03.11.2025. Fast neidvoll sagen es die Schriftstellerkollegen: Hisham Matar habe infolge seiner Familiengeschichte "eine Menge Material". Der libysche Autor, dessen Vater vom Gaddafi-Regime entführt, gefoltert und ermordet wurde, schätzt solche Bemerkungen nicht; doch sein Land beschäftigt ihn - der seit langem in London lebt - nach wie vor. Sein neuer Roman entwirft ein im Exil entstehendes, komplexes Rhizomgeflecht von Freundschaften, ohne dabei die verbrannte Erde der Heimat aus dem Blick zu verlieren.
Hisham Matar. Foto: Diana MatarSiebenjährig war Hisham Matar, als ihn die Frauen der Familie aus ihrer Obhut in die "ernste und selbstgefällige" Runde der Männer entließen. "Das war eine Tragödie", bilanziert der Schriftsteller Jahre später kurz und knapp, wenn auch vielleicht mit einem Lachen auf den Stockzähnen. Denn: "Frauen waren lustig. Sie ließen Dinge entstehen: Festessen und Klatsch. Sie sangen, spielten die Kelchtrommel und tanzten diesen wundersamen libyschen Tanz, bei dem sich die Hüften wie losgelöst vom restlichen Körper zu bewegen scheinen. (…) Sie heckten gesellschaftliche Manöver aus, planten Partys und Trauerfeiern und hatten zu allem eine Meinung. Ein kleiner Junge in Libyen kam fast zwangsläufig zum Schluss, dass Frauen der gefühlsstärkste und der funktionalste Teil der libyschen Gesellschaft waren."
Dennoch wird Matar als Erwachsener eingestehen, dass ihn insbesondere Beziehungen unter Männern interessieren. "Ich glaube, dass mein Schaffen auf einer bestimmten Ebene von der Faszination durch Männlichkeit bestimmt ist", erklärt er im Interview mit Ladane Nasseri vom Online-Magazin Electric Literature, das kurz nach dem Erscheinen seines jüngsten Romans geführt wurde. Im Zentrum von "My Friends" - so der Titel der Originalausgabe - sollte laut Matar "Freundschaft, insbesondere Freundschaft unter Männern" stehen; solche Beziehungen habe er unter dem Druck von Geschichte und Politik wie auch im Spannungsfeld unterschiedlicher Wünsche nach Nähe und Vertrauen darstellen wollen.
"Das erste Gedicht, das jemals geschrieben wurde, war das Gedicht eines Vaters für seinen Sohn", heißt es an einer Stelle im Roman. "Und deshalb, gemäß der Geschichte von Liebe und Dichtung, ist die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn größer noch als die größte aller Lieben, die einer Mutter zu ihrem Kind." Matar nimmt für das Bekenntnis zu dieser Urbeziehung zwischen Mann und Mann keinen Geringeren als Abu l'Ala al-Ma'arri (973-1058) zum Zeugen, einen arabischen Denker und Dichter, der in seinem "Sendschreiben über die Vergebung" Dantes Erkundung von Hölle und Himmel um fast dreihundert Jahre vorwegnahm; die Zeilen, auf die er anspielt - eine Klage Adams um den erschlagenen Abel -, finden sich gegen Schluss des Buches.
Die Vaterbeziehung spielt auch in Hisham Matars Leben eine zentrale Rolle, doch Verlustschmerz und Klage fielen ihm selbst zu. Matar war zwanzig, als sein Vater Jaballa der Familie auf grausame Art entrissen wurde: Er hatte sich im Widerstand gegen das libysche Regime engagiert, wurde 1990 von Gaddafis Schergen entführt und kam wahrscheinlich im berüchtigten Abu-Salim-Gefängnis in Tripolis um. Während die Umstände seines Todes bis heute ungeklärt sind, weiß der Schriftsteller, dass der Vater aufs Grausamste gefoltert wurde - und unter der Tortur nicht brach.
Diese Erfahrung wird, allerdings stark verfremdet, seine ersten Romane prägen. Und die Vermutung liegt nahe, dass sie auch seinem generellen Interesse an Männlichkeit und Männerbeziehungen den Boden bereitet haben könnte.
Nicht, dass das "Land der Männer" ein Paradies wäre. Im Gegenteil. Matars 2006 unter dem Titel "In the Country of Men" (dt. "Im Land der Männer", 2007) erschienener Debütroman schlug wie ein Meteor in die Literaturlandschaft. Dass jener nachtschwarze Brocken auch eine bleibende Spur ins Gedächtnis der Leserin gepflügt hat, verdankt sich ausgerechnet dem erst neunjährigen Protagonisten.
