Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.05.2026 - Bühne

Szene aus "Deutsche Symphonie". Foto: Sylvester Pawliczek

Grandiose Idee, denkt sich Wolfgang Schreiber in der SZ, dass der Regisseur Paul-Georg Dittrich, Hanns Eislers "Deutsche Symphonie", die der österreichische Komponist 1935 mit dem Untertitel "Konzentrationslagersymphonie" im Widerstand gegen Hitler komponierte, erstmals als opulentes "Musiktheater nach Hanns Eisler" auf die Bühne des Staatstheaters Kassel bringt. Denn "Eisler selbst muss mit all seinen Gedanken und Klängen im Kopf das Subjekt sein, mit seinen Zweifeln, Fragen, Erregungen der 'Held' auf der Bühne seiner Symphonie. Und wie Clemens Dönicke vom Kasseler Schauspielensemble die Figur mit fulminanter Beweglichkeit und emotionalem Furor rauf und runter durch die Bühnenlandschaft führt, agil, fieberhaft gereizt oder zornig aufgebracht in brüsken Aktionen, das lässt erstaunen."

In der FAZ antworten Nora Hertlein-Hull, Leiterin des Theatertreffens, und Matthias Pees, Intendant der Berliner Festspiele, auf einen offenen Brief, der der Jury des Theatertreffens die zweijährige Aussetzung der Frauenquote vorwirft. (Unsere Resümees). Nicht nur werde hier die Unabhängigkeit der Jury in Frage gestellt und die Kunstfreiheit delegitimiert. Auch in anderer Hinsicht gelten hier offenbar Doppelstandards, schreiben die beiden, denn warum delegieren die Unterzeichner ihre "ureigene Aufgabe" an die nachgelagerte Theaterkritik? "Warum setzen oder setzten dann etwa die aktuellen, ehemaligen oder zukünftigen Leiterinnen und Leiter der Berliner Volksbühne oder des Deutschen Theaters, des Zürcher Schauspielhauses, des Münchner Residenztheaters, des Hamburger Thalia Theaters, des Schauspiels Hannover und des Dresdner Staatsschauspiels nicht an ihren eigenen Häusern endlich um, was das Theatertreffen ihnen sieben Jahre lang signalisiert hat? Warum gibt die Vizepräsidentin des Deutschen Bühnenvereins nicht selbst und über ihren Verein längst die wirksamen strukturellen Impulse zu häuserübergreifenden Selbstverpflichtungen zu diesem Thema?"

Peter Thiel soll im Rahmen der Wiener Festwochen mit dem linken Theologen Wolfgang Palaver zum Thema "Armageddon und Antichrist? Von der Theologie zur Realpolitik" unter Moderation von Milo Rau diskutieren. Der französische Philosoph Geoffroy de Lagasnerie sagte daraufhin seine Teilnahme ab, mit der Begründung, hier werde ein Faschist als Intellektueller legitimiert. Im Tagesspiegel-Gespräch mit Inga Barthels verteidigt Rau die Entscheidung: "'Hätte Deplatforming funktioniert, wäre die AfD jetzt nicht die stärkste Partei', sagt Rau. Thiel entscheide gemeinsam mit wenigen anderen Menschen über die Zukunft unseres Planeten. Es gelte, ihn ins Licht der Öffentlichkeit zu holen, im Rahmen einer 'antagonistischen Debatte. (...) So bedauerlich das ist: Meine oder andere intellektuelle Gedanken dazu sind interessant, aber sie haben keine Realmacht. Es wäre deshalb fahrlässig, sich mit Thiels Position nicht auseinanderzusetzen."

Weiteres: In der nachtkritik schreibt Andreas Klaeui über das Schweizer Theatertreffen. Besprochen wird die Choreografie "Play Dead" der Company People Watching bei den Maifestspielen in Wiesbaden (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.05.2026 - Bühne

Holzingers "Pfingstfestspiele" auf Schloss Prinzendorf. Foto: Nicole Marianna Wytyczak

