zur Wiederaufrüstung bereiten Nation." Lortzings ebenfalls in Leipzig zur Aufführung kommenden "Waffenschmied" findet Brug hingegen "arg altbacken".
Schaubühne - Needles and Opium. Foto: Tristram Kenton Noch ein Text vom FIND-Festival für Internationale Neue Dramatik an der Schaubühne (siehe auch hier). FAZler Christoph Weissermel scheint die diesjährige Auswahl insgesamt eher mittelinteressant zu finden; hin und weg ist er jedoch von Robert Lepages Miles-Davis-Stück "Needles and Opium", das in einer überarbeiteten Fassung präsentiert wurde: "'Wie verwandelt man Schmerz in Schönheit?', wird einmal gefragt, und in seiner vierten Inszenierung an der Schaubühne zeigt Lepage, wie genau er das weiß. In einem zum Publikum offenen, sich in alle Richtungen drehenden Kubus, in den Räume, Straßenszenen, Jazzclubs projiziert werden, liegen, wandeln, schweben die Schauspieler und schaffen so eine hypnotische, mitunter zirkusähnliche Atmosphäre. Das passt zur Thematisierung von Drogensucht und Liebeskummer, wobei, glaubt man der Inszenierung, beide Worte dasselbe meinen."
Jakob Hayner macht sich in der Welt Gedanken über die Legitimations- und teilweise auch Publikumskrise des Theaters. Teil des Problems ist für ihn, dass die Bühnen von theaterfremden Initiativen vereinnahmt werden, die sich, zum Beispiel, zur Aufgabe setzen, die Stadtgesellschaft abzubilden: "Theater verstehen sich heute nicht mehr als kritischer Beobachtungsposten der Gesellschaft, sondern als zivilgesellschaftliche Akteure in ihr." Doch "wer kann schon Theaterleiter ernst nehmen, die ihr tägliches Brot Widerstand nennen, als ob sie bei Amazon einen Betriebsrat gründen wollten, während sie aber mit ihrem Gehalt in Höhe eines Bundesministers zum einkommensstärksten einen Prozent der Gesellschaft gehören?"
Weitere Artikel: Atif Mohammed Nour Hussein überlegt in der nachtkritik, ob es nicht sinnvoll wäre, die gesamte organisatorische Arbeit im Kulturbereich an Stiftungen zu übergeben. Ralf Stabel blickt in der BlZ voraus auf das Ballettfestival in Gera, das am 8. Mai eröffnet wird.
Besprochen werden ein dem Choreographen Glen Tetley gewidmeter Ballet-Abend am Stuttgarter Ballet (FAZ - "faszinierend und fast befremdlich unemotional") und Tim Etchells "Everything Must Go" am Berliner Hebbel am Ufer (Tagesspiegel - "Die Choreografien erinnern ... an Avatare mit Wackelkontakt").
Das Opernhaus La Fenice in Venedig trennt sich nach monatelangem Streit von Dirigentin Beatrice Venezi, die als Meloni-nah gilt, berichtet unter anderem Karen Krüger in der FAZ: "Die Entscheidung sei unter anderem 'wegen wiederholter schwerwiegender öffentlicher Äußerungen der Dirigentin' getroffen worden, 'die beleidigend sind und den künstlerischen und beruflichen Wert' des Fenice beeinträchtigten und unvereinbar seien 'mit dem Schutz und dem Respekt, der den Orchestermusikern gebührt'". Den letzten Anstoß gab ein Interview Venezis mit der argentinischen Zeitung La Nación, in dem sie Oper und Orchester vorwarf, dass "die Positionen praktisch vom Vater an den Sohn weitergegeben werden".
Weitere Artikel: Das Ensemble der Shieveh Theater Company aus Teheran sollte die Ruhrfestspiele mit dem Drama "Das Kind" der iranischen Autorin Naghmeh Samini eröffnen, kann aber wegen der aktuellen Lage im Iran nicht anreisen, meldet der Tagesspiegel mit dpa.
