Tagtigall

Die Temperatur des Wassers

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
21.11.2024. Am 9. November 2023 erhielt der syrisch-palästinensische Autor Abdalrahman Alqalaq das Chamisso Publikationsstipendium zur Fertigstellung seines Buches. Am 9. Dezember 2024 wird die israelische Lyrikerin Agi Mishol mit dem Horst-Bienek-Preis für Lyrik ausgezeichnet. Von beiden erschien in diesem Herbst je ein Lyrikband.
"Es ist Eitelkeit zu denken, man könne mit dem Schreiben von Gedichten den Gang der Geschichte beeinflussen. Das Barometer schlägt schließlich auch nicht die Witterungen um", soll Zbigniew Herbert einmal in einem Interview gesagt haben. So gesehen wären Gedichte Barometer, welche die Temperaturen der je eigenen Zeit erfassen. Manchen gelingt es, dank besonders feiner sprachlicher Peilgeräte, uns auch Mikrobewegungen zu registrieren.

Die Toten

"Europa - nackt geht die Ordnung aus den Fugen", schreibt Abdalrahman Alqalaq in dem Gedicht
"f ü   n    f   u    n    d   z    w    a   n    z    i   g    t    a   u    s   e   n   d
 6  0  14   6  21 14  4  26   23    1   14  26   9  7  20 1 21 19  5 14  4".  
Alqalaq ist syrisch-palästinensischer Herkunft und 1997 in Yarmouk (Damaskus) geboren. Die Menschen sind dort zu Hause, und doch warten sie zeitlebens auf eine Rückkehr an jene Orte in Israel/ Palästina, wo ihre Familien einst beheimatet waren. Um 2013, nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Damaskus, glückte Alqalaq, noch minderjährig, die Flucht nach Deutschland. Heute lebt er in Hildesheim. "Übergangsritus" ist seine erste Buchveröffentlichung.

Bereits der Titel des Gedichtes "fünfundzwanzigtausend" handelt von der Gewohnheit, nicht nur in den Nachrichten alles in Zahlen zu verwandeln: Buchstaben, Menschen, Tote. Statistik eben. Auf diese Weise verschwindet der Einzelne, er wird "... nicht mehr erwähnenswert". Einerseits korrespondiert jede der Zahlen in der zweiten Titelzeile mit einem Buchstaben darüber: f= 6, n = 14, u= 21 usw. Andererseits stehen die Zahlen für die Zahl der Toten aus Gaza, so als könnte man Tote summieren. Als sei der Tod nicht immer ein einzelner. Konkreter. "Man kann Augen und Hände nicht in Zahlen verwandeln." Und doch geschieht genau dies tagtäglich.

Alqalaqs Gedichte im Band "Übergangsritus" sind Anklage und Selbstbefragung zugleich. Sie handeln von beidem, vom Sterben dort - in Syrien, im Libanon, in Gaza - und vom Ankommen hier. Oder richtiger: davon, dass man hier nie ankommen kann, und keinen Raum findet. "Selbst wenn Freunde von uns sterben, trauern wir nur so sehr, wie unser Integrationskurs es zulässt." heißt es einmal.

Eines der wiederkehrenden Bilder ist das Wasser. Indem es für die Gefahr des Ertrinkens steht, steht es gleichzeitig für den Fakt der Rettung. Doch mehr noch steht das Wasser bei ihm für die Poesie, für das in Bewegung-Bringen der (lähmenden) Erinnerung, der Trauer. So heißt es in dem Gedicht "Ich könnte ein wenig vom Tod berichten":

Worte sind Wasser,
Blut ist das Gedächtnis derer, die anstehen
und warten:
vor dem Gericht in Koblenz,
vor dem Gefängnis in Saidnaya
vor dem Zentralgericht in Jerusalem
an der Grenze
an der Essensausgabe
für die Zusammenführung ihrer Familie
der Sterbenden, die ihr Land verlassen wollen
mit all denen, die fern der Heimat
auf des Krieges Ende warten

