Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 26.04.2016 - Novinky.cz

In einem ausführlichen Artikel überlegt der tschechische Philosoph Václav Bělohradský, was den Westen definiert und was "das Gegenteil des Westens" wäre. Und kommt zum Schluss: "Den Westen eint, in einer Kreuzung aus Theologie und Technologie, das imperiale Märchen von der Menschheitsrettung durch fortwährende Innovation der Lebensbedingungen, durch den beständigen Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis und einer immer rationelleren Organisation von Produktion und Konsum. Was ist das Gegenteil des Westens? (…) Die Antwort lautet: Das Gegenteil des Westens ist die Emanzipation von drei Märchen, die die Modernität okkupieren: Vom ewigen Wachstum, von der menschlichen Aura, vom Entkommen aus der Endlichkeit."

Magazinrundschau vom 12.04.2016 - Novinky.cz

Die im französischen Exil lebende iranische Schriftstellerin Abnousse Shalmani spricht im Interview mit Štěpán Kučera über ihre Autobiografie "Khomeiny, Sade et moi" und fehlenden Reformwillen in der islamischen Welt: "Die islamische Gesellschaft erstickt. Sowohl die Religion an sich als auch der politische Islam benötigen eine Reform. Schon im 9. Jahrhundert, als es vier Schulen der Interpretation heiliger Texte gab, waren die konservativen Salafisten Zielscheibe des Gespötts - ihre wortwörtliche Auslegung war für die anderen Schulen lächerlich, da sie eine Rückkehr zur Gesellschaftsordnung der Zeit des Propheten Mohammed forderte. Noch bis ins 16. Jahrhundert, also etwa bis zur Zeit der europäischen Renaissance, unterstützten die Kalifen das aktive Nachdenken über die heiligen Texte. Seit dieser Zeit geht es jedoch bergab, jegliche Reflexionen und Analysen des Korans sind unerwünscht. Seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist ein stärkerer Wille spürbar, den Islam der modernen Zeit anzupassen - damit der Koran nicht zu einem toten Text wird. Dieser Gedanke ist im Innern der islamischen Länder lebendig, er ist nicht nur ein Thema der westlichen Intellektuellen, doch leider dringt das immer noch zu wenig zu Gehör, unter anderem deshalb, weil die Reformströmungen nicht über ausreichend Finanzen verfügen."

Magazinrundschau vom 05.04.2016 - Novinky.cz

Ein tschechischer Schriftsteller schreibt maximal zwei Stunden am Tag. Warum? Weil er den Rest der Zeit Geld verdienen muss. Die prekäre Situation der Literaten, die nicht auf ein Stipendien- und Auszeichnungssystem wie in Deutschland zählen können, ist immer wieder ein Thema in Tschechien. Nachdem nun der Prager Kulturstadtrat angeblich gesagt hat, Schriftstellerei sei "Privatsache" und nicht weiter unterstützenswert, nimmt sich Štefan Švec dieses Themas erneut an: "Die Literatur ist langfristig der unterfinanzierteste Kunstsektor bei uns. Als Schauspieler, Regisseur, Musiker, bildender Künstler oder Choreograf kann man sich noch irgendwie ernähren. Als Schriftsteller ernährt sich hier nur Michal Viewegh. Während der Film als professionelle Angelegenheit gilt und von privaten Sponsoren, dem kommerziellen Fernsehen und millionenschweren Staatsfonds unterstützt wird, gilt Literatur als Hobby. (…) Warum wohl liest heute die ganze Welt skandinavische Krimis? Weil nirgendwo auf der Welt die staatliche Unterstützung von Literatur und ihren Übersetzungen so stark ist wie in Skandinavien. Die kultivierten kleinen Staaten fördern einfach ihre Autoren. Sie wissen, dass es sich lohnt."

