Tagtigall

Engelgotteskind

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
20.12.2024. Über Anfänge, feengleiche Mayröckersprünge und ein Proem. Zum 100. Geburtstag Friederike Mayröckers.
Friederike Mayröcker. Foto © Edith Schreiber/Suhrkamp Verlag

Friederike Mayröcker, die heute ihren hundertsten Geburtstag gefeiert hätte, wenn es nach ihr und uns gegangen wäre, hat einmal in einem Geburtstagsgedicht eingefangen, dass alles Irdische auch ihres Daseins einmal seinen Anfang nahm.

engelgleich nämlich ein joint.
ich meine der Engel heftige Natur usw. ,
20. Dezember 1924 etwa zur 14. Stunde kam ich auf die Welt : die
Hebamme hob mich hoch und sagte "Engelgotteskind" : die sehr
jg.Mutter = meine sehr jg.Mutter beugte sich vor um mich zu
erkennen, die Hebamme sagte aber "legen Sie sich zurück!" das
unfaszbare (das blutige) war geschehen : ich war geboren : es
hatte mich vorher noch nie gegeben, wie in einem Märchen um-
schwebten mich die guten Feen und die schönen Engel = die violetten
Fittiche des Albrecht Dürer, ich erinnere mich nicht an mich,
ich erinnere mich nicht an diesen Tag ich sprach mit Engelszunge,
6 Jahre später kam ich zu den Englischen Fräulein : sie lehrten
mich das Lesen und das Schreiben was mich glücklich machte in
diesem unaufhörlichen Wald ............ eigentlich waren Pierre
Bonnard's "Pflaumen und Trauben" (1907 / 1908) violette Sträusze
v.Engelchen, usw., ich weidete in Poesie nämlich ich war nicht
v.dieser Welt,

                                         8.11.2019, 2 Eichenhaine
                                         umfingen mich, nämlich
                                         man hatte mich, konstruiert,

Ja, jedes Ich ist einzig; und alle Texte sind konstruiert, "joints" eben, lauter kleine Buchstabengelenke, umschwebt von "guten Feen" und "schönen Engeln". Nichts ist je ganz von dieser Welt. Und nichts ist folgerichtig, weshalb auch der Doppelpunkt bei Mayröcker ein Joint ist, ein Satz- und Denk-Gelenk. Mit jeder Geburt, jedem Neuanfang wird das Erwartete, der Ablauf des Schonbekannten, unterbrochen. Auch die "Trauben und Pflaumen" von Bonnard sind, anders als beim Lesen des Gedichtes erwartet, in Bonnards Wirklichkeit grüningrün.

Anne Cotten sprach kürzlich davon, dass Mayröckers Worte am "Fliegenpapier der Wirklichkeit" haften. Und doch nie an ihr haften, sondern immer neue Flügel bekommen. Wie, so fragt man sich, fanden eigentlich die violetten Fittiche in dieses "Proem" - ein Gelenkwort, zwischen Prosa und Poem angesiedelt, das sie erstmals bei Francis Ponge gefunden hatte. Wann beginnt Erinnerung, und wann Fantasie, die Engelszunge, die uns tröstet, dass es etwas anderes gibt als das Ganz von-dieser-Welt-Sein? Auch die Eng(e)lischen Fräulein tragen offensichtlich ihren Namen nicht zu unrecht, denn noch im hohen Alter springt das Kind, von dem wir hier lesen, beim Durchstreifen des Buchstabenwaldes feengleiche Mayröckersprünge. "Damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen", formulierte Hannah Arendt die "frohe Botschaft" der Geburt am Ende ihrer Schrift "Vita activa, oder: was wir tun, wenn wir tätig sind". Mit jedem Handeln beginnt etwas von vorne, kommt Neues in die Welt. So auch bei Mayröcker, die ihre "Proeme" der letzten Jahre als anfängliche Gesänge verstand, wie Marcel Beyer erläutert. Sie bleiben ausgerichtet auf das noch zu schreibende Werke, und sind nicht auf den Tag der Entstehung, sondern aufs Kommende hin datiert. Auf den nächsten Tag.

Wir erwarten ihn. Und gratulieren der Dichterin zum 100.

***

Das Gedicht entnahmen wir dem soeben erschienenen Band "Friederike Mayröcker, Gesammelte Gedichte 2004-2021" Herausgegeben und mit einem Nachwort von Marcel Beyer, Suhrkamp 2024.

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