Vorworte

Gut geschlafen, bös erwacht

Über Bücher, die kommen. Von Angela Schader
02.10.2025. Seit den Terroranschlägen des 11. September kennt die marokkanisch-amerikanische Schriftstellerin Laila Lalami das Gefühl, in den USA "Bürgerin auf Bewährung" zu sein und im Schatten eines Generalverdachts zu leben. Diese Erfahrung wie auch das Wissen um die wachsenden Mengen an Daten, die das Internet über jeden Nutzer amalgamiert, haben sich in ihrem jüngsten Roman zur Dystopie verdichtet. Komfort und Muße sollte nicht erwarten, wer "Das Dream Hotel" betritt.
Laila Lalami. Foto: Beowulf Sheehan
"Was sind Sie? Muslimin oder Mensch? Es ist unmöglich, beides zugleich zu sein." Es war in der Zeit nach 9/11, als Laila Lalami derart angegangen wurde. Die 1968 im marokkanischen Rabat geborene Schriftstellerin, die seit 1992 in Los Angeles lebt, steckte die Attacke weg; sie versuchte, wo es möglich war, solchen Anfeindungen wie auch dem Druck zur bedingungslosen Parteinahme für die USA argumentativ zu begegnen. "Wer nicht für uns ist, ist wider uns", war damals die Parole; Lalami aber wusste, dass ein solches Entweder-Oder für sie keine Gültigkeit haben konnte.

"Mein ganzes Leben habe ich im Dazwischen verbracht - zwischen Sprachen, zwischen Kulturen, zwischen Ländern", schreibt die Autorin in "Conditional Citizens"; der 2020 erschienene Band vermittelt Einblicke in ihre Biografie und reflektiert auf breiter Ebene die Situation derjenigen, die wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe oder ihres sozialen Status in den USA als "Bürger auf Bewährung" wahrgenommen werden. "Ich war ein Kind der Arbeiterklasse, aber ich besuchte eine französische Privatschule. Ich studierte Mathematik und Naturwissenschaften, machte meinen Abschluss jedoch in Anglistik. Ich kam als Gaststipendiatin in die USA und wurde dann Immigrantin."

Kein Wunder also, dass dieses Dazwischen auch der Raum ist, in dem Laila Lalamis Romane handeln. Anstoß für "Hope and Other Dangerous Pursuits" (2005), ihren bisher nicht ins Deutsche übersetzten Erstling, gab eine jener schon damals zum Fait divers abgesunkenen Meldungen zuunterst auf der Website von "Le Monde": Ein überfrachtetes und seeuntaugliches Boot mit sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen kenterte in der Straße von Gibraltar, alle Passagiere kamen ums Leben - buchstäblich im Dazwischen. Lalami allerdings inszeniert den Begriff auf andere Weise, indem sie anhand von vier Schicksalen solcher Migrantinnen und Migranten das Spannungsfeld zwischen Heimat und Fremde skizziert, aber auch Risse erkundet, die sich durch die marokkanische Gesellschaft ziehen.

Aziz ist der zugleich unauffälligste und repräsentativste der vier Protagonisten. Mit seiner bescheidenen Berufsausbildung ist er in Marokko chancenlos; er schafft es nach Spanien, rackert als Landarbeiter und später in einem Restaurant, kehrt nach fünf Jahren erstmals in die Heimat zurück - nicht, wie erhofft, mit Glanz und vollen Händen; und während des Aufenthalts erlischt auch die Hoffnung, dass seine Frau ihm nach Europa wird folgen können. Die junge Islamistin Faten lernen wir zunächst als leise, aber beharrliche Ruhestörerin in der Familie einer wesentlich besser gestellten marokkanischen Mitschülerin kennen; dann muss sie aus der Heimat fliehen, weil sie in Hörweite eines Spitzels Kritik am König übte. Nach dem Transit allerdings bricht Lalami der Figur quasi das Genick: Trotz aller widrigen Umstände ist es schwer vorstellbar, dass ausgerechnet Faten ihr Auskommen als Prostituierte suchen sollte. Fatiha wiederum, die mit ihren Kindern vor dem gewalttätigen Ehemann floh, geht einem so wunderlichen wie wundersamen Schicksal entgegen. Ihr zehnjähriger Sohn Farid hat - so jedenfalls Fatihas fester Glaube - am Ende der Überfahrt, als der Schlepper die Passagiere schon 250 Meter vor der spanischen Küste aus dem Boot zwang, sowohl sie selbst als auch seine kleine Schwester vor dem Ertrinken gerettet und sicher an Land gebracht. Zwar wird die Familie, kaum dort angekommen, aufgegriffen und in die Heimat zurückspediert; doch dort führt die Fama des Jungen bald Menschen herbei, die seinen Segen erbitten und sich gern dafür erkenntlich zeigen. Auch Murad, besser gebildet und ambitionierter als die anderen Charaktere, fällt in die Hände der Küstenwache und muss umgehend nach Marokko zurückkehren. Erst dann lernt er - aparterweise auf dem Umweg übers Tourismusgeschäft - das Land als seine Heimat zu begreifen.