Besprochen werden außerdem Krystian Ladas Inszenierung von Missy Mazzolis Oper "Breaking the Waves" am Staatstheater Mainz (FR), Monika Gintersdorfers Ballettkomödie "La langue de Molière" im Mousonturm (FR), Bastian Krafts Inszenierung von Dürrenmatts "Die Physiker" am Deutschen Theater Berlin (FAZ), Anna Smolars Inszenierung der Oper "Eurydike und Orpheus" nach einem Libretto von Roberto Bolesto und Musik von Jan Duszyński an den Münchner Kammerspielen (SZ), Mateja Koležniks Inszenierung von Tschechows "Drei Schwestern" am Berliner Ensemble (taz) und Damiano Michielettos Inszenierung der Mozart-Oper "La clemenza di Tito" an der Oper Zürich, die durch den Anschlagsversuch auf Trump eine unerwartete Aktualität bekam, wie Christian Wildenhagen in der NZZ notiert.
"Leben und Schicksal". Foto: Armin Smailovic. Knapp vier Stunden braucht Johan Simons für seine Inszenierung von Wassili GrossmansRoman "Leben und Schicksal" am Schauspielhaus Bochum - das ist gar nicht so lang, bedenkt man, dass der Roman gut tausend Seiten hat. Herausgekommen ist dabei laut FAZ-Kritiker Hubert Spiegel ein "fesselnder Theaterabend ... konzentriert, intensiv, berührend. Ein historischer Stoff, aber von unvergänglicher Aktualität, und eine puristische, stellenweise geradezu brechtisch anmutende Inszenierung, die mit humanistischem Pathos, also mit der größten Ernsthaftigkeit, der Frage nachgeht, in welchen Winkeln des Herzens das Menschliche überleben kann in unmenschlichen Zeiten. Die Sowjetunion war ein Riesenreich, aber vielen ihrer Bewohner ließ sie kaum Raum genug zum Atmen. Die Verhältnisse sind beengt, jeder beobachtet jeden, Moskaus langer Arm reicht weit."
Auch Nachtkritiker Gerhart Preußer ist beeindruckt, wie es Simons gelingt, auch in dieser Inszenierung ein Mittel zu finden, die über tausend Seiten des Romans auf die wichtigsten Handlungsstränge zu komprimieren, ohne dass das Stück an Komplexität einbüßt. Hier ist es die Musik, "am intensivsten in der Szene, in der eine jüdische Ärztin mit einem ihr fremden Kind von den Deutschen in die Gaskammer verfrachtet wird. Dieser wirklich herzzerreißende Monolog wird aufgeteilt zwischen Sprechgesang Elsie de Brauws und der Darstellerin der Ärztin (Carla Richardsen), unterbrochen mehrfach von einem Wiegenlied-Thema aus Dmitri Schostakowitschs 10. Symphonie, die das Quartett dazwischenschiebt. Immer wieder in oder zwischen den Szenen erklingen Fragmente aus dieser Symphonie, denn das ist die entscheidende Konzeptionsidee: Die Koppelung von Grossmans Roman mit der Symphonie Schostakowitschs."
So richtig sicher ist sich Nachtkritikerin Isa Hoffinger nicht, ob sie sich in den Münchner Kammerspielen ekeln oder fasziniert sein soll, wie Doris Uhlich menschliche Körper mit Schleim überkippt und dabei Geschlechtergrenzen und Normen tanzender Körper überschreitet: "Die Tänzer geben sich ihren eigenen Bewegungen hin, erobern bestimmte Ecken des Raumes, besetzen ihre persönlichen Nischen. Dann wiederum schmiegen sich die Körper paarweise aneinander, binden sich zu pyramidenförmigen Gebilden zusammen oder reihen sich wie Glieder einer Kette aneinander und schlängeln sich gemeinsam wie ein Riesenwurm vorwärts. Sind wir nun Individuen oder Gemeinschaftswesen? Auch das lässt sich nicht klar auseinanderhalten. Schlitternd und rutschend erweitern diese Körper ihre Grenzen, weichen Hautbarrieren auf: Sie gehen aufeinander zu und enge Verbindungen ein. Sie prallen aneinander ab oder öffnen sich füreinander, spenden sich Geborgenheit in Umarmungen."