Magazinrundschau vom 22.03.2016 - Novinky.cz

Novinky beschäftigt die aktuelle Radikalisierung der Gesellschaft und befragte zu diesem Thema eine Reihe tschechischer Intellektueller. Der Medienexperte Josef Šlerka etwa meint, Leute mit rassistischer Gesinnung gebe es immer etwa gleich viele, nur können sie sich jetzt über die sozialen Netzwerke verbünden und sichtbarer werden. "Das Online-Milieu beschleunigt nur, was in der Gesellschaft schon lange existiert. Wir sind keine realen Jekylls und virtuellen Hydes." Der Historiker Michal Kopeček erinnert daran, dass eine funktionierende Demokratie auch ermüdende, oft frustrierende Diskussionen zwischen Vertretern verschiedener Meinungen einschließt, "und die müssen fortgesetzt werden, selbst wenn es ausweglos erscheint. Resilienz und Zähigkeit müssen neben Toleranz, Gewaltfreiheit und Dialogbereitschaft die vorrangigen Eigenschaften von Demokraten jeder Couleur sein, wenn die Demokratie lebensfähig sein soll. Allerdings sollte man auf die dichotomische Konstruktion von Gut und Böse verzichten (nach dem Motto Faschisten versus Demokraten, naive Gutmenschen versus Realisten), zu der eine Reihe 'Liberaler' der Neunzigerjahre beigetragen hat..." Und der Philosoph Václav Bělohradský befindet: "Angst als Bestandteil bürgerlicher Subjektivität und der Konsens, der aus der Verbreitung von Hass gewonnen wird, sind die effektivsten Mittel zur Vernichtung der Demokratie. Und vergessen wir nicht: Die Maßnahmen zu ihrer Vernichtung treten immer als Maßnahmen für ihren Schutz auf."

Magazinrundschau vom 09.02.2016 - Novinky.cz

Novinky führt ein aufschlussreiches Gespräch mit der türkischen Schriftstellerin Aslı Erdoğan (die nicht mit dem Präsidenten verwandt ist). Erdoğan, deren Vorfahren zum einen Juden in Thessaloniki, zum anderen Tscherkessen im Kaukasus waren, engagiert sich seit Jahren in der Kurdenfrage und hat dafür immer wieder ihre Schriftstellerkarriere riskiert. "Ich hatte an der türkisch-syrischen Grenze eine Menschenkette türkischer und kurdischer Schriftsteller organisiert. Der Islamische Staat belagerte gerade Kobanê und die Türkei wollte offiziell niemanden in ihr Land lassen. Wir wollten helfen, einen humanitären Korridor zu öffnen, damit Verletzte in die Türkei hineinkonnten und die Zivilisten irgendwohin fliehen konnten. Da haben wir festgestellt, dass ein paar Kilometer weiter die Grenze zum von ISIS besetzten Gebiet völlig durchlässig war. Ich glaube nicht daran, dass die Türkei wirklich den Islamischen Staat bekämpft. Übrigens sitzt der Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet Can Dündar im Gefängnis, weil er Beweise für die Kooperation der Türkei mit ISIS veröffentlicht hat. Ihm droht lebenslängliche Haft. Doch selbst wenn er dazu verurteilt wird - die Beweise gibt es trotzdem. Ich glaube, Erdoğan hat sich getäuscht, als er dachte, er könnte ISIS unter Kontrolle haben. ISIS nimmt weder Erdoğan noch seine Art, sich zum Islam zu bekennen, ernst und wird sich eines Tages auch gegen ihn wenden."

Magazinrundschau vom 03.11.2015 - Novinky.cz

Novinky liefert Eindrücke vom diesjährigen Internationalen Dokumentarfilm-Festival von Jihlava, darunter viel Politisches: Gast war unter anderem Maria Wladimirowna Aljochina von Pussy Riot, die im Gespräch mit Alex Švamberk ihre Anerkennung für die tschechische Künstlergruppe Ztohoven äußert, die kürzlich auf der Prager Burg die Präsidentenflagge gegen eine flatternde rote Riesenunterhose austauschte. "Ich glaube, euer Präsident ist mit Putins Regime verbunden." Auf die Frage, warum sie damals ihre Art des Protests gewählt habe, antwortet Aljochina: "Zu jedem Protest gehört Musik. Das ist eine alte Tradition." Ob der Gerichtsprozess nach ihrer Performance in der Christ-Erlöser-Kathedrale 2012 von Putin ausging oder von der Kirche?: "Ich denke, Sie können diese beiden Themen nicht voneinander trennen. Wir haben diese Kathedrale gewählt, weil Putin sie als einen der Hauptorte für die Verbreitung seiner Ideen nutzte. Es ging damals also nicht um die Kirche, sondern darum, dass die Kirche als politische Plattform genutzt wurde."