Schärfer akzentuiert wird das Dazwischen in "Secret Son" (2009), obwohl der Roman ganz in Marokko angesiedelt ist. Youssef, der Protagonist, wächst in einem Armenquartier von Casablanca auf, seiner Mutter Rachida eng verbunden und im Glauben, der Vater sei kurz nach seiner Geburt verstorben. Aber das Familienbild geht zu Bruch, als er an der Schwelle zum Erwachsenenalter steht: Youssef erfährt, dass er ein uneheliches Kind ist. Sein Vater, Nabil Amrani, stammt aus gehobenen Verhältnissen und liess Rachida seinerzeit, bereits schwanger, auf Betreiben seiner Familie im Stich.

Die Mutter drängt darauf, dass Youssef ein Studium antritt; an der Uni bekommt er täglich zu sehen, in welch unterschiedlichen Welten sich seinesgleichen und die Sprösslinge der Privilegierten bewegen. Nebenher beleuchtet die Autorin ein ganzes Biotop ideologischer und politischer Strömungen: Da ist die winzige Demokratische Studentenunion, in der sich Marxisten und Leninisten finden, und die robuste Front der Islamisten, die auch in Youssefs Wohnquartier bereits eine Bastion errichtet haben. Da sind die Berber, die der Landeskultur einen Platz im Curriculum erkämpfen wollen, oder die Sahrawi, die wegen ihres Beharrens auf der Unabhängigkeit ihrer Heimatregion als "Verräter der nationalen Sache" beschimpft werden. Und am Rande dieses Treibens hört die Polizei mit.

Natürlich kann Youssef dem Verlangen nicht widerstehen, den Vater aufzuspüren. Weil sich der "geheime Sohn" adrett präsentiert und Nabil Amranis Gewissen sich regt, während in seiner eigenen Familie der Haussegen gerade schief hängt, entschließt er sich, etwas für den jungen Mann zu tun. Unvermittelt wird Youssef aus seiner Welt gerissen; er darf in der teuren Wohnung logieren, die Nabil eigentlich für die eigenen Seitensprünge gemietet hat, wird als Mitarbeiter in eines der familieneigenen Luxushotels eingeschleust, wo eine Karriere winken könnte. Doch ins Haus des Vaters kommt er nie, und als die Amrani-Sippe Wind von der Sache bekommt, fallen auch die anderen Türen unvermittelt und krachend ins Schloss. Youssef, nun ohne Halt und Hoffnung, wird - leider allzu melodramatisch - in den Fängen der Islamisten enden.

In ihr drittes Romanprojekt investierte Laila Lalami intensive Vorarbeit, und sie trug Früchte. "The Moor's Account" (2014) wurde mit dem American Book Award honoriert, schaffte es unter die Finalisten des Pulitzer-Preises und auf die Longlist des Man Booker Prize. Mit "Der verbotene Bericht" - so der Titel der deutschen Ausgabe - fand die Autorin zudem hierzulande eine verlegerische Heimat bei Kein & Aber; dort hat sich die Übersetzerin Michaela Grabinger seither auch ihrer folgenden Werke angenommen.

