Eines meiner Lieblingsgedichte von Ilma Rakusa beginnt mittendrin, wie die meisten ihrer Geschichten und Gedichte.
Döst dieser Ziegenbock was für ein weißer Schlaf mit locker hinposierten Gliedern der Bart nickt leicht das Horn steht steif die Hufe schaun nach innen und lächelt das Gesicht bei gut verschlossenen Lidern mit NirwanablickDer dösende Ziegenbock stammt aus dem Band "Ein Strich durch alles. Neunzig Neunzeiler". Wo nur befindet er sich, der
dösende Bock? Wie sieht es aus, wenn eine Ziege lächelt? Was genau ist weißer Schlaf? - Döst, Schlaf, Bart, Glieder, Lider, Nirwanablick. Während der Text einen Zustand großer Ruhe beschreibt, hüpfen die
Vokale wie Ziegen durchs Zeilenfeld: Das "ei" von "weißer Schlaf" kehrt wieder in "leicht," "steif" und "bei"; das "o" des "Bocks" wiederholt sich ebenso wie das "ie" von "dieser" und "Ziege". Parallelstrukturen bilden das Raster und gleichzeitig den Motor der Verse. Adverbien und Adjektiv-Konstruktionen greifen ineinander. Eine Wort-Komposition, die eine ganz eigene Musikalität entfaltet. "Ich bin ein Ohrenmensch", sagt Ilma Rakusa im Haus für Poesie.
Von Theodor Adorno stammt die Beobachtung, dass Kinder bei der Betrachtung der Tiere selig seien, denn in den Tieren vermumme sich die Utopie, jener durch keinerlei Definitionen und Nützlichkeiten gezähmte Ort. Vielleicht rührt aus Resten dieser Kinderseligkeit auch das Glück, das einen beim Lesen und Wiederlesen jedes Mal neu umfängt. Seelenruhig und seelenberuhigt hat man Teil an Rakusas Bildern, so auch an dem grazilen Ziegenbockanblick. Viel Ungesehenes schwingt mit. Was sieht das Tier
im Nirwana-
Blick? Und was sehen wir?
Ilma Rakusa, eine Schweizer Schriftstellerin, die 1946 im slowakischen Rimavská Sobota als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen geboren wurde, ist eine europäische Weltbürgerin - in ihrer Lyrik, in ihren literarischen Kritiken, in den Essays ebenso wie in ihren Übersetzungen Sie hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, zuletzt im Jahr 2025 den Johann-Heinrich-Merck Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. In allen ihren Schriften wirft sie "fast beiläufig ein paar flirrende poetische Bilder und Beobachtungen in die Arena der Politik", schrieb einmal Michael Braun. Das trifft.
In "Wo bleibt das Licht", ihrem jüngsten Band, hat sie
undatierte Tagebuchprosa aus den Jahren 2022-2024 versammelt, darunter Träume, Tagesereignisse, Beobachtungen, eigene Gedichte, Reflektionen, Lektüren. Eine riesen Fundgrube. Der Krieg in der
Ukraine und in
Israel ist ebenso präsent wie das Spiel mit den Enkeln ("Theo möchte seit neuestem Kampfpilot werden"), Fragen zum poetischen Schreiben, das "Glück eines Geruchs", alles durchsetzt von Zwiegesprächen, realen wie fiktiven - mal mit den eigenen Eltern, mal mit lebenden oder toten Dichterinnen und Dichtern - mit Elke Erb, Friederike Mayröcker, Marina Zwetajewa, Ossip Mandelstam, Maria Stepanova. "Spontan,
schreib spontan, was dir einfällt", zitiert sie Elke Erbs Aufforderung an sie. ODER: "Im Mayröckerschen Idiom findet alles zusammen, ... da ist mehr als eine Traumregie am Werk, da
waltet ein Geistlein. / Und ich lese und verstehe nicht und ich will nicht verstehen, weil ich mich hingerissen den Sätzen überlasse." Ein Gespräch unter Dichterinnen.
Ein andermal schreibt sie: "Marianna K. erzählt mir von ihrem Mann an der Front. Mit sechzig ist er seit Monaten im Einsatz, zurzeit irgendwo im Süden, bei höllisch heißen Temperaturen. Sie weiß nicht, wie lange er noch durchhält. Wie lange sie es ohne ihn aushält." Und kurz darauf, immer noch im Nachdenken über den Ukraine-Krieg: " Yevgenia will Frieden, sofort. Zu Putins Bedingungen? ....
Yevgenias Blumenstrauß tröstet, während mich ihre Worte nachdenklich stimmen, verstören."