Vor allem wie ein "Best-of-Medley für ihre Gemeinde" wirken Florentina Holzingers "Pfingstspiele", die im Rahmen der Wiener Festwochen stattfanden, auf Zeit-Kritiker Sven Behrisch. Irgendwie schon beeindruckend, wie sich die Darstellerinnen während der neunstündigen Performance selber verletzen, piercen und spektakuläre Stunts vollführen, natürlich alles nackt, aber irgendwie auch ein bisschen sinnfrei: "Am interessantesten sind die oft ellenlangen Pausen zwischen den Stunts. Im Vorgarten der Schlossanlage hat Holzinger eine Art öffentlichen Backstage-Bereich inszeniert, in dem man, wenn man es aushält, dabei zusehen kann, wie sich die Performer für den nächsten Act präparieren. Präzise und professionell demonstrieren sie die Sorgfalt bei der Selbstverletzung, und fast schon liebevoll treiben sie sich die Metallspangen durch das blutende Fleisch in Rücken und Oberschenkel. Es wird viel gelacht und gestreichelt bei dieser schwesterlichen Stigmatisierung, die in einem Tableau vivant des letzten Abendmahls kulminiert - einem am Ende doch erhebenden Bild der Überwindung des Leids durch die Kunst, in dem dreizehn aufgespießte Auserwählte vor ihrer euphorisierten Gemeinde im niederösterreichischen Nachthimmel baumeln."

"Aua", denkt sich auch SZ-Kritikerin Christine Dössel angesichts dieser erneuten Extrem-Performance, die auf Einladung der Witwe Hermann Nitschs auf Schloss Prinzendorf stattfand, Veranstaltungsort seines berüchtigten Orgien-Mysterien-Theaters: "So hing im Schlosshof eine Gekreuzigte an einer riesigen Leinwand, die blutig eingesaut wurde, aber nicht händisch, sondern von zwei Drohnen, wie im kriegerischen Tötungsgeschäft unserer Tage üblich. Später wurde ein Fake-Panzer erst von einer Motorradfahrerin in wilder 'Jackass'-Rider-Manier als Sprungrampe genutzt, dann von einem furchterregenden Monstertruck überfahren, heißt: röhrend bezwungen. 'No more war!', lautete die vielfach gebrüllte Devise." Irgendwie hat es "durch die PS-Stärke und die unerschütterliche Amazonenhaftigkeit des Teams auch Wumms. Die Holzinger-Nudes sind nicht zuletzt prächtige Musikerinnen. Kraftstrotzend. Ungeheuer selbstbewusst."

Gestern gab es schon diverse Ankündigungen (unser Resümee), nun ist der Offene Brief (PDF) publiziert, in dem sich diverse Theaterschaffende gegen die Abschaffung der Frauenquote beim Berliner Theatertreffen aussprechen, berichten verschiedene Medien, unter anderem Nachtkritik und Tagesspiegel. Im Brief selbst heißt es: "Die Frauenquote beim Berliner Theatertreffen hat im Theaterbetrieb Wirkung entfaltet. Sie hat die Besetzung von Regiepositionen, Intendanzen und künstlerischen Leitungsfunktionen sichtbar verändert und damit auch ein verändertes Bewusstsein für andere marginalisierte Gruppen mitbefördert. Dieser Prozess ist jedoch weder abgeschlossen noch unumkehrbar. Die Abschaffung der Quote bedeutet einen Rückschritt und destabilisiert diesen Transformationsprozess." 

Besprochen werden Francois de Carpentries Inszenierung von Benjamin Brittens Shakespeare-Oper "A Midsummer Night's Dream" am Staatstheater Karlsruhe (FR) und Germaine Acognys Soloperformance "Somewhere at the Beginning" (taz),

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.05.2026 - Bühne

Ein neuer offener Brief steht ins Haus, gibt Erik Zielke im ND durch. Das noch unveröffentlichte, jedoch wohl bereits von jeder Menge Theaterprominenz unterzeichnete Schreiben wendet sich gegen die Aussetzung der Frauenquote beim Berliner Theatertreffen. Zielke ist not amused: "Man ist sich sicher, das Theatertreffen habe mit der Quoteneinführung 'einen wirksamen strukturellen Impuls gegeben', während man zugleich feststellt, die 'strukturelle Benachteiligung von Frauen im Theaterbetrieb' bestehe 'heute mehr denn je' - was selbstredend kontrafaktisch ist und den Fortbestand der Quote absurd erscheinen ließe. 'Die Frauenquote hat im Theaterbetrieb nachweislich Wirkung entfaltet', meinen die Unterzeichner und bleiben ebendiesen Nachweis schuldig. Eine Mitarbeit bei der Weiterentwicklung wird freimütig von den Künstlern angeboten. Ein kurioser Fall, möchten also diejenigen, die mit einer Einladung zum renommierten Festival geehrt werden könnten, nun selbst die Kriterien festlegen, nach denen diese Einladungen zu erfolgen haben."

