17.07.2024. In den Gedichten des afroamerikanischen Lyrikers Terrance Hayes geistert die Unterdrückungsgeschichte der Afroamerikaner durch alle Verse. Hayes ist ein Sprach-Enthusiast. Doch lebt seine Dichtung nicht vom, sondern im Austausch mit anderen, als sei er gemeinsam mit seinen Kollegen Teil einer Free-Verse-Band, in der die Dichter im ständigen Austausch miteinander jammen. Am 20. und 21. Juli ist Terrance Hayes im Rahmen des Poesiefestivals in Berlin zu Gast.
"Who no know go know" - lautet der Titel eines Songs des nigerianischen Musikers Fela Kuti (1938-1977) aus dem Jahr 1971. Kuti war der Erfinder des Afro-Beats, und der Song entstand in der Hochzeit des Panafrikanismus. Der Ruf "Who no know, go know" scheint aus nichts als Klangassimilation, Alliteration und Binnenreim gemacht, und stellt gerade in seiner vorgeblichen Unbeholfenheit eine großartige Ermächtigung dar. Genial und konkret bündelt er nämlich beides: die historische Erfahrung, über Jahrhunderte im Unwissen gehalten worden zu sein, und gleichzeitig die Notwendigkeit, selbst aufzubrechen, um das Wissen zu wenden. "Go know" eben. Brecht auf!
Der afroamerikanische Lyriker und Essayist Terrance Hayes kam im Jahr des Go-know in Columbia, South Carolina, zur Welt. Es war die Zeit der Bürgerrechtskämpfe. 1999 erschien mit "Muscular Music" sein erster Gedichtband. Als er 2010 mit seinem vierten Buch ("Lighthead") den National Book Award for Poetry gewann, wurde seine Dichtung allenthalben gepriesen, ob seiner Zartheit, ob seiner Einbildungskraft, seiner Direktheit und ob seiner Kunst, dem Blues und den zerklüfteten Rändern der Dinge Raum zu geben.
Hayes kann erzählen und verdichten, seine Bilder und seine Rhythmen reißen mit, und seine Verse werden gelobt für ihre "akrobatische Präzision". Er schreibt Sonette, Ghaselen, Sestinen, Pecha Kuchas und ist in all diesen Formen scheinbar so zu Hause, dass er sie mühelos variiert, ja improvisiert. Dabei geistert die Unterdrückungsgeschichte der Afroamerikaner durch alle Verse - so erst jüngst durch das Gedicht "George Floyd", das 29 Zeilen lang atemlos, ohne Punkt und ohne Komma, inszeniert, was es heißt, täglich in den Ketten der Angst zu leben. "... jede art des totschlagens von / zeit schlägt sich auf deine seite der lade / fläche des trucks, der Emmett Till verschleppte / im morgengrauen ..." (Alle deutschen Zitate entnahm ich der großartigen Übersetzung, die Léonce Lupette für das Haus für Poesie angefertigt hat.)
Auf die Frage, was das größte Unrecht sei, nennt Hayes kein zeitgenössisches Ereignis, sondern den Negro Act von 1740, der den Sklaven das Schreibenlernen, die Selbstversorgung, die Bewegungsfreiheit und das Trommeln verbot. Ja, auch das Trommeln, wohl weil dies den Weißen verdächtig war - als Puls des Lebens, des Widerstands, des Go-know.
American Sonnets
2016, in den ersten hundert Tagen der Regierung Donald Trumps, begann Hayes eine Serie von Gedichten, die alle den gleichen Titel tragen: "American Sonnet for my Past and Future Assassin" (Amerikanisches Sonett für meinen einstigen und zukünftigen Mörder) - angestoßen wohl nicht zuletzt von den "American Sonnets" der vom Free Jazz inspirierten Dichterin Wanda Coleman (1946-2013). In der Form eines Sonettenkranzes schafft Hayes in diesen Gedichten ein Gewebe aus Klängen und Bildern von spielerischer Doppelbödigkeit. Die Zukunft unter Trump scheint hier als die Fortsetzung einer Vergangenheit, die nicht vergangen ist und - welch ein Schrecken - nicht vergehen wird. Sind die ehemaligen die zukünftigen Mörder? "I carry money bearing the face of my assassins", konstatiert er in einem der Gedichte lakonisch, und ein andermal artikuliert er die Zerrissenheit: "It is not enough to love you. It is not enough to want you destroyed."
Wie es die Form vorsieht, haben auch seine Sonette 14 Zeilen. Ansonsten sind sie freie Improvisationen, wirken in all ihrer Schönheit gedrängt und geballt. Von Gegensätzen getrieben. Klassischerweise gibt es in Sonetten gegen Ende eine "Volta", eine Wende sozusagen. Ob man sie herbeischreiben kann? Wo "das Haus" in Flammen steht, schreibt er einmal, will er mit den Sonetten einen "Schutzraum gegen die Panik" errichten und den Alptraum "in den Schwitzkasten" nehmen.