Auf dem Festival konnte das Publikum via Internet auch mit Julian Assange von WikiLeaks sprechen, der versicherte: "Es stimmt nicht, dass wir uns nur auf die westliche Welt konzentrieren. Ja, wir sprechen vor allem Englisch, in den anderen Sprachen ist unser Wirken nicht so einfach. Aber wir haben zum Beispiel hundertzwanzigtausend Dokumente über Russland veröffentlicht, eine Menge Material auf Chinesisch, etwa das Protokoll von Festlichkeiten der dortigen kommunistischen Partei, und es heißt, wir hätten mit unseren Enthüllungen die Wahlen in Peru beeinflusst."

Ferner wurde der Dokumentarfilm "Matrix AB" über den tschechischen Oligarchen und Finanzminister Andrej Babiš gezeigt, dessen Regisseur Vít Klusák sagt: "Ich bin überzeugt, dass Babiš eine Bedrohung der tschechischen Demokratie darstellt. Es fragt sich sogar, ob wir überhaupt noch eine Demokratie haben in einem Moment, da der Finanzminister jemand ist, der gleichzeitig die meistgelesenen seriösen Zeitungen kontrolliert und außerdem noch unseren tagtäglichen Konsum beeinflusst. Wenn Sie sich morgens etwas zum Frühstücken kaufen gehen, ist es fast unmöglich, dabei Produkten zu entgehen, an deren Herstellung die Firma Agrofert beteiligt war."

Magazinrundschau vom 27.10.2015 - Novinky.cz

Der Wort "Mnichov" (München) steht in der tschechischen Sprache immer noch für ein nationales Trauma, nämlich für das Münchner Abkommen von 1938, nach dem die Tschechen sich von den Westmächten im Stich gelassen und Hitlerdeutschland ausgeliefert sahen. Regisseur Petr Zelenka, in seinem Land für schön skurrile Filme bekannt, hat nun dieses Trauma in einem offenbar originellen Film verarbeitet, der soeben in Tschechien anlief: In "Ztraceni v Mnichově" (Verloren in München) sorgt ein 90-jähriger Papagei, der einst Édouard Daladier gehörte und dessen damalige Worte wiedergibt, im heutigen Prag für einen politischen Skandal. Auch Miloš Forman wollte offenbar einmal einen Film zum Thema "München" machen. Im Gespräch mit Zbyněk Vlasák erklärt Zelenka dazu: "Ich hatte die Möglichkeit, das Drehbuch zu lesen, das Forman gemeinsam mit Václav Havel vorbereitete. Es war völlig belastet von der tschechischen Vorstellung, die Franzosen müssten sich bei uns für das Münchner Abkommen entschuldigen. Es ist wohl gut, dass sie das nicht gedreht haben. Es wäre historisch unrichtig und ganz dem Mythos der 'Münchner Tragödie' verpflichtet gewesen, den wir in unserem Land gesponnen haben." Letztlich, meint Zelenka, sei man doch glimpflich davon gekommen: "Auf dem Gebiet der Tschechoslowakei wurde während des Zweiten Weltkriegs nicht gekämpft, die Tschechen mussten nicht einrücken, die Todesopfer waren im Vergleich mit den umliegenden Ländern gering, und trotzdem fand sich die Tschechoslowakei unter Edvard Beneš auf der Seite der Sieger wieder. Das war genial: nicht gegen Deutschland zu kämpfen und gleichzeitig schließlich an der Seite derer zu stehen, die es besiegten. Wenn Sie sich im Vergleich Ungarn anschauen, dann ist das dort auf schreckliche Weise nicht gelungen; dort begannen sie den Genozid an den Juden noch im Jahr 1944, als schon klar war, dass ihre deutschen Verbündeten den Krieg verlieren würden, wodurch sie sich in der ganzen Welt verhasst machten. So hätte es durchaus auch bei uns enden können."

