Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.04.2026 - Bühne

"Echtzeitalter" am Münchner Volkstheater © Arno Declair

SZ
-Kritikerin Christiane Lutz rechnet es Regisseur Jan Friedrich hoch an, dass sie zur Abwechslung mal gut gelaunt aus dem Theater kommt. Seine Adaption von Tonio Schachingers mit dem Buchpreis ausgezeichneter Gaming-Geschichte "Echtzeitalter" am Münchner Volkstheater ist witzig, unterhaltsam und sensibel: "Till und seine Mitschüler tragen in den Klassenzimmerszenen Masken mit puppenhaft verzagten Gesichtsausdrücken und 'grüne Polohemden und braune Segelschuhe, rosa Poloblusen und weiße Jeans', wenig subtile Hinweise auf ihren sozialen Status. Die Schauspieler wechseln fliegend und mitreißend zwischen allen weiteren Rollen, es wird gerauft, gepöbelt, gesäftelt, geraucht, getanzt." . Als "Tills Vater an Krebs stirbt, ist das ein für die Zuschauer überraschender Moment und für Till eine ausschließlich persönliche Angelegenheit, mit wenigen, exakt eingesetzten Blicken und Worten auf der Bühne doch nachspürbar." Friedrich bleibt nah an der Vorlage und damit leider etwas hinter den "gigantischen Möglichkeiten des Theaters" zurück, merkt Lutz an, die trotzdem sehr zufrieden ist.

Besprochen wird Zufit Simons Inszenierung von "The Fight Club" zur Eröffnung des Best OFF Festival Freier Theater in Hannover (taz), Marta Górnickas Inszenierung von "Kassandra" am Maxim Gorki Theater (FAZ), Jorinde Dröses Inszenierung von Caren Jeß' Stück "Bookpink New Arrivals" am Deutschen Theater Berlin (taz), Marc von Hennings Inszenierung seines Stücks "Unruhe am Rand der Schöpfung" im Theater am Leibnizplatz in Bremen (taz) und Paloma Muñoz' Choreografie "Im Mohnfeld" im Mainzer Staatstheater (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.04.2026 - Bühne

"Kassandra". Foto: Magda Hueckel.


Das Maxim-Gorki-Theater verabschiedet sich mit Marta Górnickas "Kassandra or Songs of the Canaries" von der Intendanz Shermin Langhoffs. Es wird politisch, es wird rhythmisch, es wird anklagend, wie Nachtkritikerin Elena Philipp beobachtet: "Mit Druck und ungemein präzise skandiert das 24-köpfige Ensemble seine Anklage an ein so selbstgefälliges wie selbstmitleidiges Deutschland, das die eigene Gewaltneigung im Nahraum ebenso negiert wie die schuldhafte Komplizenschaft in internationalen Angelegenheiten. Waffen in alle Welt exportieren, aber sich verstecken, sobald es unangenehm wird: Laut Allensbach Institut möchten 90 Prozent der Deutschen alles Schlimme am liebsten ignorieren. Doch immerhin sind 'wir' Weltmarktführer in 'Er-in-ner-ungs-kul-tur'! - 'You Are All Idiots' kommentiert das Debbie Arega, ein junges Mitglied des wie üblich altersgemischten Górnicka-Chores, auf ihrem knallroten T-Shirt. Aber das ist okay, sagt sie uns noch: 'I accept it.'" Philipp wird auch ein bisschen konkreter, nennt die Stichwörter "Documenta", "Genozid", und "es versteht ohnehin jede*r, wovon hier die chorische Rede ist".
 
