01.05.2026. Es war und ist ein Frühjahr der Meredith Monk. In Essen hat sie, die große Vokalartistin und Magierin, derzeit die Pina-Bausch-Professur inne, im März wurde sie von der Berliner Akademie der Künste mit dem Großen Kunstpreis geehrt und auf dem Festival "MaerzMusik" bestritt sie das diesjährige Auftaktkonzert. Wer dort war und sie in ihrem knallroten Harlekin-Anzug sah, erlebte, wie ihre Tanz-Stimm-Performances auch nach fünfzig Jahren faszinieren wie am ersten Tag.
Sprache war von Anbeginn an Magie: Klagelaut, Freudentaumel, Zauberspruch, Verfluchung oder Beschwörung - manchmal auch alles zugleich. Die Frage, ob und wie man mit Klängen, Gesten und Worten das Schicksal wenden kann, ist so alt wie die Kunst, und die Ausübung von Ritualen hat enge Verbindungen zur Poesie . Dichtung, ein Ort der Magie? Der aus Konstanz stammende "Weingartner Reisesegen" aus dem 13. Jahrhundert etwa beginnt so:
Ic dir nach sihe ic dir nach sendi mit minin funf fingirin funui undi funfzic engili
in der Übertragung von Karl Wolfskehl:
Will dir nach sehen will dir nach senden Mit meinen fünf Fingern fünfundfünfzig Engel.
Eine magische Geste: Aus voller Hand (funf fingirin) wünscht der Sprechende dem Reisenden fünfundfünzig Engel (engili) zum guten Geleit. Wir sehen, Magie braucht nicht zuletzt den Glauben an die Verbindlichkeit und Wirksamkeit von Gesten, Wörtern, Klängen, Rhythmen. Den Glauben daran, dass sich Geschicke bewegen und beeinflussen lassen. Tischlein deck Dich! Esel streck Dich! - Berg Semsi, Berg Semsi, tu dich auf! Und die Worte taten, was sie besagten.
Im Märchen haben Worte nicht selten die Kraft, Armut oder Unrecht zu reparieren, und Reparationskräfte tun nicht nur in diesen heutigen Zeiten Not. Das Konzert in Berlin jedenfalls, wo Meredith Monk, die "Schamanin aus dem Großstadtwald", auftrat, war ausgebucht.
Auch auf dem diesjährigen Dichtertreffen in Köln, der Poetica, stand die Magie im Zentrum und die Frage im Raum, ob Dichtung "Begleitgesang gesellschaftlicher Transformationen" sein könne. Kann sie Beistand leisten, gar reparieren? "Geister, Gesichte, dass es euch gibt. / Dass ihr mir beisteht", rezitierte Daniela Seel in Köln. Nichts wünschen wir uns derzeit sehnlicher, als Stimmen, die mindestens Begleitgesang, aber lieber noch Geleitgesang nachhaltiger Veränderungen sind - fünfundfünfzig Engel eben. Als Segen für die Reise durchs Leben in sich verfinsternden Zeiten.
Meredith Monk ist eine solche Geleitkünstlerin. Ihre Worte und Klänge scheinen oft nicht ganz von unserer Welt, doch sie schaffen etwas: Es ist, als suche Monk danach, mit der ihr eigenen Mischung aus Bewegung, Klangkunst und Stimme sich und den Einzelnen in der Welt neu zu verorten. Die Stimme, sagt sie, ist ein Werkzeug zum Entdecken, Aktivieren, Erinnern und Demonstrieren des urmenschlichen, ja des vorlogischen Bewusstseins. So etwa in dem aus unverständlichen Silben gebildeten Musikstück "Wa lie oh" aus den "Songs from the Hill", wo der Wind die Weite der Landschaft und des Himmels durchweht. Auf der Bühne erzählt sie, dass sie die Hügel-Songs komponierte, als sie bei ihrer Schwester in Kalifornien zu Besuch war und einen Ausdruck dafür suchte, wie sehr sie sich in der Landschaft aufgehoben fühlte.
