
Unter Kulturministerin
Martina Šimkovičová schreiten die "Säuberungen" in wichtigen slowakischen Kulturinstitutionen weiter fort, wie Karel Veselý
berichtet. "In den letzten Tagen kommen aus Bratislava eine Schreckensmeldung nach der anderen. Das Kulturministerium bleibt auch über den Sommer hinweg nicht müßig und beruft gnadenlos die Leiter künstlerischer und kultureller Einrichtungen ab. Innerhalb weniger Tage mussten
Matej Drlička, der Direktor des Slowakischen Nationaltheaters, sowie die Leiterin der Slowakischen Nationalgalerie
Alexandra Kusá ihren Hut nehmen. Damit ist das Massaker noch nicht zu Ende - die Ministerin verkündet, alle Leute in der Kultur würden entlassen, die
nicht '
kompatibel damit sind, wie sich die slowakische Kultur in den nächsten Jahrzehnten entwickeln soll'." Šimkovičová & Co. haben es sich zur Aufgabe gemacht, eine eigene Kulturfront aufzumachen, die aus Gruppen einzelner Loyaler bestehen soll, die sich an die nationalistische Linie halten, so Veselý. "Die Inspiration durch die Orbán-Regierung ist unverkennbar. Das Einzige, was überrascht, ist
die Schnelligkeit, mit der Šimkovičová unter Ficos Ägide die slowakische Kultur umwälzt." Wenn der dienstleitende Ministerialbeamte Lukáš Machala von den Intellektuellenzirkeln aus Bratislava spricht, deren "Macht- und Interessenstrukturen" zersprengt werden sollen, fühlt sich Veselý an die Rhetorik der kommunistischen Normalisierung erinnert, "wo es ebenfalls von
zahlreichen '
Verrätern' wimmelte, die sich Abend für Abend Ausschweifungen hingaben, während das restliche Volk redlich in die Fabrik ging". Und die Art, wie so manche Kunst als "degeneriert" bezeichnet wird, weckt in Veselý ungute Erinnerungen an den deutschen Nationalsozialismus. Dabei beweise das Interesse, das autoritäre Politiker an der Kultur hätten, in Wahrheit ihre Bedeutung, meint der Kritiker: "Die Kunst hat keine Scheu, einem Regime, das die demokratischen Prinzipien verlässt und nach der unbegrenzten Macht greift, den kritischen Spiegel vorzuhalten. Deshalb ist die Kultur so gefährlich, und deshalb gilt es, sie unter Kontrolle zu bringen." Tatsächlich gebe es in der Öffentlichkeit zahlreiche
Demonstrationen und Petitionen gegen das staatliche Vorgehen. Die erste (wirkungslose) Petition zur Abberufung der Ministerin, die Anfang des Jahres sofort 188.000 Unterschriften erhielt, habe nun ein Nachspiel: "Die Künstlerin
Ilona Németh, die sie initiiert hatte und eines der Gesichter des damaligen Protests war, wurde im Juli zur Polizei vorgeladen, die einer Strafanzeige des Ministeriums gegen die Organisatoren der Petition nachgeht." Nichtsdestotrotz ist gerade eine neue Petition gegen die "inkompetente und kulturlose" Ministerin und "die Zerstörung des öffentlichen Raumes" im Gange, deren Autoren unter anderem der Schriftsteller
Michal Hvorecký und die Schauspielerin
Zuzana Fialová sind.