Tagtigall

Von Wörtern und Flocken

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
20.12.2025. Gedichte leben in einer Stille für sich. Hier als letzter Tagtigallen-Flug des Jahres drei Bände - von Etel Adnan, Sonja vom Brocke und Theresa Luserke - die sich in solche Stille hinein begeben.
Zeit

"Gedichte ermöglichen Ihnen, einem Gedanken Zeit zu geben", schrieb Monika Rinck und meinte damit sicher beide: Dichter wie Leser. Gedichte können Zeit zum Stillstand bringen. Sie schenken uns Zeit, indem wir sie uns nehmen. Dabei ist die Zeit so bemessen wie Balzacs "Kummerleder", das mit jedem Wunsch, den es seinem Besitzer erfüllt, immer weiter schrumpft. Nur: was wissen wir über die Zeit, die uns bemessen ist? Kann die Dichtung sie erweitern? Etel Adnan (1925-2021), libanesisch-amerikanisch-französische Dichterin, Künstlerin und Nomadin, in Beirut geboren, hat ihre Heimat und die Erlebnisse des Exils ihrem Werk eingeschrieben, auch dem Gedichtband "Zeit", der im englischen Original 2019 erschien. Er beginnt mit einem Vierzeiler:

 Ich sage, dass ich mich nicht
vor dem Sterben fürchte, da ich
noch keine Erfahrung mit dem Tod
gemacht habe

Tatsächlich war der Ausgangspunkt des Bandes die Postkarte eines Dichters, den sie in Tunis kennen gelernt hatte. Karten (wie Gedichte) werden verfasst in dem Wissen, dass der Moment des Schreibens und der des Lesens sich nicht decken. Es gibt die Jetztzeit des Schreibens, und es gibt eine andere Jetztzeit, die des Lesens. Und auch wenn der /die Schreibende letztere nicht kennt, schreibt sich das Wissen um diese Verzögerung in die Zeilen ein, denn "Schreiben" sagt Adnan, "stammt aus einem Dialog mit der Zeit."

was ist neu
in meinem Leben: die Entdeckung
einer Sternenmasse in der
 Milchstraße

So schön, das klangliche Wechselspiel von "m" und "st" in der Übersetzung ist -"stern" und "milch", "straße" und "masse", "mein", "einer", "in der" -  der Vorgang ist alltäglich: Seit Vorzeiten schauen Menschen in die Milchstraße und erkennen eine Sternenmasse. Doch der Blick selbst ist jedes Mal neu - ein Staunen, ein Rätseln. Vielleicht ein Notat.

Etel Adnan hat auf Französisch, Arabisch und Englisch geschrieben. Für den Gedichtband "Zeit" ("Time"), der sich aus dem Postkarten-Gespräch mit dem jungen Kollegen entwickelte, erhielt Adnan zusammen mit ihrer Englisch-Übersetzerin Sarah Riggs 2020 den Griffin Poetry Prize. "Erstaunlich" hieß es in der Begründung, "wie jeder Atemzug bedacht, bemessen, wahrgenommen wird."

Gedanken und Gedichte seien "Risse im Gewebe des Tages" hat Adnan einmal gesagt. Einige sind auch Erinnerungsfetzen:

Wesen und ihre Schatten haben
den Garten verlassen      die Stühle
blicken sich an, fragen, ob
sie miteinander reden
oder ruhig sein sollen.

Neben Liebe und Sehnsucht ist es die Spannung aus Licht und Schatten die viele Gedichte und auch Adnans Malerei prägt. Schönheit, Rauheit und Melancholie schwingen mit. "Wir sitzen unter Granatapfelbäumen, / die aus Persien kamen, / um in diesem rauen Land zu leben, /  -  als sie reisen durften."

Etel Adnan setzt auf die Momente, in denen die Vergangenheit aufhört, eine Form der Gegenwart zu sein. Ihre Sehnsucht gilt dem Wunsch, in den Turbulenzen ihrer Zeit gegenwärtig zu sein.


