Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Design und Mode

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.05.2023 - Design

Johanna Adorján von der SZ kommt fassungslos aus einer Karl-Lagerfeld-Ausstellung in New York nach Hause: "Wenn sich hier jemand ganz ohne Vorkenntnisse hineinverirren würde, was würde der jetzt wohl über diesen Karl Lagerfeld denken? Dass er eine Vorliebe für Schwarz hatte und für Weiß. Dass er keine erkennbare Handschrift hatte, sondern sich anpassen konnte wie ein Chamäleon. Dass er sehr fleißig war. Dass er Freundin las. Wenn man dazu noch die Horrorbilder von der Met-Spendengala im Kopf hat, wo erwachsene Menschen mit Katzenschnauzen-Prothese in Kameras diesem Karl Lagerfeld zu Ehren "Miau" sagten, und man darüber hinaus auch noch gelesen hat, dass Jared Leto ihn bald in einem Biopic spielen wird und Daniel Brühl in einer Disney-Serie, dann spürt man zum ersten Mal so richtig, dass Karl Lagerfeld nicht mehr lebt. Jetzt machen alle mit ihm, was sie wollen."

Teure Mode, die aber denkbar unspektakulär ausfällt: Alfons Kaiser und Jennifer Wiebking widmen sich in "Bilder und Zeiten" der FAZ dem Trend des "quiet Luxus", der insofern aufmerken lässt, "weil seit der Einführung von Instagram als bestem Mittel des Modemarketings die Marken um jeden Preis herausstechen wollen. Da fällt es auf, wenn niemand mehr auffallen will. ... Überall werden zeitlose Basics zu großer Mode erhoben." Gedeckte Farben herrschen vor, die Kleidung entspricht dem, "was Menschen für den Alltag brauchen: Blazer, Jacken, Mäntel. ... Womöglich ist auch das ein Grund für den 'stealth wealth', den Reichtum, der sich gut tarnt: In einer gespaltenen Gesellschaft sichert man sich durch subtile Zeichen die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe. Zugleich möchte man - auch angesichts einer möglichen Rezession - nicht protzen. Was als Markenprodukt sofort erkennbar ist, wirkt dann einfach nur vulgär."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.05.2023 - Design

Gerhard Matzig fällt in der SZ aus allen Wolken, als er die Preise sieht, die mittlerweile für uralte Ikea-Möbel auf dem Vintage-Markt hingelegt werden: Die einstigen Billig-Möbel erzielen mitunter Mondpreise. "Vintage bezeichnet heute eine Rendite, die ein Objekt durch Alterung, Selektion und Verknappung erfährt - sowie durch die allgemeine Sehnsucht nach einer Geschichtlichkeit, die sich wie das Pendel ausnimmt, das der vermeintlichen Stunde Null antwortet. Vintage-Ikea ist in genau diesem Zirkelschluss von verblüffender Logik: Das Neue ist jetzt endlich das Alte." So ist "der Eames für Arme (alt, Ikea) also mittlerweile teurer als der Eames für Reiche (neu, Vitra). Das definiert das Phänomen Vintage-Ikea als Wunder der Gegenwart und der Imagination. ... Ein Möbel mit Narben, Schrammen und Kratzern, das mehr wert ist als ein makelloses Möbel: Es ist die Rache der postmodernen Underdogs am heroischen Perfektionismus der Moderne."

Im ZeitMagazin resümiert Yasmine M'Barek das kostümierte Schaulaufen der Promis bei der Met-Gala. Im Guardian wirft Hannah Marriott einen ersten Blick dort am Freitag eröffnende Karl-Lagerfeld-Ausstellung.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.04.2023 - Design

Brosche Stern. Foto: Otto Künzli.


In der FAZ kann Hannes Hintermeier gar nicht genug jubeln über die Ausstellung "Rot", die das Münchner Design Museum der Schmuckkünstlerin Therese Hilbert ausrichtet. Strahlten ihre Arbeiten vor mehr als fünfzig Jahren noch den "Geist calvinistischer Strenge" aus, wendete sich später Materialien wie Kunststoff und Silber und damit einer "Demokratisierung des Schmucks" zu, schreibt er. Vor allem aber behauptete sie sich im männlich dominierten Kunstmarkt, staunt Hintermeier. Sie habe "im Bayerischen Nationalmuseum ein Gegengift gegen die Beharrungskräfte der Stadt gefunden: mittelalterliche Piken, Hellebarden und Lanzen. Die Formensprache dieser Hieb- und Stichwaffen habe sie fasziniert. So sind die Variationen von Sternen, die Hilbert in dieser Zeit vielfach durchspielt, auch Ausdruck ihrer Widerständigkeit. Ihr Schmuck habe einfach nicht zum Dirndl gepasst, als Frau habe man damals 'doppelt strampeln' müssen. Da habe sie wohl buchstäblich die Krallen ausgefahren. Diese Haltung drückt sich am deutlichsten in einer Dornenkette aus, der eine Rose beigegeben ist - ohne sich zu verletzten ist die Kette nicht tragbar."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.04.2023 - Design