Esther Slevogt argumentiert auf nachtkritik ähnlich - obwohl sie 2019 die Einführung der Quote begrüßt hatte. Seitdem, glaubt sie, hat sich einiges geändert: "Hat der wachsende Einfluss außerkünstlerischer Kriterien der Freiheit und Unabhängigkeit der Kunst (beziehungsweise dem Theater) am Ende vielleicht mehr geschadet, als er (etwa im Fall der Quote) den Frauen nutzte, die hier ja bloß noch als Vehikel für außerästhetische Bilanzen fungieren, die mehr die Fortschrittlichkeit der Institution und weniger die des Theaters ausweisen sollen? Sind Leuchtturminstitutionen wie das Theatertreffen überhaupt dazu in der Lage, an Fehleinstellungen im Betrieb zu schrauben? Lauter Fragen, die für mich gerade schwer zu beantworten sind. Und so schaue ich etwas neidisch in Richtung all derer, die so vehement gegen diese Entscheidung in der Meinungslandschaft sich positionieren und wäre gerne dabei. Doch meine Zweifel sind lauter und hindern mich daran."

Festwochen Wien - Mythen des Alltags © Marcella Ruiz Cruz

Sophie Klieeisen berichtet in der FAZ von den Wiener Festwochen. Allzu viel Gutes hat sie von den ersten Produktionen nicht zu vermelden. Schuld am lauen Auftakt trägt laut Klieeisen die "politaktivistische Ausrichtung", die Leiter Milo Rau den Wochen verordnet hat. Das wirkt sich vor allem auf das Schauspielprogramm aus, "das nicht mehr mit renommierten Schauspiel- und Regiepositionen, sondern mit internationalen Produktionen aufwartet, die der ästhetischen und politischen Tradition der freien Szene verpflichtet sind. Das zeigte sich bereits am ersten Festivalsamstag mit der Koproduktion des Volkstheater 'Mythen des Alltags', einem Rechercheabend über die Bewohner Wiens. Die vollständige Titelübernahme des gleichnamigen Essays des Semiotikers Roland Barthes verweist auf den Anspruch, Gegenwartsphänomene realitätsgetreu abzubilden. Ein theatrales Missverständnis." Besser gefallen hat der Rezensentin Alice Diops Lesung "Die Reise der schwarzen Venus".

Weitere Artikel: Manuel Brug besucht für die Welt die Salzburger Pfingstfestspiele - und vermisst den geschassten langjährigen Leiter Markus Hinterhäuser: "Dieses geistige Loch wird sich nicht so schnell stopfen lassen, die Salzburger Festspiele sind ohne Not kreativ um einiges zurückgeworfen worden". Sophie Diesselhorst berichtet auf nachtkritik von einer Aufführung des Vinge/Müller/Reinholdtsen-"Peer Gynt" in der Volksbühne, bei der sich eine Zuschauerin einen Armbruch zugezogen hat. Dorothea Marcus schaut sich für die taz auf dem inklusiven Kulturfestival Sommerblut um, das in Köln stattfindet. Patrick Bahners gratuliert in der FAZ der Theaterkritikerin Sibylle Wirsing zum Neunzigsten.

Besprochen werden das "Banū Hilāl Epos" des palästinensischen Kashabi-Theaters auf den Wiener Festwochen (Standard - "Die Neufassung transportiert die chauvinistische Geschichte mit Augenzwinkern schön weiter", Matthias Goernes Inszenierung von Richard Strauss' "Salome" am Théâtre du Capitole in Toulouse (FAZ - "Über weite Strecken hinweg dröhnt es"), ein "Ring" an der Wiener Staatsoper (Standard - "sanfte Legato-Phrasen von unverbrüchlicher Vaterliebe"), Magdalena Fuchsbergers Inszenierung von Mozarts "Così fan tutte" am Theater Heidelberg (FR - "Ein doppelt aufgeweckter Abend"), Montati Masebes "Isithunzi" am Staatstheater Wiesbaden (FR - "souverän und konsequent undramatisch"), Cathy Marstons Inszenierung des Prokofjew-Balletts "Romeo und Julia" am Opernhaus Zürich (NZZ - "schön sind die Bewegungen und abwechslungsreich") und Marco da Silva Ferreiras "Sugar Rush" am Staatstheater Mainz (FR - "unerbittliche Steigerung der Bewegungsintensität").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.05.2026 - Bühne

