Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.05.2026 - Bühne

Foto: Aino Laberenz

Ein wenig erschrickt Nachtkritiker Reinhard Kriechbaum dann doch, wenn er in der zum Auftakt der Wiener Festwochen eröffneten Christoph-Schlingensief-Ausstellung "Es ist nicht mehr mein Problem" im Wiener Mak erkennen muss, wie brandaktuell die Themen des 2010 verstorbenen Künstlers sind, der sich für "unterrepräsentierte Randgruppen, für Migranten und ihre wenig geglückte Integration" und gegen Populismus und Rechtsextremismus einsetzte: "Mit der Festwochen-Aktion 'Bitte liebt Österreich - Erste österreichische Koalitionswoche' hat Schlingensief im Jahr 2000 mächtig für Randale gesorgt. Das Containerdorf mit Bauzaun ist jetzt nachgebaut im Wiener MAK. Dort ließ Schlingensief Asylwerber und Asylwerberinnen unter ständiger Beobachtung leben, ganz so wie es die damals gerade aktuelle Reality-TV-Show 'Big Brother" vormachte. Das Publikum konnte per Telefon-Voting täglich zwei Kandidaten 'abschieben'." In der FAZ notiert Sophie Klieeisen: "Die Radikalität, mit der er die moralischen Fragen, die er aufwarf, am Ende unbeantwortet ließ, wirkt heute fast auf romantische Weise freiheitlich." 

Sinthia Liz, Duccio Tariello (Dispatch Duet) - © Ashley Taylor / Wiener Staatsballett

Abgesehen vom "religiösen Schönheitskitsch", in dem das letzte Stück mündet, ist Wiebke Hüster in der FAZ sehr angetan von dem Abend "American Signatures", für den das Wiener Staatsballett unter Leitung der italienischen Starballerina Alessandra Ferri am Volkstheater vier Werke aus dem 20. und 21. Jahrhundert tanzt. Vor allem das "Dispatch Duet" von Pam Tanowitz findet sie grandios: "Schon der Kontrast zwischen der klanggewaltigen Musik und der Konzentration des tanzenden Paares auf ihr Alleinsein auf weiter Strecke ist großartig. Es verleiht dem intellektuellen und gekonnten Auseinandernehmen der großen Sprachen des 20. Jahrhunderts, von George Balanchine und Merce Cunningham, eine Art dramatische Untermalung und Unterstützung in der Inszenierung unerwarteter Wendungen, fremdartiger Überleitungen, postmodern selbstreferenziellen Verhaltens auf der Bühne. Die avantgardistische Orchestermusik von Ted Hearne, einzelne Partien seiner Komposition "Dispatches", ist aufrüttelnd, fremdartig, laut, zerrissen und großartig..."

Besprochen werden außerdem Toshiki Okadas Satire "Sliding Away" am Staatstheater Hannover (taz), Thom Luz' Opern-Pasticcio "Don Quijote" am Theater Basel (nachtkritik), Toshiki Okadas "Sliding Away" am Staatstheater Hannover (nachtkritik) und Lucia Bihlers Inszenierung "Die Welt im Rücken" von Thomas Melle am Schauspiel Stuttgart (nachtkritik).
Stichwörter: Schlingensief, Christoph

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.05.2026 - Bühne

Muss das Perlentaucher-Efeu das Berliner Gorki bald von der Rubrik Bühne in die Rubrik Kunst verschieben? Das vielleicht doch noch nicht, aber die Antrittspressekonferenz der neuen Intendantin Çağla Ilk scheint jenen recht zu geben, die erwarten, dass das Haus sich unter ihrer Leitung vom klassischen Sprechtheater entfernt und stattdessen eher installativen und anderen kunstbetriebsnahen Projekten widmet. Erst für Dezember ist eine klassische Bühneninszenierung geplant, vorher gibt es Klangkunst von Nicole L'Huillier und Marco Fusinato. Insgesamt fügt sich das laut BlZ-ler Ulrich Seidler zu einem "Programm, das von Leuten durchsetzt ist, die von der bildenden Kunst abgesprungen sind und nun den performativen Raum des Theaters erobern: Theda Nilsson-Eicke, Marco Fusinato, Leila Hekmat. Tamer Yigit, Marie Schleef und das konzeptuelle Theater von Farn Collective mit Tom Schneider und Sandra Hüller kommen von der filmischen und schauspielerischen Seite entgegen. Die in Berlin ansässigen Choreografinnen Meg Stuart und Constanza Macras, die zuletzt vor allem an der Volksbühne gearbeitet haben, bekommen eine künstlerische Ersatzheimat."

