Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

290 Presseschau-Absätze - Seite 21 von 29

Magazinrundschau vom 25.09.2012 - Magyar Narancs

Der ungarische Essayist László F. Földényi freut sich über den Begleitband zu Péter Nádas' "Parallelgeschichten", der nach der deutschen Ausgabe nun auch auf Ungarisch erschienen ist. In Ungarn gibt es solche Begleitbände sonst nicht, klagt Földényi: "Dazu benötigt man nämlich kein Fachpublikum, sondern ein bürgerliches Lesepublikum. Bürger, die lesen. In Ungarn hingegen gibt es so genannte Bürger, die aber in den meisten Fällen nicht lesen, und es gibt Leser, die in den meisten Fällen keine Bürger sind. Und die Zahl derer, die diese beiden Faktoren in sich vereinen, ist so gering, dass ihnen zuliebe solch ein Begleitband nicht herausgegeben wird. [...] Dieses 'Parallele Lesebuch' ist, als hätte man mehrere Röntgen-Bilder übereinander geschoben. Und während wir eine Schicht nach der anderen entfernen, erhalten wir ein immer plastischeres und genaueres Bild von einem großen Roman, dessen Rezeption und Interpretation noch in den nächsten hundert Jahren eine Herausforderung sein wird. Dieser Begleitband wird sich noch lange als nützliche Hilfe erweisen. Es lohnt sich, ihn zwei Mal zu lesen. Ein Mal vor dem Lesen der 'Parallelgeschichten'. Und danach auf jeden Fall."

Magazinrundschau vom 11.09.2012 - Magyar Narancs

Unlängst hat András Gerö seinem Historikerkollegen Ignác Romsics vorgeworfen (mehr dazu hier auf Ungarisch), seine Beschreibungen der historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts in Ungarn ließen eine antisemitische Lesart zu. (Dabei geht es um den Umgang mit der Tatsache, dass etwa zwei Drittel der Kommissare der ungarischen Räterepublik von 1919 jüdischer Herkunft waren, weshalb der Kommunismus von vielen Ungarn bis heute als eine "jüdische Sache" und der darauf folgende Antisemitismus der Horthy-Ära als "nachvollziehbare Folge" betrachtet werden; nach eben diesem Muster wird die Tätigkeit vieler Holocaust-Überlebender in der kommunistischen Regierung nach 1945 als "jüdische Rache" angesehen.) Im Gespräch mit Magyar Narancs frläutert Gerö seine Kritik: "Antisemitismus kann ... auf unterschiedlichen sprachlichen Ebenen funktionieren: er hat eine derbere, offen judenfeindliche und auch eine verfeinerte, ästhetisierende Erscheinungsform. Romsics bedient sich von Zeit zu Zeit einer gemäßigten, elaborierteren Form der Darstellung. Der intellektuelle Rahmen, in den er die (nach welchen Kriterien auch immer definierten) Juden stellt, führt früher oder später zu antisemitischen Interpretationen. Um bei dem Beispiel der Räterepublik zu bleiben: Wenn er in einem geschichtlich destruktiven Prozess allein bei den Juden auf die Herkunft hinweist, dann fällt aufgrund dieser Erzählweise die gesamte Schuld auf sie zurück. (..,) Die Geschichtswissenschaft ist sich bis heute nicht bewusst, dass die Erforschung der Geschichte nur zu 50 Prozent aus Quellen besteht. Um mindestens 50 Prozent geht es dabei auch um Sprache. (...) Wenn wir an den Punkt gelangen, dass es zu einer offen diskutierten Frage wird, wann zum Beispiel die jüdische Herkunft relevant ist und wann nicht, dann haben wir bereits einen riesigen Schritt nach vorn getan."

Magazinrundschau vom 18.09.2012 - Magyar Narancs

Die Theatersaison hat noch gar nicht begonnen, schon gibt es einen Theaterskandal. Das in ein Nazi-Theater umgewandelte Budapester Új Színház hat das letzte Theaterstück seines im Februar verstorbenen Intendanten István Csurka, "Der sechste Sarg" auf den Spielplan gesetzt (mehr dazu hier und hier). Aber gar nicht dieser Umstand bewegt so sehr die Gemüter, sondern vielmehr die Reaktion des Dirigenten Ádám Fischer, der angekündigt hat, an allen Foren im In- und Ausland gegen die Aufführung des Stücks zu protestieren. Der Budapester Oberbürgermeister István Tarlós, der die Gründung des Theaters im vergangenen Herbst genehmigt hatte, reagierte darauf mit einer Bemerkung, dass die Philosophie Richard Wagners, dessen Stücke auch Fischer dirigiert hatte, ebenfalls nicht ganz lupenrein sei. Diese und manch andere Äußerungen, das Theaterstück sei ganz und gar nicht antisemitisch, lässt der liberalen Wochenzeitung Magyar Narancs den Kragen platzen: "'Der sechste Sarg' ist vom ersten bis zum letzten Wort judenfeindlich und damit in der Tat ein großes synthetisierendes Werk, der Gipfel des Lebenswerks von István Csurka. Alles ist darin enthalten, was der Autor wusste und es zeigt auch, was für ein Dramatiker er war. Nun, er ist ein kleiner Dramatiker gewesen, und ein noch kleinerer Geist, der später, verrückt geworden, seinen Alltag nur noch dem krankhaften Antisemitismus widmete, dessen treuer Abdruck dieses Werk nun ist. Dieser Kot wird uns bald im Zentrum der Hauptstadt in den Nacken geschüttet, skrupellos und ungehindert. Was kann man dazu noch sagen? Vielleicht nur soviel, dass Herr István Tarlós, der einen geistigen Verfall aufweisende Oberbürgermeister, dessen historische Schuld es ist, in der Hauptstadt Ungarns ein Nazi-Theater eröffnet zu haben, sich endlich zum Teufel schert und keine Predigten über Wagner hält, sondern in weite Ferne zieht und jeden Tag damit beginnt, sein Volk tausendmal um Verzeihung zu bitten."