Szene aus "Wunde Stadt" am Theater Magdeburg. Foto: Kerstin Schomburg

Kann Theater von einem Trauma heilen? Am Theater Magdeburg versucht man es nun zumindest mit Kevin Rittbergers Stück "Wunde Stadt", das das Attentat auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt 2024 verarbeitet. FAZ-Kritikerin Irene Bazinger findet die Dialoge ein bisschen "allgemein", Regisseur Sebastian Nübling gleicht das aber aus, indem er "eine theatrale Spannung entwickelt, die den Text stärker macht, als er ist, und dem Publikum näherbringt, als es zu erwarten war. Nübling benutzt nur wenige Mittel, die er freilich so effektvoll einsetzt, dass sie beredt und eindringlich wirken." So bilden zum Beispiel "die namenlosen Personen einen Stuhlkreis unter einem Mikrofon, das von der Decke hängt (Bühnenbild: Nübling und Una Jankov). Werden die Panikattacken zu stark, bewegen sie ihre Körper wie langsame Pendel vor und zurück und atmen konzentriert, um sich zu beruhigen. Wände werden verschoben und Luftballons malträtiert. Manchmal überfällt die traumatisierten Menschen nackte Verzweiflung: 'Ich will mein altes Leben zurück!'"

Einen "gelungenen Versuch, miteinander ins Gespräch zu kommen, wenn alles kaputt scheint" sieht Nachtkritiker Vincent Koch in diesem Stück. Der Regisseur "hält das Ensemble, das sich den einzelnen Figuren mit viel Sorgfalt nähert, fast durchgängig in Bewegung, es liegt eine Nervosität im Spiel, die sich auch auf die Sprache auswirkt. Die Texte gehen hier direkt durch die Körper, alle schwitzen, ringen mit Ausnahmezuständen. Zwar geht es immer wieder um das Aushalten der Stille, des Vakuums, aber eben auch um das Nicht-Stehen-Bleiben, den Versuch, weiterzumachen. Zu sprechen, um das 'Verbuddeln' des seelischen Schadens zu vermeiden." Weder dem Attentäter, noch den AfD-Politikern, die den Anschlag für sich nutzen wollten, will der Regisseur hier viel Raum geben, erklärt Peter Laudenbach in der SZ. Um die Opfer zu Gehör kommen zu lassen, hat er monatelang einer Selbsthilfegruppe zugehört, lesen wir. Torben Ibs bespricht das Stück für die taz.

Besprochen werden Barrie Koskys Inszenierung der Rossini Oper "Il Viaggio a Reims" bei den Salzburger Pfingstfestspielen (SZ, FAZ), Roy Chens "Zirkus Kafka" in den Frankfurter Kammerspielen (FR), Tina Laniks Inszenierung von Shakespeares "Viel Lärm um Nichts" am Schauspiel Frankfurt (NachtkritikFAZ, FR), Cathy Marstons Ballett "Romeo und Julia" am Opernhaus Zürich (NZZ), Herbert Fritschs Stück "Schwindel" im Schauspielhaus Hannover (taz) und Florentina Holzingers neunstündige Performance "Pfingstspiel" am früheren Spielort des Orgien Mysterien Theaters in Prinzendorf (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.05.2026 - Bühne