Höhlenwortbilder

Mit dem in diesem Herbst erschienenen Band "Blauer Ton" hat Sonja vom Brocke ein poetisches Eigenreich geschaffen, das zunächst völlig rätselhaft erscheint. Als Motto Zeilen von May Swenson: "The day is perfect, there is only one, it lasts a thousand years." Der Tag ist vollendet, er ist vergangen, er ist perfekt. Es gibt nur diesen einen Tag, und der kann tausend Jahre umfangen.

Die meisten Gedichte im Band tragen Zeitangaben als Titel: 5:21, 22:02, 9:32, oder 7:00. Als seien sie Notate, verfasst in einem konkreten Moment an einem konkreten Tag. Dabei haben die Texte keine uns bekannte Präsenz;  das ich, das sie verfasst haben könnte, stammt offensichtlich aus einer eigenen, seiner eigenen Welt, die uns dennoch anspricht, wie von hier. Es gibt Distichen, Vignetten; öfters geht es prosaisch zu. Gedanken und Bilder werden, wie einst die Höhlenzeichnungen, auf die Steinwand des Papiers gemalt: "Abri vor Sternzelt", "Kleine Seen in Händen, Arme, die Mühlen imitieren" oder "Oäschen mit Rad aus Forsythien, ruchlos blühend im Schraubverfahren". Oder:

2:01

"Du fülltest den Korb
mit Zappeln

rapide
wie das Herz einer Maus."

Hier ist jedes Wort an seinem Platz. Nur: Wir kennen den Platz nicht. Die Bilder sind oft unbehaglich. Wie gut, dass es ein Du gibt, das angesprochen wird, als könnten wir mitgemeint sein.

In einem anderen Gedicht, "4:23" betitelt, wird die anfängliche Bedrohung: "Die Bolgia-Schlange zischt, steht aufrecht und flucht" mit Fragen besänftigt: "Und du? - schwärmst im Vorhof?"... "Nutzt du einen Schattenrüssel für Tau, der sich talab in den Blättern sammelt?   .... Gehst Du auch spielen am Bach ....ohne Seepferdchenpass?" Ich frage mich: In welcher Zeit gab oder gibt es Bolgia-Schlangen? Und wer ist das hier angesprochene, ja angerufene Du, und woher kommt die Stimme, die zu uns spricht und so das Vertrauen herstellt, dass es jemanden gibt - Geist, Fremder, Freund - der einen sieht, aus welchem Off auch immer: einer Vorzeit, einem Paralleuniversum.

Die Sprache sucht ihre eigene Balance  - "Tritt um Tritt." Weil jeder Moment ja perfekt ist und tausende Jahre währt, sind viele Einträge in "Blauer Ton" Palimpseste. Hier ein Gedicht, das einen Eintrag des verstorbenen Dichters Ernst Meister (1) mitlauten lässt.

Malt eine Riesin

Malt
eine Strickschlange
in ein
Grab

spielt
ein Kind
darin, schwingt
die Strickschlange.

Schlangen, Kinder, Riesen, Tiere, Pflanzen durchgeistern viele der Texte.

Der Titel "Blauer Ton" gibt Rätsel auf. Vielleicht steht blau für die Farben von Himmel und Wasser, und "Ton" für den Lehm, aus dem der Mensch der Vorzeit einst geknetet wurde. Vielleicht auch bezieht sich die Farbe auf ein blaues Date Painting des Zeit-Konzept-Künstlers On Kawara (1966 - 2014) oder aber auf die blaue Stunde aus dem Film "Les mains negatives" von Marguerite Duras, in dem eine Kamera im Morgengrauen durch die Straßen von Paris fährt, während aus dem Off eine Stimme sich an jenen Unbekannten wendet, der vor über 30 000 Jahren seine Handumrisse auf den Wänden frankokantrabrischer Höhlen verewigte. Was er sich wohl dachte, als er das machte? "Sie winkt nicht", schreibt Sonja vom Brocke über die Hand, "sie liebt ... liebt uns, die ihre Zukunft sind". Jedes der Gedichte mit seinen Zeitangaben gleicht vielleicht einer Standaufnahme aus einem Film der Menschheit. Man wird satt, ohne zu begreifen.