Ganz neu ist die Nähe zum Kunstbetrieb im Gorki nicht, konzediert Rüdiger Schaper im Tagesspiegel, schon die vorherige Intendantin hatte da keine Berührungsängste. "Doch was immer Shermin Langhoff in einem guten Dutzend Jahren auch noch veranstaltet hat, im Zentrum stand das Schauspiel. Die Stücke. Das Ensemble. Damit scheint es erst einmal vorbei zu sein. Das Maxim Gorki Theater, das man kennt und schätzt, wird es dann nicht mehr geben. Im Übergang finden sich dafür reichlich kuratorische Versprechen. Vom Gorki als 'ein Denken des Körpers als offener, fragiler, politischer Ort'. Oder: 'Berlin ist für das neue Gorki kein geschlossener nationaler Bezugsrahmen. Das neue Gorki will Berlin nicht abbilden, sondern seine Strukturen aufnehmen: global, postdisziplinär, offen.' Hoffen wir mal." Auf nachtkritik kommentiert Elena Philipp, für monopol war Tobi Müller bei der Pressekonferenz.
Burgtheater Wien - Sankt Falstaff © Tommy Hetzel

Sophie Klieeisen zeigt sich in der FAZ ziemlich angetan von Ewald Palmetshofers neuem Stück "Sankt Falstaff", das Karin Henkel am Wiener Burgtheater auf die Bühne bringt. Die recht komplexe Handlung dieser Shakespeare-Paraphrase dreht sich unter anderem um eine aus dem Ruder laufende Geldübergabe. Aber "der Plot ist nicht so entscheidend", findet Klieeisen. "Die Aufmerksamkeit richtet sich auf Palmetshofers in zweihebigen Versen funkelnde Sprache und vor allem auf die sie zum Klingen bringenden Schauspieler. Im Grunde ist egal, was passiert, Hauptsache, sie hören nicht auf, Palmetshofers Zeitgeistanalysen und Pointen im Spiel zu halten, dessen Konstruktionsanleitung sich ganz auf die von Machtsehnsucht und Machtverachtung getriebenen Figuren und ihre Verwirrtheit konzentriert. Auch dieses Stück ist eine Nabelschau, aber eine, die die Selbstkorrumpierung manchen gegenwärtigen politischen Machtsystems persifliert, ohne sich zu ernst zu nehmen." Jakob Hayner zeigt sich in der Welt weit weniger gnädig: "'Sankt Falstaff' wird von Henkel nach allen Regeln der Kunst konzeptuell stranguliert."

Weitere Artikel: Juan Martin Koch besucht für nmz die Musiktheater-Biennale in München. Ebenfalls vor Ort ist Welt-ler Manuel Brug. Mit der berüchtigten Schulfrage nach dem Dichterwillen beschäftigt sich nachtkritik-Kolumnist Wolfgang Behrens. Außerdem stellt die nachtkritik sieben Fragen an Caren Jeß, deren Stück "To My Little Boy" auf den Mühlheimer Theatertagen zu sehen ist.

Besprochen werden eine von Viktor Bodó inszenierte "Dreigroschenoper" am Schauspiel Stuttgart (FR - "Es wird hinreißend gespielt, es wird sehr gut gesungen") und Brett Deans Oper "Of One Blood" an der Staatsoper München (FAZ - "Von überall tönt es, auf, unter und hinter der Bühne").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.05.2026 - Bühne