Für Susanne Messmer in der taz geht es um das "Prinzip des Ungehörtseins selbst", das hier wie auf einem "grobschlächtgem Punkkonzert" angeklagt wird: "Brüllen, Hecheln, Flüstern, Singen, Tanzen. Stimmen, Körper, Text verdichten sich zu einem Druck, der weniger argumentiert als trifft - und es stellt sich dieser typische Górnicka-Rausch ein, von dem Kritiken sagen, er sei manchmal zu schmerzhaft, zu überwältigend. Aber genau darin liegt ihre Kraft: im atemlosen, furiosen Verbünden. Das ist kein Chor, der - wie im antiken Theater - kommentiert, sondern einer, der eingreift, der sagt: Wir sind viele, wir können auch einstimmig. Worum es konkret geht, blitzt immer wieder auf - nicht als Argument, sondern als Frontalangriff. Górnicka montiert Schlagzeilen und Sprechblasen aus der so genannten bürgerlichen Mitte zu einem frappierenden Kanon, lässt den Chor bekannte Äußerungen von Olaf Scholz und Friedrich Merz über Abschiebungen, das Stadtbild oder den Bundestag als Zirkuszelt so verfremden, dass sie ihre ganze Kälte entfalten." Weitere Besprechungen im Tagesspiegel und in der SZ.

Weiteres: Auf deutschen Bühnen wird viel gestorben, konstatiert Boris Motzki für die FAZ.

Besprochen werden: Béla Bartóks "Herzog Blaubarts Burg" wird von Tobias Kratzer an der Staatsoper Hamburg zusammen mit Alexander Zemlinskys Einakter "Eine florentinische Tragödie" aufgeführt (FR), die Gruppe Wunderbaum bringt am Schauspielhaus Bochum "Die Kunst des Deals" auf die Bühne (Nachtkritik), Stas Zhyrkov inszeniert mit "Nach dem Leben" die Bühnenfassung eines Films von Hirokazu Koreeda am Staatstheater Nürnberg (Nachtkritik), Bettina Jahnke inszeniert Yasmina Rezas Roman "Der Gott des Gemetzels" am Hans-Otto-Theater Potsdam (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.04.2026 - Bühne

Der Fußballer Pierre Littbarski, Weltmeister von 1990, feiert seinen 66. Geburtstag mit einem Auftritt auf der Bühne des Bürgerhauses Stollwerck in Köln, und Hubert Spiegel widmet diesem Abend der "Selbstheroisierung und Selbstentblößung" den Feuilletonaufmacher der FAZ. Denn Litti hat ihn bestens unterhalten. Auch SZ-Kritiker Alexander Menden verbringt einen "erfreulich bizarren Abend". 

Besprochen werden außerdem Katie Mitchells Inszenierung von Maggie Nelsons "Bluets" beim Berliner FIND-Festival (taz, mehr hier), Andrea Breths Inszenierung von Puccinis Oper "Turandot" (Welt, mehr hier) und Theresa Thomasbergers Inszenierung von Anna Neatas "Über die Notwendigkeit, dass ein See verschwindet" am Staatstheater Wiesbaden (nachtkritik) und Jessica Weisskirchens Inszenierung von Ionescos "Der König stirbt" am Hamburger Thalia Theater (nachtkritik).
Stichwörter: Littbarski, Pierre

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.04.2026 - Bühne

"Seichte" Unterhaltung kam für das FIND-Festival an der Berliner Schaubühne in diesen Zeiten nicht in Frage, bemerkt Patrick Wildermann (Tsp) - und das bestätigt ihm auch Schaubühnen-Dramaturgin Maja Zade. Und so stellt sich der Kritiker auf ein düsteres Programm ein: "Sucht und Suizid, Rassismus und Flucht - das sind nur ein paar der schwerwiegenden Themen, die das FIND diesmal mit Arbeiten aus Kanada, Brasilien, Norwegen oder Italien bearbeitet." Unter anderem wird die brasilianische Theatermacherin Janina Leite in ihrem Stück "Stabat Mater" Sex mit einem Pornodarsteller haben, angeleitet von ihrer eigenen Mutter, verrät Wildermann.