Suleiman heißt er und hat mit seinem Schöpfer das Geburtsjahr wie auch die Heimat gemeinsam. Die Handlung spielt 1979 in Libyen, Gaddafi hat seine "Jamahiriya" - nominell eine "Herrschaft der Massen" - zum abgefeimten Spitzel- und Überwachungssystem ausgebaut, Misstrauen und Angst quälen die Menschen. Symbolisch steht über diesem Staatswesen der erbarmungslose Sonnenglast, der entscheidende Passagen im Roman ausleuchtet, "weiße Lichtklingen" auf die Menschen niedergehen lässt und mehrfach mit einer religiösen Erzählung kurzgeschlossen wird, die vom Höllenfeuer und seinen Verlockungen handelt.
Der Dämmer des Elternhauses bietet dem Jungen keinen Schutz vor diesem Klima. Der Vater, als Geschäftsreisender oft abwesend, hält ihn generell auf Armeslänge. Suleiman leidet unter dieser Kühle, die Nähe zur Mutter Najwa aber lastet in ihrer Ambivalenz, ihrer toxischen Mischung aus Ängsten und Anziehung, noch schwerer. "Krank" sei die Mutter, heißt es, und die "Medizin", die sie sich großzügig verabreicht, ist Alkohol. Dass sie trinkt: begreiflich. Najwa wurde als Vierzehnjährige beim Flirten mit einem Gleichaltrigen erwischt und umgehend in eine Zwangsheirat mit dem fast zehn Jahre älteren Faraj al-Dewani gestoßen; Suleiman ist das einzige Kind aus dieser glücklosen Ehe. Dass die Mutter in ihrer Not hemmungslos nach dem Jungen greift - dass sie ihm im Suff Dinge erzählt, die sie selbst aufschreien lassen, wenn er sie in nüchternem Zustand darauf anspricht, dass sie ihn zu ihrem "Ritter" und künftigen Befreier ernennt, ihn nachts, wenn der Gatte auswärts ist, zu sich ins Bett nimmt: dies jedoch ist auch mit ihrem eigenen Leid nur schwer zu rechtfertigen.
Entziehen kann sich Suleiman nicht, und er muss mit allem allein fertigwerden. Nicht nur mit den Zumutungen derjenigen, die seine Beschützer sein sollten, sondern auch mit Dingen, die er, von den Erwachsenen unbemerkt, am Fernsehen sieht. Mit den "Geständnissen", die Regimegegner, blass und von der Folter gezeichnet, sich vor laufender Kamera abzuringen haben. Mit der öffentlichen Hinrichtung von Ustaz Raschid, dem Nachbarn und Freund der al-Dewanis, der sich in einer Widerstandszelle engagiert hatte - diese Szene, in der sich unsägliche Schäbigkeit und tobender Massenwahn mischen, tränkt auch den Lesern eine Art Essenz der libyschen Diktatur ein.
Spiritus rector jener Widerstandszelle ist Suleimans Vater, der wenig später ebenfalls in Haft genommen und unter der Folter zum Verräter wird. Parallel dazu tritt Suleiman seinen Weg in die Finsternis an, dessen Beginn Matar mit einer eigentlichen Sündenfall-Szene markiert. Der Bub, wie betäubt von der Mittagssonne, plündert den Maulbeerbaum in Ustaz Raschids verwaistem Garten, überfrisst sich hemmungslos, "schwer wie Blut" liegen ihm die Früchte im Magen. Wieder im Haus, hängt er elend, mit speicheltriefendem Mund überm Küchentisch; angstvoll fragt die Mutter, was "das Rote" auf seinen Händen und seinem Gesicht sei.