Solche Schutzräume gegen die Panik findet er in lebensweltlichen Szenen, oft mit Tieren. Einmal liefert ein Eimer Laubfrösche auf einem Flohmarkt im "tiefen Süden" des Landes den Anstoß für's Gedicht.
Der Vater macht das Geräusch, das ein Laubfrosch macht Als er mit Sohn & Tochter an einen Eimer Mit Laubfröschen kommt, zum Verkauf auf einem Flohmarkt im Deep South, Kurz vor dem letzten Blut der Dämmerung."
Während der kleine Sohn auf der Mundharmonika den Blues spielt, fabuliert der Vater im Gespräch mit der Tochter über Namen und Gebaren des Laubfrosches: "Der Laubfrosch heißt Laubfrosch, weil er zwischert wie ein Vogel im Baum", sagt er, und: "Beim Singen / überwindet der Laubfrosch seine Angst vor den Vögeln." Immer nistet im Heimischen bei Terrance Hayes das Unheimliche, und so versteht man irgendwann, dass der Vater redet und redet, um zu verhindern, dass seine Kinder die rostige alte Zinndose mit Fotos von Lynchmorden entdecken, die nebenan auf dem Flohmarkt zum Kauf angeboten wird. Am Ende des Gedichtes machen Vater Sohn und Tochter "das Geräusch, das ein Laubfrosch macht, auf einem Flohmarkt im Deep South, vor dem letzten Blut der Dämmerung."
Auch wenn die Jim-Crow-Gesetze längst Vergangenheit sind, ist ihr Geist aus vielen Köpfe und Herzen des Landes immer noch nicht ganz verschwunden. Und die Sonette. Noch immer bleiben Morde an Schwarzen ungesühnt - eines der vielen No-Gos, möchte man meinen. Wer sind sie, all die Einzelnen, und welche Möglichkeiten haben sie, das Versprechen der pursuit of happiness einzufordern, in einem Land, in dem, wie eines der Sonette es formuliert, die Sterne des republikanischen Zusammenhalts längst "von den Wahlkampf-Postern" herabgefallen sind?
Hayes "American Sonnets" tragen keine individuellen Titel. Schließlich habe auch jedes Jahr viele Tage, die Montag heißen, sagt er, und doch sei jeder Montag anders. Nicht mit dem Titel, sondern mit der ersten Zeile beginnt das je Verschiedene. Durch die Gleichheit, oder sollte man sagen: durch die Allgemeinheit der Titel könne er, wie er sagt, alles "reinkommen lassen", alles zulassen, ohne im Vorhinein zu kanalisieren. Danach befragt, warum er sich für eine so fixe Form wie das Sonnet entschieden habe, antwortet er: Breakdance in einer Zwangsjacke offenbare einfach mehr von Schönheit und Härte dieses Tanzes.
Eine poetische Band
In seinem Buch "Watch Your Language", das letztes Jahr gleichzeitig mit dem Gedichtband "So to Speak" erschien, erzählt Hayes, dass am Anfang seines Schreibens das Lesen stand - als Kind in der öffentlichen Bibliothek von Columbia in South Carolina, später in der Coker College Library. Im Studium dann frequentierte er die Bibliothek der Pittsburgh-Universität. Heute unterrichtet er als Professor an der NYU. In "Watch Your Language" durchstreift er seinen Lesekosmos - ein Parforceritt durch die afroamerikanische Dichtung des 20. Jahrhunderts. Der Titel schillert: Pass auf, was du sagst. Beobachte Deine Sprache und: Achte sie.
Hayes ist ein Sprach-Enthusiast. Doch tatsächlich lebt seine Dichtung nicht vom, sondern im Austausch mit den anderen, wie man schon in seinen ersten Gedichtbänden erkennen konnte. Als sei er gemeinsam mit seinen [afroamerikanischen] Kollegen Teil einer Free-Verse-Band, in der die Dichter im ständigen Austausch miteinander jammen. Jeder Spieler oder jede Sängerin hört genauestens auf seine Mitspielerinnen oder Mitsänger, um dann seiner-/ ihrerseits auf das, was der oder die Anderen "zu sagen" haben, in ihrer Antwort den Move weiterzutragen. Manchmal haben sie sich Schreckliches zu erzählen, schreibt James Baldwin in "Sonny's Blues"; sie widersprechen einander, kommentieren sich vielleicht und erweitern einander mit ihrem je eigenen Herzschlag.
In Hayes' Repertoire finden sich Wallace Stevens, Emily Dickinson, Patti Smith oder auch Amiri Baraka. Doch viele der Stimmen sind uns hierzulande kaum bekannt: Margaret Danner, Toi Derricotte, Afaa M.Weaver, Reginald Shepherd. Im Zentrum steht die Kunst der großen Dichter-Königin Gwendolyn Brooks (1917-2000). Warum nur, fragt er, hat sie nie den Nobelpreis bekommen? "Ist sie nicht unsere Wisława Szymborska, unser Pablo Neruda?"
