Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

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Magazinrundschau vom 25.06.2013 - Magyar Narancs

Péter Urfi unterhält sich mit der Dichterin Virág Erdőss, die bekannt wurde, als sie bei verschiedenen Demonstrationen Gedichte vortrug: "Der Arbeitstitel meines Buches war 'Kattrin trommelt weiter', eine Regieanweisung aus Brechts 'Mutter Courage'. Nach dem Textbuch klettert Kattrin, das stumme und behinderte Mädchen, in der letzen Szene des Stücks aufs Dach und fängt laut an zu trommeln, um die Aufmerksamkeit der benachbarten Stadt auf den bevorstehenden Angriff zu lenken. In der Version des Budapester Radnóti Theaters fing Kattrin nicht mit dem Trommeln an, sondern mit dem Singen. Sie sang auf Serbisch. Auch ohne Sprachkenntnisse gab es im Publikum ein kathartisches Erlebnis. Ähnlich ist es mit Gedichten, die auf Demonstrationen vorgetragen werden. Wenn in der Versammlung der Stummen jemand aufsteht und das seit langem in uns schlummernde Gefühl der Bedrohung vertont, dann gibt es Applaus. Dieser gilt nicht der Person und auch nicht der literarischen Leistung, sondern der Geste."

Magazinrundschau vom 18.06.2013 - Magyar Narancs

András Greff macht sich Gedanken über die deutsche Fernsehserie "Unsere Mütter, unsere Väter", die er ziemlich verlogen findet: "Die Tränen fehlen nicht, die Leichenberge werden nicht verschwiegen, uns aber auch nicht unter die Nase gerieben. Es wird gesagt, dass die tötende deutsche Hand letztendlich auch einem Opfer gehören konnte - was der Bewahrung würdig wäre, auch wenn die Geschichten im Hinterland lediglich mittelmäßige Mephisto-Versionen sind. Doch die Serie stellt am Ende klar, dass ein wirklich guter Mensch aufgrund seiner menschlichen Güte die Chance zum Überleben erhielt. Das aber war nicht nur im Zweiten Weltkrieg, sondern in allen Kriegen der Menschheitsgeschichte die Unwahrheit."
Stichwörter: Fernsehserien

Magazinrundschau vom 09.07.2013 - Magyar Narancs

Theaterkritiken mag Andrea Tompa vielleicht nicht mehr schreiben, aber einen Roman (Vom Kopf und vom Fuß) hat sie gerade veröffentlicht: dessen imposanten, seelenkundigen Realismus Péter Pogrányi lobt: "Erzählt wird die Geschichte von zwei Ärzten aus Transsylvanien, von den 1910ern Jahren über den ersten Weltkrieg, bis sie dann glücklich zueinander finden. (...) Als eine Art Panoptikum, doch mit einer Leichtigkeit und aus heutiger Sicht wirklich spannend und detailreich zeigt der Roman eine Reihe von gesellschaftlichen und sozialen Fragen der Zeit (Feminismus, Minderheitenschicksale, Provinzialismus etc.)."

Magazinrundschau vom 21.05.2013 - Magyar Narancs

Vor kurzem verkündete Attila Vidnyánszky, der designierte Direktor des Budapester Nationaltheaters in einem Interview, dass er nach seinem Antritt beabsichtige, das Haus rituell zu weihen. Der Theologe Tamás Majsai rümpft die Nase: "Theoretisch kann man auch einen Hammer weihen und natürlich auch eine Nähmaschine oder eine Straßenbahnhaltestelle, eine Fabrik, eine neue Straße und sogar eine öffentliche Toilette. Grundlegender Aspekt eines jeden Weihungsakts ist, dass das tatsächliche Subjekt der Heilige ist, der um etwas gebeten wird. Er wird während der Zeremonie durch seinen bevollmächtigten Diener vertreten. (...) Das Erheben von profanen Gegenständen in heilige Dimensionen wurde aber bereits von Luther als 'Affenspiel' des Teufels betrachtet."

