9punkt - Die Debattenrundschau

Und das soll nicht genug sein?

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.03.2021. In einer Jerusalemer Erklärung möchten zweihundert internationale Wissenschaftler den Antisemitismus neu definieren. Die FAZ sieht dabei die Grenzen von wissenschaftlicher Definition und politischer Deklaration verwischt. Ebenfalls in der FAZ kündigt Hermann Parzinger an, dass die Benin-Bronzen erstmal in Berlin bleiben und im Humboldt-Forum ausgestellt werden. In der taz sorgt sich Géraldine Schwarz um die französischen Öffentlichkeit. Und der Guardian lernt eine erste Lektion vom radikalen Reformer Joe Biden.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.03.2021 finden Sie hier

Ideen

In einer "Jerusalem Declaration" haben zweihundert Wissenschaftler eine neue Definition des Antisemitismus vorgelegt, berichtete gestern Christiane Habermalz im Deutschlandfunk. Vor allem in Bezug auf den israelbezogenen Antisemitismus unterscheidet sie sich deutlich von der Definition, die 2016 von der International Holocaust Remembrance Alliance verfasst wurde: "Die IHRA-Definition verstand sich selbst nur als Arbeitsdefinition, dennoch wurde sie von zahlreichen Regierungen als Grundlage für ihre Politik übernommen - auch der Deutsche Bundestag bezog sich bei seinem Beschluss, die BDS-Bewegung als antisemitisch zu verurteilen, auf die Kriterien der IHRA. Eine Entwicklung, die von der israelischen Regierung nach Kräften befördert wurde. 'Auf eine sehr seltsame Art und Weise hat die IHRA-Definition so eine Art Fetischstatus bekommen. So ein, da darf man nichts dran rütteln, und wenn man das tut, ist man per se israelfeindlich und so weiter. Und ich glaube, dagegen anzugehen, darum geht es in allererster Linie', erklärt Stefanie Schüler-Springorum."

In der FAZ sieht dagegen Jürgen Kaube die Grenzen zwischen wissenschaftlicher Definition und politischer Deklaration verwischt: "Sie tritt wissenschaftlich auf, ist aber ein politischer Akt. Der liegt weniger in der Definition von Antisemitismus als in der Bezeichnung dessen, was nicht 'per se' antisemitisch ist. Unterstützung des palästinensischen Anspruchs auf nationale und Bürgerrechte beispielsweise. Ablehnung des Zionismus. Kritik an Israel, die auf Tatsachen beruht. Boykott Israels. Dabei seien auch unvernünftige Äußerungen nicht per se antisemitisch. Per se nicht. Aber die Skala des Unvernünftigen umfasst eben auch die Bereiche der Feindseligkeit und des Vernichtungswillens. Oder nur der aufgeblasenen Gesten. Wie steht es mit einem Wissenschaftler, der seine Teilnahme an einer Konferenz abzusagen droht, wenn eine israelische Kollegin dort sprechen würde? Ist auch das per se nicht antisemitisch?" Im DlfKultur bekundete Micha Brumlik dagegen seine Unterstützung.

In der taz wendet sich Saba-Nur Cheema von der Bildungsstätte Anne Frank gegen eine essentialistische Vorstellung von Identität, die in den Debatten um kulturelle Aneignung oder die Übersetzung von Amanda Gorman immer wieder zum Vorschein komme: "Es ist gerade die Errungenschaft postkolonialer Theoretiker:innen wie Homi K. Bhabha und Stuart Hall, Identität nicht als Essenz, sondern als hybride und dynamische Konstruktion zu begreifen. Bhabha setzte der Vorstellung von statischen Kulturen das Konzept der Hybridität entgegen. Kultur lebe davon, so Bhabha, dass sie dynamisch sei und fragmentarisch, an verschiedenen Orten gleichzeitig und widerspruchsvoll existiere. Die Begegnung von unterschiedlichen Lebenswelten und Milieus führt dazu, dass etwas Neues 'zwischen' den Kulturen erwächst."

In der NZZ stellt sich Josef Joffe den Feinden des Liberalismus entgegen und führt seinen Säbel gegen den fürsorgenden Staat und die Wokeness zugleich: "Der Staat wächst unaufhaltsam, wie die historischen Daten zeigen, und der autonome, selbstverantwortliche Mensch schrumpft. Woke hingegen ist, was früher Jakobiner und Rote Garden erzwungen haben. Woke ist das schiere Powerplay, was Lenin kto kowo nannte, 'Wer bezwingt wen?'. Ächtung und sanfter Zwang bestimmen Sprache, Denken und Verhalten. Wir 'Aufgewachten' entscheiden, wer die Opfer und die immergleichen Täter sind. Im Namen des anderen verteufeln wir, wer anders denkt. Wir verwirklichen die Tugendherrschaft ganz ohne Gestapo, weil wir die Produktionsmittel der Kultur besitzen. So lenken wir das Denken. Beide bedrohen die Freiheit - der eine herrisch, der andere hilfsbereit. Man möchte sich so gern auflehnen. Aber gegen wen?"