Es war nicht mehr als ein Sternstäubchen im Kosmos der Historiografie, das die Idee für den Roman zündete. In Alvar Núñes Cabeza de Vacas Reisebericht "Schiffbrüche. Die Unglücksfahrt der Narváez-Expedition nach der Südküste Nordamerikas in den Jahren 1528-1536" wird da und dort ein dunkelhäutiger, aus dem marokkanischen Azemmour stammender Sklave namens Estevanico erwähnt. Er tritt nun - unter seinem fiktiven arabischen Namen Mustafa - als Ich-Erzähler und Autor jenes "verbotenen Berichts" auf. Dessen Grundlinie orientiert sich an Cabeza de Vacas' Aufzeichnungen, doch Lalami baut den Text mit lebendiger Vorstellungskraft wie auch mit Rückgriff auf diverse historische Quellen zu einer fesselnden Gegendarstellung aus. Dabei legt die Autorin zwar wiederholt den Finger auf die Skrupellosigkeit, mit der sich die Spanier des neu entdeckten Kontinents bemächtigten, nutzt aber die Vielschichtigkeit ihres Konzepts für eine differenzierende Darstellung. Etwas idealisiert erscheint jedoch der Protagonist: So hat er sich freiwillig in die Sklaverei begeben, um Geld für seine darbende Familie aufzubringen.

Diese Vorgeschichte wird zu Beginn des Buches im Wechsel mit der Haupthandlung kapitelweise eingebracht. Im Zentrum aber steht die von Pánfilo de Narváez geleitete Erkundungsreise - ein von kaum vorstellbaren Heimsuchungen und Strapazen begleitetes Abenteuer, das die in immer kleinere Gruppen versprengten Teilnehmer im besten Fall zur Schicksalsgemeinschaft schmiedete - und im schlimmsten zu Kannibalen werden ließ.

Das Grüppchen, dem Mustafa und sein Herr Andrés Dorantes angehören, ist von der ersteren Art und öffnet damit das "Dazwischen", in dem der Ich-Erzähler sich bewegt. Im bedingungslosen Aufeinander-angewiesen-Sein löst sich die Hierarchie zwar nicht vollständig auf, wird aber doch durchlässiger. Zudem bricht sich in Mustafas Blick das Verhältnis zwischen den Spaniern und den indigenen Stämmen, deren Hilfe die Europäer immer wieder in Anspruch nehmen müssen - und diese Perspektive bietet der Schriftstellerin ein fruchtbares Terrain, das sie mit Leidenschaft, aber meist ohne schwärmerisch wirkende Parteinahme bestellt. Sie schildert die jähen Attacken der Indianer, die von den Spaniern brutal gekontert werden, aber auch Begegnungen von Aug zu Auge, bei denen indigene Kaziken und spanische Anführer Geschenke tauschen. Sie skizziert die Kultur der Stämme, bei denen die versprengten Forschungsreisenden Schutz und Hilfe finden, aber auch die existenziellen Härten und bitteren Hungerperioden, die das Leben der Indianer prägen. Sie zeigt, mit welcher Selbstverständlichkeit die Spanier die gebotene Gastfreundschaft ausnutzen, und wie der Wind dabei dreht. Als sie sich beim Stamm der Karankawa einnisten, hat sich die ungute Fama der Fremden bereits verbreitet; nach einigen Tagen ordert der Kazike, dass sie für die erhaltene Nahrung auch arbeiten müssen - und dabei verkehrt sich die koloniale Hierarchie. Die Karankawa bestrafen die Spanier, wenn sie nicht parieren, halten sie auf Distanz, erlassen Verbote, deren Übertretung mit dem Tod geahndet wird.

Mit dem "Verbotenen Bericht" ist Laila Lalami literarisch in Amerika angekommen - und springt dann mit dem Folgewerk "Die Anderen" ("The Other Americans", 2019) direkt in die jüngste Vergangenheit. Die Haupthandlung des Romans spielt im Jahr 2016, greift aber öfters zurück in die Erinnerungen der neun Charaktere, die wechselweise und in unterschiedlicher Frequenz als Ich-Erzähler in Erscheinung treten; so bestreitet die Protagonistin Nora 21 Kapitel, während ihrer Schwester Salma gerade eines zugebilligt wird. Im Zentrum des Geschehens steht der nächtliche Verkehrsunfall, bei dem Driss Guerraoui, der Vater der beiden, ums Leben kam. War es wirklich ein Unfall mit Fahrerflucht - oder, wie Nora vermutet, Mord? Driss, einst Philosophiestudent und gesellschaftlich engagiert, ist 1981 unter dem Druck der politischen Verhältnisse mit seiner Familie aus Marokko emigriert, hat als Besitzer eines Esslokals in der Mojave-Wüste mit zäher Mühe den "American Dream" verwirklicht - und damit womöglich den Neid eines einheimischen Nachbarn geweckt, dessen Ressentiment dann nach 9/11 weitere Nahrung fand.

Schuld sind immer die andern, so geht das alte Lied. Bloß, wer sind "die Anderen", die der Romantitel ankündigt? Sind es tatsächlich die Guerraouis, längst eingebürgert, solide, unauffällig - oder nicht eher Efraín und Marisela, die zwar aus dem nahen Mexiko stammen, aber als illegale Immigranten eine geduckte Schattenexistenz führen? Zählt auch Erica Coleman zu ihnen, die Afroamerikanerin, welche die Ermittlungen im Fall Guerraoui führt? Ist es Noras maghrebinische Herkunft oder schlicht die Tatsache, dass sie Frau ist, die ihre Karriere als Musikerin und Komponistin hemmt? Und was ist mit Fierro, der sein Leben in Präsident Bushs "Krieg gegen den Terror" aufs Spiel gesetzt hat und seit der Rückkehr aus dem Irak im zivilen Leben nicht mehr Tritt fassen kann? - Nicht einmal Blutsverwandtschaft wirkt als Antidot gegen Entfremdung und Zwist: Das zeigt die angespannte Beziehung der Guerraoui-Schwestern, und es spiegelt sich in der fast schon brutalen quantitativen Differenz, mit der sie im Buch zu Wort kommen dürfen.

Im Blick auf "The Dream Hotel", Laila Lalamis jüngsten, nun als "Das Dream Hotel" in deutscher Übersetzung angekündigten Roman kann man gleich bei der Schuldfrage bleiben - nur, dass sie hier in entgegengesetzter Richtung angegangen wird: Verfehlung muss nicht nachgewiesen, sondern vielmehr konstruiert werden. Dafür entwirft das Buch eine Zukunft, die teilweise schon heute Gestalt annimmt: etwa mit den E-Gate-Systemen, die an Flughäfen die herkömmliche Kontrolle durch Grenzschutzbeamte ersetzen, den "Smart Homes", aus denen sich sogar Auskünfte über den Inhalt des Eisschranks abrufen lassen, oder den Apps, die uns nicht nur den Terminkalender vorbeten, sondern auch den Kalorienverbrauch, die erklommenen Treppenstufen oder die Dauer und Tiefe des Schlafes nachrechnen. Aus dieser letztgenannten Funktion spinnt Lalami ihr futuristisches Szenario weiter: Ein Implantat ist entwickelt worden, das positiv auf Schlaf und Traumphasen der Nutzer einwirken und damit auch ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit optimieren soll. Auf diesen vielgepriesenen "Dreamsaver" greift die Historikerin Sara in der Not zurück. Früher als sie es wollte hat ihr Mann Elias auf ein Kind gedrängt, und statt einem kamen Zwillinge; Sara ist mit der Mutterschaft und ihrer Arbeit beim Getty Museum hoffnungslos überfordert und findet - vermeintlich - ihr Heil bei dem neuen Produkt.

Sara Tilila Hussein heißt die Protagonistin mit vollem Namen. Sie lebt in den USA, für sie war es zunächst eine Erlösung, sich bei der Passkontrolle statt einem amerikanischen Beamten einer KI präsentieren zu können. Denn die ließ sich nicht von ihrem Nachnamen triggern, sondern griff objektiv und vorurteilsfrei "auf ihre Fluggastdaten, die biometrischen Informationen und ihr Vorstrafenregister" zurück. Doch eines Tages klappt das nicht mehr. Statt grün zu blinken, weist das Gerät sie an, sich einer Überprüfung zu stellen. Denn ohne Wissen der Bürger aggregiert die KI mittlerweile alles, was die Datenkraken des allmächtigen Technologiekonzerns "OmniCloud", DNA-Banken, soziale Netzwerke oder Unternehmen wie Dreamsaver Inc. an potenziellen Verdachtsmomenten zutage fördern. Genau da legt der Offizier, der Sara befragt, den Finger drauf: Es gehe um ihre "Schlafdaten", sagt er - die werden beim Hersteller des Geräts gespeichert und umfassen nicht nur Zeit- und physiologische Werte, sondern auch den Inhalt der Träume. Dieses letztere Material könne er "nicht ignorieren - nicht in Anbetracht der anderen Warnhinweise in Ihrer Akte und angesichts Ihrer Antworten in dieser Befragung. Ich muss leider die Einbehaltung anordnen."