Bald darauf gerät Suleiman in den Bann eines Geheimdienstlers, der seit der Verhaftung Raschids und des Vaters die Straße täglich observiert und den Jungen mit falschen Versprechungen an sich zieht; zugleich entfremdet er sich den Spielgefährten aus der Nachbarschaft. Am beklemmendsten aber sind seine Attacken auf den geisteskranken Bettler Bahloul, der den Protagonisten bei der Maulbeer-Orgie beobachtet hat: Bei der letzten Konfrontation, erneut unter sengender Sonne inszeniert, sieht Suleiman den Mann auf einem Bootsanleger sitzen, ängstigt ihn so sehr, dass Bahloul ins Meer springt, obwohl er nicht schwimmen kann, drückt dann dem Wehrlosen, der sich an den Pfählen des Anlegers festzuklammern sucht, den Kopf unter Wasser und tritt ihn ins Gesicht. Auch wenn das eine und andere Detail in Suleimans Entwicklung psychologisch nicht restlos überzeugen mag: Mit dem Bild dieser ausgesetzten, sich unter dem Druck der Verhältnisse quälendverbiegenden Kinderseele hat Hisham Matar dem "Land der Männer" ein so außergewöhnliches wie vernichtendes Zeugnis ausgestellt.
"Geschichte eines Verschwindens", 2011 unter dem Originaltitel "Anatomy of a Disappearance" erschienen, weist Parallelen mit dem Erstling auf. Auch hier tritt der Sohn, Nuri mit Namen, als Ich-Erzähler auf, wieder steht der Vater im Visier des Geheimdiensts und wird eines Nachts entführt, und erneut flankiert ihn eine seelisch versehrte Mutterfigur. Allerdings tritt sie nicht so übergriffig ins Geschehen wie Najwa; die Beziehung zum Sohn ist vielmehr durch ihre jähen Stimmungsumschwünge bestimmt, springt von geschwisterlicher Nähe zu unüberwindlicher Distanz. Die Mutter nimmt sich, wie nur angedeutet wird, das Leben, als Nuri zehn Jahre zählt. Eine quasi-ödipale Situation wie im "Land der Männer" ergibt sich erst, als der Junge sich zwei Jahre später in die attraktive Mittzwanzigerin Mona verguckt, die dann unverzüglich vom Vater requiriert - und dessen zweite Ehefrau wird.
Im Blick aufs Setting gibt es markante Differenzen zwischen den beiden Romanen. Der Fokus liegt nicht mehr auf Libyen, die Handlung spielt in mehrheitlich mondänen Milieus in Ägypten, Großbritannien und der Schweiz. Das Verschwinden des Vaters steht damit in einem diffuseren Raum als im Debütwerk, wo die Gesellschaft durch die öffentlichen Demütigungen von Verhafteten oft direkt mit deren Schicksal konfrontiert wird. Demzufolge werden Monas und Nuris immer wieder ins Leere stoßende Versuche, den Entführern mit behördlicher Hilfe auf die Spur zu kommen, zum zentralen Handlungselement im Mittelteil des Romans.
Wenn zuvor von einer quasi-ödipalen Situation die Rede war, dann muss der scheinbar naheliegende Begriff im Blick auf beide Romane noch genauer durchleuchtet werden. In "Im Land der Männer" ist es nicht unterdrücktes Begehren des Sohns, sondern vielmehr die Distanziertheit und Absenz des Vaters und die eigene seelische Not, die Najwa und Suleiman zusammentreibt; und in "Geschichte eines Verschwindens" stellt Matar, wenn man so will, die ödipale Konstellation auf den Kopf, denn eigentlich ist es der Vater, der dem Sohn gleich mehrfach die Mutter nimmt. Zwar wird Nuri dereinst erfahren, der Vater habe Mona in der Hoffnung geheiratet, die Gegenwart der jungen Frau würde dem heranwachsenden Sohn guttun; doch dessen Gefühlsverwirrungen in der Ménage-à-trois sprechen eine andere Sprache. Und Mona ist es, die dem inzwischen erwachsenen Protagonisten noch eine alles erschütternde Wahrheit ins Gesicht schleudern wird: Die erste Frau des Vaters war nicht Nuris leibliche Mutter. Notorisch untreu, hat der Vater auch auf Naima zugegriffen, das stille, duldsame Hausmädchen der Familie, das sein Kind dann als Sohn der Dienstherrin aufwachsen sah. Diese Naima, auch wenn sie nur am Rand auftritt, ist die berührendste Figur im Roman - und Nuri wird an ihrer Seite bleiben, ohne je anzusprechen, was Mona ihm offenbart hat: "Es war unmöglich, unsere gemeinsame Geschichte zu ändern, im hellen Licht des Tages Mutter und Sohn zu sein. Aber diese Unmöglichkeit war kein Hindernis, eher eine Gnade."