Szene aus Kästners "Fabian" am Deutschen Schauspielhaus. Foto: Katrin Ribbe


Erich Kästners "Fabian", in der Inszenierung von Dušan David Pařízek am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, ist das Stück der Stunde, da sind sich die Theaterkritiker einig. "Die Irrfahrt dieses modernen Odysseus führt nach dem Ersten Weltkrieg, aus dem Fabian als Alter Ego des Autors Erich Kästner mit einem schweren Herzleiden zurückkehrt, durch die Wirren der wackelnden Demokratie Weimars. Durch die Arbeitslosigkeit, durch die Wohnungslosigkeit, durch mangelnde Jobsicherheit, durch die wachsende Kriegsgefahr, durch Schlägereien zwischen Rechts- und Linksradikalen, erneut. In 'Fabian' im Schauspielhaus passt alles zusammen", lobt Stefan Grund in der Welt. Parizek macht aus dem Roman viel mehr als "die obligatorisch-politische Unwetterwarnung" vor dem aufkommenden Faschismus, versichert in der FAZ Axel Weidemann. Nachtkritiker Tim Schomacker gefällt vor allem die Sachlichkeit der Inszenierung: "Pařízek hat mit einem luftig angedeuteten Riesenwürfel mal wieder eine geometrische Grundform zur Spielfläche gemacht. Mit Decke und Seiten als Leinwänden. Mit simplen, offen sichtbaren Kostümstangen an den Seiten. Mit Overhead-Projektoren für karg-klare Bildhintergründe. Wald aus Trockenblumen! ... Hier, in dieser Bühnen-Apparatur, in der die fünf Akteure zwischen Szenen und Rollen hin und her gleiten, kommt er Kästner exakt dort besonders nahe, wo er sich formal eigentlich deutlich entfernt."

Weitere Artikel: Hella Kaiser besucht für den Tagesspiegel die Bühnen im thüringischen Meiningen, Rudolstadt und Gotha. In "Bilder und Zeiten" (FAZ) denkt Reto Zingg mit Euripides' "Bakchen" über die Gefahren der Ekstase nach.

Besprochen werden außerdem am Schauspiel Hannover Herbert Fritschs "Schwindel", dessen "fröhliche Anarchie" nachtkritiker Andreas Schnell mitreißt, Maria Lazars "Der blinde Passagier" am Münchner Volkstheater (SZ) Filippo Dinis Inszenierung von Euripides' "Alkestis" im Griechischen Theater in Syrakus und Robert Carsens Inszenierung von Sophokles' "Antigone" im antiken Pherai (FAZ), Ayla Pierrot Arendts "Death in Peace" im Frankfurter Mousonturm (FR), Dada Masilos Choreografie "Hamlet" bei den Internationalen Maifestspielen in Wiesbaden (FR), die deutsche Erstaufführung von Alberto Franchettis Oper "Fior d'Alpe" im Berliner Konzerthaus (nmz) und Ersan Mondtags Inszenierung von Bizets "Perlenfischer" an der Oper Wien ("ja, 'Les pêcheurs de perles' ist eine klangzarte, aber doofe Oper. Doch was Ersan Mondtag und sein ständiger Dramaturg, der Journalist Till Briegleb, da fabrizieren und fabulieren, ist noch viel doofer", schimpft in der Welt Manuel Brug und warnt Mondtag, sich nicht vom Betrieb "verbrennen" zu lassen).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.05.2026 - Bühne

Szene aus "Der blinde Passagier". Foto: Marcella Ruiz Cruz

Maria Lazar, kommunistische Tochter einer jüdischen Großbürger-Familie aus Wien, ist zurecht als Schriftstellerin wiederentdeckt worden, war sie doch eine "scharfe Beobachterin der Mechanismen, die die Menschen in Nazi-Deutschland zu Mittätern gemacht haben", erinnert Sabine Leucht in der nachtkritik. Nun hat Adrian Figueroas ihr Stück "Der blinde Passagier" auf die Bühne des Münchner Volkstheaters gebracht. Gestellt werden die Fragen: "Wie weit geht man, um das Leben eines Fremden zu retten? So weit, wie man von seinen eigenen Bedürfnissen absehen kann? Oder so weit wie man bereit ist, zu glauben, was nicht sein darf: Dass jemand gejagt wird, nur, weil er Jude ist?" Figueroas macht daraus einen sogkräftigen "Psychokrimi", so Leucht: "Die äußere Handlung steht still. Und auch in den Menschen bewegt sich erst mal wenig. Will heißen: Sie bangen und winden sich, ändern aber ihre Haltungen nicht wirklich. Lazar geht mit ihnen um wie die Hafenpolizei mit dem nebeligen Areal: Sie leuchtet in sie hinein, aber nur punktuell."