Szene aus "Bluthochzeit". Foto: © Xiomara Bender

Lange hat man Wolfgang Fortners Musiktheater nach der lyrischen Tragödie "Bluthochzeit" von Federico García Lorca nicht mehr auf deutschen Bühnen gesehen, aber das Warten hat sich gelohnt, versichert Wolfgang Sandner in der FAZ, denn das, was der spanische Regisseur Alex Ollé gemeinsam mit dem Dirigenten Duncan Ward an der Oper Frankfurt bietet, verschlägt dem Kritiker den Atem. Lorcas bildmächtige Sprache hat Fortner "nicht angetastet, kein Libretto benutzt, vielmehr die dichterische Gestalt, die Lorca ihr gab, mit einer zwischen gesprochenem Text, melodramatischer Ausformung und komplexem Gesang modellierten neuen Klanggestalt umgeben. In seiner bisweilen kammermusikalisch sparsamen Polyphonie, in seinem Mut zum orchestralen Schweigen, in den expressiven Ausbrüchen wie in den lyrisch autarken instrumentalen Zwischenspielen erweist sich Fortner als souveräner Dramaturg, der - wie man vielleicht heute besser erkennt als in der Entstehungszeit des Werkes - die freie Zwölftonstruktur mit einem ungemein sinnlichen Melos zu verbinden weiß und auch die volksliedhaften Elemente überaus subtil anklingen lässt."

Ähnlich urteilt Judith von Sternburg in der FR: "Der Blutrausch bekommt das Gegenteil eines Opernrauschs, die Musik ist intrikat, delikat, sie ist auch ein bisschen kalt, jedenfalls kühl. Sie macht sich die Tragödie nicht zu eigen, sie erzählt und zeichnet sie."

Szene aus "Of one Blood". Foto: Monika Rittershaus

Der australische Komponist Brett Dean hat seine Oper "Of One Blood" über die Auseinandersetzung zwischen Maria Stuart und Elisabeth I. als Mischung aus Historienkrimi, Politthriller und Psychogramm angelegt und der auf psychologische und sozialkritische Stoffe spezialisierte Regisseur Claus Guth setzt sie an der Bayerischen Staatsoper hervorragend um, freut sich Marco Frei in der NZZ. Vor allem überzeugt ihn die von Mahan Esfahani "meisterhaft ausgestaltete" Partie des Cembalos: "Sie führt tief in die Psyche Elisabeths I., der die Sopranistin Johanni van Oostrum eindringlich Gestalt verleiht. Mit dieser charakteristischen Verwendung des Cembalos knüpft Dean an eine Tradition an, die über Alfred Schnittkes Oper 'Leben mit einem Idioten' von 1992 bis zu Dmitri Schostakowitschs Musik zum 'Hamlet'-Film von Grigori Kosinzew aus dem Jahr 1964 zurückreicht. In allen drei Fällen macht das vermeintlich harmlose Barockinstrument abgründigen Wahnsinn hörbar." Dass sich das "enorme Reservoir" von Deans Mitteln nach einer Weile erschöpft, kann Egbert Tholl in der SZ verzeihen, hört er hier doch das "großartigste Crescendo der Operngeschichte".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.05.2026 - Bühne

"Träume in Europa". Foto: Sebastian Hoppe.

Sebastian Hartmann inszeniert die Uraufführung von Wolfram Lotz' "Träume in Europa" am Staatsschauspiel Dresden, Nachtkritiker Michael Bartsch wacht aus dieser Aufführung aber eher verwirrt denn inspiriert wieder auf: Das Stück "kommt mit logik- und assoziationsfreier Symbolüberfrachtung daher. Warum muss ausgerechnet da Vincis 'Letztes Abendmahl' das Stammbild dieser Inszenierung hergeben? Umrahmt von ruinösen Wänden, die sich auch zu einer Art Traumgefängnis zusammenschieben lassen. Vielleicht, weil die Einsetzung der Eucharistie damals die Schwelle zur Transzendenz markierte? Aber wie banal geht es unter den Jüngern Jesu zu! Hier sind es zehn, ein Messias ist nicht dabei. Statisch sitzend und anfangs noch teilnahmslos geben sie die erste halbe Stunde ihr Nachterleben zu Protokoll. Probleme mit dem Mähroboter, als Sekretärin Gott sein wollen und doch lernen, ohne ihn zu leben, einen Vogel im Anus ebenso loswerden zu wollen wie den Frosch unter dem Pullover. Das nicht premierentypische Publikum goutiert das, lacht gern über die Absurditäten und Skurrilitäten unserer Traumwelt. Der Unterhaltungswert überwiegt den Nährwert bei weitem." 
 
