27.01.2025. Der Perlentaucher wird 25! Als er gegründet wurde, war Google eine auf die USA beschränkte Suchmaschine, Amazon hatte noch Konkurrenz von BOL und FAZ-Leser kannten die SZ nicht, sondern wussten nur, dass es da "eine süddeutsche Zeitung" gab. Zeit für einen kurzen Rückblick.
Die Idee für den Perlentaucher entstand in den 1990er Jahren in Berlin und in Paris, wo Thierry zu der Zeit Kulturkorrespondent der SZ war. Die Mauer war gefallen, das Internet wurde im Journalismus langsam zur Normalität, die ersten Internetbuchhändler, Amazon und BOL, entstanden, Google gab es noch nicht. Alles veränderte sich, alles schien möglich, selbst die Gründung eines neuen Kulturmagazins (fast) ohne Geld. Die Vorstellung, etwas eigenes auf die Beine zu stellen, war unglaublich verlockend. Es gab in gewisser Weise ein Vorbild: die taz, für die Thierry Chervel und Anja Seeliger lange gearbeitet hatten. Auch die taz konnte 1978 nur gegründet werden, weil es plötzlich Computer gab, die den komplizierten und teuren Prozess des manuellen Setzens überflüssig machten. Die Möglichkeiten neuer Technik waren für uns von Anfang an immer auch positiv besetzt.
Gegründet wurde der Perlentaucher schließlich im März 2000 von Thierry Chervel und mir (beide Kulturjournalisten, Chervel damals für die SZ, ich als Freie vor allem für die taz), Niclas Seeliger, damals Leiter einer Rettungswache in Hamburg (Buchhaltung) und Adam Cwientzek (Technik), der vor dem Beginn seines Studiums ein Praktikum an eben dieser Rettungswache machte und seine Fähigkeiten unter anderem dadurch bewies, dass er mein Mailkonto knackte, dessen Passwort ich vergessen hatte. Grundkapital waren 50.000 Mark von Verwandten für die Gründung einer GmbH. Zwei Dinge zeichneten den Perlentaucher von Anfang an aus: Einmal die Idee der Bündelung und Verlinkung, die dem Internet gewissermaßen eingeschrieben ist. Statt sechs Zeitungen zu lesen, was damals in der Regel nur Großstadtbewohnern in einigen Cafes möglich war, wollten wir die Feuilletons der großen Zeitungen in einer kommentierten Presseschau bündeln, in ein Gespräch verwandeln, mit Hinweisen, Rückverweisen, Links und eigenen Anmerkungen. Das war damals durchaus ungewöhnlich, weil die Zeitungen sich zwar oft aufeinander bezogen, das aber selten sagten. Für die FAZ war die SZ oft nur "eine süddeutsche Zeitung", wenn sie gezwungen war, auf ein Medium außerhalb "dieser Zeitung" hinzuweisen, umgekehrt war es nicht anders.
Wie nützlich dieses "Gespräch" ist, zeigte sich immer wieder: Wer erfahren will, wie die Feuilletons und internationale Magazine den 11. September 2001 diskutierten (hier und hier), Walsers "Tod eines Kritikers" (hier), die dänischen Mohammed-Karikaturen (hier) oder den Islam in Europa (hier) - bei uns findet er gebündelt, wer was wann wo dazu geschrieben hat. Anders als die allermeisten Zeitungen haben wir die Karikaturen auch abgebildet.
Gebündelt haben wir auch von Anfang an die Buchkritiken der überregionalen Zeitungen: Hierfür haben wir eine durchsuchbare Buchdatenbank angelegt, in die wir jedes besprochene Buch eingeben und resümierende Notizen zu den überregionalen Kritiken dazu stellen. Eine kleine Basisdatenbank schufen wir vor dem Start des Perlentauchers, indem wir die Literaturbeilagen vom Herbst 1999 auswerteten. Das erste Buch, das wir eingegeben haben, war Michel Houellebecqs Roman "Elementarteilchen". Wer also wissen will, wie dieses Buch damals in den überregionalen Zeitungen besprochen wurde, erfährt es bei uns. Und wir fuhren 1999 zur Frankfurter Buchmesse, wo wir den Verlagen den Perlentaucher vorstellten und mit zwei Koffern voller Verlagskataloge nach Berlin zurückkamen - von den Verlagen war damals noch niemand im Netz (auch manche Zeitungen übrigens nicht), die Klappentexte der Bücher musste man aus den Katalogen abtippen.