Magazinrundschau vom 19.03.2013 - Magyar Narancs

Vor einer Woche hat das ungarische Parlament die umstrittene Verfassungsänderung beschlossen. Diese baut nicht nur bisher von dem Verfassungsgericht abgelehnte Gesetze in die Verfassung ein, sondern verbietet dem Gericht auch, sich bei künftigen Urteile auf bisherige zu beziehen, womit dessen demokratische Tradition ausgelöscht wird. Eigentlich müsste der Titel dieser Änderung "Die Demütigung des Verfassungsgerichts und die Rache an demselben" lauten, findet die liberale Wochenzeitung Magyar Narancs in einem Beitrag, der erst jetzt online ging: Immerhin wurden die bisherigen Urteile nicht öffentlich verbrannt! "Jetzt könnte man über diese niederträchtige Borniertheit, diese unverhohlene Manifestation der Kleinkariertheit lachen und seine Scham darüber zum Ausdruck bringen, dass unser Land Mitglied jener nicht allzu zahlreichen Staatenfamilie wird, die das wichtigste und erhabenste Dokument, das ihre staatliche Existenz regelt und den allerletzten Schutz ihrer Bürger darstellt, dazu nutzt, bestimmte Menschengruppen ihrer Grundrechte zu berauben und die Bösartigkeit und Hartnäckigkeit ihrer aktuellen Führer zu legitimieren. Unsere Nation wird die einzige auf der ganzen Welt sein, die es Obdachlosen per Verfassung verbietet, in einer Unterführung zu übernachten."

Magazinrundschau vom 25.03.2013 - Magyar Narancs

In einem umfangreichen Artikel berichten Gábor Tanner und Róbert Gyökér über die Auswirkungen des veränderten Finanzierungssystems für die ungarische Filmindustrie. Durch die Veränderungen entstand eine Diversifizierung der Aufgabenbereiche, stellen die Autoren fest. So gehört die Finanzierung von Drehbüchern und Spielfilmen zum Verantwortungsbereich des Hollywood-Produzenten und Regierungsbeauftragten für die Umstrukturierung der ungarischen Filmförderung, Andrew G. Vajna. Für die Produktion von Dokumentar-, Animations- und Kurzfilmen ist die durch das ungarische Mediengesetz geschaffene Medienbehörde zuständig. Der Bereich der Kinos, Filmfestivals, Archivierung, sowie die Unterstützung vom Vertrieb der Autorenfilme liegt nun in der Zuständigkeit des Nationalen Kulturfonds (NKA). Besonders wichtig für Vajna war die Entwicklung von Drehbüchern. In den vergangenen zwei Jahren wurden 60 Drehbücher staatlich gefördert. Bei seiner Amtseinführung stellte Vajna fest, dass er jährlich für 8 bis 10 förderungsfähige Produktionen planen konnte. So entstand die Situation, dass staatlich geförderte Drehbücher schließlich doch nicht umgesetzt wurden (im Jahre 2009 gab es 26, 2008 gab es 27, 2007 gab es 32 und 2006 21 geförderte und verwirklichte Filmproduktionen). Im Bereich der Dokumentarfilme ist die Situation ähnlich. "Die künstlerische Freiheit darf nicht beeinträchtigt werden" hieß anfangs die von der Medienbehörde ausgegebene Parole. Allerdings gab es bald bevorzugte Themen wie "die Darstellung der in der Landwirtschaft Beschäftigten", Dokumentationen über "die jüngste Vergangenheit des Karpaten-Beckens" oder "die Probleme, Chancen und Aussichten von Jugendlichen".

Magazinrundschau vom 02.04.2013 - Magyar Narancs

Emese Kürti berichtet über die Eröffnung der ersten Galerie für Roma-Künstler in Budapest. So erkannte "Timea Junghaus, die Kuratorin des ersten Roma-Pavillons in der Geschichte der Biennale von Venedig, ähnlich wie andere Roma Intellektuellen, dass das Recht auf Selbstbestimmung für Minderheiten auch in der Kultur der einzige Weg ist. Mehr als die Hälfte des 20. Jahrhunderts lang wurde die Diskussionen über Kultur und Identität der Roma ausschließlich von Nicht-Roma geführt. So wurde die fremde Kunst am Rande der eigenen kanonisierten Narrative gehalten. Dieses Schema beschränkte sich nicht ausschließlich auf die Rezeptionsgeschichte der Roma, ähnlich agierten die westlich-modernistischen kanonisierenden Institutionen mit den Kulturen der ehemaligen Kolonien, so z.B. das Moma mit der afrikanischen Kunst."