Szene aus "Bluets". Foto: Gianmarco Bresadola

Den Anfang aber macht die britische Regisseurin Katie Mitchell mit ihrer Adaption von "Bluets", Maggie Nelsons Prosaminiaturen über Liebeskummer und andere Tragödien, vor allem aber über die Farbe Blau. Vor einer Videoarbeit des Filmemachers Grant Gee, der die Kamera durch Berlin gleiten lässt, spielen drei Akteurinnen die Szenen nach - und nachtkritikerin Esther Slevogt erlebt in diesem "süffigen Stadtporträt" in erster Linie eine "Etüde des Sehens", etwa wenn "in einem Video riesengroß einmal eine Biene in das Zentrum einer knallroten Mohnblume fliegt, während eine Stimme erklärt, dass die Biene selbst hier gerade einen klaffenden bläulich-lila Mund wahrnimmt. (...) Es wird von Goethes Farbenlehre berichtet, von der Kathedrale von Chartres und ihrem somnambulen Blau. Von Billie Holiday und dem Blues. Von Menschen, die sich die Schneidezähne durch Lapislazuli ersetzen ließen." "Theatralisch unauffällig", aber von "sinnlicher Prägnanz", nennt Simon Strauss in der FAZ den Abend, während Ulrich Seidler (BlZ) mit wenig Hoffnung nach Hause geht: "Suff, Sex, Trauer, Schmerz, Leere und Einsamkeit werden von diesem seltsamen Blau verschleiert. Man findet also nirgends Halt in dieser kalten Theaterapparatur der Selbstvergessenheit."

Weitere Artikel: In der SZ bemerkt Egbert Tholl anhand von Elisabeth Stöpplers Stockhausen-Inszenierung "Michaels Reise" an der Hamburger Staatsoper, wie gut Kinderopern funktionieren können.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.04.2026 - Bühne

Szene aus "Frauenliebe und -sterben". Foto: Matthias Baus

"So geht Musiktheater, das gar nicht aufregender sein kann", jubelt Egbert Tholl (SZ), der kaum weiß, was ihn mehr umgehauen hat: Tobias Kratzers Inszenierung "Frauenliebe und -sterben" an der Hamburger Staatsoper, die Robert Schumanns Liedzyklus "Frauenliebe und -leben" mit Béla Bartóks Oper "Herzog Blaubarts Burg" und Alexander Zemlinskys einaktiger Oper "Eine florentinische Tragödie" zu einer Befragungen von Frauenbildern verknüpft? Kate Lindseys "betörend intime" Interpretation der Schumann-Lieder? Oder doch Karina Canellakis' Dirigat? "Tatsächlich ist ihr Dirigat an diesem Abend absolut berückend. Musikantisch, klanglich ist eh alles von perfekt emotional aufgeladener Klarheit, was da aus dem Graben tönt, doch Canellakis überwölbt das noch mit einem unglaublichen Theaterinstinkt. Im 'Blaubart' kennt sie jede Silbe, jede Nuance, jedes kleinste inhaltliche Detail, das da gesungen wird. Wie sie Judith, also Annika Schlicht, mit dem Riesenapparat begleitet, das hat alles von gemeinsamen Atmen, Verstehen im Moment, die Musik wird symbiotisch vereint mit dem Ausdruck der Sängerin."

Ähnlich urteilt Axel Weidemann in der FAZ: "Alles was passiert, sieht man in der Musik fast mehr, als das man es hörte - und auch das ist das Grandiose an diesem Abend, der sein Publikum mitten hinein in eine Horrorerzählung gelockt hat." Nur Nachtkritiker Falk Schreiber räumt ein: "Ein bisschen stößt einem angesichts dessen unangenehm auf, wie ein männlich gelesener Regisseur sich hier dazu aufschwingt, den Feminismus ins Musiktheater zu tragen (und dass ein männlich gelesener Kritiker das bemängelt, darf ebenfalls problematisiert werden)."