Wasserworte können Unruhe (qalaq) stiften und gleichzeitig sind die Worte, wie die Wasser Fluchtwege. Die Erinnerung ist von Blut geprägt. Durch das Warten werden Menschen buchstäblich um ihre Gegenwart gebracht.
Ein verzweifeltes Warten: In Koblenz auf die Verurteilung der syrischen Folterer; vor dem berüchtigten Foltergefängnis im syrischen Saidnaya auf die Freilassung der tausenden Inhaftierten; und vor dem obersten Gericht in Jerusalem warten Palästinenser meist vergeblich darauf, dass ihre Beschwerden gegen Rechtsverletzungen Gehör finden. Und das Warten geht weiter, an der Grenze und bei jeder Essensausgabe. In der Wiederholung (vor, vor, vor, ... an, an) vervielfacht sich die Ohnmacht.
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Die Wirklichkeit raubt dem lyrischen Ich den Verstand, denn alle hiesigen Dinge erinnern ihn an Abwesendes:

Meine Wohnung tut nur eines: Sie erinnert mich an Dinge, die nicht da sind
Die Wände, die Treppe
die Fenstergriffe, Türklinken, Möbelkanten
das leere Sofa
gebrochene Schatten auf einem Tisch mit zwei Stühlen
Alles verweist auf Fehlendes
und will mich in den Wahnsinn treiben

Was hier spukt sind keine Geister, sondern eine Leere, die vielleicht eine eigene Physis besitzt, sich an Möbelkanten stößt und Schatten wirft. Alqalaqs Bildwelten sind konkret, und manchmal dennoch von großer Zartheit. Wird es gelingen, das Überleben, das über das Wasser Wandeln der Worte?

Die poetischen Mittel sind bei ihm sparsam gesetzt. Immer wieder schwingt  Ironie hinein. Einmal werden die Toten als "verschwitzte Petersilie" beschrieben, die zwischen den Zähnen hängen bleibt. Auch vom Tod des Vaters und von der Liebe ist die Rede, ebenso von der Einsamkeit. Das  Gedicht "Stadtnächte" beginnt: "Kann man sich aus dem Echo ferner Tanzmusik eine Hand machen, die einen an der Hand nimmt?" Die Verse im Band exponieren eine Poesie der Verletzlichkeit, die Zeilenbrüche halten die  Schwebe.

Im zweiten in Prosa verfassten Teil des Bandes hat der Autor in zehn Szenen Momente der Flucht und Ankunft vergegenwärtigt: "Übergangsritus". Ob der Ritus des Schreibens das Erinnerte besänftigt? Zunächst reist das Ich im Bus durch IS-Land, wo eine Kräuterfrau und deren Ziege ihn das Überleben lehren. Später, nach Zwischenstationen, die Schrecken des Mittelmeers. Hier finden sich die Ziffern wieder: "Wir gingen über das Wasser. Der Himmel verkündete unsere Namen nicht. Mein Name wurde durch Ziffern ersetzt." Er fragt sich: Welchen Zusammenhalt stiftet Sprache, wo Worte unter der Haut verwesen?

Hätte ich die Nachbarstochter gemocht
ich wäre wohl zum Mörder geworden
Soldaten rissen sie in Stücke
doch ich wandte den Blick ab
nach Norden
denn Dante sagt, man muss
durch die Hölle, will man
ins Paradies. Für mich
war das Europa

Wie viel Wut kann man unterdrücken müssen, und durch wie viele Höllen muss man gehen? Und was blüht uns allen in diesem Europa, das nackt und aus den Fugen ist, wie ich eingangs zitierte?  In der Begründung des Chamisso-Stipendiums letztes Jahr erkannte die Jury die Poesie von Abdalrahman Alqalaq als "Rückseite", als die menschliche Seite, der blutigen Auseinandersetzungen.


Die Wächter

Heinrich von Kleist konstatierte im "Das Marionettentheater", dass das Paradies heute verriegelt sei und der Cherub nicht vor uns, sondern hinter uns stünde: "wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist." Seit ich das las, frage ich mich, welche Reise um die Welt wohl gemeint sei. Und um welche Welt?

