05.07.2024. Immer wieder bekomme ich in letzter Zeit von Freunden Gedichte zugeschickt. Als ob es stimmt, was Anne Carson sagt, dass die gebrochene Sprache der Dichtung uns die Welt erweitern kann. Die Poesie kann schließlich die Gesetze der Grammatik aufbrechen, Sinn und Verstand viele Schnippchen schlagen und in Bildern und Rhythmen die Grenzen von Zeit und Raum überwinden. Kann es sein, dass gerade die fragilste und offenste aller Sprachhandlungen einen solideren Grund bereitstellt für Trauer, Sprach- und Ratlosigkeit? Die Sprache tritt über die Ufer, das Denken auch. Ein Beispiel? Antjie Krog.
Bloemfontain
Anjie Krog, 2021. Foto: Vysotsky - Own work, unter CC BY-SA 4.0-LizenzDie südafrikanische Dichterin Antjie Krog ist - anders als im Land ihrer Herkunft - hierzulande zu wenig bekannt. Aufgewachsen in den 1950/60er Jahren auf einer Farm (Middenspruit) im weiten Irgendwo nördlich von Bloemfontain und südlich von Johannesburg, trat sie in den 1980er Jahren dem illegalen ANC bei, berichtete nach dem Ende der Apartheid für die BBC über das große Projekt der Wahrheitskommission ("The Country of my Scull") und unterrichtet seit 1993 an der ersten schwarzen Universität in Kapstadt. Zuletzt erschien vor knapp zwei Jahren in englischer Übersetzung ihr Gedicht-Band "Pillages" (Plünderungen), in dem sich Verse über das Altern des Körpers mischen mit Beobachtungen zu Zersetzungsprozessen in Natur und Politik. Zwischendrin der Anblick eines Fischreihers oder der eines Kindes, das versucht, die Welt zu erkunden. Im Band auch ein Gedicht mit dem Titel "contract to purchase" - Ankaufsvertrag. Ein sehr prosaischer Text, der davon erzählt, wie ein lyrisches "Wir" "ein letztes Mal" auf der Farm am Grab des Vaters steht.
We stand one last time at your grave in the winter red grass, pa, somehow It would be better if the land had been "taken". It would feel as though it was still our land, our taken land, but now we are selling it. We are the first generation since 1828 that can't say our farm or to the farm that must say Middenspruit is past and see how every syllable slowly limps away in the grass.
Wörtliche Übersetzung:
Wir stehen noch ein letztes Mal an deinem Grab im roten Wintergras, Vater, irgendwie wäre es besser, sie hätten uns das Land genommen, dann wäre es immer noch gefühlt unser Land, unser genommenes Land, doch jetzt verkaufen wir es. Wir sind die erste Generation seit 1828, die nicht mehr unsere Farm und zur Farm sagen kann die sagen muss Middenspruit ist Vergangenheit und zusehen, wie jede Silbe langsam im Gras versickert.
Ein Abschied und eine verstörende Botschaft zugleich. Auf den ersten Blick klingen die Zeilen wie eine Abbitte an den Vater: Pa, wir haben Dein Land verkauft. Es tut uns leid, dass wir von nun an nicht mehr an Dein Grab kommen können. Doch auf den zweiten Blick erscheinen die Dinge komplizierter. Die (schwarze) Regierung hat den (weißen) Farmbesitzern nach dem Ende der Apartheid das Land nur in einigen Fällen genommen. Jahrzehnte später bietet sie dem lyrischen "Wir" Geld, und einen "Vertrag". Einen Ankaufsvertrag. Das Gedicht lotet aus, was dies bedeutet: Fortan werden sie, die auf der Farm aufgewachsenen, nicht mehr von "ihrer" Farm sprechen können. Nicht davon, dass sie ihnen genommen wurde. Soweit, so klar. Oder auch unklar. Die - poetische - Verwirrung entsteht durch den Einschub "our taken land" (unser genommenes Land / das Land, das wir uns einst genommen haben!). Die Mehrdeutigkeit von "taken" unterminiert das Reden und stellt ungesagt die Tatsache in den Raum, dass dieses Landgut, das die Familie seit 1828 bewirtschaftete, eben seinerzeit vielleicht ein "genommenes Land" war. Mit dieser kleinen sprachlichen Unterbrechung gerät subversiv die Gewalt der ganzen Kolonialgeschichte in den Blick. Auch Afrikaans, die Sprache der Unterdrücker, wird bald in Middenspruit (Mittelsproß) Vergangenheit sein.
"Wie kann man mit den Anderen leben, statt gegen sie?", fragte einmal der in Jerusalem geborene Orientalist Edward Said. Eine Frage, die wohl auch die Ankaufsverträge des südafrikanischen Staats motiviert haben dürfte. Wie viele Verträge braucht es, damit Wunden heilen? Antjie Krogs ganzes Werk ist von der Suche geprägt, wie man die weiße Kolonialgewalt anerkennen und Möglichkeiten eines neuen Miteinanders erdenken kann. Einmal schickte mir jemand ein anderes ihrer Gedichte, ein docu-poetry: dokumentiert wird der Auszug aus einer Aussage von Cynthia Ngewu, die 1996 vor der südafrikanischen Wahrheitskommission dem Mörder ihres Sohne Christopher Piet gegenübertreten sollte. Was ist Versöhnung, fragt sie:
Cynthia Ngewu, this thing called reconciliation. ... if I am understanding it correctly . . . if it means, this perpetrator, this man who has killed Christopher Piet, if it means he becomes human again, this man, so that I, so that all of us, get our humanity back . . . then I agree, then I support it all.