Einmal wird genäht, ein andermal lesen wir vom Glück, in die Muttersprache einzutauchen. Dazwischen Haikus. Am 22. Januar dieses Jahres, bei der Feier im Haus für Poesie, ging es nicht zuletzt um die Feinheit ihrer Beobachtungen und die Brillanz ihres poetischen Handwerks. Rakusa gehört keiner Schule an, doch ihre Formkraft und ihr "seelendes Auge", ihre feine Anteilnahme, könnten Schule machen. Desgleichen ihre
freie Art der Grenzüberschreitung. Rakusa wandert zwischen Sprachen, Gattungen und Kulturen. Von Kind an ist sie eine leidenschaftliche Europäerin, hat Marguerite Duras, Imre Kertész, Danilo Kiš, Péter Nádas und vor allem: Marina Zwetajewa übersetzt. Sie verschwende ihr "seelendes Auge" mit unendlicher Großzügigkeit auf alle Lebensbereiche gleichermaßen, sagte Anja Utler: Essen, Reisen, Reden, Spielen, Humor.
An dem Abend im Haus für Poesie las Rakusa mehrheitlich aus ihrer jüngsten "Tagebuchprosa", darunter auch mehrere Listengedichte, die aus der Folgerichtigkeit der Sätze herausführen, die Pluralität feiern und den Aspekten des Daseins eine eigene Magie einflössen. Eine Kunst.
Eine Klangkunst. So auch in dem Gedicht "Lied", das sie an dem Abend vortrug.
Mit "wie lange" sind wir unmittelbar drin, in den Fragen. So unzusammenhängend die Bilder der einzelnen Zeilen, so fest verwoben sind sie in der Frage "Wie lange" und im Reim: Nacht/Bach, Kind/Wind, Genick/Geschick, Hand/Sand. Die Unterbrechung der Wiederholung in der drittletzten Zeile - "und wartest auf eine Hand" - verstärkt den Gefühlsgehalt.
Lied wie lange dauert der Schneerausch wie lange das Staunen der Nacht wie lange die Wärme plissierter Schatten wie lange der Weckruf des Bachs wie lange steigst du in Flüsse wie lange lenkst du ein Kind wie lange gehörst du Souffleusen wie lange dem östlichen Wind wie lange fällt Frost in die Wälder wie lange Herbst aufs Genick wie lange die Kraft in die Tasten wie lange der Schlaf aufs Geschick wie lange stehst du im Mantel und wartest auf eine Hand wie lange singt dir ein Fenster wie lange der WüstensandSo wie man hineinfällt ins "wie lange", so zieht es einen am Ende wieder heraus. 16 Zeilen braucht es vom Schneerausch zum Wüstensand. Nach und nach
sickert ins Ohr, dass die Frage "wie lange" sich in der Wiederholung aushölt: Ist es ein "wie lange noch" oder ein "wie lange schon"? Manche Verben ziehen sich in diesem Gedicht wie Kindheitskaugummiglück über mehrere Zeilen hin. Die Klanggestalt gliedert das "Lied" in vier Strophen a vier Zeilen. und sorgt dafür, dass wir am Ende den Wüstensand singen hören. Auch bei Rakusa waltet ein Geistlein.
"
wie lange gehörst du Souffleusen / wie lange dem östlichen Wind". Das Du, das hier angesprochen wird, ist auch ein Ich. Denn Rakusas ganzes Werk ist
gelebte Cura Mundi. Wie schrieb Teresa Mora zu Ilma Rakusas 70ten: Isten éltessen, drága Ilma! Vse najboljše, draga Ilma! Alles Gute, und viele weitere Verse, liebe Ilma!
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ZUM WEITERLESEN Ilma Rakusa, Ein Strich durch alles. Neunzig Neunzeiler, Suhrkamp, Frankfurt a. Main 1997.Dies., Mein Alphabet. Literaturverlag Droschl, Wien 2019.Dies., Kein Tag ohne. Gedichte, Literaturverlag Droschl, Wien 2022.Dies., Wo bleibt das Licht. Tagebuchprosa, Literaturverlag Droschl, Wien 2025.Dies., Listen, Litaneien, Loops. Zwischen poetischer Anrufung und Inventur. Münchner Reden zur Poesie. Lyrik Kabinett, München 2016.Dies., L e b e n, Bogendruck XIX , Edition Howeg, Zürich 1990 (Abe Books). Der Komponist Walter Zimmermann hat auf Rakusas Gedicht "Lied" ein Lautenstück komponiert ("Lied für Ilma nach einem Gedicht von Ilma Rakusa" ), das am 22. Januar im Haus für Poesie uraufgeführt wurde, interpretiert von dem schwedischen Lautenspieler und Gitarristen Peter Söderberg. In den 15 Gedichten des frühen Bandes L e b e n, in dem jede Zeile nach den Buchstaben des Titelwortes komponiert ist, findet sich unter MOND folgendes:V
Mond
Mündig ohne Norm. Du
mildes Omen, Nacht-Dieb.
Morbid oder nur dünn -
meisterst Oben. Nichts dient
mehr. Ocker-Nachen. Die
Miene offenbart Natur durch
Mimik - o nimm dich
mit - Ort, niemand dort.