Einbehaltung. Das ist eine der schönrednerischen Floskeln, mit denen sich das System ziert, in das Sara nun eingeschleust wird. Zumindest der architektonische Rahmen wirkt tatsächlich gediegen: Die Häftlinge - nein, sorry, hier nennt man sie "Einbehaltene, Bewohnerinnen, Registrierte, hie und da auch Programmteilnehmerinnen" - sind im Madison, einem 1939 errichteten, elegant modernistischen Schulgebäude untergebracht. Ein "Dream Hotel" also? Ebenso gut könnte dieses als rechtliche Grauzone konzipierte Zwischenreich "Albtraum-Hotel" heißen, je nachdem, auf welcher Seite man steht. Denn Madison erweist sich als ein raffiniertes, auf mehreren Ebenen funktionierendes Ökosystem, von dem Firmen und Anbieter profitieren - etwa das Sicherheitsunternehmen Safe-X, das die Anstalt im Auftrag des Staats betreibt, oder der Provider für E-Mail und Telefonie, für dessen miserable Dienste die "Einbehaltenen" zünftig blechen müssen. Sie selbst indessen werden als Arbeitskräfte ausgebeutet: Madison fährt Aufträge externer Firmen ein, welche die Insassinnen unter Zeitdruck und strikter digitaler Kontrolle zu erledigen haben. Die Arbeit ist "freiwillig", das Geld dafür kassieren die Betreiber der Anstalt - aber wer nicht mitmacht und auch sonst stets pariert, riskiert Strafpunkte und damit Haftverlängerung.

So schafft sich Lalami ein weites Spielfeld für ihre Handlung. Sie lässt die Charaktere und Schicksale von Saras Mitgefangenen Revue passieren, während sich die Distanz zwischen der Protagonistin und ihrer Familie immer schmerzhafter spannt. Sie rückt offiziöse Dokumente ein: Sitzungsprotokolle des Aufsichtspersonals von Madison, ein Editorial, welches das "wissenschaftsbasierte System zur Verbrechensverhütung" preist, dem Sara und ihre Leidensgefährtinnen zum Opfer fielen, oder einen Auszug aus den "Allgemeinen Geschäftsbedingungen" von Dreamsaver Inc., der in gewundenen Sätzen das Verfügungsrecht des Konzerns über die gewonnenen Daten umreißt. Eine überraschende Wendung führt bis in die heiligen Hallen dieses Unternehmens, wo - falls das ein Trost ist - die Mehrheit der Angestellten fast genauso strampelt und gedemütigt wird wie die in Madison Festgehaltenen. Wir bekommen Saras wütenden, aber fruchtlosen Mailwechsel mit dem Provider zu lesen, der ihre Versuche, wenigstens einen rudimentären Kontakt zu Mann und Kindern zu wahren, gezielt zu torpedieren scheint. Auch Träume der Protagonistin werden zwischendurch eingeblendet - eine reizvolle Ergänzung, die allerdings in einen etwas schiefen Rahmen gesetzt wird: Sara führt während ihrer Verwahrung ein Traumtagebuch, was wohl das Letzte ist, das in ihrem Fall klug und ratsam wäre; und prompt fällt es in die Hände des fiesesten Aufsehers, der in Madison unterwegs ist.

Auch das gute Ende, dem Laila Lalami den Roman nach etlichen dramatischen Wendungen recht unvermittelt zuführt, wirkt nicht ganz glaubwürdig; und interessanterweise zeigt sich darin eine Parallele zu einem anderen unlängst erschienenen Buch, das durch seine thematische Verwandtschaft mit dem "Dream Hotel" verbunden ist. Verfasst hat es Lilia Hassaine; die 1991 geborene Autorin ist Französin mit algerischen Wurzeln, im Original erschien ihr Roman 2023 unter dem Titel "Panorama". Der Lenos Verlag setzt mit "Tödliche Transparenz" ein expliziteres Signal - doch hier ist nicht, wie bei Lalami, der "gläserne Mensch" des digitalen Zeitalters gemeint. In Hassaines 2049/50 spielender Dystopie sorgen die Bürger gleich selbst für die umfassende gegenseitige Überwachung.

Zwanzig Jahre vor der Haupthandlung hat ein übler Fall von Kindesmissbrauch Frankreich erschüttert. Aus dem Volkszorn wuchs eine Bewegung namens "Bürgertransparenz", ein cleverer junger Architekt schlug dabei das Modell für eine bessere Zukunft vor: keine festen Mauern mehr, stattdessen gläserne Häuser, die allzeit Einblick gewähren sollten und in denen "jeder zum Garanten für die Sicherheit und das Glück seiner Nachbarn wurde". So residiert fortan, wer reputierlich leben will - und das nötige Geld für eine neue Behausung hat. Die Anderen (da sind sie wieder) wohnen in den herkömmlichen und zunehmend schütteren Mietblocks an der Peripherie der Städte.