Weitere Artikel: Comics auf der Bühne? Passt ganz hervorragend, findet ein hingerissener Jakob Hayner (Welt), der mit Anna Marboes "Liv, Love, Laugh Strömquist" am Wiener Volkstheater und Katrin Plötners "Das Orakel spricht" über Selbstoptimierung und Sinnsuche am Schauspielhaus Graz gleich zwei herausragende Adaptionen nach Vorlagen der schwedischen Comiczeichnerin Liv Strömquist gesehen hat. Besprochen wird außerdem Carola Moritz' Inszenierung des "Faust 1" im Frankfurter Kulturhaus (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.04.2026 - Bühne

Simon Strauß zeigt sich in der FAZ ziemlich fassungslos darüber, dass die Chemnitzer SPD sich dafür ausgesprochen hat, das örtliche Sprechtheater und das Opernhaus zusammenzulegen. Einem "kulturpolitischen Kahlschlag in ungewöhnlichem Ausmaß" redet die SPD hier das Wort, meint Strauß. "Die Entscheidung, künftig kein eigenes Schauspielhaus mehr zu unterhalten, wäre nicht nur ein peinliches Armutszeugnis für eine Kulturhauptstadt, sie ginge auch auf Kosten der kulturellen Konkurrenzfähigkeit von Chemnitz, einer Stadt, die wegen mangelnder infrastruktureller Anschlussfähigkeit (es gibt nach wie vor keine ICE-Strecke nach Chemnitz!) sowieso schon mit Statusproblemen zu kämpfen hat. In einer Zeit, in der Machtfragen zunehmend im kulturellen Bereich aufgeworfen werden, wäre das eine Weichenstellung von fataler Fahrlässigkeit." In der BlZ kommentiert Ulrich Seidler.

Szene aus "Catarina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten". Foto: Armin Smailovic

Die Literaturwissenschaftlerin Julika Griem beschäftigt sich in der FAZ noch einmal mit dem Bochumer Theaterskandal um Tiago Rodrigues' Stück "Catarina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten" - bei der Bochumer Premiere wurde ein Schauspieler, der einen Rechtsextremisten darstellte, von Zuschauern tätlich angegriffen (mehr hier). Griem möchte den Vorfall in eine Tradition der "Parabasis" eingeordnet sehen, also der direkten Ansprache des Publikums von der Bühne aus. Eine vorschnelle Verurteilung des intervenierenden Publikums lehnt sie aus dieser - einigermaßen abstrakten - Perspektive ab: "Vielleicht liefert die Bochumer Inszenierung von 'Catarina' aber nach der mancherorts willkommenen Gelegenheit zur Publikumsbeschimpfung bei genauerer Betrachtung doch eher einen Anlass, eine vielfach totgesagte bürgerliche Institution dafür zu feiern, dass sie sich gerade nicht zwischen Repräsentation und Partizipation entscheiden muss und damit auf der Höhe einer Gegenwart bleibt, in der populistische Publikumsansprachen auf vielen medialen Kanälen effizient praktiziert werden."

Außerdem: Wilhelm Sinkovicz ruft in der Presse dem Musikwissenschaftler, Publizisten und Opernfreund Heinz Irrgeher nach.

Besprochen werden die auch in anderen Medien fleißig bejubelte Franz-Schreker-Oper "Das Spielwerk und die Prinzessin" am Opernhaus Halle (nmz - "Fabrice Bollon und die Staatskapelle Halle übertreffen sich selbst"), Thomas Birkmeiers Bühnenfassung des Hitler-Romans "Er ist wieder da" von Timur Vermes am Wiener Renaissancetheater (Standard - "Die Realität hat dem Stoff längst seine satirischen Qualitäten entzogen") und Rebekka Davids Inszenierung "Zeit für Monster" nach Franz Kafkas "Der Bau" am Theater Braunschweig (taz - "Ein schlaues Vergnügen").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.04.2026 - Bühne

