
Die bislang als ruhig und ausgeglichen geltenden Beziehungen zwischen
Ungarn und Rumänien haben sich in letzter Zeit rapide verschlechtert. Boroka Paraszka
sprach (unabhängig voneinander) mit der rumänischen Bürgerrechtlerin und Vorsitzenden der
Liga pro Europa Smaranda Enache und mit der rumänischen Politologin Alina Mungiu-Pippidi über die Gründe dieser negativen Wende.
Smaranda Enache stellt fest, dass weder die ungarische noch die rumänische Elite bereit ist, die Nationalfrage jenseits der ethnischen Dimension zu erörtern. Sie fürchtet, dass der
Minderheitenschutz, wie er derzeit von Ungarn betrieben wird, zu einem neuen Radikalismus führen kann: "Die ungarische Politik hat sich stets für die Rechte der Ungarn [in den Nachbarstaaten] eingesetzt ... Doch
Juden oder Roma werden nicht in Schutz genommen. Es scheint, dass sich die ungarischen Bürgerrechtler gegen die Rechte anderer einsetzen, und das ist sehr schmerzlich. Es gab bereits Fälle hier bei der Liga pro Europa, dass sich jemand darüber beklagte, an seinem Arbeitsplatz nicht ungarisch sprechen zu dürfen und fügte gleich hinzu, dass Budapest von den Juden aufgekauft und Ungarn von den Roma zerstört worden sei. Ähnliche Ressentiments sind oft auch bei Rumänen zu beobachten, die
Intoleranz ist alltäglich."
Auf die Frage, ob der ungarische und rumänische Nationalismus zurückgedrängt werden und die
europäische Identität eine Lösung dabei sein kann,
antwortet Alina Mungiu-Pippidi: "Das Europäertum wird in diesen Konflikten keine Lösung bieten. Europa lässt der Verbreitung der verschiedenen Nationalismen freien Lauf - dieser Erfahrung müssen wir uns bewusst werden und mit den
Illusionen abrechnen. Wir müssen uns darauf konzentrieren, wie ein Zusammenleben möglich ist, und nicht darauf, wie die Identität so entschieden wie möglich vertreten werden kann. Wenn der Prozess aus dem Ruder läuft und die Beziehung zwischen den beiden Ländern und Völkern vom
Identitätskampf bestimmt wird, wäre das ein riesiger Rückschlag, in dem alle nur verlieren."
Die ungarische Regierung hat
massenhafte Entlassungen aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen und Rundfunk beschlossen - und beruft sich dabei auf wirtschaftliche Gründe.
Magyar Narancs erinnert daran, dass es sich bei diesen Sendern - im Gegensatz zu den privaten - um das "eigene" Fernsehen und Radio der Ungarn handelt: "Da von diesem Blutbad die
Nachrichtensendungen am meisten betroffen sind, gibt es gute Gründe zu der Annahme, dass wir nach Ansicht unserer Regierung Nachrichten am wenigsten benötigen, da wir uns zu etwas hinreißen lassen könnten, wenn wir wüssten,
was Sache ist. Und weil unsere Regierung seit ihrem Amtsantritt kontinuierlich ihre wohlbekannten und skrupellosen Lakaien in die Nachrichtensendungen unseres Fernsehens und Rundfunks hineinschleust, sind wir ziemlich sicher, dass uns nach Meinung der Regierung am meisten gedient ist, wenn wir tagtäglich nur von den
aktuellen Wohltaten unserer Staatsführer informiert werden. Wir können auch nicht sagen: 'Okay, dann schauen wir diese Sender eben nicht, es gibt andere.' Wir haben nämlich
keine anderen."