Es liegt nahe, dass das Gesellschaftsexperiment auf die Dauer nicht gutgehen kann. Wachsamkeit hin oder her - eine Familie verschwindet aus einem der gläsernen Quartiere, eine Detektivin und ihr linkischer, aber cleverer Kollege werden auf den Fall angesetzt. Die Handlung ist nicht ganz makellos; so wirkt ein zentraler Sachverhalt arg konstruiert, das sich herausbildende Gesellschaftsporträt allzu schwarz-weiß, obwohl man die Figuren zunächst mit Interesse verfolgt. Der Reiz des Romans liegt vielmehr in der Vision eines solcherart zur Schau gestellten Lebens und in den Reflexionen, mit denen Hassaine ihre Idee hinterlegt.

Da sind etwa, wie bei Lalami, die Rückbindungen an heutige Entwicklungen, bei denen auch Hassaine aufs Digitale zurückgreift. "Die Communitys aus den sozialen Netzwerken haben in der Realität Gestalt angenommen", heißt es über die neue Wohnform. "Unsere virtuellen Freunde, die uns ähnlich sind und unsere Überzeugungen teilen, sind nun unsere Nachbarn. Das Miteinander ist einem Miteinander-unter-sich-Bleiben gewichen." Und wenn die in den Glashäusern lebenden Frauen sich einen Batzen verdienen, indem sie Produkte vorführen oder prominent platzieren, setzt sich darin nur fort, was Influencerinnen heute schon tun, indem sie sich im intimen Rahmen von Bad oder Schlafzimmer präsentieren.

Im Sinn der Fairness werden auch positive Aspekte der Transparenz erwähnt. Man achtet vermehrt aufeinander, bietet Hilfe an, wenn es dem Nachbarn, der Nachbarin nicht gut geht. Aber gerade die engsten Beziehungen nehmen unter der Dauerbeobachtung Schaden. Die Liebe "verflog, je mehr sie vorgezeigt wurde, verpuffte, je mehr man sie vorführte"; und die wohldressierten Kinder sind "perfekt, schrecklich perfekt", ihrer Erkenntnis von Gut und Böse absolut sicher. Kein Wunder, dass sie im Romangeschehen eine verhängnisvolle Rolle spielen.

Brillant ist, wie Hassaine den Architekten, der die Innovation angestoßen hat, in einer Rede Glas zum "Symbol einer neuen Zivilisation" erheben lässt. "Es verkörpert Offenheit und Geschlossenheit zugleich. Man kann hindurchsehen, aber es ist undurchdringlich. Es trennt das Innen vom Außen, ohne die Sicht zu versperren. Glas ist der Inbegriff des Kompromisses, ein Wert, der uns allen so viel bedeutet. Es bricht sehr leicht, aber verwittert nicht, zersetzt sich nicht; ihm gelingt der Spagat zwischen solide und fragil. Glas ist ein Material, das seiner Conditio gern entkommen würde, es träumt von Körperlosigkeit, von Reinheit, von Wolken." Und wie die Autorin diesen Höhenflug dann in der Bilanz ihrer Detektivin nicht minder bildstark kontert: "Die Wände in den durchsichtigen Vierteln sind Spiegel, die schemenhafte Gestalten zurückwerfen. Die Gefühle verlieren sich im Labyrinth der Scheiben, wo sie nichts hält, sie gleiten an der Haut ab, ohne uns innezuwohnen. (…) Wir waren weit weg voneinander, weit weg von unseren nächsten Nachbarn, dabei spionierten wir einander den lieben langen Tag hinterher."

Laila Lalami: Das Dream Hotel
Roman
Aus dem Englischen (USA) von Michaela Grabinger.
Verlag Kein & Aber, Zürich 2025. 496 Seiten, gebunden, 26 Euro

Erscheint am 13. Oktober 2025 (in der Schweiz bereits erhältlich)

Zur Leseprobe

(Bestellen bei eichendorff21)

Mehr Infos beim Kein & Aber Verlag

Lilia Hassaine: Tödliche Transparenz. Aus dem Französischen von Anne Thomas. Lenos Verlag, Basel 2025. 249 Seiten, gebunden, 26 Euro.
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