Magazinrundschau vom 20.10.2015 - Novinky.cz

Bei einem schwindelerregenden Blick quer durch die Menschheitsgeschichte sieht der Politologe Jiří Pehe nichts als Flüchtlingsbewegungen: Das geht schon in der Bibel los, zieht sich durch die Literatur und findet in der Gegenwart kein Ende: "Grenzen", resümiert Pehe, "so wie die moderne Welt sie als Abgrenzung einer fasslichen Heimat entwickelt hat, werden im 'fluiden' Umfeld der Globalisierung entweder zur Fiktion, da Informationen und Finanzen frei über sie hinwegfließen, oder zu einem logistisch durchaus zu überwindenden Hindernis. Weder das Hinzuziehen der Armee noch Befestigungen können hier helfen. Die einzige Lösung kann lediglich eine neue Art von reflektierter Politik sein, die die Funktionsweise des globalen Marktes korrigiert, der die eklatanten Unterschiede zwischen Norden und Süden sowie regionale und lokale Konflikte generiert. Solange das System des globalen Markts sich weiter der politischen Kontrolle entzieht, werden die unkontrollierten Flüchtlingsbewegungen nicht abebben, sondern stärker werden."

Magazinrundschau vom 15.09.2015 - Novinky.cz

Auch Petr Pithart, ehemaliger Dissident und Premierminister, geht mit seinen Landsleuten im Gespräch mit Zbyněk Vlasák hart ins Gericht: "Wir wollen uns weder an Solidaritätsaktionen noch an der Überwindung der gegenwärtigen Wirtschaftskrise beteiligen. Da stellt sich die Frage, ob uns überhaupt noch an den europäischen Werten gelegen ist." Natürlich sei Europa kein spezifisches Wertepaket, "Europa bedeutet die relative Freiheit des Einzelnen und verschiedener Gemeinschaften, seine Werte nach eigenen Präferenzen zu wählen. Die Entscheidung für bestimmte Werte bedeutet allerdings immer einen Konflikt. Man gibt etwas für etwas anderes. Mehr Freiheit bedeutet weniger Gleichheit. Mehr Sicherheit bedeutet einen stärkeren Staat. Niedrigere Steueren weniger soziale Sicherheit. Mehr Solidarität gewisse Einschränkungen … Wir wählen nicht Werte, sondern ihre Rangfolge. Wir geben damit eine Richtung an. Sich für Werte einzusetzen, ist immer mit Opfern verbunden. Wenn wir keine Opfer bringen wollen, bewegen wir uns nicht von der Stelle. Ich fürchte, das ist der derzeitige Stand der Tschechischen Republik. Aber auch der Europäischen Union."

Magazinrundschau vom 18.08.2015 - Novinky.cz

"Es genügt nicht, einen Diktator abzusetzen, die ganze Gesellschaft muss sich verändern", sagt der vielfach ausgezeichnete iranische Filmemacher Mohsen Makhmalbaf über den gescheiterten arabischen Frühling. Die neu aufgenommenen Beziehungen zwischen Iran und USA beurteilt er im Gespräch mit Štěpán Kučera "sehr positiv, solange sie wirklich die Beschränkung des iranischen Atomprogramms zur Folge haben. Das Entgegenkommen der iranischen Regierung ist reiner Pragmatismus, denn sie wissen, dass dem von weiteren westlichen Sanktionen belasteten Land Bürgerunruhen drohen würden. Aber auch so ein Pragmatismus ist noch besser als Kriegsführung." Eine mögliche Rückkehr nach Iran schließt der Exil-Londoner dennoch für sich aus. "Dabei habe ich mit Mitgliedern der gegenwärtigen Regierung zusammen im Gefängnis gesessen - damals kämpften sie für die Demokratie, heute sind sie schlimmer als der damalige Schah." Lässt sich Demokratie überhaupt in den Rest der Welt exportieren? Makhmalbaf ist skeptisch. Und er wagt einen Ausblick in die Zukunft: "Ich denke, dass diese Zivilisation ihrem Ende entgegengeht, aber ich glaube, dass der Mensch am Ende des Tunnels eine neue Lösung erblickt, und eine wichtige Rolle darin wird ausgerechnet die Kultur spielen, denn sie ist das Wesentliche, was uns von den Tieren unterscheidet."