Ihr wohl berühmtestes Gedicht "The Pool Players. Seven at the Golden Shovel" ist so großartig wie unübersetzbar:
We real cool. We / Left school. We // Lurk late. We / Strike straight. We // Sing sin. We / Thin gin. We // Jazz June. We / Die soon.
Auf der Suche nach einer "Antwort" erfand Terrance Hayes um 2010 eine völlig neue Gedicht-Form, die "Golden Shovel". Bei der "goldenen Schaufel", wird das eigene Gedicht so verfertigt, dass die letzten Worte aller Zeilen hintereinander gelesen das "aufgeschaufelte" Gedicht ergeben. Hayes hat Brooks "Pool Players" in zwei Fassungen "geshovelt", einmal 1981, einmal 1991 (beide hier). Der Autor, die Autorin, nimmt also in einer Goldenen Schaufel eine andere Stimme in den eigenen Text, bewahrt sie dort auf; er schaufelt sie, auch gegen die Regeln der Orthographie, aus der Vergangenheit in die Gegenwart.
Hier die letzten Zeilen der 1991er Fassung auf "We / Jazz June. We / Die soon."
While God licks his kin, we sing until our blood is jazz,
we swing from June to June. We sweat to keep from we-
eping. Groomed on a die- t of hunger, we end too soon.
Ein anderer von Terrance Hayes großen Stimmen ist Yusef Komunyakaa. 1947 in Louisiana geboren, ist dieser auf Deutsch trotz seines Renommés in den USA erst seit kurzem übersetzt. Auf seine Mojo-Songs antwortet Hayes in "Watch Your Language" mit Mojo-Briefen. Einer trägt den Titel "Mojo-Brief im Geist von James Baldwins Brief an seinen Neffen". Schließlich, so schreibt Hayes, sei Komunyakaa im selben Jahr geboren wie Baldwins Neffe, und deshalb wohl der eigentliche Adressat des berühmten Briefs. Hier vereinen sich drei Generationen - Baldwin, Komunyakaa und Hayes - verzweifelt darüber, dass diese Gesellschaft noch immer den Schwarzen mit brutaler Offenheit zu verstehen gibt, "wie wertlos sie sind" (Baldwin). Dichtung aber verwandelt jeden Tag in eine Art Lied.
Zu Fela Kuti hat Terrance Hayes vor Jahren ein Pecha Kucha ("Coffin for Head of State") verfasst, wobei er die zwanzig Kurzvorträge statt mit Fotos mit Kutis Musikstücken unterlegte. Hayes "Schaufeln" in die Gegenwart erweitert den Widerstand. Es wird Zeit, dass wir mehr von ihm zu lesen bekommen.
***
Zum Nach- und Weiterhören und -lesen
Am Samstag, 20. Juli, um 17 Uhr findet im Rahmen des Poesiefestivals im Berliner silent green ein Poesiegespräch mit Terrance Hayes statt. Moderator ist Shane Anderson.
Am Sonntag, den 21. Juli 2024 hält Terrance Hayes auf dem Poesiefestival die Berliner Rede zur Poesie. Hayes Rede: "Einführung in eine illustrierte Zeitleiste poetischer Einflüsse" erscheint im Wallstein Verlag und ist ein Auszug aus "Watch Your Language". Die Übersetzungen der Rede und auch einiger Gedichte besorgte Léonce Lupette. Herausgeber: Matthias Kniep, Katharina Schultens und Nadine Tenbieg.
Von Yusef Komunyakaa erschien dieses Jahr "Der Gott der Landminen", aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Mirko Bonné, Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, 2024
Von Gwendolyn Brooks ist letztes Jahr ein Band auf Deutsch erschienen, "Maud Martha", aus dem Englischen von Andrea Ott, mit einem Nachwort von Daniel Schreiber, Manesse Verlag 2023
James Baldwins Brief an seinen Neffen findet sich unter dem Titel "Mein Kerker bebte. Brief an meinen Neffen zum hundertsten Jahrestag der Sklavenbefreiung" in "Nach der Flut das Feuer", aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow, mit einem Vorwort von Jana Pareigis. dtv, München 2019
Jana Hensel: Es war einmal ein Land In ihrem neuen Buch erzählt die Bestsellerautorin Jana Hensel vom Ende eines großen Traums. Denn das, was vor über 35 Jahren als Aufbruch in eine neue Ära begann, wird nun… Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In… Norbert Gstrein: Im ersten Licht Zwei Weltkriege, ein Jahrhundert: ein eigenwilliges Leben voller Schönheit, Tragik und Widersprüche. Norbert Gstrein schenkt uns ein ganzes Menschenleben. Dabei ist jedes… Julian Barnes: Abschied(e) Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte…