
"Die Zukunft westlicher Demokratien hängt davon ab, ob sie sich aus der fruchtlosen Opposition zwischen
Wokeismus und Anti-Wokeismus befreien können",
erklärt der
Jurist Yves Plasseraud in
Esprit (von
Eurozine ins Englische übersetzt). Denn: "Das aufkeimende Phänomen des Anti-Wokeismus, das weit davon entfernt ist, lediglich die Exzesse des Wokeismus zu kritisieren, radikalisiert sich und wird zu einer politischen Waffe, um Minderheiten zu stigmatisieren." In Europa sind die Opfer zumeist Einwanderer, Sinti und Roma, Muslime und Juden. Aber überall auf der Welt werden Menschen wegen ihrer Herkunft oder Religion verfolgt: "Das Paradoxon des Wokeismus ist offensichtlich: "Die öffentliche Meinung im Westen steht diesen Ereignissen zunehmend gleichgültig gegenüber.
Ermüdet von Identitätskonflikten sowie der Wirtschafts- und Umweltkrise, beschäftigen sich die Menschen weniger mit den Kämpfen von Minderheiten. ... Entstanden, um Minderheiten zu schützen, macht der Wokeismus sie nun zunehmend verwundbar. Da er immer radikaler wurde, verwandelte er sich in den idealen Gegner des Populismus. Die
Populisten wiederum nutzen den Anti-Wokeismus, um autoritäre Politik durchzusetzen. Was können wir tun, um zu vermeiden, dass wir die Initiative an diejenigen abgeben, die Chaos verbreiten wollen? Es scheint drei mögliche Wege zu geben, um diesen Stillstand zu überwinden. Der erste besteht darin, den
demokratischen Universalismus wiederherzustellen. Es geht nicht darum, Unterschiede zu leugnen, sondern sie in einen gemeinsamen Rahmen einzubetten, der auf der gleichberechtigten Anerkennung von Rechten basiert. Der zweite Weg besteht darin,
internationale Institutionen zu stärken: Ohne durchsetzbare Mechanismen bleiben Minderheiten den identitären Agenden der Mehrheiten schutzlos ausgeliefert. Der dritte und letzte Weg besteht darin, den Menschen beizubringen,
Komplexität zu schätzen: Demokratie kann ideologische Vereinfachung nicht überleben. Wir müssen neu lernen, mit Widersprüchen, Nuancen und irreduziblen Spannungen umzugehen."