Auch Peter Laudenbach erlebt in der SZ eher verwirrende Trauminhalte, aber dem kann man sich trotzdem ganz gut hingeben, wie er findet: "Das Ich des Tagesbewusstseins ist offenbar nicht ganz Herr in diesem Haus, das sich längst in Nebel und seltsame Fragmente aufgelöst hat. Auch die Inszenierung selbst scheint sich im Lauf ihrer gut dreieinhalb Stunden langsam aufzulösen, bis die Spielfläche gegen Ende ganz in der Versenkung verschwindet und die Stimmen der Träumer wie aus ihrem eigenen Grab kommen. Werden die Träume anfangs einfach erzählt wie etwas verwundert zur Kenntnis genommene Protokolle aus den Labyrinthen des seelischen Innenlebens, übernehmen die Traumgespinste nach und nach die Kontrolle über die Spieler. Dann stockt die Sprache und wird kurz zu einem Röcheln und Grunzen."
 
Weiteres: Reinhard J. Brembeck berichtet in der SZ von der Münchner Biennale für neues Musiktheater. Doris Meierhenrich sieht beim Berliner Theatertreffen eine Menge Männlichkeit für die Berliner Zeitung. In der NZZ stellt Anna Kardos den Korrepetitor Pablo Salido Pulido vor.

Besprochen werden: Kerstin Spechts "Na also. Geht doch.", inszeniert von Elmar Goerden im Renaissance-Theater (Tagesspiegel), Calixto Bieito adaptiert Benjamin Labatuts Roman "Maniac" am Schauspielhaus Zürich (FAZ, NZZ), "Sankt Falstaff" von Ewald Palmetshofer, Regie führt Karin Henkel am Wiener Burgtheater (Nachtkritik, taz), "183 Abgeordnete. Die letzten Tage von Österreich, wie wir es kennen", Regie von Monika Klengel am Schauspielhaus Graz (Nachtkritik), "¿Qué Pasa en la Mancha?" von Bastian Reiber und Ensemble, nach dem Roman von Miguel de Cervantes am Schauspiel Köln (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.05.2026 - Bühne

Szene aus "Maniac" am Schauspielhaus Zürich. Foto:© Eike Walkenhorst

Gespannt verfolgt Nachtkritiker Tobias Gerosa am Schauspielhaus Zürich Calixto Bieitos Inszenierung von Benjamín Labatuts Stück "Maniac" über den Mathematiker John von Neumann, der die Atombombe mitentwickelte. Gerosa sieht ein "atmosphärisch dichtes" Stück: "Matthias Neukirch zeigt Neumann als jovialen, von keinen ethischen Fragen angekränkelten Macher. Die Beiträge der Frauen seines privaten Umfeldes (Lena Schwarz als Mutter und Verkörperung des europäischen Vorkriegslebens sowie Verena Jost als Ehefrau) nimmt er in Machomanier als selbstverständlich - auch wenn sie ihm seine ganz neuartigen Computer Eniac und Maniac coden und diese damit erst zum Laufen bringen. Wenn Jost als Ehefrau ihren Frust beschreibt und dabei barfuß über splitternde Flaschen balanciert, ist das eines der ganz starken Bilder dieser Inszenierung, die sich äußerlich zurücknimmt, aber genau dadurch wirkt - mitsamt einem sehr guten Ensemble."

Milo Rau wäre wohl gerne der neue Schlingensief, meint Axel Brüggemann bei Backstage classical mit Blick auf die große Schlingensief-Retrospektive bei den Wiener Festwochen, die nächste Woche eröffnet. Nur leider gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen den beiden: "Während Schlingensief unser Gemeinwesen durch Provokation zum Nachdenken bringen wollte, will Rau unsere Wirklichkeit innerhalb seiner ästhetischen Grenzen erziehen. Schlingensief war ein anarchischer Provokateur, Rau ist dagegen ein kleinbürgerlicher Kultur-Oberlehrer." Statt "die Kunst in die Wirklichkeit zu pflanzen, nutzt er den Raum der Kunst als Safe-Space, in den er die Provokateure der so genannten 'echten Welt' lockt, um hier Schein-Kämpfe auszufechten. Dann lässt er Nazis auf Demokraten los, Juristen auf den Rechtsstaat oder Künstler auf die Politik. Über all das regen sich dann einige auf - und irgendwann schließt sich der Vorhang wieder."

