Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

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Magazinrundschau vom 01.11.2011 - Magyar Narancs

Nach Meinung des Medienwissenschaftlers Peter György entspricht zwar die Aussage des Schriftstellers Akos Kertesz, die Ungarn seien "genetisch veranlagte Untertanen" (mehr dazu hier), formal durchaus den Kriterien des Rassismus, wie dies der Publizist Sandor Revesz meinte (mehr dazu hier); jenseits der formalen Logik habe diese Bewertung jedoch keinen Sinn: "Was mit Akos Kertesz geschehen ist, diese einstimmige Exkommunikation von links und rechts, diese traurige Volksfront [...] zeigt, dass wir immer noch nicht darüber reden wollen, was wir endlich besprechen müssten. Es geht eben nicht darum, was unseren ungarischen Vorfahren von anderen angetan wurde, sondern darum, was sie sich selbst angetan hatten. Und was wir uns heute antun."
Stichwörter: Rassismus, Volksfront

Magazinrundschau vom 25.10.2011 - Magyar Narancs

Die ungarische Kultur ist eine zeitschriftenbasierte Kultur, weshalb der Plan der aktuellen Kulturpolitik, die staatlichen Subventionen in diesem Bereich drastisch zu kürzen, einem Todesstoß für diesen Reichtum gleichkommt. Ohne die Zeitschriften sei auch ein Verlagswesen undenkbar, meint der Medienwissenschaftler Peter György in einer Reportage von Peter Urfi. Er beschreibt die Lage mit folgenden Worten: "Das Wirtschaftsmodell, nach dem diese Zeitschriften existieren, ist seit der sozialistischen Zeit unverändert: Wir erwarten vom Staat, diesem aufgeklärten Herrscher, dass er für die Kultur aufkommt. Damit ist es nun vorbei. Man kann sich darob natürlich beleidigt fühlen, ich zumindest bin zutiefst beleidigt, aber das ändert nichts an der Tatsache." György setzt seine Hoffnung jetzt auf privates Mäzenatentum.

Der jüdische Schriftsteller Akos Kertesz hat die Ungarn als "genetisch zum Untertan bestimmt" bezeichnet und damit eine hitzige Debatte ausgelöst, die ihn die Budapester Ehrenbürgerschaft kostete (mehr in unserer Magazinrundschau von letzter Woche). In der Debatte meldet sich jetzt der Publizist Sandor Revesz zu Wort. Er findet Kertesz' Äußerung rassistisch: "Natürlich wird der Rassismus des Akos Kertesz für niemanden tödlich enden. Direkt zumindest nicht. Indirekt vielleicht doch... Schließlich wird jeder Rassismus durch jeden anderen Rassismus gestärkt. Er liefert ein entlastendes, stärkendes, motivierendes Beispiel und fordert eine Antwort heraus. Einen unschuldigen Rassismus gibt es nicht."

Magazinrundschau vom 17.10.2011 - Magyar Narancs

Der ungarische Schriftsteller und Holocaust-Überlebender Akos Kertesz hat im September in einem verzweifelten offenen Brief über die Lage seines Landes (veröffentlicht in der linksgerichteten Tageszeitung Amerikai Nepszava) das ungarische Volk als "genetisch zum Untertan bestimmt" verunglimpft (mehr dazu hier). Es folgte ein Sturm der Empörung, und die erhitzte Debatte endete mit der Aberkennung der Budapester Ehrenbürgerschaft des Schriftstellers. Nach Meinung des Publizisten György Vari wurde hier wieder einmal die Chance vertan, sich aufeinander zuzubewegen. Denn die Worte Akos Kertesz', auch wenn sie noch so ungerecht seien, zeugen für ihn vor allem von der bitteren Erfahrung, als Jude von den Ungarn immer noch nicht akzeptiert zu werden, meint Vari: "Wir, jüdische und nichtjüdische Ungarn, denen durch die Gnade der späten Geburt unsere ungarische Identität selbstverständlich ist, sind glücklicher und stärker als Akos Kertesz (und als die noch unter uns lebenden alten, verängstigten und zermürbten Überlebenden). Wir also müssten beweisen, wie sehr er sich geirrt hat, als er über uns gesprochen hat. [...] Natürlich können wir uns auch wegen der schlechten Wortwahl eines verbitterten alten Mannes wochenlang selbst bemitleiden und uns nach der Aberkennung der Ehrenbürgerschaft weitere dumme Strafen für ihn ausdenken. Oder den Fall immer wieder aus der Mottenkiste holen, um unsere Frustrationen in Schuss zu halten. Auch in so einem Land kann man leben."