Weitere Artikel: nachtkritikerin Verena Großkreutz resümiert eine Pressekonferenz, bei der die zukünftige Intendantin des Heidelberger Theaters, Bernadette Sonnenbichler, ihr Leitungsteam und das Programm vorstellte. Außerdem berichtet die nachtkritik über Kritik an der neuen Leitung des Schauspielhauses Wien. Besprochen wird außerdem Antonia Leitgeb-Busches Inszenierung "Who's Afraid of Tradwives" am Theater Bamberg (nachtkritik).
Stichwörter: Lazar, Maria, Ostertag, Sara

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.05.2026 - Bühne

In der Zeit kann Sven Behrisch nur staunen: Unter der Direktion von Clara Weyde, Clemens Leander und Bastian Lomsché schafft das Theater Magdeburg nicht nur bis zu 90 Prozent Auslastung, vergangenes Jahr wurde es auch zum Theater des Jahres gewählt. Nun hat das Haus bei dem Dramatiker Kevin Rittberger ein Stück in Auftrag gegeben, das den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt 2024, bei dem sechs Menschen starben, thematisiert. Rittberger hat die Opfer und ihre Angehörigen ein Jahr begleitet - und Behrisch ist sich jetzt schon sicher, dass Sebastian Nüblings Inszenierung in der Stadt, in der die AfD bald regieren könnte, heftige Proteste auslösen wird, denn thematisiert werden auch "die Anschläge auf Muslime, die nach dem Anschlag stark zugenommen haben, aber auch das Trauma der ganzen Stadtgesellschaft, die betroffen war und getroffen wurde. Die Figuren machen eine Entwicklung durch, niemand kann sich von dem Horror lösen, doch die meisten kommen auf ihre Weise ins Tun, schaffen eine Teilbefreiung oder planen ihren Neubeginn. 'Wunde Stadt' handelt von der Möglichkeit einer Heilung."

Szene aus: "Das beste Stück aller Zeiten". Foto: Ines Bacher

Und auch Welt-Kritiker Jakob Hayner ist ganz hingerissen, kann er doch bei Milo Raus Eröffnungsstück "Das beste Stück aller Zeiten" auf 75 Jahre Wiener Festwochen zurückblicken und dabei nicht nur einem Nackten zuhören, der Händel singt oder einem anderen zuschauen, der sich in den Mund pinkelt und bunte Urinfontänen spuckt, sondern er begegnet auch vielen alten Bekannten wie Tabori, Pollesch, Jelinek oder Schlingensief.

Weitere Artikel: Der Venezianer Damiano Michieletto ist einer der meistgefragten Opernregisseure, Zeit für seinen ersten Film fand er dennoch, freut sich Manuel Brug in der Welt, denn das Vivaldi-Porträt "Vivaldi und ich" ist ziemlich gelungen, findet Brug. Christine Lemke-Matwey blickt für die Zeit auf aktuelle, neue Opern, darunter Olga Neuwirths "Orlando" an der Komischen Oper oder Karola Obermüllers Bachmann-Inszenierung "Malina" bei den Schwetzinger Festspielen. Dorion Weickmann stellt in der SZ junge Nachwuchschoreografen vor, die die Ballettszene aufmischen. 

Besprochen werden außerdem Tatjana Gürbacas Rossini-Inszenierung "Il Barbiere di Siviglia" (Welt), Vegard Vinges "Peer Gynt"-Inszenierung an der Berliner Volksbühne (Welt) und Christiane Jatahys Musiktheaterprojekt "The Day before" bei den KunstFestSpielen Herrenhausen (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.05.2026 - Bühne

Nationaltheater Mannheim - Mommy, Look!, Luis Tena Torres und Anna Zardi, Foto: Christian Kleiner

Drei Tanzstücke versammelt der Abend "Wer darf hier Mann sein?" am Nationaltheater Mannheim, den sich Sylvia Staude für die FR anschaut. Der Titel lässt Thesenhaftes erwarten, Staude hingegen möchte "keine Abhandlung, sondern zuallererst Tanz" sehen und genau das wird ihr glücklicherweise auch geboten. Besonders gut gefällt ihr "Mommy, Look!" der niederländischen Geschwister Imre und Marne van Opstal. Ein Stück mit zwei Teilen, "dem aggressiv-vehementen, mitreißenden Auftanzen der hier zehnköpfigen Gruppe - nicht umsonst tragen Tänzerinnen und Tänzer Knieschützer - folgt Zartes, Zärtliches, Besinnliches, auch mal ein Solo oder Duo. Die Musik von Rotem Frimer und Hen Yanni macht diesen Wechsel mit, vom kühl Rhythmusbetonten zum melodiös Gezupften. Die Anzüge der ersten beiden Stücke sind einem Unterwäsche-Look gewichen (Bühne und Kostüme: Opstal), was auch eine gewisse Verletzlichkeit suggeriert."