Hisham Matar verwahrte sich von Anfang an gegen die Annahme, dass insbesondere "Im Land der Männer" als "seine Geschichte" zu lesen sei. Aber sogar seine Schriftstellerfreunde, sein Agent und sein Verleger hätten immer davon geredet, wie viel "Material" er habe, sagte er gegenüber dem Guardian: "Dieses Wort mag ich überhaupt nicht, wenn es um Literatur geht. Sowas wie 'Hisham hat eine Menge Material. Er hat viel durchgemacht.' Das stimmt. Aber wir alle machen eine Menge durch." Um sich von diesem Erwartungsdruck zu befreien, legte er 2016 mit "The Return" ("Die Rückkehr", 2017) ein wirklich autobiografisches Buch vor, in dem er seine Familiengeschichte und vor allem die zermürbenden Versuche schildert, etwas über das Schicksal des Vaters zu erfahren. Drei aus dem Abu-Salim-Gefängnis geschmuggelte Briefe erhielt die Familie noch von ihm, nach Mitte der Neunzigerjahre kam keiner mehr. Mithäftlinge, welche die in diesem Folterkerker begangenen Gräuel überlebt hatten, bezeugten später jedoch den unbeugsamen Willen und Stolz, den Jaballa Matar in der Gefangenschaft bewiesen hatte.
Willenskraft und Beharrungsvermögen zeigten auch Hisham Matar und sein Bruder Zaid. 2009 erhält der Schriftsteller den Anruf eines Mannes, der behauptet, Jaballa Matar 2002 in einem anderen Hochsicherheitsgefängnis in Tripolis gesehen zu haben. Von da an versucht er mit allen Mitteln, die Öffentlichkeit auf das Schicksal des Vaters aufmerksam zu machen. Es gelingt, den Fall vor das britische Oberhaus zu bringen, die BBC bereitet eine Dokumentation zum Thema vor; der Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu fordert Gaddafi auf, Klarheit über den Verbleib des Gefangenen zu schaffen, und Lord Jacob Rothschild stellt sogar einen Kontakt zwischen Matar und Saif al-Islam al-Gaddafi, dem Sohn des Diktators, her. Es folgt ein sich endlos hinziehendes Katz-und-Maus-Spiel, in dem Gaddafi junior immer neue Bedingungen stellt; immerhin können der Autor und sein Bruder erwirken, dass Verwandte, die noch immer im Gefängnis sitzen, entlassen werden. Doch am Ende stellt sich heraus, dass der damalige Anrufer sich geirrt hat: Die ganze Kampagne war auf nichts gegründet.
Die titelgebende "Rückkehr" ist also nicht diejenige des Vaters; gemeint ist die Libyenreise, die Hisham Matar im Zusammenhang mit seiner Suche im März 2012 antrat - nach 33 Jahren war es sein erster Besuch in der nunmehr befreiten Heimat. Das Land stand damals auf Messers Schneide zwischen dem Horror der Vergangenheit und den schon bald nach Gaddafis Sturz aufkommenden inneren Machtkämpfen, die Libyen inzwischen zerrissen haben. Eine öffentliche Lesung in Bengasi schenkte dem Schriftsteller immerhin noch einen kurzen Blick auf das, was hätte werden können: eine Gesellschaft, die Raum bot für Kultur und freien Gedankenaustausch.
Bei Matar selbst trieb der Arabische Frühling jedoch einen Keim hervor, der jahrelang geruht hatte. Schon während er an "Im Land der Männer" arbeitete, erzählt er im zuvor erwähnten Guardian-Interview, habe er auf einem Briefumschlag die Idee für einen Roman notiert; er sollte von drei Freunden handeln, die unterschiedliche Wege gehen. 2011 und 2012, als sich viele in seinem Umfeld für die Revolte in der arabischen Welt engagierten, habe er den Gedanken wieder aufgenommen. Im Zentrum von "Meine Freunde" - die von Werner Löcher-Lawrence besorgte Übersetzung des Romans erscheint demnächst bei Luchterhand - stehen jedoch weder Tripolis noch Tunis noch Kairo, sondern London, wo der Schriftsteller seit mehr als drei Jahrzehnten lebt. Denn auch diese Stadt birgt ein Stück libyscher Geschichte, das der Ich-Erzähler Khaled während eines nächtlichen Gangs durch ihre Straßen ausfaltet.
