
Tereza Šimůnková
unterhält sich mit dem Kunsthistoriker
Jiří Fajt, der nach Jahren an der Universität Leipzig unlängst als
neuer Generaldirektor der Prager Nationalgalerie angetreten ist. "Nach meiner Rückkehr dachte ich naiverweise, es sei möglich, an die 90er-Jahre anzuknüpfen, in denen trotz gewisser Probleme eine durchweg positive Atmosphäre
herrschte. Stattdessen stelle ich fest, dass sich unsere Gesellschaft während meiner Abwesenheit in eine
Abwärtsrichtung bewegt hat. Diesen Niedergang verbinde ich mit dem Wegfall der moralischen Autorität von Václav Havel und dem Antreten der Macht-Ingenieure der Václav-Klaus-Ära. Es tut mir unendlich leid, wenn ich sehe, wie viele intelligente, kreative und tatkräftige Menschen heute
nicht mehr an den Staat glauben. Die, die sich in der Vergangenheit engagiert haben, sind so oft enttäuscht worden, dass sie keine Kraft mehr für Neuanfänge haben, oder sie sind darüber alt geworden. Ich treffe hier auf eine
unglaubliche Skepsis, die ich aus Deutschland nicht kenne. Es ist, als wären alle am Gemeinwohl resigniert, niemand definiert es mehr, niemand versucht es durchzusetzen. In Tschechien wurden in den letzten fünfzehn Jahren keine Probleme mehr angegangen, sondern systematisch umgangen."
Im gleichen Magazin
erinnert sich der tschechische
Günter-Grass-Übersetzer Hanuš Karlach: "Sein stets lautstarkes Auftreten, gegen die russische Invasion
in der Tschechoslowakei, gegen die "Normalisierung", die darauf eintrat, und seine unverhohlene Unterstützung aller Gegner dieser Entwicklung zog natürlich ein
komplettes Publikationsverbot seines Werkes bei uns nach sich. Und da halfen weder Gutachten noch Vor- oder Nachworte darüber, dass es sich hier eigentlich um einen linken, wenn nicht gar sozialistischen Autor handelte. Grass durfte nicht existieren." Das änderte sich freilich nach der Samtenen Revolution. "Irgendwann Mitte der Neunziger war Grass hier zu Besuch und ich begleitete ihn als sein Übersetzer durch Prag. Als wir über den Altstädter Ring gingen, erhoben sich ein paar amerikanische Studenten von den Bänken und sagten zueinander überrascht und ehrfurchtsvoll: "Look!
Is it possible? It"s Günter Grass!""