Zurück zu Angela Schaders "Vorwort".==================
Zu unserer Leseprobe sind einige Erklärungen nötig. Adam Abdo ist Saras Anwalt, Toya und Emily sind Mitgefangene in Madison, wo auch die geschilderte Anhörung stattfindet. AfR steht für das Amt für Risikobewertung, das aufgrund der verfügbaren Daten den "Risikowert" der Bürgerinnen und Bürger berechnet; liegt dieser über 500, greifen die Behörden ein. Das Tekmerion schließlich ist ein Gerät, mittels dessen das Aufsichtspersonal Regelverstöße der "Einbehaltenen" dokumentiert.Die Zeit vergeht. Beim sechsten Versuch erkämpft Adam Abdo einen Anhörungstermin am Vormittag des folgenden Freitags - eine sehr gute Zeit, von der Sara allerdings erst am Vortag erfährt, weil der Casemanager von Safe-X krank war und seine Dateien erst nach seiner Rückkehr aktualisiert hat. Macht nichts, sagt sich Sara, sie hätte sowieso nichts vorbereiten können. Den Hühnereintopf, den es zum Abendessen gibt, bringt sie kaum herunter, obwohl er zu den besseren Gerichten auf dem Speiseplan von MealSecure zählt. "Versuch, dich zu beruhigen", rät Toya, "Nervosität ist schlecht." Am Morgen leiht sich Sara den Haartrockner von Emily aus und föhnt sich vor dem Spiegel in der Umkleide ausgiebig Strähne für Strähne glatt, ohne die Gespräche hinter ihr wahrzunehmen.
Ort der Anhörung ist ein Vorschulzimmer im Erdgeschoss. Neben der Tür hängen noch die auf Kinderhöhe angebrachten Kleiderhaken, und unter den Fenstern stehen Spielzeugschränke. Aber immerhin gibt es eine Klimaanlage, sodass man sich ein bisschen von der Hitze in den Zimmern und der Kantine erholen kann. Drei Personen sitzen an einem Tisch, vor sich jeweils ein Namenskärtchen. Der Mann in der Mitte ist Andrew Nicosia, ausweislich seiner Karte Beamter des AfR. Er hat eine modische Brille, ein fliehendes Kinn und das Sagen. Links von ihm sitzt Pauline Ford, leitende Sachbearbeiterin bei Safe-X. Vor ihr liegt ein Tekmerion in einer größeren Ausführung als die Geräte, mit denen die Aufseher Regelverstöße melden. Vervollständigt wird der Ausschuss durch Jamie Yuen, dessen Name in Handschrift auf der Karte steht - offenbar ist er als Vertretung gekommen oder in letzter Minute hinzugerufen worden. Seine Funktion wird nicht genannt.
"Ms. Hussein?", sagt Nicosia, als Sara zum Tisch geht. "Setzen Sie sich."
Es ist ein stapelbarer Stahlrohrstuhl, passend für Anhörungen mit einem oder auch mehreren Einbehaltenen gleichzeitig, was Sara merkwürdig vorkommt. Aber sie möchte endlich loslegen und erklären, was erklärt werden muss. Sie hat nur den einen Gedanken: zu erreichen, dass sie entlassen wird.
Mit einem Blick auf den Vorsitzenden fragt Pauline Ford: "Können wir beginnen?" Nicosia konsultiert seine Unterlagen.
"Ich glaube, der Anwalt von Ms. Hussein wollte auch kommen."
"Er muss jeden Moment da sein", sagt Sara. Wo zum Teufel bleibt Adam Abdo? Ausgerechnet heute kommt er zu spät! Elias hat ihn ausgesucht, weil Abdo seine mangelnde Erfahrung - er ist bisher nur Junior Associate bei Kreidler & Campwalla - durch eine Ausbildung in einer Beratungsstelle für grundrechtliche Fälle ausgleicht. Sara ist zwar frustriert, weil er es nicht geschafft hat, Gesuche auf vorzeitige Entlassung einzureichen, aber sie ist ihm andererseits sehr dankbar, dass er an ihre Unschuld glaubt. Bei ihrem Gespräch über die Anhörung hat er ihre Chancen ziemlich optimistisch eingeschätzt. Er sprach dabei von "unseren Chancen".