Szene aus "Turandot" an der Oper Frankfurt. Foto: Bernd Uhlig

"Alles bleibt rätselhaft" in Andrea Breths Inszenierung von Puccinis Oper "Turandot", wie FR-Kritikerin Judith von Sternburg an der Oper Frankfurt feststellen kann. Breth erzählt die Oper als beklemmende Parabel auf ein totalitäres Regime: "Der Alptraum in Frankfurt spielt in allen Zeiten und an allen Orten eines maximierten und ritualisierten Staatsterrors. Er hat sich, dafür spricht die zwecklose (oder nur dem Zweck des Drucks und Stresses verpflichtete) Geschäftigkeit, weitgehend verselbstständigt. Turandot hat innerhalb dieser mittelpunktlos erscheinenden Staatsmaschine ihren eigenen Privatterror gegen Brautwerber eingerichtet. Um sich herum verbreitet sie auch einen asiatisierenden Flair, tritt selbst mit weißer Maske und streng beschränkten Theatergesten auf. Die drei an Samurai erinnernden jungen Männer scheinen ihre Entourage zu sein, ihre Arme der Gewalt. Dennoch bleibt alles offen, nicht die Gewalt und die Durchritualisierung der gesamten Existenz, aber die Frage, wann, wo, warum das stattfindet."

"Humor- und erbarmungsloses Regimetheater" sieht auch Wolfgang Fuhrmann in der FAZ, der damit allerdings den Geist von Puccinis Werk durchaus umgesetzt sieht. Gespannt wartet er darauf, wie Breth das Ende inszenieren wird, da die Oper bekanntlich unvollendet blieb. Er wird nicht enttäuscht. Der Vorhang schließt sich "dort, wo das Werk des Meisters endet: über den Trauerklängen für Liù. Ein berührender und überraschend stimmiger Ausklang, weil er die katastrophale Situation offen belässt. Wenn es einen Ausweg gegeben hätte für Puccini, dann wäre es die Entscheidung gewesen, Calaf und Turandot in der wechselseitigen emotionalen Vergletscherung zu vereinen, den rücksichtslosen Prinzen gleichfalls zu Eis erstarren zu lassen. Diese Konsequenz wollte Puccini nicht wahrhaben."

Besprochen wird David Martons Inszenierung von György Kurtágs Oper "Fin de partie" nach Samuel Beckett am Theater Basel (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.04.2026 - Bühne

"Das Spielwerk und die Prinzessin". Foto: Anna Kolata.


Was für eine gigantische, wilde Inszenierung, ruft Lotte Thaler in der FAZ, hingerissen von Nele Lindemanns Inszenierung der Schreker-Oper "Das Spielwerk und die Prinzessin" am Opernhaus Halle: "Was diese Oper eigentlich ist, lässt sich auch heute noch kaum beschreiben: eine Mischung aus Märchen, Symbolismus, Mysterienspiel, Eros und Tod, Massenhysterie und Feuersbrunst - eigentlich alles, was das Opernherz begehrt, nur in dramaturgisch höchst verschlüsselter Sprache und Abfolge." Die Regisseurin "gastiert in Halle erstmals mit einer Opernregie und stellt das Stück zusammen mit ihrer Ausstatterin Zana Bosnjak als modernes Märchen auf die Bühne, als videoverspielte, farbige Fantasy zwischen vegetativen Mustern von Moosen und Korallen bis hin zu Silhouetten nächtlicher Hochhauspanoramen."
 
Besonders die Sängerin Franziska Krötenheerd in der Titelrolle der Prinzessin hat es Judith von Sternburg (FR) angetan: "Ihr Sopran sitzt ausgezeichnet, mit sicherer Höhe, Glasigkeit, Intensität. Die Sängerin ist beim Schlussapplaus glücklich und doch wie ausgewrungen. Es ist zu einem guten Stück ihr Abend, sie gibt ihm ihr Gesicht, ihre Verve, ihre todessüchtige Lebendigkeit. Zusammen mit dem kultivierten Tenor von Chulhyun Kim als Jüngling liefert sie sich ein im großen Stil konkurrenzfähiges Schlussduett. Hier könnte das Ausstellen der Stimmen arge Folgen haben, weil alles Forcieren hörbar würde. Ist aber nicht der Fall. In allen Belangen wird an diesem Abend in Halle auf Stimmkultur statt auf Kraftmeierei gesetzt."