SPHINX - 'Superfunktionale Informations- und Kommunikationseinheit', alternative Konfiguration, Sowjetunion, 1986-87, Reprints, 2023, © Privatsammlung

Der Kalte Krieg fand auch auf dem Gebiet des Schönen und Nützlichen statt, erinnert Paul Jandl in der NZZ nach dem Besuch der Berliner Ausstellung "Retrotopia. Design for Socialist Spaces" (mehr dazu bereits hier): Zwischen den beiden Machtblöcken "tobte ein Konkurrenzkampf um Modernität. Um Technologie und Design. ... Wer die Zukunftsarbeit des Ostblocks zwischen den fünfziger und den achtziger Jahren sieht, der erkennt einen kreativen Enthusiasmus, der den des Westens vielleicht sogar übertrifft. Die staatlichen Design-Akademien quollen über von Ideen, die entweder nie verwirklicht wurden oder ohnehin utopisch gedacht waren." Außerdem "war der Minimalismus des Ostens ein anderer als der des Westens. In ökonomischen Mangellagen musste man minimalistisch operieren, während die Schlichtheit im Westen ein absichtlicher Verzicht auf Opulenz war. Dass beide Systeme Designs hervorgebracht haben, die sich ähnlich sehen, kommt nicht von ungefähr. Es gab informelle Kanäle zwischen Architekten und Designern, auch der Sowjetstaat selbst ließ sich gelegentlich westliche Designer-Ware zu Anschauungszwecken kommen."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.04.2023 - Design

Laura Hertreiter, Cornelius Pollmer und Max Scharnigg berichten in der SZ glänzend aufgelegt von der Mailänder Möbelmesse, wo sich ihnen in diesem Jahr "eine erstarkte Freude am Design-Design" zeigte. Kein Minimalismus mehr - das Auge wohnt schließlich mit: "Visier offen, Maske weg, große Materiallust allerorten. Viele interessante Oberflächen haben ihren Weg auf die Messestände gefunden, ein Lavasteintisch bei Magis, blasenreicher Beton überall, wild gemaserter Marmor, raffiniert Glasiertes und deftige Farbverläufe bis hin zu batik-artigen Mustern bei Moroso. Aber auch unerhört schmückende Reliefs und Ornamentik, angesichts derer Adolf Loos wieder mal im Grab rotieren dürfte. Irisierende Keramik als Lampenfuß, dickfleischige Rippen im Sofabezug - man ist im guten Sinne oberflächlich geworden. Selbst bisher streng sterile Badarmaturen wie beim Hersteller Grohe können jetzt bis zum kleinsten Hebel mit Spezialmaterial individualisiert werden und dann aussehen, als wäre der nächste Steinbruch nicht weit."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.04.2023 - Design

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Ziemlich super findet es Gerhard Matzig in der SZ, dass Frank Lloyd Wright mit einem Turnschuh geehrt wird: Gerade ist der Sneaker New Balance 998 Broadacre City erschienen, ein für Sammler gestalteter Entwurf, der für einen ansehnlichen dreistelligen Betrag verkauft wird und eine Hommage an den berühmten Architekten darstellt. Designer Ronnie Fieg "ahmt in Form- und Farbgestaltung einen nie realisierten Stadtutopie-Entwurf von Wright namens 'Broadacre City' einerseits und die seit den Achtzigerjahren zur Legende (unter Sneakerfreunden) gewordene Silhouette des 998-Modells andererseits nach. ... Fiegs Version erinnert an frühe Skizzen des Broadacre-Entwurfs, der als Studie 1932 im Artikel 'The Disappearing City' vorgestellt wurde." Darin plante Wright "eine suburbane, dezentral organisierte und von titanischen Highways durchzogene Welt ... Fußgänger gibt es in diesem Reich nicht. Aber vielleicht ist die Vorstellung, Sneakers könnten etwas mit dem Gehen zu tun haben, so bizarr wie Wrights Farmhaus-Romantik, die in Deutschland in Form pendlerpauschalhaft zerdieselter und zersiedelter Eigenheim-Wucherungen Wirklichkeit wurde."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.04.2023 - Design