"Die libysche Regierung war einer der Pioniere in dem, was als 'die Tötung des Wortes' bezeichnet werden sollte, der teuflischen Kampagne, die mehrere arabische Regime in den 1970ern lostraten", heißt es im Roman. Gemeint ist damit die systematische Liquidierung regimekritischer Medienschaffender, die zu einem eigentlichen Exodus des unabhängigen Journalismus führte; insbesondere London wurde in der Folge zum Hotspot einer freien arabischsprachigen Presse. Doch auch im Exil brachten die Machthaber unbequeme Stimmen zum Schweigen. So wurde am 11. April 1980 der libysche Publizist und BBC-Moderator Mohammed Mustafa Ramadan vor der London Central Mosque erschossen, nachdem kurz zuvor schon der ebenfalls ins Londoner Exil geflüchtete Herausgeber des libanesischen Wochenmagazins Al-Hawadeth gefoltert und liquidiert worden war. Einen Übergriff besonderer Art leistete sich Libyen am 17. April 1984, als vor der libyschen Botschaft am St James's Square eine Demonstration gegen die immer brutalere Repression des Gaddafi-Regimes stattfand - tags zuvor waren in Tripolis zwei oppositionelle Studenten öffentlich erhängt worden. Auch in London scheuten die Repräsentanten des Diktators nicht vor Gewalt zurück: Ohne Vorwarnung schoss man aus dem Botschaftsgebäude mit einem Maschinengewehr in die Menge. Elf Demonstranten wurden teilweise schwer verwundet, eine britische Polizistin erlag ihren Verletzungen, der Vorfall führte zu einer diplomatischen Krise zwischen Großbritannien und Libyen.
Diese Ereignisse spielen eine zentrale Rolle im Roman, wobei Matar in beiden Fällen Fakten und Erfundenes mischt. So lässt er Mohammed Mustafa Ramadan wenige Wochen vor seiner Ermordung im arabischsprachigen Kanal der BBC eine Kurzgeschichte vorlesen, das Werk eines fiktiven libyschen Autors, der damals in Dublin studiert. Die Erzählung ist ein verklausulierter Aufruf zur Revolte; Hosam Zowa heißt der Verfasser, er wird, Jahre später, der Dritte im Bund der titelgebenden Freunde sein. Die beiden anderen, Khaled und Mustafa, sind einige Jahre jünger als der 1960 geborene Hosam und haben sich 1983 an der Universität Edinburgh kennengelernt. Beide sind zu jener Zeit Stipendiaten von Gaddafis Gnaden, und der schickt die solchermaßen Beglückten jeweils "in kleinen Gruppen ins Ausland, jede einzelne von ihnen mit ein, zwei 'Telegrafen', Studenten, deren Aufgabe es war, die anderen auszuspionieren". Trotzdem überredet Mustafa den zurückhaltenderen Ich-Erzähler, an der Demonstration vor der libyschen Botschaft teilzunehmen; beide werden dabei verletzt, und Khaled hat der Scharfschütze besonders gemein getroffen. Sie liegen lange im Spital, die Rückkehr nach Edinburgh - geschweige denn diejenige in die Heimat - ist danach ausgeschlossen: Mit Sicherheit haben die "Telegrafen" während ihrer unerklärten Abwesenheit entsprechende Rückschlüsse gezogen.
Dem introvertierten Khaled fällt es zunächst schwer, auf so unsicherem Grund wieder Tritt zu fassen. Unterstützt von einem Professor, dessen Aufmerksamkeit der literarisch interessierte junge Mann in Edinburgh geweckt hat, setzt er schließlich sein Studium in London fort. Er widmet seine Dissertation einem Vergleich zwischen al-Ma'arris "Sendschreiben" und Dantes "Göttlicher Komödie", richtet sich in einer bescheidenen Existenz zwischen dem Brotberuf als Lehrer und den eigenen akademischen und übersetzerischen Ambitionen ein. Dabei findet Matar immer wieder Gelegenheit, Reflexionen zu Literatur und Sprache einfließen zu lassen, die wohl auch ihm selbst besonders am Herzen liegen. Mustafa mit seinem tatkräftigeren, aber auch irrlichternden Temperament navigiert derweil zwischen dem Wunsch, als Immobilienmakler zu schnellem Geld zu kommen, und Exkursionen ins Milieu der libyschen Halbwelt oder der Exilopposition.