Das führt direkt zur zweiten Sache, die den Perlentaucher auszeichnet. Wir waren kein Start up, sondern mussten uns von Anfang an selbst finanzieren: Indem wir Verlagswerbung akquirierten, unsere Rezensionsnotizen auch an die großen Internetbuchhandlungen verkauften, an Amazon, BOL und später buecher.de, und Webseiten bauten für Verlage, Autoren (FC Delius) oder Zeitschriften (Lettre und "Lettre Ulysses Award").
Wie fruchtbar die Idee der Bündelung ist, erkannten auch die Zeitungen: Der Perlentaucher war gerade mal fünf Monate alt, da schrieb Gustav Seibt in der Zeit: "Man erhält also eine Übersicht, die man mit einfachem Mausklick vertiefen kann: Der Wagner-Freund kann beispielsweise fünf aktuelle Rezensionen der neuen Bayreuther Aufführungen vergleichen. Das Netz dürfte so den Zeitungen ein zusätzliches, meist hochtrainiertes und interessiertes Publikum zuführen. ... Den Perlentaucher gibt es erst seit Mitte März dieses Jahres, im Lauf der Zeit kann er zu einem großen Kulturarchiv werden. Darüber hinaus unterrichtet eine Magazinrundschau über wichtige Artikel nicht zuletzt aus englischsprachigen Organen wie dem Economist, der New York Review of Books, dem Atlantic Monthly. Jeder kann sich auf diese Weise bequem intellektuell auf dem neuesten Stand halten, auch wenn seine örtliche Buchhandlung die edlen Blätter nicht ausliegen hat." Seibt würdigte auch den Reiz, der "ziemlich schnippischen Behandlung der Feuilletons. Hier wird eine tägliche Blattkritik geliefert, und zwar von Lesern, die durch ihre Arbeit naturgemäß kompetent und langweilbar übers normale Maß hinaus sind. Wer sie zu nachtschlafender Zeit ab 6 Uhr morgens vom Moabiter Hocker reißen will, muss selber früh aufstehen."
Andere sahen das ähnlich: 2003 wurde der Perlentaucher mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet. Und er hatte Leser auf der ganzen Welt. Ich erinnere mich an eine Karte, die unser Techniker Adam damals erstellt hatte, die zeigte, von welchen Ländern aus wir angesteuert wurden: Perlentaucher-Leser saßen etwa in Japan, Kasachstan, einer Insel im Pazifik, im Sudan oder auf Grönland.
Perlentaucher 2003, bei der Verleihung des Grimme Online Awards. Niclas Seeliger, Anja Seeliger, Thierry Chervel, Adam Cwientzek.
2005 erhielten wir von der Bundeskulturstiftung eine Förderung für ein englischsprachiges Magazin: signandsight.com. Unsere Idee war, ausgewählte Zeitungstexte ins Englische zu übersetzen, ebenso unsere Feuilleton- und Magazinrundschau, um so ein internationales - vor allem aber europäisches - Publikum über Debatten aber auch über das Kulturleben in Deutschland zu informieren. "Die letzten Jahre haben gezeigt, dass Debatten, die innerhalb nationaler Öffentlichkeiten geführt wurden, eigentlich internationale Foren bräuchten: Der Irak-Krieg, die EU-Erweiterung, das Verhältnis zum Islam, die europäische Verfassung - all dies sind Themen, die über die Grenzen hinweg diskutiert werden müssten. Bisher haben sie keine Medien", schrieben wir in der Ankündigung unserer neuen Webseite. Auch hier war die Grundidee, ein Gespräch zustande zu bringen. Und es funktionierte! Zeitungen beispielsweise aus Polen, Spanien oder Brasilien wurde auf uns aufmerksam, kauften die Nutzungsrechte von Autoren oder Verlagen und übersetzten die englischen Artikel in ihre eigene Sprache. Aber wir starteten auch eigene Debatten. Die größte eröffnete der französische Philosoph Pascal Bruckner, der 2007 Timothy Garton Ash und Ian Buruma kritisierte, die der Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali vorgeworfen hatten, sie pflege einen "Fundamentalismus der Aufklärung". Daraus entspann sich eine Debatte mit Beiträgen aus aller Welt, die man auf Englisch und Deutsch immer noch bei uns nachlesen kann.