Weitere Artikel: Über zehntausend Stunden Opernmusik hat der Bootlegger Leroy A. Ehrenreich in seinem Leben illegal mitgeschnitten, berichtet Michael Stallknecht in der NZZ - die Hochschule Bern hat den Nachlass gekauft, rechtlich ist die Lage kompliziert. In der taz zieht Hilka Dirks eine Zwischenbilanz des Berliner Theatertreffens. Besprochen werden Marie Schwesingers Inszenierung von "Sturm auf Berlin" am Berliner Ensemble (FR), Ingmar Ottos Inszenierung von Bernd Schmidts Stück "Achtsam morden" in der Frankfurter Komödie (FR) und Christoph Marthalers Inszenierung von "GmbH - Gesellschaft mit besonderer Hingabe" in Zusammenarbeit mit dem Theater Hora am Theater Basel (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.05.2026 - Bühne

Szene aus "Serotonin". Foto: Thomas M. Jauk

So knapp wie begeistert bespricht Iven Yorick Fenker in der nachtkritik Sebastian Hartmanns mehr als fünfstündige "Serotonin"-Inszenierung nach Michel Houellebecq, die ihm Rahmen des Theatertreffens am Hans-Otto-Theater in Potsdam gezeigt wurde. Die Inszenierung ist "maximal reduziert", ihrem Sog ist dennoch nicht zu entkommen, was gleichsam an Guido Lambrechts "fantastischer Erzählstimme und der großartigen Erzählung Houellebecqs liegt. Unwiderstehlich, wäre die Figur nicht so furchtbar widerlich. Der Abend weicht dem nicht aus. Das kann Kunst. Aber vielleicht sind es auch einfach der Frauenhass, die Verherrlichung des Patriarchats, die Femizidfantasien, die Menschen einfach nicht mehr sehen wollen. Wir befinden uns doch bereits mitten im Backlash. WTF! Again: Der Roman von Houellebecq ist Weltliteratur und Lambrecht spielt so gut, das geht nicht besser."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel lässt sich Gunda Bartels von Alina Gause, Intendantin des Theaters im Palais, erklären, wie sie eine höhere Besucherauslastung erreichen will. Besprochen wird außerdem Nicole Schneiderbauers Inszenierung von Iris Sayrams Stück "Für euch" am Staatstheater Augsburg (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.05.2026 - Bühne

In der FAZ bleibt Frauke Steffens das Lachen im Halse stecken. Nicht, weil John Lithgow den alten Roald Dahl in Mark Rosenblatts Jahre vor dem 7. Oktober verfassten Stück "Giant" so erschreckend lebensnahe gibt. Auch nicht, weil Regisseur Nicholas Hytner das Stück, das die antisemitischen Entgleisungen des britischen Autors in einem beklemmenden Kammerspiel auf die Bühne des Broadway Theaters bringt. Sondern, weil die Zuschauer so leichtfertig in die Falle tappen: "Lange dauert es auch an diesem Abend nicht, bis Lacher aus dem Publikum an den falschen Stellen kommen, Zuschauer den Köder bereitwillig aufnehmen, denn sowas wird man ja noch sagen dürfen. Er schulde den Menschen und ihr eine Entschuldigung, ruft die Verlagsmitarbeiterin Stone, nachdem sie ihre höfliche Zurückhaltung abgelegt hat. Als sie Dahls antisemitische Äußerungen aufzählt und ihm vorhält, alle Juden als Rasse zu bezeichnen, diese mit Israel und Israel mit den Nazis gleichzusetzen, zischt Dahl provokant 'Und?'. Mehr als ein Zuschauer in New York findet das zum Schenkelklopfen komisch. Auch als Dahl, der immer von Juden spricht, wenn er die Handlungen der israelischen Armee beklagt, die Grausamkeiten des Kriegs im Libanon aufzählt, um sich gegen den Antisemitismusvorwurf zu verwahren, klatschen einige."