Hosam Zowa, dessen Kurzgeschichte der Protagonist einst am Radio gehört und die ihn nie ganz losgelassen hat, tritt erst wesentlich später ins Geschehen. Als Schriftsteller ist er nach der Publikation seines ersten Erzählbands - er erschien fast zeitgleich mit der Demonstration vor der libyschen Botschaft - verstummt. Durch einen etwas forciert wirkenden Zufall entdeckt Khaled 1995 den Landsmann, der unter falschem Namen an der Rezeption eines Pariser Hotels sitzt. Jeder wähnt zunächst, der andere sei ein Agent des libyschen Regimes, doch nachdem sich die beiden ein Weilchen umschlichen haben, klärt sich die Lage. Bald darauf wird Hosam seine Habe, die in zwei kleinen Koffern Platz hat, nach London transferieren. Aber auch dort vermag er seine Schreibkrise nicht zu überwinden; stattdessen versenkt er sich immer obsessiver in eine Recherche über politische Morde an im Londoner Exil lebenden Arabern, die bis ins frühe 20. Jahrhundert zurückgreift.
Matar setzt diese Geschehnisse in eine gelegentlich nur lose Chronologie, die sich zwischendurch einerseits mit der Erzählgegenwart - Khaleds nächtlichemGang durch London - verflicht, andererseits ins private Leben der drei Hauptfiguren blendet und von ihren Freundschaften, Liebesbeziehungen und dem brüchigen Kontakt mit den in Libyen zurückgebliebenen Angehörigen berichtet. Nicht jede Passage hat dabei die gleiche Überzeugungskraft oder Dringlichkeit. Wenn etwa der Ich-Erzähler auf seinem Weg durch die Stadt in der Zentralmoschee Halt macht und dort den Mord an Mohammed Mustafa Ramadan teilweise direkt aus der Sicht des Opfers imaginiert, wirkt das forciert und übergriffig; und obwohl der Titel "Meine Freunde" neben dem Trio der Hauptfiguren sicher auch die anderen Weggefährtinnen und -gefährten meint, die in deren Leben treten, droht der Roman in den Episoden, die solche Beziehungen schildern, gelegentlich auszufransen.
Der nächste historische Markstein sind die Revolten, die nach dem Fanal, das Mohammed Bouazizis Selbstverbrennung im Dezember 2010 entfachte, große Teile der arabischen Welt erfassten. In Libyen beginnen die Proteste am 17. Februar in Bengasi; im Roman ist dies Khaleds Heimatstadt, seine Schwester Souad steht inmitten der Demonstranten vor dem dortigen Gerichtsgebäude und hält den Bruder mit erregten Textbotschaften auf dem Laufenden. Bald darauf kehren seine beiden Freunde in die Heimat zurück. Mustafa avanciert zu einem gefeierten Anführer der Rebellen, Hosam wird sich seiner Truppe anschließen. In einem erzählerisch heiklen Manöver schickt Matar den Letzteren dann in die Betonröhre vor, wo sich Gaddafi verkrochen hat, lässt ihn und Mustafa sich zunächst schützend vor den Gefangenen stellen. Was der Autor damit bezweckt - aus Hosams Sicht über den Diktator und seinen Tod zu reflektieren - wäre auch aus größerer Distanz möglich gewesen. Die Reflexion selbst allerdings hat es in sich, führt sie doch auf das Wort hin, das so zentral und bedeutungsgeladen im Œuvre des Schriftstellers steht: "Da war er, tatsächlich, der Ursprung all unseres Leids, der, über dem es niemanden mehr gab, die Person, von der alles ausging. Wir hatten den Geist des Ganzen gefasst, den Kern unseres Leidens, die Quelle, den Schöpfer unserer Wirklichkeit, der uns trennte und vereinte, der nahm und gab, bestrafte und verzieh. Er war, ob es uns gefiel oder nicht, unser Vater."
Und KhaIed, der in London verbliebene stille Zauderer, dem Mustafa und Hosam "für zwei getrennte Teile meines Lebens standen, die ich im Gleichgewicht zu halten hatte und die nicht miteinander vereinbar waren"? Er wird dem Drängen der Freunde und der Familie, ebenfalls in die Heimat zurückzukehren, nicht nachgeben. Zu sehr hängt er an dem "zerbrechlichen Leben", das er sich in England geschaffen hat, zu gewiss ist er sich, es sei "ein Irrglaube, dass man zurückgehen kann". Ob es genügt, dass nun, da Libyen ein entzweites Land ist, die Geschichte ihm scheinbar recht gibt? Auch wenn Hisham Matar sich ebenfalls für London entschieden hat, lässt der sehr gedämpfte Schluss seines Romans diese Frage offen.
Hisham Matar: Meine Freunde Roman Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Luchterhand Literaturverlag, München 2025. 544 Seiten, gebunden, 26 Euro.
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