Magazinrundschau vom 11.10.2011 - Magyar Narancs

Der ungarische Philosoph Janos Kis, eine der emblematischen Figuren der Wende von 1989, hegt eine gewisse Zuversicht, dass Viktor Orbans antidemokratischer Kurs aufgehalten werden kann: "Es kommt das Land teuer zu stehen, dass die Mehrheit der Ungarn bei den Wahlen 2010 Orban freie Hand zur Zerschlagung der Verfassung und zur Zerrüttung der Wirtschaft gegeben hat ... Eines aber haben wir dazugelernt. Die Befürworter der Wende gerieten in den letzten Jahren in die Defensive und konnten den demokratischen Rechtsstaat und die kapitalistische Marktwirtschaft nur durch komplizierte Erklärungen verteidigen - wenn überhaupt. Jetzt könnte sich diese Situation grundlegend ändern. Nach dem schrecklichen Abenteuer der 'Wahlkabinenrevolution' können die Ideen der Wende erneut in einfachen, allgemein verständlichen Slogans formuliert werden: Kein Wohlstand ohne Freiheit. Keine Existenzsicherheit ohne Rechtssicherheit. Keine Rechtssicherheit ohne unabhängige Justiz. Keine Gerechtigkeit ohne Einhaltung der Gesetze. Keine Demokratie ohne Pressefreiheit. So einfach ist das."

Magazinrundschau vom 04.10.2011 - Magyar Narancs

In den vergangenen Wochen und Monaten ist in der liberalen ungarischen Presse eine rege Debatte über eine mögliche "Reparatur" des Rechtsstaats nach der Fidesz-Ära geführt worden. Der Literaturwissenschaftler Gabor Schein sieht jedoch keine politische Kraft am Horizont, die solch einen rechtsstaatlichen Wiederaufbau in Angriff nehmen könnte: "Im mentalen Sinne hätte die Wende dann belastbare Ergebnisse hervorgebracht, wenn wir uns mit unserer Geschichte auseinander gesetzt hätten; mit jenen auf familiärer Ebene vielfach gestärkten mentalen Vorbildern und Lebensstrategien, die zum Holocaust in der Form, wie er geschehen ist - und der leider auch mit dem Trauma von Trianon nicht ausreichend erklärt werden kann -, geführt haben und die nach 1956 als Stützen der so genannten Konsolidierung dienten. Das Kadar-Regime hinterließ eine Gesellschaft schlechter Qualität, die trotz ihres kollektivistischen Ansatzes die Verantwortungslosigkeit und die unendliche Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal des Anderen belohnte. Dadurch fiel die im Zuge der Wende entstandene neue Elite - unter der Assistenz einiger unerbittlicher und unbescholtener Naiver - mit derselben Mentalität über den verwertbaren Teil des Staatsvermögens und später über Staatsaufträge und EU-Gelder her, mit der sich die Mitglieder der christlichen Mittelschicht 1944 binnen weniger Monate am Hab und Gut deportierter Juden vergriffen hatten - um die Wette mit dem Staat und den Deutschen."

Die ungarische Regierung und auch große Teile der Bevölkerung sind in letzter Zeit misstrauisch gegenüber den Geisteswissenschaften und fragen nach deren Nutzen. Der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht, der an der ELTE-Universität eine Vortragsreihe zu diesem Thema gehalten hat, zeigt sich im Interview mit Peter Urfi skeptisch, was den Einfluss der Intellektuellen auf die Ereignisse der Welt angeht: "Unter den aktuellen Umständen sollten wir an etwas festhalten, was ich als 'riskantes Denken' bezeichne. Dies ist eine Art intuitives Denken, das wir uns in unserem alltäglichen Leben nicht leisten können, weil es die Sicherheit und Effizienz unseres Lebens total untergraben würde. Die Aufgabe des intuitiven Denkens ist es, die Welt komplexer zu machen, um einen aktuellen Diskurs durch immer neue Perspektiven bereichern zu können. Was wir also der Gesellschaft bieten, ist die Chance der Flexibilität, die Fähigkeit, uns als etwas anderes vorzustellen als wir im Moment sind. [...] Das riskante Denken, die Aufrechterhaltung der Komplexität stellt sich von Natur aus gegen jede Art von Totalitarismus. Wir können aber keine kohärenten Welterklärungen schaffen. Unsere Stärke ist die Anarchie."