Ebenfalls 2005 erhielten wir von der Bundeszentrale für politische Bildung für drei Jahre den Auftrag für eine tägliche mehrsprachige europäische Presseschau, eurotopics, die wir bis 2008 erstellten.
Diese letzteren beiden Projekte wurden vor allem in in der FAZ scharf kritisiert. Besonders signandsight.com. Ein Fehler! Wie sehr wünschte man sich heute, in Zeiten des aufsteigenden Rechtsextremismus und einer sich einigelnden Linken, es gäbe ein europäisches Medium wie signandsight, das ein Gespräch über die Ländergrenzen in Europa hinweg und mit der Welt ermöglicht! Besonders, da keine einzige deutschsprachige Zeitung in ihrem Blatt oder Internetauftritt eine Rubrik "Europa" hat. Nach dem Auslaufen der Förderung durch die Bundeskulturstiftung ist es uns leider nicht gelungen, andere Stiftungen in Europa für das Projekt zu interessieren. 2012 mussten wir die Arbeit an signandsight.com einstellen, aber die Seite steht noch im Netz und bietet selbst heute noch interessanten Lesestoff. Vor allem aber zeigt signandsight.com, wie einfach es im Grunde ist, eine europäische Öffentlichkeit herzustellen. Man muss es nur wollen.
Journalistisch gesehen waren das wunderbare, erfolgreiche und zutiefst befriedigende Jahre. Getrübt wurden sie 2006 durch eine Klage von FAZ und SZ, die uns vorwarfen, mit unseren Rezensionsnotizen und dem Verkauf dieser Notizen an Internetbuchhändler, Urheber-, Wettbewerbs- und Markenrechte zu verletzen. Der Streit ging bis zum BGH, der ihn an das OLG Frankfurt zurückverwies, das 2011 weitgehend zu unseren Gunsten entschied.
Perlentaucher 2010: Thekla Dannenberg, Thierry Chervel, Anja Seeliger, Niclas Seeliger, Peer Skrzypek, Praktikantin (bitte melden!) Der Perlentaucher überstand das, machte weiter, probierte aus, verwarf einiges, anderes kam hinzu: Zum Beispiel unser Online-Buchladeneichendorff21, den wir 2019 gründeten. Hier helfen unsere inzwischen über 100.000 Rezensionsnotizen und die tägliche Lektüre der Buchkritiken, die Spreu vom Weizen zu trennen und aus der Masse der Neuerscheinungen die interessantesten, meist- oder am besten besprochenen Bücher zu verschiedenen Themen zusammenzustellen. Werbung, Buchverkäufe und Spenden von Lesern bilden heute das finanzielle Rückgrat des Perlentauchers und halten uns stabil. Der Dienstleister Steady hat uns sehr geholfen, die "freiwilligen Abos" für den Perlentaucher zu organisieren. Unsere Haupteinnahmen erzielen wir nach wie vor mit Werbung, aber die Leser und der Buchladen haben uns stabilisiert.
Perlentaucher 2025: Thierry Chervel, Anja Seeliger, Arnim Eisenhut, Justin Salisbury, Alice Fischer. Foto: Christian Schulz / Perlentaucher
Wir haben auch immer wieder Anstöße zu Debatten gegeben oder uns daran beteiligt: André Glucksmannwarnte bei uns schon 2004 und danach immer wieder vor dem "Petrozar" Putin und der deutschen Abhängigkeit von diesem Kriegsherren. Wir brachten Anna Politkowskajasletzte Reportage über den tschetschenischen Kommandanten Buwadi Dachijew in der Nowaja Gazeta 2006, einen Monat, bevor sie ermordet wurde. Wolfram Schütte startete 2015 eine große Debatte über die Zukunft der Literaturkritik. Der Rechtsanwalt Martin Vogel erklärte bei uns seinen Prozess gegen die Ausschüttung eines Verlegeranteils der VG Wort. Der Ägyptologe Jan Assmann stieß bei uns 2013 die Monotheismusdebatte an. Die Debatte über den Historikerstreit 2.0, wurde maßgeblich vom Perlentaucher nach Deutschland gebracht.
Im März 2025 feiert der Perlentaucher seinen 25. Geburtstag zusammen mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach (mehr dazu hier). Wir stellen an die maßgeblichen deutschen Literaturkritiker und -kritikerinnen die beiden Fragen, die zählen: Was bleibt, und was kommt?
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