Weiteres: Wiebke Hüster trauert in der FAZ um "Frankreichs berühmteste Ballettmeisterin" Claude Bessy, die im Alter von 93 Jahren gestorben ist. Besprochen werden Robert Ickes "Ödipus"-Inszenierung am Residenztheater München (SZ), DiePhysiker von Dürrenmatt am Deutschen Theater Berlin (FAZ), Yael Ronens "Burn, Baby, Burn!" am Schauspiel Hannover (SZ), Sebastian Baumgarten inszeniert GertLedigs Roman "Vergeltung" am Schauspiel Köln (taz), Johanna Wehner inszeniert Thomas Manns "Buddenbrooks" am Schauspiel Frankfurt (FR, Nachtkritik), Georg Friedrich Händels "Giulio Cesare in Egitto" in der Inszenierung von David McVicar (Tagesspiegel), Opera Incognita führt Beethovens "Fidelio" im Münchner Justizpalast auf (NMZ) und Anna Smolar inszeniert "Orpheus und Eurydike" an den Münchner Kammerspielen (Nachtkritik).
Szene aus den "Drei Schwestern". Foto: Jörg Brüggemann
Vom Landhaus in den Bunker: Dorthin hat die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik am Berliner Ensemble Tschechows "Drei Schwestern" verlegt, im Hintergrund wird der Krieg vorbereitet. Christine Wahl (Tagesspiegel) ist hin und weg: "Koležnik gelingt mit diesem Abend etwas absolut Verblüffendes: Sie schafft - und zwar nicht nur optisch durch Klaus Grünbergs Bunker-Bühnenbild, sondern auch subkutan, im Spiel - ein Ambiente von Bedrohung, mentaler Kriegspräsenz und permanenter Alarmbereitschaft, das über konkrete Kriegsszenarien weit hinausweist und in dem Tschechow so gegenwartsdurchlässig klingt wie schon lange auf keiner Theaterbühne mehr. ... Die Grenze zwischen Außen und Innen ist längst erodiert, die Kaserne ein quasi öffentlicher Ort, an dem jeder intime Moment von der nächsten Truppenübung ausgebremst werden kann. Und die Art, in der das hier eben nicht, wie so häufig, bloß Behauptung bleibt, sondern tatsächlich aus den Körpern und Tonlagen der Spielenden kommt, macht den Abend wirklich außergewöhnlich."
Auch Welt-Kritiker Jakob Hayner ist begeistert, er versteht das Stück plötzlich ganz neu: "Koležnik stellt die romantischen Klagen über die Scheinhaftigkeit der Existenz vom Kopf auf die Füße. In ihren 'Drei Schwestern' ist es der Krieg, der das Leben scheinhaft werden lässt. Damit holt sie Tschechow in die Gegenwart von 'Zeitenwenden' und 'Kriegstüchtigkeit'. Das ist mit so viel Tempo und Genauigkeit inszeniert, hat Witz und Ernst gleichermaßen, dass zwei Stunden wie im Flug vergehen. Das liegt auch an dem überragenden Ensemble, auf das man am Schiffbauerdamm zurückgreifen kann: von Stammkräften wie Constanze Becker, die man lange nicht mehr so gut gesehen hat, bis zu überzeugenden Neuzugängen wie Sebastian Zimmler." Nachtkritiker Iven Yorick Fenker hat sich dagegen trotz toller Schauspieler eher gelangweilt: "Alles ziemlich old-school", wie Putins Schnur-Telefon, an dem er mit dem Atomkrieg drohte, "aber natürlich sehr, sehr aktuell".
Weitere Artikel: Steffen Becker berichtet in der nachtkritik von den Asiawochen am Theater Heidelberg. In der FRerinnert Arno Widmann an die Uraufführung von Kleists "Penthesilea" 1876. Nach Simon Strauß in der FAZ (unser Resümee) beklagt jetzt auch Jakob Hayner in der Welt eine "Verzwergung" des Theaters in Deutschland, das jetzt lieber Aktivismus statt Kunst mache.