Völlig diesseitig und doch ein wenig paradiesisch, voller Gelassenheit jedenfalls, geht es zu in der Dichtung von Agi Mishol. Mishol wurde 1946 in Siebenbürgen / Transsylvanien als Kind von Holocaustüberlebenden geboren und kam in jungen Jahren mit ihren Eltern nach Israel. Heute lebt sie dort auf dem Land, und dichtet - der Flora und Fauna eng verbunden.

An: wächteramtor@gmail com

Vielleicht hörste mal kurz auf mit diesem Schwert
und tust mal die Klinge weg.
Falt die Flügel zusammen
sei doch nicht so ein
Cherub

Siehste. Ich war drinnen.
Und bin schon wieder draußen.
Und?

Gesendet von meinem IPhone.

Was geschieht hier? Im Buch Moses hütet ein Cherub mit flammendem Schwert das Paradies und hindert Adam und Eva nach dem Auszug daran, zukünftig zum Baum des Lebens (des ewigen Lebens) zu gelangen. Soweit die biblische Geschichte. Hier, bei Agi Mishol, scheint die Szene ziemlich säkular, im Kumpelton spricht das Ich den Torhüter an: Leg dein Schwert weg, falte die Flügel zusammen, hör auf, die Aufgabe zu erfüllen, welche dir die Obrigkeit zugewiesen hat. Pluster dich nicht so auf! Mach einfach halblang.

Und dann kommt eine Leerzeile, ein Sprung über den Fluss der Zeit, gefolgt von einem simplen "Siehste." Es ist alles ganz harmlos, sagt das lyrische Ich. Ich bin anders als dieser Herr K. bei Kafka -- der an dem Torhüter nie vorbeikam und immer nur das ferne Licht sah - vorhin an dir vorbeigehuscht und drinnen gewesen - und jetzt bin ich sogar schon wieder draußen. Ich habe mich drinnen umgesehen, da war einfach nichts. Wozu motzt du dich so auf?

Mishols Verse sind von hoher Kunst, sie durchbrechen das Gängige und noch die einfachsten Beobachtungen werden in ihren existenziellen DImensionen spürbar. Dichterworte überwinden auch bei ihr so einige Grenzen, nicht nur die des Paradieses: "Ich bin Dichterin, ich kann wie die Ameise in die Hölle hinabsteigen mit einem Lineal aus Stroh und wieder raufkommen mit einem Weizenkorn."

Manche Texte im Band sind explizit politisch, bei manchen schwingt Politisches mit hinein. Anfang der 2000er Jahre schrieb Mishol über eine der ersten weiblichen palästinensischen Selbstmordattentäterinnen, Andaleeb Takatka, aus Betlehem, der Stadt des Brotes. Sprengstoffschwanger begab sich die 20jährige im Jahr 2002 nach Tel Aviv, wo sie sich auf einem Markt ausgerechnet vor einer Bäckerei in den Himmel "aufschwingt". Mishol nennt neben dem Namen der Attentäterin die Namen der Opfer, auch wenn sie weiß, dass das die Toten nicht wieder lebendig macht. "Ich rede und rede davon und habe doch nichts zu sagen", endet das Gedicht, die ganze Ohnmacht gegenüber der Gewalt in 6 Worte gefasst.

Im Band finden sich auch Gedichte über das Sterben und den Tod des Vaters, die so unmittelbar berühren wie das Gedicht über das Olivenbäumchen - eine unscheinbar, fast subkutane Metapher für die Entwurzelung der Palästinenser und die Landnahme in den besetzten Gebieten.  
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Immer wieder zieht die Natur den Blick der Worte auf sich, manchmal stellvertretend: "Alle Tiere sind nach dem Kopulieren traurig", heißt eines der Gedichte. Noch die kleinsten Verse über den Hasen, der einem nachts vors Auto läuft, oder über die Sonnenblume, die sich nach dem Licht dreht, sind vieltönig. Am 9. Dezember 2025 erhält die in Israel längst populäre und vielfach ausgezeichnete Dichterin den Horst-Bienek-Preis für Lyrik; dort wird die Jury zu Recht ihre bewundernswerte sprachliche Klarheit und ihren unverwechselbaren Stil loben, der, wie es dort heißt, "Hoch- und Umgangssprache" verschmelze.  