Pauline Ford heftet den Blick auf die Wanduhr, als würde die dadurch schneller gehen. Ihr muffiger Gesichtsausdruck beunruhigt Sara, die nur hoffen kann, dass die Frau die Verspätung des Anwalts nicht ihr zur Last legt. Yuen dagegen scheint das Warten nichts auszumachen - er kritzelt auf seinem Schreibblock herum. Soweit Sara erkennen kann, zeichnet er den Raum, in dem sie sitzen, mitsamt den Holzschränken und den altmodischen Lampen. Er bewegt seine Hand mit dem Selbstvertrauen des erfahrenen Zeichners. Wie ist er dazu gekommen, über Einbehaltungen zu entscheiden?
Endlich geht die Tür auf, und unter wortreichen Entschuldigungen kommt Adam Abdo herein. Er sieht anders aus, als sie ihn in Erinnerung hat, aber Sara kann nicht erkennen, warum. Er wirkt irgendwie größer, was aber auch an seinem eng geschnittenen blauen Anzug liegen kann. "Tut mir sehr leid", sagt er, stellt seine Aktentasche auf den Boden und hängt seine Jacke über die Stuhllehne. "Auf dem Freeway war ein Unfall." Er setzt sich neben Sara und legt ihr die Hand auf den Arm. "Wie geht es Ihnen?"
"Auf dem Freeway 60?", fragt Yuen. "Dieser eine schmale Fahrstreifen muss unbedingt verbreitert werden. Ich habe neulich beinahe einen anderen Wagen touchiert."
Abdo schiebt sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine Fingernägel sind sehr gepflegt, und am linken Handgelenk trägt er ein schickes Mesh-Armband. Kein Ehering. "Ja, auf dem Sechziger-Freeway", antwortet er. "Ein riesiger Auffahrunfall mit einem Lkw und einem großen Boot."
"Mit einem Boot? Der See ist seit fünf Jahren ausgetrocknet."
"Es fahren eben mehr Idioten herum, als man denkt."
"Den Tod, Steuern und herumfahrende Idioten wird es immer geben", sagt Yuen grinsend zu Abdo.
Pauline Ford räuspert sich. "Jedenfalls schön, dass Sie es geschafft haben herzukommen. Fangen wir an?"
"Sehr gern", erwidert Abdo. Er lehnt sich zurück, schlägt die Beine übereinander, macht aber keine Anstalten, Unterlagen aus der Aktentasche zu holen. Seine Selbstsicherheit steckt Sara an. Obwohl sie vor Aufregung kaum Luft bekommt, fühlt sie sich ermutigt.
"Beginnen wir mit dem Safe-X-Bericht", sagt Nicosia.
"In Ordnung", erwidert Ford. Sie aktiviert ihr Display und beginnt vorzulesen. "Sara Hussein wird seit dem 22. Dezember letzten Jahres in diesem Zentrum einbehalten. Den Ergebnissen der ärztlichen Untersuchung zufolge ist sie bei guter Gesundheit. Die bisherigen Laborresultate waren normal, und die psychiatrischen Tests haben keine Anzeichen für eine psychische Krankheit aufgezeigt. Allerdings gibt ihr Verhalten weiterhin Anlass zur Sorge. Sie hat im Dezember zwei Disziplinarstrafen der Kategorie A bekommen, eine weitere der Kategorie A im Februar und eine der Kategorie C im April."
Moment mal - sie hat im April keine Strafe der Kategorie C bekommen! Zumindest wurde sie darüber nicht informiert. Sie sieht zu Abdo, wartet darauf, dass er Einspruch gegen Fords Bericht erhebt. Der Anwalt zieht sein Handy aus der Jackentasche. Sara ist offenbar altmodisch, denn sie hat angenommen, dass er seine Fallnotizen auf einem Tablet oder sogar in Papierform gespeichert hat und nicht auf seinem privaten Handy. Wahrscheinlich wird er gleich den aktuellen Safe-X-Bericht öffnen, in dem nichts von einer Strafe der Kategorie C im April zu lesen ist, und bei dieser Gelegenheit gleich darauf hinweisen, dass keine einzige von Saras Disziplinarstrafen mit der Androhung von Gewalt zusammenhängt. Es hat seit vier Monaten keine Eintragung mehr gegeben, ihr Risikowert liegt bei 502, und sie hat alle Verlängerungszeiten abgesessen. Abdo tippt auf sein Handy-Display und beginnt zu scrollen.