Magazinrundschau vom 28.08.2012 - Magyar Narancs

Im Vorfeld der Verurteilung der russischen Punk-Band "Pussy Riot" hatte sich Russlands Präsident Wladimir Putin gegen ein "zu hartes Urteil" ausgesprochen und die Meinung geäußert, in Israel oder im Kaukasus hätte man die jungen Frauen für ihre Tat gelyncht. Die liberale Wochenzeitung Magyar Narancs ist empört: "Damit behauptet er nichts Geringeres, als dass er der gute König sei, den man nur lange genug bitten müsse, um Gnade walten zu lassen, und andererseits, dass sich die 'Schuldigen' freuen sollten, dass sie mit ihrem Leben davongekommen sind. [...] Die Worte des Präsidenten legen nahe, dass Russland [...] bei weitem kein demokratischer Staat ist und dass seine jetzige Führung auch nicht beabsichtigt, diesbezüglich etwas zu verbessern. In Russland ist immer noch die Vergangenheit die Gegenwart. Und das Schlimmste daran ist doch - abgesehen von den äußerst negativen Auswirkungen auf das persönliche Schicksal der Russen -, dass es allen Möchtegern-Diktatoren dieser Welt ein Vorbild liefert."
Stichwörter: Pussy Riot, Kaukasus

Magazinrundschau vom 21.02.2012 - Magyar Narancs

Nun, da Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán die Werte der Europäischen Union mit Füßen tritt, muss die EU eine juristische Grundlage für ihre Kritik an Ungarn finden. Doch angesichts der Tatsache, dass die EU die Akte Ungarn schnellstmöglich schließen will und Viktor Orbán auf den Kredit der EU und des IWF angewiesen ist, wird es sicherlich Kompromisse in einigen Bereichen geben, findet der frühere liberale Politiker Mátyás Eörsi: "Derweil hat die eine Hälfte der Ungarn das Gefühl, dass die EU sich grundlos und unberechtigterweise in innere Angelegenheiten des Landes einmischt, während die andere Hälfte sich durch die Kompromissbereitschaft der EU-Kommission im Stich gelassen fühlt. Letzteren möchte ich sagen: Brüssel wird Orbán in einigen Fragen zum Nachgeben zwingen, und dafür wird es auch Beispiele geben. Aber nicht die Kommission muss Orbán bezwingen, sondern die ungarischen Demokraten."

Magazinrundschau vom 14.02.2012 - Magyar Narancs

Der einstige Dramatiker, bekennende Antisemit und nach der Wende als rechtsradikaler Politiker bekannt gewordene István Csurka, zuletzt als Intendant des künftigen nationalistischen Theaters im Budapester "Új Színház" gehandelt, ist Anfang Februar verstorben. Die liberale Wochenzeitung Magyar Narancs erinnert an einen Schriftsteller, der mitgeholfen hat, den Rassismus als feste Größe in der politischen Landschaft Ungarns zu installieren: "Es ist die Schuld des István Csurka, den Nazismus wieder eingeführt und offiziell gemacht zu haben. Durch ihn hat sich der Nazismus in der Öffentlichkeit wieder eingenistet, durch ihn hat er ganze Massen mobilisiert - der Nazismus wurde wählbar. Dass die rechtsradikale Jobbik im 21. Jahrhundert eine massive, mittelgroße Kraft des ungarischen Parlaments sein kann, haben wir Csurka zu verdanken, die Partei selbst hat höchstens die Facebook-Präsenz zum Projekt hinzugefügt. Und dieser legitimierte Antisemitismus oder Nazismus hat das Land vergiftet und gespalten - möglicherweise für immer."
Stichwörter: Rassismus