Monks Kompositionen, ihren Tanz und ihren Gesang, sind existenzielle Erfahrungen. Ihr Stück "Scared Song" (Angst-Gesang) aus dem Jahr 1979 hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren, und indem wir unsere Furcht in der schrägen Schönheit der Körper- und Stimmbewegungen aufgehoben wissen, können wir uns ihr stellen.
Meredith Monk sagt, dass es die Aufgabe der Kunst sei, die Kraft der Fantasie zu entfachen, zur Unruhe zu animieren und vorhandene Grenzziehungen in Frage zu stellen. Ihre Stimme ist wie ihr Tanzkörper nicht Trägerin von Text oder Bewegungsformen, sondern elementares Instrument menschlicher Präsenz und emotionaler Verbindung. Gemeinsam mit wechselnden Ensembles, mit denen sie seit Jahrzehnten zusammenarbeitet, gelingt es ihr, Gefühle, ja Gefühlsnuancen einzufangen, Zwischenbereiche der Seele auszuleuchten. Monks "melody-making" sei wie eine zeitlose Tür, als würde sich ein Tor zu alten Welten öffnen, hat Björk einmal gesagt.
Monks vielleicht berühmtester Song "Happy Woman" beginnt mit einem "Oh! I am a happy woman, I am a happy woman", begleitet von einem beglückten Lächeln. Das wiederholt sich viele Male, und als man schon fast nicht mehr glaubt, dass noch etwas anderes kommt, hallt ein Ruf wie aus der Ferne herüber: "Hej you, hahaha heha , hej you, ha ha ha", gefolgt von Variationen auf happy: "Oh! I am a hungry woman, I am a hungry woman, .... Oh! I am a tender woman, I am a tender woman, ... Oh! I am a thinking woman, I am a thinking woman ... Oh!, I am a sassy woman, I am a sassy woman." Zwei Sängerinnen begleiten Monks gestischen Stimmauftritt in Berlin. Weitere Adjektive werden aufgerufen: geduldig, diebisch, trauernd, bedürftig, gierig, müde, rücksichtslos, schweigend, wütend, ehrlich, verlogen ... und dann, kurz vor Ende singt sie mit leiser Stimme: "Oh, I am a dying woman, I am dying woman!" Kein Zustand ist ihr fremd. Die Welt ist alles, was der Fall ist, was gefällt und was fallen wird, und die Stimme weiß mehr. denn das "Hej you, hahaha heha , hej you, ha ha ha" hat vielleicht die gleiche Kraft wie ehedem die "funui undi funfzic engili".
Sie mache hörbar, heißt es in der Laudatio von Marie-Anne Kohl in der Berliner Akademie der Künste, dass "Verständigung nicht zwingend an Worte gebunden ist, sondern an Aufmerksamkeit, Resonanz, an das feine Gewebe zwischen Stimmen, Körpern und Zuhörenden". In der Stimme wird der einzelne sich selbst zum Instrument.
Jorge Luis Borges betonte einmal, dass der Geschmack des Apfels im Kontakt der Frucht mit dem Gaumen liege, nicht im Apfel selbst. So ist es auch mit Moncks Kunst. Monk stellt eine vorsprachliche gemeinsame Gegenwart mit den Zuschauern her. Darin dürfte nicht zuletzt ihr Ruhm begründet sein, so etwa in ihrem Liedstück über die einfachen Sorgen ("Simple sorrow"), das die Ängste der Einsamkeit betastet: Allein essen, allein spazieren, allein leben, allein ausgehen, allein sterben? Auch das. Man lauscht, wartet, lauscht wieder. Unterbrochen wird das "Simple Sorrow"-Lauschen, ein Erwarten, ein Rufen, das mit einem stakkatohaft wiederholten "Dont give up, Dont give up! Dont give up! Don't give up!" endet. Wie die 55 Engel verwandelt auch Monks Melodiewelt Leid und Trauer in Helligkeit.
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