"Gab es weitere Probleme seit April?", fragt Nicosia.
"Augenblick, bitte." Sara hebt ihre Hand. "Mein Anwalt braucht noch einen Moment."
Abdo scrollt noch immer, sucht die Datei. Ford verliest weiter den Bericht, als hätte Sara nie etwas gesagt. "Seit April keine Probleme", räumt sie ein. "In Anbetracht der Anzahl von Disziplinarstrafen, die Ms. Hussein erhalten hat, ihren Verbindungen zu aktenkundigen Betrügerinnen und mutmaßlichen Brandstifterinnen sowie der Schwere der Straftat, die Gegenstand der Ermittlung ist, empfehlen wir eine Verlängerung, um die Gefahr für andere möglichst klein zu halten."
"Das ist absurd", sagt Sara. Sie teilt sich Räume mit anderen Einbehaltenen, aber das heißt nicht, dass sie mit ihnen irgendetwas ausheckt. Außerdem irrt sich Ford in Bezug auf ihre Akte; sie hat seit vier Monaten keine Strafe erhalten. Nach der Logik des AfR muss sie sofort entlassen werden. In der Erwartung, dass er Fords Folgerung widersprechen wird, dreht sie sich zu ihrem Anwalt, doch Abdo tippt eine Nachricht oder E-Mail in sein Handy.
"Wollen Sie nichts sagen?", flüstert sie.
Abdo scheint sie nicht gehört zu haben.
"Danke, Pauline", sagt Nicosia. "Jamie?"
Yuen hört auf zu zeichnen. "Die Traumdaten, die ich bis jetzt erhalten habe, sind für eine in Gewahrsam befindliche Person erwartbar. Ich sehe da viel klaren Himmel, Berge, Raumschiffe, es wird viel geflogen und so weiter. Leider tauchen aber auch immer wieder Hinweise auf die prognostizierte Straftat auf, zuletzt im September. Ziemlich drastische Bilder. Ich habe Ihnen eine Kopie geschickt."
Yuen arbeitet für Dreamsaver, das wird Sara jetzt klar. Ist er Data Engineer? Hirnforscher? Klinischer Psychologe? Das sollte ihn Adam Abdo mal fragen. Aber der ist immer noch mit seinem Handy zugange. Was ist hier eigentlich los? Wenn Sara jetzt nichts sagt, ist die Chance, ihre Sicht der Dinge darzustellen, vorbei. Aber sie hat nun mal nicht das juristische Rüstzeug, um wirkungsvoll reagieren zu können, und sie hat Angst, etwas Falsches zu sagen und alles noch schlimmer zu machen. Ihre Kehle fühlt sich an wie zugeschnürt. Aber sie muss etwas sagen, sie kann nicht einfach dasitzen und zulassen, dass ihre Einbehaltung verlängert wird. "Ich habe kein Verbrechen begangen", beteuert sie, und ihre Stimme klingt fremd in ihren Ohren. Es drängt sie, diese simple Tatsache, an die sie sich seit Monaten klammert, zu wiederholen. "Ich habe kein Verbrechen begangen. Und es gab ganz bestimmt keine Disziplinarstrafe C im April. Warum wollen Sie mich hierbehalten?"
"Weil Sie eine Mörderin sind, Ms. Hussein", sagt Nicosia.
Die Beschuldigung ist so ungeheuerlich, dass Sara aufspringt. Der Stuhl kippt nach hinten - und sie wacht auf, noch während sie von ihrer Pritsche fällt.
Erst nach gut und gern einer Minute begreift sie, wo sie ist. Die linke Schulter, mit der sie auf dem Boden aufgekommen ist, schmerzt, und ihr Herz schlägt zehntausendmal pro Minute. Sie reibt sich die Schulter, legt sich wieder auf die Pritsche und starrt in der Dunkelheit an die Decke, an die das Mondlicht den Schatten der Paloverde-Bäume tüpfelt. Außer fernem Kojotengeheul ist im Madison um diese Zeit nichts zu hören. Doch sie schafft es nicht, sich zu beruhigen; der Zweifel frisst sich in ihre Gedanken.
Eine Mörderin?
Mit freundlicher Genehmigung des Kein & Aber Verlags