Magazinrundschau vom 06.12.2011 - Magyar Narancs

Vor gut zwei Wochen hat die ungarische Regierung überraschend angekündigt, neue Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds IWF aufzunehmen. Zu spät, um eine Abwertung auf Ramschniveau durch die Ratingagentur Moody's zu verhindern. Auf die Kredite des IFW (und der EU) war Ungarn seit der Finanzkrise 2008 angewiesen, bis Viktor Orban nach seiner Wahl zum Regierungschef im Sommer 2010 den IWF der "Fremdherrschaft" über Ungarn beschuldigte und alle Kontakte zu ihm abbrach. Die Niederlage Orbans kann den altlinken Philosophen Miklos Tamas Gaspar nicht freuen: "Ob das volksfeindliche System des Viktor Orban durch eine [...] Wahl oder durch Straßenproteste gestürzt wird, es muss durch einen freien Akt der ungarischen Bevölkerung geschehen. Die Solidarität des Auslands ist zwar hin und wieder ganz angenehm, ein Einfluss auf unsere Institutionen ist jedoch nicht erwünscht".

Magazinrundschau vom 29.11.2011 - Magyar Narancs

Der israelische Schriftsteller Etgar Keret war einer der Hauptkoordinatoren der sozialen Massendemonstrationen der letzten Zeit in Israel. Diese Demonstrationen, sagt er im Interview, werden sich nicht sofort auf die Politik auswirken, aber sie haben schon das gesellschaftliche Gewebe verändert: "Die Politiker benutzen die Angst ums Überleben zur Rechtfertigung jedes Unrechts. Der größte Erfolg der Protestwelle besteht nicht im Erreichen konkreter Ziele, sondern darin, dass sich dieser Diskurs nun ändert. Es war fantastisch, dass Universitätsprofessoren zusammen mit ihren Studenten demonstrierten, und dass sich die Obdachlosen zu ihnen gesellten. Viele gehören in Israel starken Gemeinschaften an, aber die so genannte Mehrheit, die Säkularen, verbindet solch ein Gemeinschaftsgefühl nicht. Jetzt haben sie sich einander zugewandt und damit begonnen, miteinander zu reden. Das wird auch die Parteipolitik zur Erneuerung zwingen, weil es für einen Wahlsieg nicht mehr ausreichen wird, uns mit dem Iran Angst einzujagen."
Stichwörter: Keret, Etgar

Magazinrundschau vom 22.11.2011 - Magyar Narancs

Randolph L. Braham, amerikanischer Holocaustforscher mit jüdisch-ungarischen Wurzeln (seine Eltern und Verwandten wurden in Auschwitz umgebracht), weist in Vorträgen und Schriften die Ungarn immer wieder auf ihre fehlende Auseinandersetzung mit dem Holocaust hin. Im Interview mit Pal Daniel Renyi erklärt Braham, warum: "Ungarn hat, wie andere mittelosteuropäische Länder auch, nie die Verantwortung dafür übernommen, was mit seinen jüdischen Gemeinschaften im Jahr 1944 geschah. Statt dessen versucht man, jede Verantwortung auf die deutschen Nazis und die ungarischen Pfeilkreuzler der Szalasi-Zeit [Oktober 1944 bis Kriegsende] abzuwälzen. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Deportation und Vernichtung der [440.000] ungarischen Juden zwischen März und Juli 1944 stattfand - als das Land noch von Reichsverweser Miklos Horthy und von der Sztojay-Regierung geführt wurde. ? Wenn sie nicht verstehen, was in diesem Land zwischen 1918 und 1945, und vor allem zwischen März und Juli 1944 geschah, werden die jetzt heranwachsenden Generationen nicht in der Lage sein, einen wirklich freien, demokratischen Staat zu bilden. Eine demokratische Gesellschaft kann nicht auf einer Grundlage von Lügen aufgebaut werden." Das Wegschauen, so Braham, wird auch noch befördert durch die neue ungarische Verfassung, "deren Präambel zufolge Ungarn zwischen März 1944 [dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht] und 1990 seiner Autonomie beraubt war".

Magazinrundschau vom 08.11.2011 - Magyar Narancs

Am 23. Oktober, dem Jahrestag der Revolution von 1956, fand in Budapest unter dem Motto "Nem tetszik a rendszer!" ("Das System gefällt uns nicht!") eine Großdemonstration gegen die Regierung statt - mit mehreren 10.000 Teilnehmern und mitgetragen von verschiedenen Organisationen, darunter von der 2006 gegründeten "alternativen Jugendbewegung" 4K!, der Szolidaritas und der Facebook-Gruppe Milla ("Eine Million [Menschen] für die Pressefreiheit"). Auch Tibor Kovacsy war dabei und fühlte sich wohl: "Die ungeschliffenen, entschiedenen Worte der Redner klingen gut, und während wir den Refrain der Hymne der Demonstration wiederholen, bekommen wir das Gefühl, nicht umsonst zu bibbern, wenn wir uns als eine große Masse für unsere Werte einsetzen. Als Peter Juhasz [der Sprecher der Demo] ankündigt, Milla werde die Wahl eines alternativen Staatspräsidenten initiieren, bricht echte Begeisterung aus."
Stichwörter: Pressefreiheit, 1956