Weitere Artikel: Jakob Hayner besucht für die Welt noch einmal eine der jetzt schon legendären "Peer Gynt"-Vorführungen von Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdtsen in der Volksbühne und schreibt außerdem über den sonstigen Stand der Dinge im Haus am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz. Janis El-Bira berichtet auf nachtkritik über - scheinbar nicht allzu handfeste - Plagiatsvorwürfe gegen den Theaterstar der Stunde Florentina Holzinger. Fürs gleiche Medium spricht er außerdem mit der Schauspielerin İlknur Bahadır und der Diversitätsagentin Yuvviki Dioh darüber, wie an deutschen Theatern mit von Rassismus betroffenen Menschen umgegangen wird. Außerdem begleitet die nachtkritik weiterhin die 51. Mühlheimer Theatertage, heute geht es unter anderem um ein Stück von Clara Leinemann. Lilli Braun porträtiert in der taz den tauben Theaterkünstler Jan Kress, der am Berliner FELD-Theater angestellt ist und inklusive Bühnenprojekte entwickelt. Bernd Noack resümiert in der NZZ das Berliner Theatertreffen - die Stücke waren oft nicht so berauschend, findet er, die Schauspieler dagegen fast immer grandios.

Besprochen werden die Christoph Schlingensief gewidmete Schau "Es ist nicht mehr mein Problem" im MAK (taz), Mattias Anderssons "Mythen des Alltags" bei den Festwochen Wien (FAZ - "Es sind freilich auch Klischees dabei"), Riccardo Chaillys "Nabucco"-Inszenierung an der Scala Mailand mit Anna Netrebko (FAZ - "Es wirkt so, als habe das Regieteam die Figuren zuvor am Bildschirm optimiert. Sie berühren kaum."), das Doppelprojekt "Wallden" und "Donaugold", das die Gruppe Nesterval für die Wiener Festwochen auf die Beine stellt (nachtkritik - "fühlt sich an wie ein endloser Kindergeburtstag ohne Kinder") und Alice Diops Lese-Performance "Le Voyage de la Vénus Noire" bei den Wiener Festwochen (nachtkritik - "eine Stimmung der Aufmerksamkeit").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.05.2026 - Bühne

Szene aus Don Quijote am Theater Basel. Foto:Ingo Höhn. 

Ein vielschichtiges und fantasievolles Opern-"Pastetchen" bekommt NZZ-Kritiker Georg Rudiger mit Thom Luz' Inszenierung von Cervantes' "Don Quijote" am Theater Basel zu sehen. Es gibt zwar auch ein paar Längen, meint Rudiger, dafür aber viele gute Einfälle, wie schon in der Eingangsszene: "Die Idee, mit der Sterbeszene zu beginnen, erweist sich als Geniestreich: 'Je ne veux pas mourir', sagt Dietrich Henschel als Don Quijote auf dem Totenbett, springt von der Bühne und flieht durch den Zuschauerraum ins Foyer. Die Abenteuer, die Henschel im Folgenden gestaltet, sind nicht nur eine Flucht vor dem bevorstehenden Tod, sondern auch vor Cervantes! Schließlich möchte der Autor ihn in seinem Buch beerdigen, um selbst berühmt zu werden. Mit André Morsch als Sancho Panza steht diesem Don Quijote ein so kräftig wie beweglich singender Kamerad zur Seite, der vor allem ans Essen denkt und die Höhenflüge seines vermeintlichen Ritters immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Hinzu kommt ein ausgezeichnetes Quintett aus dem Basler Opernstudio, das die Geschichte bald kommentierend, bald selber agierend vorantreibt."