Wörtliche Übersetzung:
Cynthia Ngewu, diese Sache, genannt Versöhnung ... wenn ich es richtig verstehe ... wenn es bedeutet, dass dieser Täter, dieser Mann, der Christopher Piet umgebracht hat, wenn es bedeutet, dass er wieder menschlich wird, dieser Mann, so dass ich, so dass wir alle unsere Menschlichkeit zurückerhalten ....dann bin ich einverstanden, ...dann bin ich voll und ganz dabei.
Cynthia Ngewu weiß, dass nichts und niemand ihr den ermordeten Sohn je lebend zurückbringen wird. Mühsam nur haben ihre Worte sich Wege gesucht, um aus der in Trauer und Wut entstandenen Sprachlosigkeit herauszufinden. Ein Stottern und Stammeln, das, dem Schweigen abgerungen, immer neu Anlauf nimmt: "this thing ... this perpetrator ... this man" -- " if ... if ... if ...", gefolgt von "so that ... so that..." Die Sätze gehen nicht auf. Das Fühlen auch nicht. Die dringliche, uns alle bedrängende Frage lautet: Woher eigentlich nehmen Menschen die Kraft, sich dem Erlittenen noch einmal auszusetzen? Warum nur sollten sie es überhaupt wollen? Wer könnte garantieren, dass die Qual der Wiederbegegnung sich "lohnt"? Und vor allem die die verzweifelte Frage: Woher nur stammt diese Idee: Männer, Mörder ... und dennoch: eine Menschheit?
Compagnons
Gedichte (Lieder, Songs, Schlager, Raps) sind Begleiter. Compagnons. Ihre Verse haften sich unserem Gedächtnis oft nachhaltiger an als prosaische Sätze, und so sind wir, wo immer sie uns einfallen, ein wenig weniger allein auf der Welt. Der Dichter W. H. Auden sprach einst vom "healing fountain", einem heilenden Brunnen. Am 19. und 20. Juli dieses Jahres ist der afroamerikanische Dichter Terrance Hayes zu Gast beim Berliner Poesiefestival, wo er auch sein "American Sonett for a New Year" vorstellen wird. Es erschien erstmals am 7. Januar 2019 in der Zeitschrift The New Yorker. Ob die fortgesetzte Trump-Herrschaft oder etwas ganz anderes der Anlass war?
Things got terribly ugly incredibly quickly Things got ugly embarrassingly quickly actually Things got ugly unbelievably quickly honestly Things got ugly seemingly infrequently initially Things got ugly ironically usually awfully carefully Things got ugly unsuccessfully occasionally Things got ugly mostly painstakingly quietly seemingly Things got ugly beautifully infrequently Things got ugly sadly especially frequently unfortunately Things got ugly increasingly obviously Things got ugly suddenly embarrassingly forcefully Things got really ugly regularly truly quickly Things got really incredibly ugly Things will get less ugly inevitably hopefully
Amerikanisches Sonett für das Neue Jahr
Es wurde unglaublich schnell fürchterlich hässlich Es wurde beschämend schnell hässlich wirklich Es wurde unfassbar schnell hässlich ehrlich Es wurde hässlich vorgeblich unmerklich anfänglich Es wurde hässlich lästerlich gewöhnlich schrecklich sorgfältig Es wurde vergeblich hässlich gelegentlich Es wurde hässlich wesentlich reiflich gemächlich offensichtlich Es wurde hässlich erfreulich unmerklich Es wurde hässlich erbärmlich vornehmlich oftmalig bedauerlich Es wurde hässlich sichtlich erkenntlich Es wurde hässlich plötzlich peinlich eindringlich Es wurde wahrlich zügig wirklich hässlich gewöhnlich Es wurde wirklich unglaublich hässlich Es wird weniger hässlich werden unweigerlich hoffentlich
(dt. Léonce W. Lupette im Auftrag des Haus für Poesie für das poesiefestival berlin 2024).
Sonette sind, wie der Name schon sagt, Klanggedichte. Dieses hier ist recht eigentlich unübersetzbar und kaum als Sonett kenntlich, es fehlt nicht zuletzt die typische Gliederung und das Reimschema. Doch das tut der poetischen Wucht dieser Verse keinen Abbruch. 14 Zeilen lang kreist das Gedicht pausen- und atemlos um die Worte "Things" und "ugly" und vor allem um die Endsilbe "ly". Je länger man liest, desto mehr Augenmerk richten wir auf die Mehrdeutigkeiten in den Worten selbst, die immer mithallt - "incredibly", "beautifully", "carefully" (reichlich, unmerklich, unglaublich). Auch nicht vorhandene "ly"-Wörter schwingen beim laut Lesen mit, und wie subkutan schleicht sich die Vorstellung ein, dass nicht nur die Worte, sondern auch die Welt sehr verschieden gelesen werden kann. Andere Welten tun sich auf: wahrlich, unglaublich, hoffentlich wirklich ("hopefully" "successfully", "forcefully"). Schon denkt man an Bertolt Brechts letzte Zeilen aus dem "Guten Menschen von Sezuan" von 1938: "Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! / Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!"
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Zum Weiterlesen:
Antjie Krog, Pillage, translated by Karen Press, NB Publisher 2022 (darin findet sich das Gedicht "Ankaufsvertrag")
Antjie Krog, Körper beraubt, aus dem Afrikaans von Barbara Jung, https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/koerper-beraubt.html
Terrance Hayes' Gedicht findet sich, von ihm gelesen, hier.
Am 19. und 20. Juli ist er in Berlin zu Gast auf dem Poesiefestival. Hier der Link zum Poesiegespräch am 20. Juli.
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