Weitere Artikel: Für die Kulturbeilage der Zeit besucht Sven Behrisch die Proben zu Jan-Christoph Gockels "Polaris", das ab Juni im Deutschen Theater in Berlin zu sehen sein wird. Florian Illies hat indes Visionen von Christoph Schlingensief.

Besprochen werden außerdem Alexandra Szemerédys und Magdolna Parditkas Inszenierung von Wagners "Ring" am Staatstheater Saarbrücken (FR), das Stück "Ad Vitam Aeternam", getanzt vom Ballet de Lorraine unter Maud Le Pladec am Centre Choreographique in Nancy (FAZ) und Lydia Steiers Inszenierung von Iain Bells Oper "Medusa" am Théâtre de la Monnaie in Brüssel (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.05.2026 - Bühne

Herbert Föttinger in "Was für ein schönes Ende"
am Theater in der Josefstadt. Foto: Moritz Schell.

Eine Legende geht: 33 Jahre lang stand Herbert Föttinger im Wiener Theater in der Josefstadt auf der Bühne, zwei Jahrzehnte lang fungierte er dort außerdem als Direktor. "Da darf man schon von einer Ära sprechen. Zudem spielende Intendanten im Theater selten geworden sind, das wirkt fast aus der Zeit gefallen", meint Jakob Hayner in der Welt. Tatsächlich spielt Föttinger zum Abschied noch einmal selbst, nämlich den Mozart-Librettisten Lorenzo Da Ponte in "Was für ein schönes Ende", einem Stück von Peter Turrini, das nicht unbedingt den besten Ruf hat, aber für die aktuelle Aufführung runderneuert wurde: "In der Regie von Janusz Kica, ein alter Wegbegleiter von Föttinger an der Josefstadt, wird daraus statt einer Wild-West-Klamotte ein melancholischer Rückblick auf ein bewegtes Künstlerleben." Die Rechnung geht für Hayner auf, Föttinger setzt sich "mit seinem letzten Auftritt auf jener Bühne, wo er über 30 Jahre lang wirkte, selbst ein Denkmal und der ganze Saal applaudiert". Für die FAZ schreibt Martin Lhotzky über den Abend, für die Presse Thomas Kramar, im Standard Margarete Affenzeller.

Milo Rau, Intendant der Wiener Festwochen, denkt im Interview mit der Welt unter anderem über die katastrophal gescheiterte linke Strategie des Deplatformings rechter Positionen nach: "Es ist sehr interessant, sich heute den 'Container'-Film von Schlingensief noch einmal anzuschauen. Die damalige Reaktion der Linken ist exakt die gleiche wie bei meinem 'Prozess gegen Deutschland', bei 'Catarina' oder 'Rage': Die gehen hin und zertrümmern ein Schild über dem Container, weil 'Ausländer raus!' draufsteht. Was macht Schlingensief? Er bedankt sich artig und hängt das Schild wieder auf. Dazu sagt er, und das finde ich ein hervorragendes Zitat: 'Die linke Demonstrationsgesellschaft darf nicht das letzte Wort behalten.' Genau so sehe ich das auch."

Weitere Artikel: Patrick Wildermann trifft sich für den Tagesspiegel mit der Regisseurin Marie Schwesinger, deren Reichsbürger-Stück "Sturm auf Berlin" am Donnerstag am Berliner Ensemble Premiere feiert. Shirin Sojitrawalla blickt auf nachtkritik auf den prall gefüllten Theatermonat Mai.

Besprochen werden ein von Reginaldo Oliveira und Vincenzo Veneruso gestaltete Disco-Ballett-Doppelabend "Studio 54" am Salzburger Landestheater (SZ - "gefühlsechte Rekonstruktion ohne jede Nostalgie") sowie Leo Lorena Wyss' Stück "Blaupause" am Theater am Neumark in Zürich (NZZ - "verliert sich in einer vielfältigen Collage der Ideen und Themen").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.05.2026 - Bühne

Szene aus "Lucia die Lammermoor" an der Opéra Comique in Paris. Foto: Herwig Prammer/Herwig PRAMMER