Besprochen werden außerdem das Tanzstück "Tide" der Choreografen Sophie Zühlke und Serhat Perhat am Münchner Volkstheater (taz), Tom Kühnels Inszenierung von Ibsens "Nora" am Staatsschauspiel Dresden (Nachtkritik), "Monster - Eine visuelle Albtraumanalyse" von Anta Helena Recke, Maxi Menja Lehmann und Anna Froelicher am Schauspielhaus Zürich (Nachtkritik, NZZ) und Nuran David Calis Inszenierung von Döblins "Berlin Alexanderplatz" am Landestheater Salzburg (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.04.2026 - Bühne

"Wenn die Sterne fallen" am Theater Osnabrück. Foto: Matthias Horn


"Mitreißende Wimmelbilder statt statischer Tableaus, Unbefangenheit und Leidenschaft statt Ironie und Brechung": In der SZ ist Alexander Menden hin und weg von Beth Steels Familiendrama "Wenn die Sterne fallen", das Christian Schlüter am Theater Osnabrück inszeniert. Dabei hat Menden nur eine Probe gesehen: "An einem Hochsommertag in einer ehemaligen Bergbaustadt heiratet Sylvia ihren polnischen Freund Marek. Ihre beiden älteren Schwestern Hazel und Maggie, ihre so ordinäre wie unterhaltsame Tante Carol, Vater Tony und andere Familienmitglieder versammeln sich vorher im Haus und nachher in einem Pub, wo unter Alkoholeinfluss familiäre Bruchstellen zutage treten. Der Humor ist derb, die Feier ausgelassen, die Streitereien so hitzig wie existenziell. 'Ich finde am englischen Theater so toll, dass die Spielenden ihre Figuren wichtiger nehmen als sich selbst', sagt Schlüter. Sie träten hinter diesen Figuren zurück, statt, wie im deutschen Theater oft üblich, davor oder danebenzustehen. Davon könne man einiges lernen."

Simon Strauß unterhält sich für die FAZ mit dem Schriftsteller und Bühnenregisseur B. K. Tragelehn, der morgen neunzig Jahre alt wird, über die Dresdner Bombennacht, Brecht, seine Freundschaft mit Heiner Müller und das Theater in der DDR im allgemeinen. Und Tragelehn erklärt, warum er Ende der neunziger Jahre aufgehört hat, am Theater zu inszenieren: "Ich habe kurz nach Heiner Müllers Tod 1993 noch einmal versucht, am Berliner Ensemble 'Die Umsiedlerin' zu inszenieren. Das war absolut schrecklich. Ich musste die Proben abbrechen, und bin in eine schwere Depression verfallen. Das Schreckliche war: Die Schauspieler verhielten sich zum Text ironisch. Einfach um darzustellen, dass sie nicht mehr so dämlich sind wie damals. Sie waren die Verlierer, aber sie wollten keine Verlierer sein und haben sich deshalb über Heiners Text lustig gemacht. Das war eine einschneidende Erfahrung für mich, die mein Schaffen nachhaltig verstört hat."

Besprochen werden außerdem Hannah Frauenraths "Home Sweet Home" am Theater Wuppertal (nachtkritik) und die Uraufführung von Fayer Kochs Stück "Das Klima (no pressure)" in der Inszenierung von Albrecht Schroeder am Mainfranken Theater Würzburg (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.04.2026 - Bühne

Mit "Turandot" debütiert die Regisseurin Andrea Breth aktuell im Frankfurter Opernhaus. Im großen FR-Gespräch mit Judith von Sternburg erklärt sie, weshalb sie Puccinis Oper in ihrer ganz banalen Boshaftigkeit inszeniert und weshalb sie generell nichts von Eingriffen in oder Kürzungen von Opern hält: "Im Schauspiel ist das eine unerträgliche Mode geworden. Es ist offenbar verwerflich, wenn man ein Stück noch spielt, wie es da steht. Für mich ist das eine Frage des Respekts. Ich habe einen wahnsinnigen Respekt vor Puccini und vor dem, was er da komponiert hat, so klug, so fein und so durchdacht. Und wenn ich nichts damit anfangen könnte, würde ich immer noch sagen: Dann macht man es eben nicht. Es wird keiner dazu gezwungen, etwas zu inszenieren."