Weitere Artikel: Peter Laudenbach konstatiert in der SZ genervt einen "Trend zum Theaterpicknik" beim Berliner Theaterpublikum, warum "beim ausgiebigen Knistern der mit liebevoller Hingabe endlos ausgewickelten, weitergereichten, dankbar kommentierten und umständlich wieder verstauten Hustenbonbons stehen bleiben, wenn sich auch mit Chipstüten und Salzstangen schöne Geräusche machen lassen?" Besprochen werden Jan Christoph Gockels Inszenierung von "Polaris" am Deutschen Theater Berlin (SZ), Tatjana Gürbaces Inszenierung von Rossinis "Il Barbiere di Siviglia" an der Hamburgischen Staatsoper ("überwiegend heiter", freut sich Stefan Grund in der Welt) und Thierry Malandains Tanzstück "Les Saisons" bei den Maifestspielen in Wiesbaden (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.05.2026 - Bühne

"Orlando", Bild: Jan Windszus.


Olga Neuwirth hat Virginia Woolfs "Orlando" in eine Oper verwandelt, die nach der österreichischen Uraufführung 2019 nun an die Komische Oper Berlin kommt, Regie führt Ewelina Marciniak. Helmut Mauró sieht für die SZ in dem Spiel mit Geschlechterzuordnungen ein "Schelmenstück": Orlando ist dabei "ganz in seinem Liquid-Gender-Element, vielleicht auch ein bisschen auf Drogen, 'I want to break free' singt sie, auch wenn das Queen erst 1984 gesungen haben. Aber auch dies ist ein Markenzeichen dieser Oper: Nicht nur die Geschlechtergrenzen fließen, auch die Logik der Zeitläufe und ihr musikalischer Widerhall in Zitaten aus Werken von John Dowland bis in Jazz und Pop des 20. Jahrhunderts."
 
Im Tagesspiegel lobt Johannes Furtwängler das Zusammenwirken von Musik und Inhalt: "Eine der größten Stärken liegt in Neuwirths Klangsprache. Bläser, Obertöne, gesprochener und gesungener Ausdruck, elektronische Schichten und instrumentale Zuspitzungen bilden kein festes Gerüst, sondern ein Material, das sich ständig verschiebt. Die Musik ordnet sich keiner klaren Tonalität unter, bleibt unruhig, durchlässig, manchmal kaum zu greifen. Gerade dadurch passt sie zu einer Figur, deren Identität nicht als Zustand erscheint, sondern als kontinuierliche Bewegung durch wechselnde Zeiten."

Nachtkritiker Albrecht Selge macht aber trotz aller queeren Freude an dem Stück auf eine das Hirn wenig herausfordernde Simplifizierung aufmerksam: "Der erste Teil mit seiner rasanten Woolf-Spulung kann einen regelrecht erschlagen, während der zweite Teil im narrativen Hopserlauf vom Zweiten Weltkrieg über Vietnam und Frauenbewegung bis zum gegenwärtigen Rechtspopulismus (vulgo neuen Faschismus) zum Unterkomplexen neigt. Man nickt da beifällig und droht einzunicken." Weitere Besprechungen in der taz und der Berliner Zeitung.

Weiteres: Doris Meierhenrich ist in der Berliner Zeitung eher nicht so zufrieden mit diesem Jahrgang des Berliner Theatertreffens. Auch Rüdiger Schaper kommt im Tagesspiegel zu dem Schluss, diese Ausgabe lieber dem Vergessen überantworten zu wollen. Paulina Alpen gewinnt den Alfred-Kerr-Darstellerpreis, die Laudatio von Matthias Brandt ist im Tagesspiegel zu lesen. Für Hilka Dirks und Yi Ling Pan in der taz zeichnet sich das Theatertreffen dieses Jahr vor allem durch die Lust am Spektakel aus. Nachtkritikerin Christine Wahl erklärt die Entscheidung, für die nächsten beiden Festivaljahrgänge keine Frauenquote festzulegen.

Besprochen werden "Anima mea" und "Mirror" im Rahmen eines KI-Festivals am Staatstheater Darmstadt (FR), "Polaris" von Jan-Christoph Gockel auf den Ruhrfestspielen Recklinghausen (Nachtkritik) und Manuela Infantes "Sirenen" am Theater Basel (Nachtkritik).