Magazinrundschau vom 12.03.2013 - Magyar Narancs

Der ungarische Musiker und Songwriter Miklós Paizs ("Sickratman") gilt als Bürgerschreck, der in seinem Libretto zu Mozarts "Don Giovanni" auch vulgäre Ausdrücke nicht scheut und von der rechten Presse gerne mal mit dem Satan verglichen wird, wenn er von den Darmfunktionen der Heiligen Jungfrau singt. Nun plant er eine Radiosendung, in der schlechte Gedichte vorgetragen werden. Zsófia Iványi fragte ihn, was daran gut sei, wenn sich die Menschen schlechte Gedichte anhören: "Es wäre sehr gut, wenn die Menschen dem, was ihnen vorgesetzt wird, stets mit Misstrauen zuhören oder zuschauen würden. Der Vorteil solch einer Sendung ist, dass der Hörer, während ihm von den professionellsten Künstlern etwas vorgetragen wird, was auf den ersten Blick zwar als gut erscheint, aber eigentlich skandalös beschissen ist, dass er also von alleine erkennt, dass das schlecht ist. Ich liebe solche Situationen! Wenn der Arme dasitzt, und zunächst nicht begreift, was abgeht, und es gibt keinen Anhaltspunkt, weil der Schauspieler mit seiner Stimme keinen Hinweis dafür gibt, dass das jetzt ein Witz sei - und allmählich fällt bei ihm dann der Groschen. Diese Art der Verwirrung ist ungeheuer wichtig."

Magazinrundschau vom 19.02.2013 - Magyar Narancs

Die ungarische Debatte über den Nutzen einer zeitgenössischen politische Dichtung im vergangenen Jahr hielt der Dichter, Dramatiker und Schriftsteller János Térey für unproduktiv und langweilig (mehr dazu hier und hier). György Vári fragte ihn, weshalb er sich mit der politischen Lyrik (oder mit diesem Begriff) schwer tut, wo sich doch in seinen Werken zahlreiche Hinweise auf tagespolitische Ereignisse finden lassen: "Ich kann keine einzige Zeile nur deshalb schreiben, weil ich diese oder jene Partei mag oder verabscheue, oder weil ich meine Kollegen oder Gesinnungsgenossen zufriedenstellen will. Wenn einem Schriftsteller sein Ministerpräsident sehr wichtig ist, so sollte er ein Buch über ihn schreiben. ... Ich halte es jedoch für durchaus denkbar, dass die Karriere des [jetzigen Ministerpräsidenten] Viktor Orbán zu einem der größten Themen der ungarischen Dramenliteratur werden wird. Was derzeit mit uns geschieht, hat womöglich eine ziemlich große Bedeutung. Bei ihm sind großes Format und wichtige Handlungen gegeben, gleichzeitig aber auch deren umstrittene Beurteilung, Konflikte, Sieg, Scheitern und erneuter Aufstieg."
Stichwörter: Orban, Viktor

Magazinrundschau vom 16.10.2012 - Magyar Narancs

Nachdem die ungarische Regierung von Viktor Orbán zuerst die Wahlkreise umgekrempelt und dann das Wahlsystem geändert hat, um ihre Chancen zu einer Wiederwahl zu verbessern, wurde kürzlich auch ein neues Wahldurchführungsgesetz auf den Weg gebracht, das die Wahlberechtigung an eine vorherige Registrierung knüpft. Damit wird jedem, der sich nicht registriert, sein demokratisches Grundrecht auf eine Partizipation für vier Jahre entzogen. Die Registrierung selbst wird außerdem durch allerlei bürokratische Hindernisse erschwert. Die liberale Wochenzeitung Magyar Narancs hofft, dass diese bodenlose Unverschämtheit auch bisher Gleichgültige im In- und Ausland wachrütteln wird: "Dass eine Partei bzw. deren Führer mitten in der Legislaturperiode die Spielregeln der Wahlen eigenmächtig, entscheidend und ausschließlich gemäß den Interessen seiner Partei ändert, müsste allein schon Grund genug dafür sein, dass ein sich als Demokrat bezeichnender Bürger seine Stimme nie wieder für diese abgibt. Für eine vorherige Registration gibt es keinen, aber wirklich keinen Grund - außer, die ungarischen Wähler nach gesellschaftlichem Status und politischer Einstellung auszusortieren."
Stichwörter: Grundrechte, Orban, Viktor