Weiteres: In der Welt ahnt Hannes Stein, dass sich die Rechten in den USA auch deshalb so an der Cancel Culture weiden, weil ihre Opfer meist selbst Linke seien, die von radikalen Wuchten hinweggefegt werden.
Archiv: Ideen

Politik

Mit seinem Covid-Hilfsprogramm von 1,9 Billionen Dollar krempelt Joe Biden gerade die USA um, bemerkt Jonathan Freedland im Guardian voller Bewunderung: Die ärmsten Familien erhalten so viel Unterstützung wie nie zuvor, die Kinderarmut wird reduziert und schwarze Farmer bekommen Zahlungen, die man fast für Reparationen halten könnte: "Das ist die erste Lektion, die Biden allen Möchtegern-Reformern erteilt: Wenn man radikal regieren wird, muss man erst einmal die Opposition besänftigen. Wenn das Ziel ist, Macht zu gewinnen, dan muss man erst einmal die stets ein wenig konservativen Menschen davon überzeugen, dass sie nichts zu befürchten haben, dass ihre Sorgen ernst genommen werden. Erinnern wir uns an Bidens Kampagne: Keine radiaklen Gesten, keine radikalen Posen. Er führte keinen Wahlkampf, um der Darling bei Twitter oder in Studentenzirkeln zu werden. Er wollte Präsident der Vereinigten Staaten werden."
Archiv: Politik
Stichwörter: Biden, Joe

Europa

Einer französischen Umfrage zufolge könnte Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen 2022 in einem zweiten Wahlgang gegen Emmanuel Macron mit 47 Prozent der Stimmen rechnen. Aber schon jetzt setzen sie und ihr Chefpropagandist Éric Zemmour den Ton in der politischen Debatte, fürchtet Géraldine Schwarz in der taz, die ihrerseits kein Blatt vor den Mund nimmt: "Die Mitläufer dieses Verfalls der politischen Diskussion sind zahllos. Zu nennen sind Politiker und sogar Minister, die sich der populistischen Rhetorik bedienen. Aber auch karrieregeile Journalisten, die ohne Rücksicht auf Verluste die Einschaltquoten hochtreiben. Egomanische Persönlichkeiten, die nach jeder Form der medialen Sichtbarkeit fiebern. Und die Millionen von Zuschauer:innen, die diesen ethischen und moralischen Bankrott der demokratischen Öffentlichkeit legitimieren. Und da sind auch diejenigen, die links sind, dem rationalen Diskurs aber stark schaden, so sie das konservative Lager dämonisieren oder Präsident Emmanuel Macron mit einem Diktator gleichstellen. Mit dem Ergebnis, dass viele Linke drohen, sich bei den Wahlen 2022 zu enthalten, anstatt im zweiten Wahlgang wie zuletzt für Macron gegen Marine Le Pen zu stimmen."
Anzeige
Archiv: Europa
Stichwörter: Macron, Emmanuel

Kulturpolitik

In der FAZ stellt Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, nach den Peripatien dieser Woche noch einmal klar, dass mitnichten die Rückgabe der Benin-Bronzen entschieden wurde. Es bestehe aber der Wille zu (einzelnen) Rückgaben. Und: Die Kunstwerke werden ausgestellt: "Welch absurde Vorstellung, im Humboldt Forum gar keine Benin-Bronzen mehr zu zeigen oder nur noch Repliken zu präsentieren! Ist das wirklich der Wunsch der Herkunftsländer? Wir hören da anderes. Die Benin-Bronzen gehören aufgrund ihrer künstlerischen Qualität zur Weltkunst. Der Gouverneur des Bundesstaates Edo, Godwin Obaseki, sagte sehr treffend, dass die Objekte zwar aus Benin stammten, heute aber global seien. Als die ersten Werke dieser namenlosen Künstler zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nach Europa gelangten, waren Öffentlichkeit und Fachwissenschaft elektrisiert. Das Bild von Afrika als einem geschichts- und kulturlosen Kontinent wurde geradezu auf den Kopf gestellt und verwandelte sich in Faszination und Bewunderung."

Medien

In der FAZ berichtet Jan Brachmann von Navid Kermanis beherzter Verteidigung des Kulturprogramms von WDR3, für die er einen Auftritt in der Kölner Philharmonie nutzte: "Dass eine Hörerstudie dazu dienen soll, mit Hilfe einer veränderten Musikauswahl die Reichweite von WDR 3 zu erhöhen, statt dass die Führungskräfte des Senders sich über die dreihunderttausend Hörer bei der Sendung 'Klassik Forum' im Vormittag freuen, 'einem schwierigen Programm, wo Dinge laufen, die man sonst nirgendwo in Deutschland hört', das will Kermani nicht in den Kopf: 'Die Leute schalten aus Hamburg, Berlin oder Sydney zu. Dreihunderttausend Hörer jeden Morgen - und das soll nicht genug sein?'"
Archiv: Medien