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Die Modedesignerin Mary Quant ist im gesegneten Alter von 93 Jahren gestorben. Generationen junger Frauen verdanken auch Quant mit dem Minirock den modischen Ausdruck ihrer rebellischen Unangepasstheit, schreibt Kathleen Hildebrand in ihrem SZ-Nachruf. "Wenn heute jeder bei den Worten 'London' und 'Sixties' sofort Bilder von knallbunten Kleidchen und von androgynen jungen Frauen mit Baskenmütze vor sich sieht, wie das Model Twiggy eine war", dann ist das auch Quants Verdienst. Diese hatte einfach "ein irres Gespür für das hatte, was in der Londoner Luft lag. Und bald nicht mehr nur dort: 1965 folgten die Minikleider mit Mondrian-Print von Yves Saint Laurent, die Rocklängen waren schon seit Beginn der Fünfzigerjahre überall immer kürzer geworden. Manchmal braucht es eben Menschen, die ihrem inneren Seismografen vertrauen, damit ein welterschütternder Trend entsteht. ... Quant sagte selbst, dass es nicht sie war, die den Minirock erfand, sondern: 'Es waren die Mädchen in der King's Road'", während sie selbst nur Kleidung anbot, deren Länge die Käuferinnen selbst bestimmen konnten.
Stichwörter: Quant, Mary, Mode, Instagram, 1960er, Model

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.04.2023 - Design

Das wurde aber auch Zeit, meint Lerke von Saalfeld in der FAZ: Endlich wird der von den Nazis 1943 ermordeten Goldschmiedekünstlerin Paula Straus eine eigenen Ausstellung gewidmet. Ausgerichtet hat sie das Stadtpalais - Museum für Stuttgart im Rahmen seines "Festivals der Frauen", FemPalais. "Schon beim Betreten der Räume umfängt den Neugierigen eine zauberhafte Atmosphäre. Aus den Vitrinen blinken und blitzen die fein ziselierten Silberwaren, goldverzierte Monstranzen, Bestecke und natürlich Goldschmuck. Angesiedelt zwischen Bauhaus und Neuer Sachlichkeit, mit Anspielungen auf Art Déco und englischen Klassizismus, schuf Straus Meisterwerke der Formkunst, einer Formkunst, die - wenn möglich - auf jedes Dekor verzichtete, sich puristisch der Strenge und Einfachheit hingab. Selten sind es Einzelstücke wie eine Obstschale oder eine Wasserkanne, meist waren es Tee- und Kaffeeservice mit Kannen, Sahnetöpfchen, Zuckerdosen, Teesiebe mit Untersatz, vornehm auf einem Tablett angeordnet." Und Schmuck, den sie in einem separaten Atelier für Einzelaufträge fertigte.
Stichwörter: Bauhaus

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.04.2023 - Design

Modell des 'intelligenten Arbeitsraums' in Originalgröße, Teil der 'Heim-Informations-Maschine '(DIM), ausgestellt auf der Elektronik-Ausstellung, Moskau, Sowjetunion, 1971, Reprint, 2023, © Privatsammlung Wladimir Papernyj

Das Kunstgewerbemuseum Berlin wirft mit seiner Ausstellung "Retrotopia" einen Blick auf die Geschichte des sozialistischen Designs in den Ostblockländern. Die versammelten Objekte demonstrieren die in den Sechzigern und Siebzigern angeschobene Sehnsucht nach der Zukunft, nach "Smarthomes", schreibt Kevin Hanschke in der FAZ. "In der Sowjetunion wurden ab 1962 beispielsweise die kugelförmigen Staubsauger 'Saturnas' des litauischen Ingenieurs Vytautas Didžiulis hergestellt. Die blauen oder orangefarbenen Kugeln zeugen ebenso wie das Dickglas-Objekt 'Weltraumfantasie' von 1965 des Künstlers Algimantas Stoskus von der Kosmos-Verliebtheit dieser Epoche. Grafische Formen hängen von der Decke, bestückt mit Edelsteinen und Lavabrocken. In allen Teilen der Sowjetunion entstehen Designschulen, die eine Ästhetik des Weltraumzeitalters erschaffen."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.03.2023 - Design

Céline Baumann, Das Parlament der Pflanzen, 2020. © Studio Céline Baumann


SZ-Kritiker Gerhard Matzig schwört seinem Moos-Killer ab nach dem Besuch der Ausstellung "Garden Futures - Designing with Nature" im Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein. Der Vorschlag der Kuratoren, die ganze Erde als Garten zu verstehen, leuchtet ihm sofort ein: "Was ganz privat dazu führt, dass man sich nach vielen Jahren im Ringen um den perfekten Rasen von der albernen Nordkorea-Idee homogen gedrillter Halme in Reih und Glied verabschiedet. In diesem Frühjahr sieht der eigene Garten gelblich aus. Das anarchische Moos ist auf dem Vormarsch. Von der Textilkünstlerin Alexandra Kehayoglou ist im letzten Raum ein riesiger Teppich in der Anmutung einer kargen Landschaft zu sehen, die in ihrer Mooshaftigkeit auch reich ist. Karg, reich, im Werden, im Vergehen. Es geht um die Kunst der Balance. Als faschistoider Kleingärtner wird man, versprochen, nie wieder 'Moosfrei'-Rasendünger verwenden. Man wird das Moos umarmen. Irgendwo muss man ja mal anfangen mit dem Weltretten."