Angetan ist Welt-Kritiker Manuel Brug von Evgeny Titovs Inszenierung der französischen Fassung von Gaetano Donizettis Oper "Lucia di Lammermoor" in der Opéra-Comique in Paris. Für die Aufführungen an Pariser Opern galten zu Donizettis Lebzeiten ganz eigene Regeln, lernt der Kritiker, weshalb sich diese Version in manch dramaturgischer Entscheidung von Original unterscheidet, es gibt zum Beispiel weniger Figuren. Außerdem geht es in dieser Fassung "deutlich blutiggrimmiger" zu, wie er staunt: "Die Regie stellt ihre Figuren aus, aber nimmt sie ernst: die wahnsinnige Lucia, die dem an die Wand gespießten Arturo das Herz entnommen hat und jetzt als Fetisch in höchster Vokalexzellenz koloraturbegräbt - bevor sie in Henris Schoß ihren letzten Ton haucht; den nur noch passiven Bruder; schließlich den im wunderfeiner Ariensingnot sich selbstmordenden Edgard. Ein Opfer auch er. So ist diese durchaus andere 'Lucie de Lammermoor' musterhaft gelungen."

Weitere Artikel: Jan Wiele resümiert für die FAZ die Highlights des "43. Heidelberger Stückemarkt". Hubert Spiegel berichtet ebenfalls für die FAZ vom Eröffnungsabend der Ruhrfestspiele am Wochenende. Christine Dössel porträtiert in der SZ den dreifach ausgezeichneten Schauspieler Thomas Schmauser. Besprochen wird Markus Bothes Inszenierung von Monteverdis "L'Orfeo" im Schlosstheater von Schwetzingen (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.05.2026 - Bühne

"Spooky Paradise". Foto: Martin Argyroglo.


Leider gar nicht gruselig, sondern "falsch traurig" findet Simon Strauß in der FAZ Philippe Quesnes "Spooky Paradise" an der Berliner Volksbühne, denn die Inszenierung kann sich nicht dazu entschließen, entweder etwas zu erzählen oder sich zumindest ganz dem Wahnsinn hinzugeben, alles ist Optik ohne Tiefgang: "Kein Vorgang, der eine irgendwie geartete Handlung voranbringt, alles ist Zeichen, nichts ist Ziel. Das wirkt schnell ermüdend und langweilig, auch wenn die vielen Requisiten und Kostüme (Tabea Braun) das Auge immer wieder kurz erfreuen. Aber der Zuschauer lebt eben nicht vom visuellen Brot allein, er möchte hin und wieder schon auch etwas ernsthaft Sinnliches zu beißen bekommen. Und wenn ihm das so nachdrücklich verwehrt wird wie hier, dann überkommt ihn mitunter der Hungerzorn."

Jakob Hayner hat sich für die Welt den Auftakt des Berliner Theatertreffens angeschaut, bei dem der Intendant Matthias Pees mit seiner angenehm unaufgeregten Rede für ihn "den richtigen Ton" trifft: "Kulturaktivistischer Übermut tut selten gut, warnt er und fragt zugleich, wo eigentlich heute die konservative Kulturpolitik sei, wenn man sie dringend braucht. Dem versammelten Theaterbetrieb empfiehlt Pees ein paar Lektionen in Antihybris oder Sophrosyne, wie es in der Antike hieß. Also Besonnenheit, Mäßigung, Selbstbeherrschung, gesunder Menschenverstand. 'Geben Sie Gelassenheit!', ruft Pees. Feiern die 'stoischen Gangarten', wie das neueste Buch von Helmut Lethen heißt, in Zeiten erhöhter Erregbarkeit ein großes Comeback? Es ist zumindest ein kluger Rat, sich trotz allem erst einmal nicht kirre machen zu lassen."
 
Weiteres: Das Radikal-Jung-Festival in München kann Ella Rendtorff in der taz nicht begeistern. Marco Goecke darf sich am Theater Basel reumütig rehabilitieren, berichtet Martina Wohlthat für die NZZ.

Besprochen werden: Jette Steckels "Mephisto", das das Ensemble der Münchner Kammerspiele auf dem Berliner Theatertreffen aufführt (Nachtkritik), Christoph Marthaler inszeniert Monteverdis Oper "L'incoronazione di Poppea" am Königlichen Theater Kopenhagen (FAZ), Tiago Rodrigues inszeniert Wagners "Tristan und Isolde" bei den Wiesbadener Maifestspielen (FR).