Magazinrundschau vom 27.09.2011 - Magyar Narancs

Nach Ansicht der Politologin Anna Unger ist die Euro-Krise keine wirtschaftliche, sondern eine politische Krise, eine Krise der Institutionen der EU: "Die Krise des Euro ist der klare, aber auch sehr teure Beweis dafür, wie viel Geld uns die Verlangsamung der europäischen Integration, der ins Stocken geratene Föderalisierungsprozess kostet... Wir müssen an die EU-Verfassung ran, einen anderen Ausweg gibt es kaum. Sie muss durch eine strenge, gemeinsame Haushaltsregulierung ergänzt werden: mit der Schaffung der gemeinsamen Rahmenbedingungen einer künftigen Finanzpolitik und mit der Kontrolle der Einhaltung dieser Regeln durch die EU selbst. Vielleicht ist das blanker Idealismus, da man von den Regierungen und den Parlamenten der Mitgliedsländer kaum erwarten kann, auf die Bestimmung der Haushaltspolitik zu verzichten, die ja in einem nicht unerheblichen Zusammenhang mit ihrer Wiederwahl steht. Doch die vor einem Jahr geäußerten Worte von EU-Kommissionspräsident Barroso sind auch heute wahr: entweder, wir schwimmen zusammen, oder wir werden einzeln - aber schnell nacheinander - untergehen."

Magazinrundschau vom 06.09.2011 - Magyar Narancs

Eine längst fällige Vergangenheitsbewältigung in Ungarn rückt seit der Wende durch eine immer schärfer werdende "jüdisch-ungarische Kontroverse" in weite Ferne. In dieser Kontroverse wird die ungarische Beteiligung am Holocaust der vermeintlichen Rachsucht der Juden, ihrem hohen Anteil unter den kommunistischen Funktionären und dem durch die Kommunisten verursachten Leid gegenübergestellt. Dass aber das so notwendige "Ausdiskutieren" nicht mit konkreten Inhalten gefüllt werden konnte, liegt nach Ansicht des Orientalisten und Historikers Geza Komoroczy an einem grundsätzlichen Fehler gleich nach Kriegsende, wie er in einem Interview mit Zoltan Barotanyi erklärt: Die ungarischen Gerichte hätten - im Gegensatz zur deutschen Justiz - viel strengere Urteile gegen Kriegsverbrecher gefällt - gleichzeitig aber einen deutlich engeren Kreis zur Rechenschaft gezogen: "Während der Kriegsverbrecher-Prozesse in Ungarn wurde jene Situation rekonstruiert, in der es einerseits die Nazis und andererseits die verschleppten und ermordeten Juden gab. Dabei gab es aber noch die gleichgültige, gar schadenfrohe Mehrheit, über die genauso geschwiegen wurde wie über den überlebenden Juden, der sein Hab und Gut [das er vor seiner Deportation seinem Nachbarn anvertraut hatte] nicht zurück bekam, und der sich auch dann nicht sicher fühlen konnte, wenn er in die kommunistische Partei eintrat oder eine Stelle in der Staatsverwaltung erhielt. Dieses Ausdiskutieren muss auch auf diese Themen ausgeweitet werden."

Magazinrundschau vom 30.08.2011 - Magyar Narancs

Der ungarische Schriftsteller Laszlo Marton meldet sich in politischen Fragen nur ungern zu Wort. Ilona Matkovich fragte ihn, ob er sich unter den aktuellen Umständen nicht doch gezwungen sieht, Stellung zu nehmen. Marton seufzt. Einerseits..., aber andererseits... Marton seufzt nochmal. "Es gibt natürlich die Reflexe der Solidarität. Wenn ich sehe, dass geistige Werkstätten zerschlagen und Menschen massenhaft entlassen werden, dass die neue Regierung alles in allem arrogant kulturfeindlich auftritt, dass die Äußerungen der populistischen Demagogie nicht zu übersehen sind, dann muss man darauf in irgendeiner Weise reagieren. Das Problem aber ist, dass die Reaktionen in der heutigen Situation nur in der Masse zur Geltung kommen, da der Begriff der geistigen Autorität sehr fragwürdig geworden ist und auf einen sehr engen Bereich zurückgedrängt wurde; das war vor 20 Jahren noch anders."
Stichwörter: Marton, Laszlo