Der nun erschienene Band "Gedicht für den unvollkommenen Menschen" enthält eine Auswahl ihres Schaffens aus über vier Jahrzehnten. Es ist das Verdienst von Anne Birkenhauer, dass wir bei allem umgangssprachlichen Gestus auch im Deutschen die gedankliche Tiefe und die intrinsische Vieltönigkeit hören und spüren. Einmal geht es um einen Kaktus, der nur einen Tag lang blüht. Sie kennt seinen Namen nicht, erfährt man, doch sie weiß: "wenn ich ihn nicht anschaue - wer sieht ihn dann?"

Fragen wie: wer eigentlich sieht wen und auf welche Weise, oder: wer achtet wen und auf welche Weise, durchziehen das Werk von Mishol und auch von Alqalaq. Und doch könnten sie verschiedener nicht sein, denn der jeweilige Ton (Not, Bedrängnis und Dringlichkeit)  hat eine sehr eigene und völlig verschiedene Temperatur.

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ZUM WEITERLESEN

Abdalrahman Alqalaq, Übergangsritus, Gedichte und Prosa, übersetzt von Günther Orth, Leila Chamma und Sandra Hetzl, Wallstein Verlag, 2024.

Agi Mishol, Gedicht für den unvollkommenen Menschen, aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer, Nachwort Ari Hirschfeld, Edition Lyrikkabinett bei Hanser, 2024. Gerne hätte man in diesem Band Hinweise darüber erhalten, wann und wo die einzelnen Gedichte erstmals erschienen sind.

Auf der von Jan Wagner kuratierten Kölner Poetica 2019, die sich dem Widerstand der Dichtung widmete, las Mishol u.a. das nachfolgende Gedicht. Anrufung und Widerstand zugleich. Zur Erläuterung: Kreuzkraut ist ein giftiges Unkraut und kennzeichnet hier die alles überwuchernde und vergiftende Sprache der Herrschenden. Die "kauernden Gestalten auf Rafah's Trümmern" erzählen von den Gaza-Kriegen. Bilder des Schreckens  - wie die Hunger-Pastetchen aus Hundszahngras im Kandahar Afghanistans.

An die Musen

Verzeiht mir, Ihr, ihr Ewigen
Dass ich Euch mit unserer wiederkehrenden
Historie behellige

Genauso wie die weisen Kreuzkräuter wiederkehren
Und die lila Fühler der Taubnessel sich ausbreiten
Über meinen Hof; aber jetzt
Fällt es dem Auge schwer sich von der Schönheit verwöhnen zu lassen
Deren einziger Zweck - sie selber ist.

Was gehen euch an, die Himmlischen, zwischen Musselinen Schleiern schwebend
Ihr, mit Elfenbeinkämmen im Gold eures Haars
Was gehen euch die Alten Weiber an, die auf den Bergkämmen von Kandahar
Hundszahngraspasteten für Babys mit angeschwollenen Bäuchen sammeln
Was gehen euch die kauernden Gestalten auf Rafah's Trümmern an -
Die wie schwarze Giftpilze aus den Ruinen aufsteigen.
...
Wahrlich verstehe ich Eure Kreuzkrautsprache
Und werde euch nicht belästigen, mit mir zu später Nachtstunde
Einzureisen um Affen in den Versuchslaboratorien zu streicheln
Oder Barmherzigkeit in das Herz des Rinderzüchters einzuflüstern
Der den Flammenwerfer auf den Schädel eines Kalbes richtet

Aber Ihr, richtet heute meine Augen nicht hin
Zu einem rosaumrandeten Wolkenschloss
Und markiert mir nicht den Sieg der Ewigkeit
Mit einem V der Vögel.

Aus dem Hebräischen von Udi Levy.

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