25 Jahre Perlentaucher

Das komplexe Vibrieren

Von Ijoma Mangold
27.01.2025. "Mehr Superlative in Anschlag, als es die Logik der Singularität eigentlich hergeben kann." Ijoma Mangold antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentauchers.
25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? D.Red.

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Zur Ehrlichkeit des Literaturkritikers, der Saison für Saison Leidenschaft und Entdeckerfreude inszenieren muss, gehört auch das Eingeständnis, dass er im Laufe der Jahrzehnte mehr Superlative ("eines der ungewöhnlichsten Werke der letzten Jahre - in einem Wort: ein Meisterwerk!") in Anschlag gebracht hat, als es die Logik der Singularität eigentlich hergeben kann.

Schaut man also auf ein Vierteljahrhundert zurück, dann geht es um Nachhaltigkeit, also um die Nachbrennerqualitäten, um den unverwechselbaren Ton, den man auch nach Jahren innerlich abrufen kann, ohne noch einmal das jeweilige Buch aufschlagen zu müssen. So geht es mir mit zwei Büchern, die komischerweise auf der Liste der meist besprochenen Titel gar nicht auftauchen, die ich hier gleichwohl reinschmuggeln möchte: Rainald Goetz' "loslabern", weil es den ja doch irgendwie sich nicht von selbst verstehenden Nachweis erbracht hat, dass es noch immer die Sprache sein kann, die das komplexe Vibrieren der Gegenwart (die sich aus Körpern UND aus Gedanken zusammensetzt) einzufangen vermag.

Und ich denke an Christian Krachts Roman "1979", auf das man in den Jahren danach immer wieder zurückkam, weil es einfach die knappste Chiffre für jenen Dekadenz-Selbstverdacht war, mit dem sich der Westen nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 gerne selbst quälte. Geschrieben hatte Kracht den Roman, so gehört es sich, schon davor.

Aber jetzt zu fünf Büchern des Perlentaucher-Rankings.

Ich nenne Leif Randt mit "Allegro Pastell"! So wie einst Werther zu seiner Lotte nur "Klopstock!" sagen musste, so braucht man in bestimmten Lifestyle-Stimmungen nur "Allegro Pastell" zu sagen - und alles ist gesagt. Leif Randt hat mit diesem Roman einen Wahrnehmungsstil geschaffen, der ein Gegenwartsgefühl fasst, das ganz ohne thetisch-zeitdiagnostische Botschaftssätze auskommt.

Dann nenne ich als Kontrapunkt den großen Anachronisten Botho Strauß, der aber gerade in seiner Gegenwartsablehnung diese um so genauer durchdringt und beschreibt. Bei Botho Strauß denke ich eigentlich immer ans Gesamtwerk, das doch irgendwie ein einziges großes Oratorium ist, aber um den Regeln zu genügen, sei sein Buch "Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich" pars pro toto herausgegriffen.

Auch wenn es seither ein bisschen still um den Autor geworden ist, bleibt für mich ein zentraler Orientierungspunkt für dieses vergangene Vierteljahrhundert Ernst-Wilhelm Händlers Roman "Wenn wir sterben". Er hat den zeitgenössischen Roman zu einer Komplexitätsmaschine ausgebaut, in dessen dynamischem Formenspiel sich der Proteuscharakter des zeitgenössischen Finanzkapitalismus spiegelt: Die Konvertibilität von Geld und Sprache als arbiträre Zeichensysteme.
Ich habe nur noch zwei Schüsse frei. Es ist so schwer - und das, obwohl ich ja schon geschummelt habe.

Also nenne ich Terézia Mora, deren unverwechselbarer Tonfall mich durch die Jahre begleitet hat wie ein Ohrwurm, dessen ich nie überdrüssig werde - und auch hier wieder ähnlich wie bei Botho Strauß fast unabhängig vom Einzelwerk. Um ein solches aber gleichwohl zu nennen, entscheide ich mich ein wenig voluntaristisch für "Der einzige Mann auf dem Kontinent" aus dem Jahr 2009.

Und zuletzt nenne ich einen, der zu früh von uns gegangen ist, aber nicht nur deswegen längst ein Klassiker geworden ist: Wolfgang Herrndorf - und da ist es sein Lebensabschiedstagebuch, seine ars moriendi "Arbeit und Struktur", in der seine Welt- und Selbstbeobachtung und seine lässige Sprachsouveränität, die eine Funktion seiner Intelligenz waren, so unauslöschlich präzise zusammenarbeiteten.