Komposita

Theresa Luserke ist eine junge Dichterin. Sie studierte Philosophie und Germanistik in Köln und Literarisches Schreiben am Literaturinstitut in Leipzig. Ihre Gedichte wurden bisher in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht. Nun liegt im schweizerischen  roughbooks Verlag ein erster Gedichtband vor: "ist liegt hinterm haus" lautet der Titel, und wir sind sofort mittendrin, denn ihr lyrisches Ich kauert sich "hinters Haus", und beäugt die Sprache, nicht zuletzt mit dem Mittel der Wort- und Klangwiederholungen. Komposita durchbrechen die "lineare, gestreckte leere", sie krümmen das "menschenlineal" (Elke Erb).


Komposita

"leierkasten                    leiter lügner eierkasten
doppelgängerinnen
psychose(n)

neurose, homoerotik

zaunlatten
wie eine der anderen ähnlich sieht

die dichterinnen                                     fixation
               eierschalen
                                               kappen tragen
                                                            den keil.

Vom Leierkasten führt ein "Weg", der keiner ist, mittels Klang- und Buchstabenbrücken zu den "eierschalen", die "kappen tragen". Hier wie im ganzen Band wimmelt es vor Komposita ("hüfthohe wäldchen aus faserwörtchen") und die Sprache kommt ins Gleiten - über schneematsch, schneelast, schneehaufenhöhe, und schneeflugsteilheit hinweg. In welches Weiter gleitet sie? Die wenigen Male, dass ein Ich im Band spricht, versteckt es sich wie hinterm Haus - "das schlechte meines charakters würde sich sonst enthüllen". Ist es das?

Auch Pferde können Verstecke sein.

pferde

sie sich nicht länger entgehen lassen -
glück auf - als wären sie pferde
die aus einem bergwerk strömen
als wären sie pferde
die lange nicht den tag gesehen haben
in die erde treten
als wären sie lange in einem bergwerk gewesen
festgetretener staubschrott unter ihren hufen
als wären sie pferde vierzig meter unten
die das neue pferd im bergwerk
aufgeregt anlaufen die außenluft einsaugen
als wären sie lange in einem bergwerk gewesen
wie der huf sich in den kohlenstaub krallt
die nüstern sich aufblähen
vierzig meter unter der erde
zungen eingerollt wenn die pferde beginnen
rücken an rücken aus dem Bergwerk zu strömen.

Wer sind diese "sie"s, die aus der Dunkelheit des Bergwerks ausbrechen wollen  - scharrend und schnaubend, zwischen Staubschrott und Kohlenstaub, die Außenluft ersehnend? Vielleicht sind es die Dichterworte, die an anderer Stelle mit Flocken verglichen werden ("schön treiben sich flocken wie wörter zusammen"). Theresa Luserkes Bilder bezaubern in ihrem Eigenbegehr.

***

Zum Weiterlesen

Etel Adnan, Die Zeit, aus dem Englischen von Klaudia Ruschkowski, Edition Nautilus, 2021.

Sonja vom Brocke, Blauer Ton. Gedichte, kookbooks Berlin, Reihe Lyrik, Band 91, 2025.

Theresa Luserke, ist liegt hinterm haus, roughbooks, Engeler Verlage, 2025.

In dem Band "Blauer Ton" findet sich auch ein Text, der sich auf On Kawaras Thinking Man bezieht. Duncan McLaren schreibt dazu: "The following portrait, Thinking Man, was made in 1952. On Kawara was living in Tokyo and he was 19-years-old. The atomic bombs had fallen on Nagasaki and Hiroshima in August, 1945, when he'd been 13. ... The person and the environment are 'stitched' into place. .... On Kawara has said that he almost died several times while living on nothing in Tokyo in these years of trying to attain personal independence from social norms. Wisdom or bust!"

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