Besprochen werden außerdem Robert Ickes Modernisierung von Sophokles' "Ödipus" am Münchner Residenztheater (nachtkritik), Lamin Leroy Gibbas Inszenierung von Lennart Kos' Anti-Wellness-Komödie "Balance und Harmony" an den Münchner Kammerspielen ("lebensnah", findet nachtkritikerin Hannah Eder), Bastian Krafts Dürrenmatt-Inszenierung "Die Physiker" am Deutschen Theater Berlin (nachtkritiker Christian Rakow ist trotz Crossgendern unterwältigt), Katharina Kohlers Adaption von Maria Lazars Roman "Veritas verhext die Stadt" am Nationaltheater Mannheim (taz), Armin Petras' "Hundeherz" nach dem Roman von Michail Bulgakow, in der Inszenierung von Claudia Bauer am Hamburger Schauspielhaus (es gibt viel zu gucken auf der Bühne, "nur findet die Inszenierung in ihrem Versuch der umfassenden Weltkommentierung kein Zentrum", meint nachtkritiker Stefan Forth), Philipp Krebs' Musiktheater "Zornfried" nach dem gleichnamigen Roman von Jörg-Uwe Albig am Staatstheater Kassel (FR) und ein Auftritt des Kleinkünstlers Marc-Uwe Kling in der Alten Oper Frankfurt (FR).
Szene aus "Stabat Mater". Foto: Andre Cherri Nachtkritikerin Esther Slevogt zieht eine nicht zufriedene Bilanz des diesjährigen FIND-Festivals an der Berliner Schaubühne, das sich "Unruheherden in Familien, auf Schulhöfen und in postkolonialistischen Kulturen" widmete. Besonders eindrücklich erscheint ihr das Stück "Stabat Mater" der brasilianischen Theatermacherin Janina Leite, das "die von Unterdrückung und Gewalt geprägte Schieflage zwischen Männern und Frauen untersucht. Sie bittet männliche Pornodarsteller zu einem Casting, und stellt ihnen die Frage, ob sie bereit wären, mit ihr eine Sexszene unter der Regie ihrer Mutter zu drehen. Reaktionen und Ergebnisse werden an diesem Abend in aller Drastik präsentiert, wie auch die Mutter der Theatermacherin, Amalia Fontes Leite, leibhaftig in Erscheinung tritt. (…) Auf der Bühne steht den ganzen Abend, be- oder eben nicht bekleidet, wie wir's hierzulande aus Performances von Florentina Holzinger kennen, Janaina Leite und führt mal theoretisch, mal praktisch durch eine Kulturgeschichte der Gewalt gegen Frauen, die sie hier nun sozusagen am eigenen Leib oder besser mit diesem Leib zu exorzieren versucht."
Szene aus "Die weiße Madonna von Einsiedlen". Foto: Lucia Hunziker Rico Brandle ist in der NZZ müde vom immer gleichen Haltungstheater gegen rechts, das nur die eigene politische Meinung bestätigt. Jüngster Fall: Patricija Katica Bronićs Inszenierung von Fatima Moumounis und Laurin Busers Stück "Die weiße Madonna von Einsiedeln" am Theater Basel, basierend auf dem wahren Fall um einen Migranten, der 2024 in der Klosterkirche von Einsiedeln die Schwarze Madonna entkleidete, ihr die Krone und das Zepter wegriss und sich selbst aufsetzte. Im Stück wohnt im selben Ort Alice Weidel, die Dorfbewohner teilen ihre Ideologie, wollen sie aber aufgrund ihrer Homosexualität per Volksentscheid abschieben, resümiert Brandle: "Die Figuren, auch der Abt und die Mönche, sind allesamt bloße Karikaturen von zurückgebliebenen Hinterwäldlern. Das Schweizer Dorfleben und das System der direkten Demokratie erscheinen als ein großer Witz, über den man herzhaft lachen könnte, wäre nicht alles von einer fremdenfeindlichen Ideologie durchtränkt. Nur eine Person ist vollauf vernünftig und gänzlich unbescholten: der Muslim Tarik Berger, der pflichtbewusst das christliche Heiligtum rettet - und wegen seiner Religion und Herkunft trotzdem in Not gerät."
Simon Strauß besucht für die FAZ eine Probe der Tschechow'schen "Drei Schwestern" am Berliner Ensemble unter der Regie von Mateja Koležnik. Besprochen wird Puccinis "Turandot" an der Oper Frankfurt (Welt - "so eindrücklich wie schrecklich").
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