Magazinrundschau vom 02.08.2011 - Magyar Narancs

Ob der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik ein Psychopath ist, findet das Magazin Magyar Narancs höchstens aus juristischer Perspektive interessant. Daher macht es sich auf die Suche nach den ideologischen Quellen von Breiviks Manifest: "Natürlich hat Breivik nichts mit dem Christentum und der europäischen Zivilisation zu tun. Trotzdem kommen auf den 1.500 Seiten, auf denen Breivik die Ermordung von 76 Menschen begründet, interessanterweise gerade jene Topoi, historische Irrglauben, einseitigen Argumente, tendenziös gruppierten Fakten und Verschwörungstheorien zum Vorschein, mit denen die radikale Rechte sich selbst legitimiert und auf Wählersuche geht - und die zum Teil auch in den dunkleren Winkeln der europäischen konservativen Rechten nicht fremd sind. Die Sprache, die er in seiner 'Europäischen Unabhängigkeitserklärung' verwendet und der aus ihr strömende Hass ist ja auch uns bekannt - und wie: man ersetze nur den 'Moslem' durch 'Roma', 'Jude' oder 'Rumäne'. [...] Jetzt wollen sich alle, auf die er sich beruft, von ihm distanzieren: Nein, so habe man es nicht gemeint. In Ordnung. Wie aber dann?"

Magazinrundschau vom 26.07.2011 - Magyar Narancs

Die bislang als ruhig und ausgeglichen geltenden Beziehungen zwischen Ungarn und Rumänien haben sich in letzter Zeit rapide verschlechtert. Boroka Paraszka sprach (unabhängig voneinander) mit der rumänischen Bürgerrechtlerin und Vorsitzenden der Liga pro Europa Smaranda Enache und mit der rumänischen Politologin Alina Mungiu-Pippidi über die Gründe dieser negativen Wende. Smaranda Enache stellt fest, dass weder die ungarische noch die rumänische Elite bereit ist, die Nationalfrage jenseits der ethnischen Dimension zu erörtern. Sie fürchtet, dass der Minderheitenschutz, wie er derzeit von Ungarn betrieben wird, zu einem neuen Radikalismus führen kann: "Die ungarische Politik hat sich stets für die Rechte der Ungarn [in den Nachbarstaaten] eingesetzt ... Doch Juden oder Roma werden nicht in Schutz genommen. Es scheint, dass sich die ungarischen Bürgerrechtler gegen die Rechte anderer einsetzen, und das ist sehr schmerzlich. Es gab bereits Fälle hier bei der Liga pro Europa, dass sich jemand darüber beklagte, an seinem Arbeitsplatz nicht ungarisch sprechen zu dürfen und fügte gleich hinzu, dass Budapest von den Juden aufgekauft und Ungarn von den Roma zerstört worden sei. Ähnliche Ressentiments sind oft auch bei Rumänen zu beobachten, die Intoleranz ist alltäglich."

Auf die Frage, ob der ungarische und rumänische Nationalismus zurückgedrängt werden und die europäische Identität eine Lösung dabei sein kann, antwortet Alina Mungiu-Pippidi: "Das Europäertum wird in diesen Konflikten keine Lösung bieten. Europa lässt der Verbreitung der verschiedenen Nationalismen freien Lauf - dieser Erfahrung müssen wir uns bewusst werden und mit den Illusionen abrechnen. Wir müssen uns darauf konzentrieren, wie ein Zusammenleben möglich ist, und nicht darauf, wie die Identität so entschieden wie möglich vertreten werden kann. Wenn der Prozess aus dem Ruder läuft und die Beziehung zwischen den beiden Ländern und Völkern vom Identitätskampf bestimmt wird, wäre das ein riesiger Rückschlag, in dem alle nur verlieren."

Die ungarische Regierung hat massenhafte Entlassungen aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen und Rundfunk beschlossen - und beruft sich dabei auf wirtschaftliche Gründe. Magyar Narancs erinnert daran, dass es sich bei diesen Sendern - im Gegensatz zu den privaten - um das "eigene" Fernsehen und Radio der Ungarn handelt: "Da von diesem Blutbad die Nachrichtensendungen am meisten betroffen sind, gibt es gute Gründe zu der Annahme, dass wir nach Ansicht unserer Regierung Nachrichten am wenigsten benötigen, da wir uns zu etwas hinreißen lassen könnten, wenn wir wüssten, was Sache ist. Und weil unsere Regierung seit ihrem Amtsantritt kontinuierlich ihre wohlbekannten und skrupellosen Lakaien in die Nachrichtensendungen unseres Fernsehens und Rundfunks hineinschleust, sind wir ziemlich sicher, dass uns nach Meinung der Regierung am meisten gedient ist, wenn wir tagtäglich nur von den aktuellen Wohltaten unserer Staatsführer informiert werden. Wir können auch nicht sagen: 'Okay, dann schauen wir diese Sender eben nicht, es gibt andere.' Wir haben nämlich keine anderen."